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Joshua Cooper Ramo: Das Zeitalter des Undenkbaren

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 11.01.2010

Cover Joshua Cooper Ramo: Das Zeitalter des Undenkbaren ISBN 978-3-570-50088-0

Joshua Cooper Ramo: Das Zeitalter des Undenkbaren. Warum unsere Weltordnung aus den Fugen gerät und wie wir damit umgehen können. Riemann Verlag (München) 2009. Dt. Erstausg., 1. Auflage. 319 Seiten. ISBN 978-3-570-50088-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
Originaltitel: The age of the unthinkable
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Was soll Ich tun?

Ratschläge sind wohlfeil in einer Zeit, die aus den Angeln gehoben scheint. Da sind die Analysen, die in den Weltberichten an den Club of Rome bereits vor fast vierzig Jahren an die Grenzen des Wachstums erinnerten und warnten, dass die Menschheit sich am Wendepunkt ihrer Geschichte befinde; da wird in der Agenda 21 anlässlich der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro darauf hingewiesen, „die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte; und im Zustandsbericht „Zur Lage der Welt“ im Jahr 2009 wird davor gewarnt, dass der Planet Erde „vor der Überhitzung“ stehe (vgl die Rezension). Die Mahnungen, Prognosen und Vorschläge, die alle den „Umbau“ der menschlichen Welt als Grundlage haben, reichen dabei vom „Weiter so, aber langsamer und anders“ (siehe dazu z. B. die Vorschläge in dem Bericht von Ernst Ulrich von Weizsäcker / Amory B. Lovins / L. Hunter Lovins an den Club of Rome 1995, im lokalen und globalen Denken und Handeln der Menschen den „Faktor Vier“, nämlich Verdoppelung des Wohlstands der Menschen in der Welt und Halbierung des Naturverbrauchs auf der Erde zu etablieren; siehe ebenso: Sebastian Dullien u.a., Der gute Kapitalismus… und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009, ebenfalls in Socialnet/Rezensionen), bis hin zu der Frage, ob die Menschheit überhaupt noch zu retten sei. Je nach politischer Einstellung und Mentalität über die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei, wird darüber gestritten, ob es der derzeit auf der Erde lebenden Menschheit möglich ist, die Zukunft (humaner) zu gestalten, oder ob „nach uns die Zukunft“ beginne (Hans A. Pestalozzi).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Menschen- und Erdgeschichte lässt sich als Skandalon, als Satire oder als eine Erzählung schreiben. Der in Peking und New York lebende Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Joshua Cooper Ramo wählt letzteres. Als ehemaliger Chefredakteur des US-Magazins TIME und derzeitiger Geschäftsführer der Beraterfirma Kissinger Associates weiß er, wie Informationen über Katastrophen und Ereignisse, die die Welt bewegen (oder eben nicht), an die Menschen herangebracht werden können. Dabei geht es um den Spagat, seriöse Fakten und Zustandsberichte über die Lage der lokalen und globalen Welt an Politiker und die Mächtigen in der Welt so zu bringen, dass sie Einfluss auf ihre politischen Entscheidungen haben können, und sie so zu vermitteln, dass dabei nicht die fatalistische Entstellung entsteht: „Da kann man sowieso nichts machen!“ und „Was kann Ich schon dabei ausrichten!“; aber auch ein abwartendes und zögerliches: „Es wird schon nicht so schlimm kommen!“. Denn eines dürfte mittlerweile in den Palästen, Regierungs- und Verwaltungstürmen, wie in den Hütten auf der Erde klar geworden sein: „So wie bisher können wir nicht weiter machen!“. Wie ein sofortiger Perspektivenwechsel, zuallererst bei den Wohlhabenden in der Welt, aussehen könnte, darüber informiert Ramo in seinem Buch: „Das Zeitalter des Undenkbaren“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in zwei Teile.

Im ersten Teil nimmt er uns an die Hand und konfrontiert uns mit einigen vagen Sandkastenspielen, um vorhersagbare und überraschende Effekte bei der Bildung und Betrachtung eines Sandhaufens modellhaft zu diskutieren, ob Vorhersagen und Experimente, wie sie in wissenschaftlichen Labors und in den Denkwerkstätten der Welt aufgebaut werden, tatsächlich eine (zukünftige) Wirklichkeit auf der Erde vorhersagbar sind. Dieses Sandhaufenspiel erinnert an die Chaostheorie von Ursache und Wirkung, wie sie mit dem Bild anschaulich und gleichzeitig abstrakt dargestellt wird, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings irgendwo in den pazifischen Urwäldern einen Orkan an der Atlantikküste verursachen kann. Nur: Zwischen der theoretischen Überlegung und dem modellhaften Denken auf der einen und der experimentellen, praktischen Ausführung auf der anderen Seite ergibt sich keine Systematik, sondern die Entstehung einer möglichen Lawine, die sich aus dem Sandhaufen bildet, ist nichtlinear, also nicht berechenbar. Ist es gerechtfertigt, diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf volkswirtschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Ereignisse und Aktivitäten zu übertragen? Können Sandkörner mit Aktien verglichen werden, und ein Sandhaufen mit einer Menschengruppe? Sind Sandlawinen und Erdbeben mit einem Börsencrash gleichzusetzen? Ja, sagt Ramo, und er weist es nach in zahlreichen Beispielen aus der neueren Geschichte der Menschen; etwa dem Zusammenbruch der UdSSR, dem Nahost-Konflikt, Irakkrieg und vielen anderen politischen Sandhaufen. Denn, das ist eine seiner Rückschlüsse: „Veränderungen bringen stets Unberechenbarkeit und Überraschungen mit sich“. Aus den (neuen) Sandhaufen entstehen neue Ideologien, Rezepte und Undenkbarkeiten. Und sein Rat daraus, „dass wir die Welt um uns herum ständig nach versteckten Fehlern und Verbindungen oder bevorstehenden Regimewechseln untersuchen müssen“. Das Wühlen im Sandhaufen bringt auch noch andere Imponderabilien zutage; etwa das Sicherheitsdilemma, das Ramo darin sieht, dass eine dauerhafte Sicherheit für Menschen und Völker nicht gibt, was bedeutet, dass wir uns an „eine komplette Neudefinition unseres Sicherheitsbegriffs“ machen müssen.

Diesem Anspruch will der Autor im zweiten Teil des Buches gerecht werden. Es geht um die Frage nach der „Grundsicherheit“ im individuellen wie gesellschaftlichen lokalen und globalen Leben der Menschen. Dabei macht er erstmals einen Unterschied zwischen den Sandkörnern und dem menschlichen Denken und Handeln aus: Wir können uns bewegen! Und siehe da: Bei der Nachschau über die Frage, wie z. B. Künstler wie Picasso, Klimt, Gertrude Stein und andere das Problem angingen – „Wie sollte man ein Objekt in seiner ganzen Fülle darstellen, wo die Kräfte der Moderne doch ein ganz anderes Sehen und Hören erforderten?“ – finden wir Parallelen zu unserer heutigen Frage, wie wir mit den Veränderungen, Brechungen, Irritationen und in einer globalisierten Welt umgehen sollten. Die Becksche Parabel von der „Risikogesellschaft“, die er 2007 in die Metapher von der „Weltrisikogesellschaft“ verpackte (vgl. dazu die die Rezension zu Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit), dient Ramo genau so als Diskussionsanker wie die buddhistische Weisheit: Rechte Anschauung, rechte Absicht und rechtes Handeln. Es sind, wie die weiteren Belege für ein Denken und Handeln, das man vielleicht mit Hans A. Pestalozzi als „positive Subversion“ bezeichnen könnte, Querdenker-Strategien, die mit den üblichen Ausreden – „Das haben wir schon immer so gemacht!“ und „Das haben wir noch nie so gemacht!“, wie auch: „Da könnt ja jeder kommen!“ – nichts anfangen können und die Kraft haben, sie zu ignorieren. Denn „wir brauchen eine Weltordnung, in der ’irrationale Kräfte’… dort eingesetzt werden können, wo wir keinen Fortschritt mehr zu erzielen scheinen“. Ramos Menschheits-Überlebens-Modell „Grundsicherheit“ sollten wir eine Chance geben.

Fazit

Denn die Idee ist aufgebaut auf der bekannten aristotelischen Weisheit, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches, vernunftbegabtes Lebewesen ist. Wir können es tun! Wir können handeln!. Wir sind nicht passiv! Wir müssen nicht ungefragt hinnehmen, was man uns vorsetzt! Wir wollen und können nicht zulassen, dass dieselben Leute, die unsere Welt in diese katastrophale Schieflage gebracht haben, uns noch weiter gefährden! Das sind revolutionäre Aufforderungen in einer Situation, in der längst klar geworden sein müsste, dass Veränderungen Gutes und Schlechtes bewirken können. Also: Das Undenkbare denken, um daraus das mit der Kraft unserer Visionen von einer besseren Welt Gedachte zu machen. Weil wir es können; um noch einmal Hans A. Pestalozzi zu zitieren, für den die Überzeugung Kurt Martis Grund war, sein (geschäftiges) Leben zu ändern: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1552 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.01.2010 zu: Joshua Cooper Ramo: Das Zeitalter des Undenkbaren. Warum unsere Weltordnung aus den Fugen gerät und wie wir damit umgehen können. Riemann Verlag (München) 2009. Dt. Erstausg., 1. Auflage. ISBN 978-3-570-50088-0. Originaltitel: The age of the unthinkable. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8831.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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