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Markus Breuer, Philippe Mastronardi u.a. (Hrsg.): Markt, Mensch und Freiheit

Cover Markus Breuer, Philippe Mastronardi, Bernhard Waxenberger (Hrsg.): Markt, Mensch und Freiheit. Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2009. 266 Seiten. ISBN 978-3-258-07509-9. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 29,00 sFr.
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Thema, Entstehungshintergrund Herausgeber

Der Sammelband zu dem – angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise – höchst aktuellem Thema Markt, Mensch und Freiheit ist 2009 anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen erschienen. Das Institut ist wie der vorliegende Sammelband eng mit dem Namen seines Gründers verbunden, mit Peter Ulrich, seit 1987 erster Inhaber des Lehrstuhles für Wirtschaftethik. Ulrich ist einer der ersten Wirtschaftsethiker mit einem eigens für Wirtschaftsethik geschaffenen Lehrstuhl im deutschen Sprachraum gewesen und hat die Maßstäbe für den Diskurs nicht nur in den deutschsprachigen Ländern gesetzt. In seinem Hauptwerk „Integrative Wirtschaftsethik“ und in zahlreichen anderen Buchveröffentlichungen und Ausätzen ist es Ulrich immer um eines gegangen: um den Menschen in der Wirtschaft und als Subjekt der Wirtschaft, um seine Freiheit, auch um seine Freiheit im Markt und seine Freiheit angesichts eines übermächtigen und globalisierten Marktgeschehens. Es ging und geht ihm letztlich um eine „Zivilisierte Marktwirtschaft“, so eine jüngere Buchveröffentlichung Ulrichs.

Die Herausgeber sind mit Peter Ulrich über das Institut verbunden, als ehemalige Mitarbeiter - Markus Breuer und Bernhard Waxenberger – und als Mitglied des Geschäftsleitenden Ausschusses des Instituts – Prof. Dr. Philippe Mastronardi.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber haben den Sammelband in fünf, nicht ganz gleichgewichtige Kapitel bez. Teile (I bis V) gegliedert. Die ersten drei Teile beschäftigen sich mit den „drei Orten der Moral des Wirtschaftens“, die Ulrich selber in seiner Integrativen Wirtschaftsethik entfaltet hat.

In einem ersten Teil (I) wird der Markt als Ort des Wirtschaftens thematisiert, und zwar die Freiheit des Marktes, gemäß der anthropologischen Voraussetzung, die die Herausgeber mit dem ersten Satz des Vorwortes recht plakativ gesetzt haben, dass Freiheit die Eigenschaft sei, die den Menschen in seinem Wesen ausmache. Wenn Ulrich vom Markt als Ort des Wirtschaftens redet, dann zielt seine Beschäftigung mit diesem Ort auf die Rahmenbedingungen des Marktes.

Die beiden ersten Beiträger zielen nun also auf die Freiheit des Marktes! Andreas Suchanek und Nick Lin-Hi, beides Schüler Karl Homanns nehmen sich der Marktwirtschaft als ethischer Herausforderung an. Wie diese Schülerschaft nicht anders erwarten lässt, wird Marktwirtschaft als institutionelles System nicht weiter angefragt, sondern als das System dargestellt, das Freiheit und Solidarität am besten zur Geltung bringen kann.

Karl Homann selber, in frühen Zeiten der zweite Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsethik neben Peter Ulrich an einer Hochschule im deutschen Sprachraum, fragt in seinem Beitrag die Alternative von Moral oder ökonomischem Gesetz an. Dass er dabei Ethik der Ökonomie unterordnet beziehungsweise postuliert, (Wirtschafts-)Ethik lasse sich nur mittels der ökonomischen Logik realisieren, erstaunt nicht wirklich. Ethische und moralische Probleme müssen einer ökonomische Be- und Verarbeitung unterzogen werden und nicht umgekehrt.

Dass sich mit einem solchen Ansatz sicherlich keine sozial gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung bauen lässt, wird in dem abschließenden dritten Beitrag des ersten Teils zu Ordoliberalismus und Gerechtigkeit deutlich: Zum Verhältnis von Eucken und Kant haben Hans G. Nutzinger, der kritische Kasseler Wirtschaftswissenschaftler, und Olaf J. Schumann einen Beitrag verfasst, der konkrete Konzepte von Gerechtigkeit thematisiert.

Im zweiten Teil (II) nehmen sich die Beiträger die Unternehmen als Orte der Moral des Wirtschaftens vor: Verantwortungsvolle Unternehmensfreiheit ist die ordnende Überschrift.

Guido Palazzo, Professor für Unternehmensethik an der Universität von Lausanne, und Andreas Georg Scherer, Professor für BWL in Zürich konfrontieren eine „global entfesselte ökonomische Vernunft“ (Wie entfesselt sich Vernunft und wie lässt sich das denken? F. H.) mit der sozialen Verantwortung der Unternehmen. Die zunehmende Entfesselung gegenwärtiger Ökonomie und transnational operierender Unternehmen verweist unternehmerisches Handeln im eigenen Interesse auf ihre ordnungspolitische Mitverantwortung.

Klaus M. Leisinger, in Nationalökonomie promovierter und Soziologie habilitierter Präsident und Geschäftsführer der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung untersucht Stakeholderdialoge zwischen Theorie und Praxis. Den Kreis der Stakeholder, also derjenigen, die vom unternehmerischen Handeln betroffen sind, schränkt Leisinger eher ein, betont aber den Nutzen der Dialoge für Unternehmen, aber auch für die Interessen des Gemeinwohles.

Den Abschluss des zweiten Teils markiert ein Betrag von Florian Wettstein, Assistenzprofessor und Kenneth E. Goodpaster, Lehrstuhlinhaber für Unternehmensethik, beide in Minneapolis / St. Paul über die Rolle von Unternehmen in ihrer Freiheit und Autonomie im 21. Jahrhundert mit einem Fokus auf der Verantwortlichkeit der Unternehmen, wie Peter Ulrich sie entwickelt hat. Entfremdung der Unternehmen von Freiheit und Verantwortung kann zu einer pathologischen Entwicklung führen. Freiheit der Unternehmen ist nur Freiheit als Verantwortung, sonst besteht die Gefahr eines pathologischen Unternehmertums.

Der dritten Teil (III) wendet sich nach (sic!) der Freiheit im Markt und der Unternehmensfreiheit nun endlich der Bürgerfreiheit zu mit dem etwas missverständlich hinzugesetzten Adjektiv: Reale Bürgerfreiheit.

Der Philosoph Otfried Höffe, Philosophieprofessor in Tübingen, Aristoteles - und Kant-Kenner, eröffnet den Diskurs mit einem Beitrag über Bürgerverantwortung in Zeiten der Globalisierung und differenziert die Verantwortung des Bürgers als Wirtschaftsbürger, Staatsbürger und Weltbürger. Rechtstreue, Gerechtigkeit und Gemeinsinn, nicht nur im nationalen, sondern gerade auch im globalen Maßstab zeichnen den Wirtschafts-, Staats- und Weltbürger aus.

Sascha Liebermann, Soziologe in Frankfurt, nimmt die Infragestellung einer Trennung des Bürger in einen homo politicus und einen homo oeconomicus, die Peter Ulrich stark gemacht hat, auf und fragt nach dem Verhältnis von Staatsbürger und Wirtschaftsbürger. Beide handeln in ein und derselben Welt. Auch wirtschaftliches Handeln muss in der olitischen Gemeinschaft verantwortet werden.

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Philippe van Parijs, Inhaber des Hoover-Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialethik in Leuven an der Universite´ Catholique de Louvain fragt nach Gleichheit und Gerechtigkeit als Position eines linken Libertarianismus (sic!) im Verhältnis zum Markt. Das bedingungslose Grundeinkommen rechtfertigt er mit dem gleichen Recht aller auf unsere natürlichen Ressourcen (Hillel Steiner). Es ist nur gerecht, wenn alle einen minimalen Anspruch auf die Güter und Ressourcen dieser Welt haben.

In dem letzten Beitrag dieses umfangreichsten vierten Teils nehmen Götz W. Werner und André Presse das Thema des bedingungslosen Grundeinkommens - Liebermann sprach von einem Anspruch auf ein bedingungslosen Grundeinkommen als ein Recht ur Teilhabe an den Gütern der Gemeinschaft - als ein Wirtschaftsbürgerrecht auf, und zwar unter der Überschrift „Die zivilisierte Marktwirtschaft und ihre Feinde“. Götz, der Besitzer einer Drogeriemarktkette ist bekannt geworden als leidenschaftlicher Befürworter eines konsumsteuerfinanzierten Grundeinkommens, Presse ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Karlsruhe. Sie sehen im Grundeinkommen einen Aspekt der von Peter Ulrich geforderten Wirtschaftsbürgerrechte

Der vierte – und eigentlich letzte – Teil (IV) ist Peter Ulrich vorbehalten, der in einem solennen Beitrag seine Integrative Wirtschaftsethik – auch als Antwort auf die Beiträge des Bandes, die sich direkt auf seinen Ansatz bezogen haben, zur Diskussion stellt. Peter Ulrich sucht seine Position ein weiteres Mal deutlich zu machen und versucht gleichzeitig, die Beiträge aus seiner Perspektive in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.

Es folgt noch ein fünfter Teil (V). In der Einleitung wird der fünfte Teil angekündigt als Porträt des Instituts für Wirtschaftsethik, das Peter Ulrich mit anderen vor 20 Jahren gegründet hat und das seitdem die wirtschaftsethische Debatte im deutschen Sprachraum weitgehend bestimmt. Dieses Versprechen eines sicherlich sehr interessanten Abschlusses dieses Bandes erfüllen die Herausgeber nicht, auch wenn sie in der Einleitung kurz auf die Geschichte des Instituts eingehen (S. 16 – 18). In Teil V werden lediglich die - sicherlich auch nicht uninteressanten -Kurzporträts und Photos der Beiträger abgebildet. Schade!

Fazit

Die Herausgeber Markus Breuer, Philippe Mastronardi, Bernhard Waxenberger haben einen anregenden Sammelband vorgelegt und laden mit den zehn Beiträgen zu einem interessanten Streifzug durch wichtige Themen der Wirtschaftsethik und der Ökonomik (Wirtschaftstheorie) ein.

Spannend und lehrreich wird das Buch vor allem dadurch, dass der Spiritus Rector der St. Galler Wirtschaftsethik – Schule Peter Ulrich den 15 Beiträgern auf 43 Seiten detailliert antwortet. Deutlich wird in dieser gründlichen Replik und den Beiträgen die Diskrepanz der beiden deutschsprachigen Schulen der Wirtschaftsethik: zwischen den St. Gallern und der Homann-Schule. Der Reduktion ethischer Prinzipien und Maxime auf ökonomische Kategorien und Handlungsorientierungen bei Homann und seinen Schülern, also eine Ethik, die nach der Systemlogik der Ökonomie funktioniert, setzt Ulrich eine ethisch integrierte ökonomische Vernunft entgegen. Eine besondere exklusive ökonomische Rationalität hat hier keinen Platz. Ökonomie hat sich hat sich im Rahmen einer sinngebenden und legitimierenden Politik für ein gutes Leben und im Hinblick auf Kriterien des guten Lebens und des gerechten Zusammenlebens zu bewähren! (225)

Dass der Disput der beiden Wirtschaftsethik - Schulen immer noch ein Dialog ist, beweist dieser gelungene Sammelband und das ist sicher zu einem guten Teil Peter Ulrich geschuldet.

Hier lässt sich auch für diejenigen, die keine Ethiker und keine Ökonomen sind, viel lernen. Ausdrücklich empfehlen möchte ich das Buch für die Lehre in Wirtschaftsethischen Lehrveranstaltungen, auch und gerade an Fachbereichen des Sozialwesens.


Rezensent
Prof. Dr. Friedrich Heckmann
Hochschule Hannover
Arbeitsschwerpunkte: Sozial- und Wirtschaftsethik, Prakt. Philosophie
Homepage www.ethik-heckmann.de


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Zitiervorschlag
Friedrich Heckmann. Rezension vom 25.02.2010 zu: Markus Breuer, Philippe Mastronardi, Bernhard Waxenberger (Hrsg.): Markt, Mensch und Freiheit. Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2009. ISBN 978-3-258-07509-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8835.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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