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Melanie Werner: Soziale Lebenslagen allein erziehender Sozialhilfeempfängerinnen

Cover Melanie Werner: "Ich kündige als Mutter". Soziale Lebenslagen allein erziehender Sozialhilfeempfängerinnen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2003. 150 Seiten. ISBN 978-3-89918-112-8. 14,90 EUR.
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Thema des Buches

Armutskonzepte sind wissenschaftlich häufig diskutiert worden in der Vergangenheit und Gegenwart. Innerhalb dieses Buches wird ein Armutskonzept entwickelt für eine bestimmte soziale Gruppe, nämlich der allein erziehenden Sozialhilfeempfängerinnen - in der Arbeit sogar begrenzt auf diese Gruppe innerhalb des Wohngebietes Trier-West - auf der Grundlage der These, dass Armut von unterschiedlichen sozialen Gruppen unterschiedlich empfunden wird.

Praktisches Ziel der Arbeit ist es, Handlungsempfehlungen zur Armutsprävention für eben diese soziale Gruppe zu entwickeln.

Grundlagen der Arbeit sind drei problemzentrierte Interviews sowie Ergebnisse aus einer Fragebogenuntersuchung zur Erfassung des subjektiven und objektiven Lebensstandards dieser Klientinnengruppe. Die Gruppe der Befragten fand sich im Rahmen des Praktikums eines Qualifizierungsprojektes der Caritas Trier, innerhalb dessen sich alleinerziehende Sozialhilfeempfängerinnen für den ersten Arbeitsmarkt qualifizieren konnten.

Die Autorin

Melanie Werner studierte Pädagogik und Medienwissenschaften an der Universität Trier inklusive einem Praxissemester in Santiago de Chile und arbeitet heute als Diplom- Pädagogin im SMT - dem Selbstverwalteten Multikulturellen Zentrum e.V. Trier. Den möglichst ungezwungenen Kontakt zu den zu interviewenden Frauen stellte sie im Rahmen des o.a. Qualifizierungsprojektes der Caritas in den Räumlichkeiten eines Cafes her, in dem sie sowohl die formellen Interviews führte wie auch informelle Gespräche im Anschluss daran entstanden, deren Inhalte teilweise auf Wunsch der Frauen ebenfalls von ihr notiert und verwendet wurden.

Aufbau und Inhalt

Nachdem in den ersten drei Kapiteln die Begriffe der Sozialökologie und verschiedener Armutskonzepte in aller gebotenen Kürze wissenschaftlich eingeführt werden, befasst sich das vierte Kapitel mit dem methodischen Vorgehen der Messung von Armut innerhalb dieser Arbeit. Die soziale Lage Alleinerziehender in der Risikogesellschaft im allgemeinen wird im fünften Kapitel beleuchtet, bevor es im sechsten Kapitel dann um die Kurzvorstellung der einzelnen Frauen geht. Ausführlich beschrieben werden die sozialen Lebenslagen der vorgestellten Frauen im siebten Kapitel anhand der Auswertung von Interviews. Im achten Kapitel kann dann ein Armutskonzept erstellt werden, das nachfolgend im Fazit - Kapitel neun - für die soziale Arbeit bewertet wird.

Innerhalb dieser Bewertungen kommt es zur Entwicklung vielfältiger Ideen und Vorschlägen, wie die vorhandenen Ressourcen der alleinerziehenden Hilfeempfängerinnen zu unterstützen wären. Dabei sind die Vorschläge überaus pragmatisch (allerdings natürlich alle mit Kosten verbunden) und beginnen bereits bei der Unterstützung von Frauen in Trennungssituationen, basierend auf dem Wissen, dass, je besser eine Trennung überwunden wird, um so besser das Alleinerziehen bewältigt werden kann. Danach gibt es Vorschläge zur Wohnumfeldsituation, zur Einbindung kultureller Angebote, zur Arbeitsmarktsituation, zur Kinderbetreuung, zur Situation auf den Sozialämtern, sogar Vorschläge auf der Makroebene - Anerkennung der Erziehungsleistung Alleinerziehender - werden mitgedacht und dokumentiert. Am Ende der Vorschläge wird an die Basis aller Sozialpädagogik erinnert: das Aufzeigen von Missständen - dieser Aufgabe hat sich die Autorin mit dieser Arbeit gestellt.

Im Anhang befinden sich sowohl die Fragebögen wie deren Ergebnisse als auch die Interviewleitfäden plus Erläuterungen. Etliche Abbildungen und Tabellen verdeutlichen die theoretischen Hintergründe.

Zielgruppe

SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen, die mit alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerinnen in ihrem alltäglichen Arbeitsfeld zu tun haben, werden vermutlich nicht viel Überraschendes in diesem Buch entdecken können. Im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Armutskonzepten ist das Buch in jedem Fall eine Horizonterweiterung.

Fazit

Beachtenswert ist meiner Meinung nach die Stringenz der Betrachtungsweise der Lebensumstände der Frauen mit ihren Kindern aus Sicht der Frauen und nicht aus rein wissenschaftlicher Sicht. Unter Umständen kann sich nach der Lektüre des Buches der Blickwinkel auf Armut verändern. Obwohl wissenschaftlich unumstritten ist, dass Armut nicht gleich Armut ist, bietet das Buch durch die vielen wiedergegebenen Interviews einen sehr authentischen Eindruck vom Armutsempfinden gerade dieser sozialen Gruppe.

Den Titel des Buches habe ich nicht schlüssig wieder gefunden im Inhalt des Buches: die vorgestellten Frauen hatten nach ihren eigenen Angaben alle eine tiefe Überzeugung der Bedeutung ihres Mutter-Seins - keine von Ihnen wirkte, als käme eine "Kündigung" für sie überhaupt in Frage oder wäre wünschenswert. Am ehesten finde ich den Bezug zum Titel in der Tatsache, dass das Kinderhaben für die genannten Frauen eine Zementierung der Abhängigkeit von Sozialhilfe aufgrund etlicher ungünstiger Rahmenbedingungen bedeutete. Die faktische Unmöglichkeit der Kündigung - so wünschenswert sie auch menschlich und im Hinblick auf die betroffenen Kinder ist - führt im übrigen häufig auch zur Benachteiligung anderer Frauen mit Kindern auf dem Arbeitsmarkt, nicht ausschließlich zur Benachteiligung von Sozialhilfeempfängerinnnen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider
Projektmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen


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Zitiervorschlag
Claudia Haider. Rezension vom 06.04.2004 zu: Melanie Werner: "Ich kündige als Mutter". Soziale Lebenslagen allein erziehender Sozialhilfeempfängerinnen. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2003. ISBN 978-3-89918-112-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/883.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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