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Sebastian Dullien, Hansjörg Herr u.a.: Der gute Kapitalismus

Cover Sebastian Dullien, Hansjörg Herr, Christian Kellermann: Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste. transcript (Bielefeld) 2009. 242 Seiten. ISBN 978-3-8376-1346-9. 19,80 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Mit einem Vorwort von Gesine Schwan.
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Ein bisschen weniger Markt – oder mehr als die Summe von Teilen des Wirtschaftens?

Die Formen und Systeme des ökonomischen Denkens und Handelns in der sich immer weniger steuer- und begründbaren Nationalökonomien, die zu kapitalistischen Entwicklungen und Auswüchsen des „Kasinokapitalismus“ und des „Raubtierkapitalismus“ (siehe: http://www.socialnet.de/rezensionen/1787.php ) geführt und letztendlich die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht haben, müssen verändert werden hin zu einer auf der Moral des Humanismus beruhenden lokalen und globalen Gemeinwohlorientierung. Es bedürfe, so Gesine Schwan in dem Vorwort zu einem neuen volks- und betriebswirtschaftlichen Nachdenken über einen „guten Kapitalismus“, einer neuen Verantwortlichkeit und Gemeinwohlbindung, um die Legitimation des globalen Marktes normativ und qualitativ demokratisch zu begründen.

Entstehungshintergrund und Autoren

Es besteht kein Zweifel, dass ein „Weiter so“ im ökonomischen, theoretischen Denken und praktischen Handeln den homo oeconomicus in eine Falle bringt, die die Menschheit in den Abgrund eines unregierbaren und unkalkulierbaren Molochs von Egoismen und Extremismen treibt. Bei einer solchen Analyse und Prognose wäre es eigentlich zu erwarten, dass die Analysten und Kritiker dieser Entwicklung ein völlig anderes Procedere vorschlügen, etwa „Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie“, die eine (Re-) Regulierung der lokalen und globalen Marktwirtschaftssysteme und –theorien als Ausweg aus der Krise sehen (vgl. dazu die Rezension). Für ein grundlegendes Umdenken sind auch die Autoren des Buches „Der gute Kapitalismus“. Sebastian Dullien (geb. 1975) von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, Hansjörg Herr (1951) von Hochschule für Wirtschaft und Recht, ebenfalls in Berlin, und Christian Kellermann (1974), derzeit Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Nordischen Länder in Stockholm, entwerfen jedoch keinen radikalen Gegenentwurf zu den bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen; sie stellen vielmehr ein Wirtschaftsmodell für Deutschland und Europa mit der „Grundausrichtung soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit auf einem hohen Wohlstandsniveau“ zur Diskussion.

Aufbau und Inhalt

Skepsis ist erst einmal angebracht, ob auf der Grundlage von Wachstum, und zwar sowohl von Kapital und Produktion, als auch von Wohlstandserwartungen, ein tragfähiges Wirtschaftsmodell möglich ist. Aber wir wollen nicht von vorn herein mit der Schere im Kopf vorgehen. Lassen wir uns also darauf ein, wie die Autoren ihr Modell begründen. Sie stellen erst einmal fest, dass „die (wirtschaftlichen und gesellschaftlichen, JS) Reformen der vergangenen vierzig Jahren auf einer naiven marktradikalen Vorstellung“ basierten, die davon ausgingen, dass Märkte auf einem selbstregulierenden Mechanismus beruhten, wonach wirtschaftliche Stabilität zu hoher Beschäftigung und „einer einigermaßen akzeptablen Verteilung von Einkommen“ führen würden. Die Ideologie des selbst regulierenden Marktes, die sich in den Theorien der „freien Marktwirtschaft“ darstellten, habe sich aber – global – zu „Satansmühlen“ (Polanyi) entwickelt. Als zweiten Aspekt ihrer historischen Analyse stellt das Autorenteam heraus, dass sich seit den 1970er Jahren „ein zunehmendes Ungleichgewicht zwischen dem globalen Markt auf der einen und der nationalen Ebene von Regulierung auf der anderen Seite herausgebildet" habe, worauf die nationale Politik nicht adäquat reagierte. Nur eine forcierte und aktive gemeinsame Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, vorerst im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses, könne ein neues Wirtschaftsmodell auf der Grundlage eines „guten Kapitalismus“ schaffen.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert.

Den ersten Teil überschreiben die Autoren mit der Aussage, dass das Globalisierungsmodell auf der Grundlage einer neoliberalen (Wirtschafts-)Politik gescheitert sei, mit dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods und einer Entfesselung der globalen Finanzmärkte. Die ungebremste und nicht kontrollierte Entwicklung des Shareholder-Kapitalismus in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hin zu einem Shareholder-Value-Kapitalismus setzte die traditionellen Gewichtungen von Angebot und Nachfrage außer Kraft. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte ging – und geht bis heute – eine Deregulierung der (globalen) Arbeitsmärkte einher. Die Folgen: Zunehmende Veränderung der Einkommensverteilung zu Ungunsten der abhängig Beschäftigten, und zwar in allen Bereichen der privaten und öffentlichen Beschäftigtenverhältnisse.

Im weiteren Kapitel wird der „Weg aus der Krise“ als „Operation am offenen Herz“ charakterisiert. Da sind zum einen die Bestrebungen der Banken und Geldwirtschaftsinstitute, ihre Eigenkapitalquote durch Bilanzverkürzung, dem so genannten Deleveraging, zu korrigieren, was bedeutet, ihre „faulen Kredite“ los zu werden. Die Gründung von „Bad Banks“, also der Übernahme angeschlagenen Banken durch den Staat, wie etwa in den 1990er Jahren massiv in den skandinavischen Ländern erfolgt, könnte, so die Autoren, einer der Wege aus der Krise sein. Stabile Löhne wären somit das weitere Mittel, um eine in den europäischen Industrieländern drohenden deflationären Entwicklung gegenzusteuern.

Die Strategien und Vorschläge, was sich ändern müsste, um die Weltwirtschaftskrise tatsächlich zu bewältigen und ein Wirtschaftsmodell zu entwickeln, “das mittel- und langfristig einen nachhaltigen Wachstumspfad ermöglicht“, werden im nächsten Kapitel diskutiert. Das Dilemma der Zielsetzung freilich wird bereits bei der Frage, wie denn die Menschen mit dem (möglichen?) wachsenden Wohlstand umgehen würden, ob durch mehr Konsum oder mehr Freizeit, angedeutet, jedoch in den unterschiedlichen Konsequenzen und Auswirkungen nicht projektiert. Die traditionelle Erkenntnis, dass zwischen dem jeweiligen gesellschaftlichen Produktionsvolumen und der gesellschaftlichen Nachfrage eine Balance bestehen müsse, korrespondiert mit der Erkenntnis, dass eine gerechtere Einkommensverteilung für alle Bevölkerungsgruppen erreicht werden sollte, damit die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten ungerechtfertigten Einkommensungleichheiten bei den Lohnabhängigen (nur bei diesen?) beseitigt werden können. Aber wie? Sicherlich nicht, das betonen die Autoren ausdrücklich, durch planwirtschaftliche Regulierungen, sondern durch die Überzeugung, dass „Märkte als Teil von Freiheit“ aufgefasst und bewertet werden. Das mag zutreffen für Kleinunternehmer, die aus kalkulatorischen Gründen oder zur Realisierung von Lebenszufriedenheit den Schritt in die „Selbständigkeit“ gehen wollen; aber trifft dies auch für Konzerne und die globalen Finanzsysteme zu? In dieser Frage sehen die Autoren denn auch den zentralen Ansatzpunkt für ihren „guten Kapitalismus“. Nur eine Reform des Weltwährungs- und Finanzsystems, gewissermaßen ein „neues Bretton-Woods-System“, könne ein „Corporate Governance“ lokal und global ermöglichen. Hier gerät ein interessanter Vorschlag in den Fokus, nämlich der, dass „Modelle der Unternehmensführung ( ) in einen gesellschaftlichen Kontext zurückgeführt werden (müssen)“, also vom Shareholder-Value-Denken hin zu einem Stakeholder-Bewusstsein zu gelangen. Freilich liegt auch hier wieder der Teufel in der Bewusstseinsspaltung: Solange nämlich Mitbestimmungsfragen und Entscheidungskompetenzen bei der Betriebsführung überwiegend auf dem Profit(Wachstums-)gedanken beruhen, wird es eine gleichwertige Beteiligung etwa von Mitarbeitermitbestimmung und der Macht der Kapital- und Finanzeigner nicht geben können. Das Problem kann nicht nach dem Prinzip – „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ – gelöst werden. Die Knackpunkte liegen nämlich im Detail; etwa der Frage, wie in einem Modell eines guten Kapitalismus die soziale Sicherung der Menschen in einer Gesellschaft und im globalen Maßstab aussehen solle. Die Einschätzungen und Erfahrungen über die Wirklichkeitsfähigkeit der drei bekannten Wohlfahrtsstaatenmodelle – des konservativen Generationenmodells, des (skandinavischen) sozialdemokratischen Modells und des liberalen Modells – zeigen, dass ein Zusammenhang von Finanzmarkt und den sozialen Sicherungssystemen in die Irre führen müsse. „Ein kapitalgedecktes Rentensystem ist angesichts einer ungewissen Zukunft schlicht und einfach zu risikoreich, um als stabile Altersversorgung von Generationen zu dienen“. Die Alternative: Ausweitung der Finanzierung auf Einkunftsarten und Personengruppen, die bislang nicht für die allgemeine Rentenkasse herangezogen werden. Und natürlich die ernsthafte, gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie die „Stellschrauben für Investitionen und Wachstum“ gesetzt werden; also, „was der (gute, JS) Staat im guten Kapitalismus ausgibt und einnimmt“. Dabei geht es um die Frage, welchen Stellenwert Investitionen in Bildung und Infrastruktur in der jeweiligen Gesellschaft haben, welche Anstrengungen unternommen werden, um eine „Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme“ zu erreichen, und schließlich, inwieweit der politische Wille vorherrscht, um eine „progressive Einkommens- und moderate Erbschaftssteuer“ zu etablieren. Wo also anfangen? In Europa zuerst, z. B. mit der Option, „die europäische Ebene mit einem wesentlich größeren Haushalt, mit eigenen Steuereinnahmen, wesentlich mehr Aufgaben und ebenfalls wesentlich mehr Befugnissen auszustatten“. Gewissermaßen als Generalformel ließe sich sagen: Ein guter Kapitalismus braucht gute Arbeit! Mit einem guten Produktions- und Beschäftigungssystem. Das aber würde voraussetzen, dass die Vorstellung, der Kapitalismus sei ein sich selbst regelndes System, das man als solches entweder erhalten oder abschaffen müsse, falsch ist. „Märkte müssen immer in Institutionen und Regulierungen eingebunden werden, anderenfalls entfalten sie destruktive Kräfte“. Wie aber können diese destruktiven Kräfte verhindert und wie kann der Kapitalismus an die Leine genommen werden? Das geht nicht, werden die einen sagen, weil man ein Känguru nicht zähmen kann. Einen „guten Kapitalismus“ kann man doch schaffen, sagen die Autoren – wenn es gelingt, dieses Wirtschaftssystem, zu dem es keine Alternative zu geben scheint, auf vier Säulen baut: Durch die Kontrolle von Banken und des Finanzsystems, die Schaffung einer ausgeglichenen Einkommensverteilung durch eine gerechte Lohn- und Arbeitsmarktpolitik, die solide Finanzierung des Staatshaushalts und nicht zuletzt durch ein stabiles und gleichzeitig dynamisches Weltfinanzsystem.

Fazit

Der gute Kapitalismus ist möglich! Das stellen die Autoren zum Schluss ihrer Analyse der Fehlentwicklungen in der Vergangenheit, des Jetztzustandes und der konkreten Vorschläge für eine zukünftige (europäische und globale) gerechte(re) Ökonomisierung fest. Vielleicht noch nicht Heute und wohl auch noch nicht Morgen. Aber Wandel zu denken, heißt ja auch, Utopien zu entwerfen und daran zu glauben, dass sie Wirklichkeit werden können. Während nach den bisherigen Auffassungen und des wirtschaftlichen Handelns die Auffassung vorherrscht: „Der Markt ist ein Meister, über dem nichts geht“ – sind Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann der Auffassung: „Der Markt ist ein guter Knecht, aber ein schlechter Meister“. Das heißt doch dann, dass die guten Kräfte des Marktes über die schlechten siegen müssen. Und es bedeutet, dass den bisherigen praktizierten Konzepten einer neoliberalen Globalisierungspolitik Alternativen entgegengesetzt werden sollten. Nach der soeben von der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) veröffentlichten EU-Studie sind seit März 2008 weltweit mehr als 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen, in der EU allein 6,1 Millionen. Und die Beschäftigungskrise als Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist, wie in der Studie deutlich wird, noch lange nicht zu Ende. Die Zusammenhänge werden überdeutlich; und es kommt darauf an, Undenkbares zu denken. Ob es tatsächlich unde(a)nkbar ist, einen „guten Kapitalismus“ das Wort zu reden und ob es anstatt der Ausbesserung der traditionellen Straßen nicht das Denken und Konstruieren völlig neuer Wege bedarf, um darauf gehen (und fahren) zu können, dazu ist das Buch “Der gute Kapitalismus“ ein Plan(spiel) und eine Diskussionsgrundlage; für Studierende der Betriebs- und Weltwirtschaft genau so, wie für an ökonomischen und gesellschaftlichen Fragen Interessierten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.01.2010 zu: Sebastian Dullien, Hansjörg Herr, Christian Kellermann: Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1346-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8846.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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