Harro Dietrich Kähler: Erstgespräche in der sozialen Einzelhilfe
Rezensiert von Prof. Dr. Katja Nowacki, 24.05.2010
Harro Dietrich Kähler: Erstgespräche in der sozialen Einzelhilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. 5. unveränderte Auflage. 252 Seiten. ISBN 978-3-7841-1950-2. 17,50 EUR. CH: 30,50 sFr.
Thema und Entstehungshintergrund
Das erste Gespräch in der sozialen Einzelfallhilfe ist ein wichtiges Moment für den Beziehungsaufbau zwischen Sozialarbeitern [1] und Klienten. Auch wenn die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sehr heterogen sind, bleibt zu untersuchen, welche Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Erstgesprächen bestehen, um diesem wichtigen Prozess Rechnung zu tragen. Dieser Frage geht Kähler in dem vorliegenden Buch unter anderem durch die Darstellung vieler systematisch gesammelter und ausgewerteter Einzelbeispiele nach, wobei die genaue Datengrundlage und -auswertung an anderer Stelle nachzulesen ist (s. Kähler, 1991).
Änderungen im Vergleich zu den ersten Auflagen
In der vorliegenden fünften, nur im Umschlag geänderten Version der vierten Auflage (2001) finden sich folgende Erweiterungen und Modifizierungen im Vergleich zu den ersten Auflagen:
- In den Kapiteln 1 und 2 des Buches findet sich eine Neubenennung der Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage der Sozialen Arbeit im Erstgespräch. Diese wird nun als „sensible Schnittstelle“ zwischen dem Klientensystem und dem Dienstleistungssystem der Sozialen Arbeit bezeichnet. Ferner finden sich in Kapitel 2 neu hinzugefügte Erläuterungen der zentralen Begriffe „Erstgespräch“ und „Soziale Einzelhilfe“. Die Neuauflage des Buches enthält auch in der aktuellen Version keinen Bezug des Erstgesprächs zu bestimmten Klientengruppen, sondern beschränkt sich im Allgemeinen auf die Einzelfallberatung. Zudem entfällt auch eine spezifische Betrachtung einer Berufsgruppe der Sozialen Arbeit und spezieller methodischer Ansätze.
- Im dritten Kapitel finden sich viele Veränderungen zu den vorhergegangenen Auflagen. Hier richtet sich der Fokus stärker auf die Vertrauensbildung im Erstgespräch sowie der zentralen Funktion des Erstgesprächs im Allgemeinen. Kähler (2009) bezieht sich an dieser Stelle besonders auf Fine und Glasser (1996) „The first helping interview: Engaging the client and building trust“.
- Die Kapitel 4 bis 7 bleiben fast unverändert, lediglich ein kurzer Abschnitt über das Beenden von Erstgesprächen ergänzt das fünfte Kapitel.
- Das achte Kapitel enthält einige Änderungen und Ergänzungen sowie Überlegungen, neue Ansätze des Lehrens, Lernens und Forschens in die Betrachtung des Erstgesprächs mit aufzunehmen.
- Eine letzte Änderung erfuhr das Titelbild der neuen Auflage des Buches. Dieses soll für den Aufbau der Beziehung zwischen Sozialarbeitern und Klienten stehen und die Wichtigkeit des Erstgesprächs visuell hervorheben.
Aufbau und Inhalt
Der formale Aufbau des Buches gliedert sich in acht Hauptkapitel, welche wenige Unterpunkte enthalten. Das Inhaltsverzeichnis ist klar strukturiert und lässt den Leser übersichtlich die einzelnen Aspekte der jeweiligen Kapitel erkennen. Die acht Kapitel gliedern sich wie folgt:
- Das erste Kapitel beschreibt den möglichen Umgang mit dem Buch. Es enthält den Entstehungshintergrund und die Quellenlage und gibt Lesehinweise.
- Im zweiten Kapitel wird das Erstgespräch als Schnittstelle zwischen den beteiligten Parteien beschrieben. Hierbei beschreibt der Autor jeweils die Seite der Klienten sowie die der Sozialen Arbeit.
- Das dritte Kapitel enthält eine Bestandsaufnahme von Erstgesprächen sowie die Beschreibung von Vertrauensbildung und dem Anbahnen von Arbeitsbündnissen in Erstgesprächen der sozialen Einzelhilfe. Zudem gliedert sich das Kapitel in die Beschreibung der möglichen Funktionen, der Gestaltung und der Ziele von Erstgesprächen.
- Das vierte Kapitel befasst sich mit der Anfangsphase von Erstgesprächen und der Differenzierung von angeordneten, angebotenen und erbetenen Erstgesprächen. Ferner stellt sich der Autor die Frage, wer hinter dem allgemeinen Begriff des „Klienten“ der Sozialen Arbeit steht.
- Die verlaufsbezogenen Aspekte von Erstgesprächen werden im fünften Kapitel des Buches genau beschrieben. Der Autor bezieht sich auf die Aspekte des Helfens, des Auswählens, des Erkundens, des Vermutens und des Vergleichens innerhalb von Erstgesprächen in der sozialen Einzelhilfe. Ein wichtiger und neuer Aspekt ist der des Beendens von Erstgesprächen.
- Das sechste Kapitel befasst sich mit den ergebnisbezogenen Aspekten der Erstgespräche, also mit der Dokumentation und der ergebnisorientierten Vereinbarung zwischen Sozialarbeitern auf der einen sowie Klienten auf der anderen Seite nach bzw. während des Erstgesprächs.
- Die Zuständigkeit des Case Managements, sowie die räumlichen und zeitlichen Arrangements für Erstgespräche werden im siebten Kapitel „Strukturbezogene Aspekte von Erstgesprächen“ betrachtet. Ferner beschäftigt sich das Kapitel mit anderen Rahmenbedingungen, die zur Strukturierung von Erstgesprächen beitragen können.
- Im Resümee fasst Kähler (2009) Erstgespräche als komplexe, dynamische und intransparente Situationen zusammen und beleuchtet Erstgespräche unter dem Aspekt des Lehrens, Lernens und Forschens. Zusammenfassend stellt das letzte Kapitel zudem ein „Schema für das Nicht-Schematisierbare“ bezogen auf Erstgespräche in der Sozialen Arbeit vor.
Es wird deutlich, dass vergleichbar zur Psychotherapie die Beziehung ein bedeutsamer Wirkfaktor in der Beratung ist (siehe u.a. Warschburger, 2009). Außerdem kommt Kähler zu dem Schluss, dass es kein allgemeines Schema für Erstgespräche geben kann. Er stellt aber ein allgemeines Raster mit den wichtigsten grundlegenden Aspekten, die in einem solchen Gespräch zu beachten sind, vor.
Sowohl auf Seiten der Klienten als auch auf der der Sozialarbeiter sind weitere Aspekte zu beachten, die auf den Beratungsprozess einwirken. So muss in der Auseinandersetzung mit den Klienten seitens der Helfenden nicht allein das Individuum betrachtet werden, sondern vielmehr auch das soziale Umfeld der Hilfesuchenden. Der Hintergrund bzw. auch die Motivation für die Inanspruchnahme des Erstgesprächs ist zudem von Bedeutung für den ersten Kontakt. Wird die Inanspruchnahme seitens der Klienten durch eine Verordnung (z.B. durch ein Gericht) wahrgenommen, so ist eine andere professionelle Herangehensweise an das Erstgespräch notwendig als bei einer angebotenen oder erbetenen Einzelhilfe der Sozialen Arbeit. Auf Seiten der Sozialarbeiter sollten stets die Rahmenbedingungen des eigenen Handels unter professionellen Gesichtspunkten der Sozialen Arbeit betrachtet werden. So kann schnell ein Konflikt zwischen dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit als Hilfe und Unterstützung von Klienten einerseits und bürokratischen und institutionellen Notwendigkeiten andererseits entstehen. Die persönliche Unterscheidung der Sozialarbeiter zwischen den Problemen der Klienten und den eigenen Lebenserfahrungen und Ansichten ist dabei elementar für das professionelle Handeln.
Das Erstgespräch soll Hilfen für die Ratsuchenden anbieten, aber auch Grenzen des professionellen Handelns aufzeigen. Hierzu gehört auch möglicherweise die Überweisung an andere Fachstellen. In den Fällen einer über direkte Informationsvermittlung hinausgehenden Beratung gilt es ein Arbeitsbündnis mit den Klienten herzustellen. Kähler betont, dass die Vermeidung von Ratschlägen, die gemeinsame Bestimmung von zu bearbeitenden Inhalten und ein sorgfältiges Explorieren mit Anteil nehmender Neugier wichtige Grundlagen für die Herstellung des Arbeitsbündnisses sind. Diese und weitere wichtige Aspekte des Erstgesprächs in der sozialen Einzelhilfe werden ausführlich von Kähler im vorliegenden Buch „Erstgespräche in der sozialen Einzelhilfe“ beschrieben.
Diskussion
Die allgemeine Betrachtung der Erstgespräche in diesem Buch beleuchtet nur einen Teil des komplexen Aufgabenbereiches der Sozialen Arbeit. Zu überlegen wäre, ob nicht doch der Einbezug ausgewählter methodischer Beratungsansätze den Aspekt der Gestaltung von Erstgesprächen bereichern würde. Zum Beispiel ist die Grundhaltung der Wertschätzung, Empathie und Akzeptanz der klientenzentrierten Beratung nach Rogers (1994) nach Auffassung der Rezensentin ein hilfreicher Ansatz im Beziehungsaufbau. Ferner wäre zudem der Blick auf den Umgang mit schwierigen Klienten hilfreich, bei denen der Beziehungsaufbau eine besondere Herausforderung ist (vgl. z.B. Sachse, 2009). Diese Problematik ist im Alltag von Sozialarbeitern durchaus gegenwärtig.
Insgesamt ist der Ansatz, für den Prozess bedeutsame Erstgespräche in der Sozialen Arbeit systematisch auszuwerten und für die Beratungspraxis aufzubereiten, besonders positiv hervorzuheben. Trotzdem besteht noch ein erheblicher Bedarf an weiterem systematisch erhobenem Material, insbesondere aus verschiedensten Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, worauf auch Kähler zutreffend hinweist. Die erste Begegnung zwischen den beteiligten Personen ist für den weiteren Beratungsprozess grundlegend und damit für Sozialarbeiter ein wichtiger Baustein ihres professionellen Handelns, wozu das Buch einen Beitrag, insbesondere für die Ausbildung, liefert.
Fazit
Zusammenfassend handelt es sich bei dem Buch um eine empfehlenswerte Grundlage zur Einführung in Erstgespräche der sozialen Einzelhilfe. Der hohe Praxisbezug des Buches, welcher durch viele Fallbeispiele herbeigeführt wird, ist für die Veranschaulichung vieler im Buch genannter Aspekte, z.B. der Anfangsphase von Erstgesprächen, von großer Bedeutung.
Literatur
- Kähler, H.D. (1991). Forschungsnotiz: Erstgespräche in der sozialen Arbeit. In: Neue Praxis, 21 (2), 156-161.
- Rogers, C. (1994). Therapeut und Klient: Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. Frankfurt a.M.: Fischer.
- Sachse, R. (2009). Persönlichkeitsstörungen verstehen: Zum Umgang mit schwierigenKlienten. Bonn: Psychiatrie Verlag.
- Warschburger, P. (Hrsg.) (2009). Beratungspsychologie. Heidelberg: Springer.
[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird ausschließlich die männliche Form verwendet, auch wenn selbstverständlich die weibliche Form ebenfalls gemeint ist.
Rezension von
Prof. Dr. Katja Nowacki
Dipl. Soz.päd. (FH) und Dipl. Psychologin, seit 2007 Professorin für klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund. Sie hat im Bereich der Hilfen zur Erziehung gearbeitet und forscht insbesondere zu Beziehungsstrukturen in Fremdunterbringungssettings und Aspekten von Diversity.
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