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Claire Moore, Ulla Stammermann u.a. (Hrsg.): Bewegung aus dem Trauma

Cover Claire Moore, Ulla Stammermann u.a. (Hrsg.): Bewegung aus dem Trauma. Traumazentrierte Tanz- und Bewegungspsychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2009. 262 Seiten. ISBN 978-3-7945-2702-1. 29,95 EUR.
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Es ist nicht wichtig, wie man sich bewegt, sondern "was einen bewegt"

Die Tanz- und Bewegungstherapie ist eine Form der Psychotherapie, in der die Bewegung als primärer Ansatz genutzt wird, um eine emotionale und körperliche Integration des Einzelnen zu fördern. Dieser Ansatz wurde in den vierziger Jahren in den USA von Pionierinnen auf der Grundlage des modernen Ausdruckstanzes entwickelt. Seit etwa 1981 finden verschiedene Methoden der Tanztherapie nun auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit, Interesse und Anerkennung. In psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken ist sie mittlerweile häufig fester Bestandteil des Behandlungskonzeptes.

Körperliche Folgen von Traumatisierung

Die Bedürfnisse und der Unterstützungsbedarf von Menschen, die eine potentiell traumatische Erfahrung erlebt haben, sind sehr unterschiedlich, vielfältig und komplex. Vorrangiges Ziel ist die Wiederherstellung relativer Sicherheit, eine Rückkehr zur Alltäglichkeit sowie eine Verarbeitung der Erfahrung, was je nach Erleben im natürlichen Verarbeitungsprozess durchaus Wochen bis Monate andauern kann. Bei einem Teil der Betroffenen muss mit mittel- und langfristigen psychischen Belastungsfolgen gerechnet werden, die im Anschluss an eine störungsunabhängige psychosoziale Versorgung eine Psychotherapie im engeren Sinne indiziert sein lassen. Bis dato wurde dabei vorrangig auf die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) abgezielt. Nach heutigem Erkenntnisstand sind jedoch die Belastungsfolgen nach potentiell traumatischen Erfahrungen deutlich komplexer, so dass eine empirische Fokussierung auf die PTBS der Bandbreite psychischer Belastungsfolgen nicht gerecht werden kann. Zu den längerfristigen psychischen Beeinträchtigungen gehören u. a. die Anpassungsstörung (F 43.2), die Posttraumatische Belastungsstörung (F 43.1) sowie auch Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Borderlinestörung oder somatoforme Störungen. Gerade die körperbezogenen – oft langfristigen Folgen – sind dabei lange Zeit unberücksichtigt geblieben.

Herausgeberinnen

  • Prof. Dr. phil. Claire Moore arbeitet an der Fachhochschule Emden/Leer im Fachbereiche soziale Arbeit und Gesundheit. Ihre Arbeitschwerpunkte sind: Bewegungs- und Körperpsychotherapie mit traumatisierten Menschen, Pädagogische und therapeutische Re-Habilitation zur Förderung der Individuation und Partizipation für Menschen in Risikolagen und Hilfen für ihre Familien, häusliche Gewalt, der Körper in der psychosozialen Beratung und Psychotherapie, nonverbale und verbale Kommunikationstheorien und –formen.
  • Dipl.-Sozialpädagogin und Dipl.-Kriminologin Ulla Stammermann ist Psychotherapeutische Tanztherapeutin und langjährige Mitarbeiterin in der ambulanten Begleitung traumatisierter Frauen in Bremen.

Aufbau

Das Buch „Bewegung aus dem Trauma“ gliedert sich in 3 große Abschnitte mit entsprechenden Kapiteln:

I. Von der Praxis zur Theorie: Fallstudien

1. Traumazentrierte Bewegungspsychotherapie bei Folgen häuslicher Gewalt (Claire Moore und Heinz-Alex Schaub). Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen der „Werdegang“ und die Entwicklung einer Klientin mit Anorexia nervosa, Alkoholabhängigkeit und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, muskulären Verspannungen und depressiven Phasen. Das Krankheitsversorungssystem fokussiert über Jahre auf ihre negative Symptomatik. Im Laufe der Zeit wird die Klientin für arbeitsunfähig erklärt. Mit Hilfe der traumazentrierten Bewegungstherapie (TBP) kann der therapeutische Schwerpunkt auf die Sensibilität der Körperwahrnehmung und –reaktionen gelegt werden. Grenzverletzungen durch häusliche Gewalt können so bearbeitet und integriert werden. Eine dauerhafte Gewichtszunahme wird für die Klientin möglich.

2. Häusliche Gewalt und Recovery (Chelsea Irwin). Im Kontext betroffene Kinder benötigen zur Heilung und Wiederherstellung eine andauernde liebevolle Bezugsperson, deren Abwesenheit die besten Medikamente oder Therapien wirkungslos werden lassen. Ein Beispiel dafür ist eine junge Mutter mit ihrem 6jährigen Sohn, die beide 2 Jahre in einer gewalttätigen Beziehung gelebt haben, bevor die Mutter die Kraft aufbrachte sich und ihren Jungen zu schützen. Das Kind reagierte mit unkontrollierbaren Wutausbrüchen, Autoaggressionen und körperlichen Attacken gegen Erzieherinnen und andere Kinder. Der zentrale therapeutische Effekt in diesem Fallbeispiel war, vermeintlich widerständiges Verhalten der Mutter als frühes Zeichen eigener Stabilisierungsversuche zu sehen und diese entsprechend Anzuerkennen.

3. Tanztherapie und psychosoziale Arbeit: Wege aus der Gebundenheit an Traumen (Ulla Stammermann). Während der Traumatisierung entwickelt die menschliche Psyche Überlebensstrategien, die im weiteren Lebensverlauf hinderlich sein können. Es geht in diesem Kontext nicht darum aufdeckend zu arbeiten, sondern zu hinterfragen, was von dem was früher war, ist heute hinderlich. Darüber hinaus ermöglichen Bewegungen Kontrolle und Selbstaktivierung zu fördern, um im Hier und Jetzt handlungsfähig zu bleiben. Vertraute und neutrale Bewegungen können als Ressource dienen. Neue Bewegungserfahrungen können zu Schritten aus der Gebundenheit an Traumen führen. So werden dem/den Klienten/-innen Möglichkeiten geboten vom Überleben zum Leben zu gelangen.

4. Was stimmt nicht mit mir? Wiederholte Traumatisierung durch medizinische Eingriffe (Mariangela Fabiane Melcher). Geschildert wird die Lebensgeschichte einer 19jährigen Frau, mit einem orofaszialdigitalem Syndrom, die mit schweren Operationen in jungen Jahren und sozialer Ausgrenzung einhergegangen ist

5. Folgen von Kindheitstraumata und deren Integration in der Adoleszenz (Susan Scarth). Die Autorin dieses Artikels bezieht sich auf die Theorie der Traumatherapie (2000) von Rothschild, die besagt, dass frühe Kindheitstrauma sich negativ auf das Nervensystem auswirken und auch die gesamte psychische Entwicklung beeinflussen. Anhand des Fallbeispiels eines pubertierenden Jungen einer psychisch kranken Mutter wird die Bedeutung der therapeutischen Beziehung für den Klienten und die von der Therapeutin und dem Klienten erlebte Verkörperung dieser Beziehung (embodiment) betrachtet.

II. Interdisziplinäre Behandlungsansätze

6. Dialogische Tanz- und Musiktherapie mit schwer traumatisierten körperlich Behinderten (Silke Birgitta Gahleitner, Katharina Weil, Ursual Senn und Uwe Hinze). Das Wohnpflegehaus von EVIM hat es sich zur Aufgabe gemacht Menschen mit Krankheitsbildern wie z.B. Multiple Sklerose, Chorea Huntington, Schädel-Hirn-Traumata, Spina Bifida sowie Hemi-, Para- und Tretraplegien so weit wie möglich von der Pflege unabhängig zu machen. In dieses Wohnpflegehaus zog eine Frau mit rechtseitiger Hemiparese bei bekanntem Moya-Moya-Syndrom ein. Sie erlebt vor ihrem Eintritt in das Pflegeheim körperliche und sexuelle Gewalt sowie kumulative Traumatisierung aufgrund der erworbenen Hirnschädigung. Im Folgenden wird beschrieben, wie die rollstuhlabhängige Klientin, die ausschließlich über Mimik, Gestik und die beiden Wörter „ja“ und „nein“ kommunizieren konnte, von der Tanz- und Bewegungstherapie profitierte.

7. Traumatisierte Flüchtlinge: Tanz- und Gesprächspsychotherapie im Zusammenspiel (Sabine Koch und Beatrix Weidinger von der Recke). Tanz- und Bewegungstherapie bietet im Zusammenspiel mit Verbaltherapie unersetzbare Dienste im therapeutischen Prozess mit traumatisierten Flüchtlingen. Der Körper stellt eine Sprache bereit, die universal verständlich ist.

8. Tanztherapie mit kriegstraumatisierten Kindern (Iris Bräuninger). „Kinder kommunizieren und erleben die Welt durch ihren Körper.“ (Lomann, 1998, S. 101) Für sie scheint die Tanztherapie einen angemessenen Rahmen für Struktur und Sicherheit zu bieten und genügend Anregung und Freiheit zu vermitteln, damit traumatisierte Kinder ihr angeborenes Recht zu leben, zu überleben und sich bis zum äußersten Maximum entwickeln zu können realisieren können.

III. Konzeptualisierungsvorschläge für die traumazentrierte Behandlung und Beratung

9. Heimkehr zu sich selbst: Affektregulation und Selbstvertrauen nach Traumatisierung (Marianne Eberhard-Kaechele). Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen selbstentfremdete Klienten/-innen, die über Zergliedern und wieder zusammensetzen von Affektqualitäten in Bewegungsstudien Kontrolle über Emotionen und ihre körperlichen Empfindungen erlangen können.

10. Verletzungen des zentralen Selbsterlebens als Schlüsselstellen der körper- und bewegungsorientierten Traumatherapie (Ernst Kern). Psychotherapie ist Entwicklungsarbeit. In diesem Kapitel beschreibt der Autor aufbauend auf der Theorie der Entwicklung des Selbst-Erlebens von Daniel Stern, wie durch frühkindliche Traumata die Entwicklung des Selbsterlebens beeinflusst und ggf. durch bewegungsorientier-te Traumatherapie nachgeholt werden kann.

11. Multimodale traumazentrierte Tanztherapie: Ein methodenintegratives Konzept (Sabine Trautmann-Voigt). Die Autorin entwickelt folgende Therapiestrategien für eine multimodale traumazentrierte Tanztherapie:

  • Die Patienten lehren uns die Methodik und ihre Varianten.
  • Die therapeutische Beziehung ist die Richtlinie für den Einsatz verschiedener Techniken.
  • Hauptthema bei komplex traumatisierten Patienten ist „Führen und Folgen“.

12. Bewegungsbeobachtung in der traumazentrierten Fallsupervision (Claire Moore). Mit diesem Beitrag wird das dialogische Prinzip der Lebensgeschichte eines jungen Mannes nicht nur mit dem Verständnis für Mitteilungen in der Verbalsprache aufgegriffen, sondern um ein Verstehen der Bedeutung von nonverbaler Kommunikation erweitert.

Zielgruppe

Das Buch „Bewegung aus dem Trauma“ richtet sich an ein breites Publikum von Menschen, die beruflich mit traumatisierten Patienten/-innen zu tun haben.

Fazit

Claire Moore und Ulla Stammermann bieten mit diesem Werk einen guten Rahmen, um die Bedeutung der Tanz- und Bewegungspsychotherapie für traumatisierte Klienten/-innen darzustellen. Es werden verschiedene Arten von Traumatisierung von frühkindlichen Bindungsstörungen, über häusliche Gewalt bis zur Kriegstraumatisierung und ihre Behandlungserfolge herausgearbeitet. Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Der in der Tanz- und Bewegungstherapie unerfahrene Lesende muss sich durch die Beschreibung von therapeutischen Bewegungsansätzen durchbeißen, die kurz und prägnant, aber nicht selbsterklärend beschrieben sind. Die vielen Fallbeispiele mit ihren guten Erfolgen machen im Gegenzug allerdings Lust tanz- und bewegungstherapeutisch zu arbeiten.


Rezensentin
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 05.03.2010 zu: Claire Moore, Ulla Stammermann u.a. (Hrsg.): Bewegung aus dem Trauma. Traumazentrierte Tanz- und Bewegungspsychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-7945-2702-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8850.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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