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Christoph Hutter, Helmut Schwehm (Hrsg.): J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen

Cover Christoph Hutter, Helmut Schwehm (Hrsg.): J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 509 Seiten. ISBN 978-3-531-16568-4. 49,90 EUR.
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Thema

Wer sich heute mit Soziometrie und Psychodrama z.B. in der Bildung, Beratung oder in der Gruppenpsychotherapie beschäftigt, kommt an den Texten von Moreno nicht vorbei. Morenos Experimente und Ideen führten dazu, dass sich Soziometrie und Psychodrama weltweit etabliert haben. Psychodramatische Methoden sind durchdrungen von seinen Erkenntnissen und seiner Philosophie. Man kann nicht an Moreno vorbei psychodramatisch arbeiten.

Es ist aber auch bekannt, dass Morenos Werk sich nicht unmittelbar erschließt. Er schreibt sprunghaft und assoziativ, manchmal kryptisch und häufig begrifflich unklar. Er selbst hat außerdem darauf verzichtet, seine Gedanken zu einem Gesamtwerk zusammen zu fügen. In wiederholter Lektüre und im zueinander in Beziehung setzen seiner Begriffe und Denkfiguren holt dieses Buch es nach, das Gesamtkonzept Morenos dazustellen.

Herausgeber

Dr. Christoph Hutter ist Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Lingen und Dozent am Psychodrama-Institut für Europa.

Helmut Schwehm ist Psychotherapeut und Berater sowie Vorsitzender des Deutschen Fachverbandes für Psychodrama e.V. (DFP).

Entstehungshintergrund

Christoph Hutter hatte sich anlässlich seiner Dissertation über die „Therapeutische Philosophie Morenos“ nahezu sämtliche Texte Morenos besorgt und sie genau studiert. Er legte dann im Jahr 2000 durch Neusortierung und Neuverbindung der Morenoschen Schlüsselbegriffe eine systematische Theorie des Psychodramas vor (s. die Rezension zu Hutter 2000). Seitdem lagert in seinen Dateien dieser Thesaurus von Textauszügen. Durch die Unterstützung des Deutschen Fachverbandes für Psychodrama ist es gelungen, diesen Schatz der Öffentlichkeit sortiert zur Verfügung zu stellen. Der Vorsitzende des DFP ist wohl deshalb als zweiter Herausgeber dieser Textsammlung aufgeführt; eigene Texte von ihm finden wir in dem Werk nicht.

Aufbau und Inhalt

Hutter skizziert in der Einführung des Buches seine Systematik und begründet sie. So entstehen sechs Teile:

  • Theorie ist Biographie mit den Kapiteln 1-4: Hier wird Morenos Werk in seine Lebensgeschichte eingeordnet, so dass nachvollzogen werden kann, wie seine Theorie aus seiner Lebenserfahrung entstanden ist.
  • Die Grundorientierung mit den Kapiteln 5-8: Szene, Aktion, die Universalia Raum, Zeit, Realität und Katharsis.
  • Die drei Strukturtheorien mit den Kapiteln 9-11. Begegnung, Tele, Soziometrie, dann der kreative Zirkel, zum Schluss die Rollentheorie.
  • Die inhaltlichen Dimensionen der Szene mit den Kapiteln 12-17: Physiodrama, Psychodrama, Soziometrie, Soziodrama, Axiodrama, Stegreifspiel.
  • Die Instrumente des Psychodramas mit den Kapiteln 18-22: Gruppe, Bühne, Protagonist, Hilfs-Iche, Leitung.
  • Der psychodramatische Prozess mit den Kapiteln 23-27: Rahmenbedingungen, Erwärmung, Aktionsphase, Integrationsphase, Evaluation

Der Anhang enthält die ausgewertete Literatur, ein Personen- und Namenregister sowie ein Sachregister.

Diskussion

Es ist schon richtig: Das Psychodrama kann man nur kennen lernen, indem man es erfährt. Um aber die Erfahrungen benennen zu können, um sich mit „Gefährten“ über die gemeinsamen Erfahrungen unterhalten zu können, um mit „Fremden“ in professionellen und wissenschaftlichen Kontexten darüber reden zu können, braucht es ein Vokabular, mit dem man Gedanken in einen sprachlichen Zusammenhang bringen kann, der zum einen das Erfahrene zutreffend wiedergibt, zugleich aber auch für die Zuhörer verständlich ist. Wenn man nun dieses Vokabular nicht selbst erfinden möchte, sucht man nach Texten, in denen psychodramatische Erfahrung schon einmal im Zusammenhang formuliert wurde, um hieran anzuknüpfen. Was liegt da näher, als beim Erfinder des Psychodramas selbst nachzuschlagen, bei J.L. Moreno? Nun hat Moreno zwar viel geschrieben und veröffentlicht; es ist aber schwer daran zu kommen. Und in deutscher Sprache liegt nur wenig vor. Aus dieser misslichen Lage hat uns nun Christoph Hutter befreit. Da kann man nur von Glück sagen, denn die besondere Leistung Hutters besteht darin, dass

  • alle Texte Morenos nun auf Deutsch vorliegen (die amerikanischen Texte wurden von Hutter übersetzt);
  • alle Texte in eine Systematik eingeordnet sind, so dass ein Begriff durch seine theoretische Verortung an Bedeutung gewinnt (dagegen bietet etwa das Buch von Rosa Cukier: Words from Jacob Levy Moreno. 2007 nur eine alphabetische Auflistung der Texte nach Stichworten; die Register in Hutters Buch leisten Ähnliches);
  • die Texte in der Reihenfolge ihres Erscheinens aufgeführt sind (so kann man den Bedeutungswandel der Begriffe nach verfolgen - aber aufgepasst: Oft sind die Texte schon viel früher geschrieben als veröffentlicht!);
  • behutsam einige wenige Kommentare eingefügt sind, um eine bessere Einordnung zu ermöglichen.

Fazit

Wir können Hutter für diese Herkulesarbeit nur dankbar sein. PsychodramatikerInnen und Professionelle aller Bereiche, in denen psychodramatisch gearbeitet wird, sollten über dieses Buch verfügen. Zwar wird man es nicht von vorn bis hinten in einem Zug durchlesen. Man kann aber blättern und stöbern – geleitet durch das ausführliche orientierende Inhaltsverzeichnis – und zügig Textstellen finden, nach denen man schon lange gesucht hat. Oder man kann zufällig einen neuen Moreno entdecken, von dem man bisher nichts ahnte. So kann man mit der Zeit ein umfassendes Bild gewinnen und sieht: Moreno war in Vielem seiner Zeit voraus und bietet auch heute noch vielfältige Anregungen für Theorie und Praxis der interaktionszentrierten Arbeit im Sozial- und Bildungsbereich und in der Therapie. Gerade auch Nicht-PsychodramatikerInnen erhalten hier ein Nachschlagewerk, dessen Lektüre das in der Psychodrama-Literatur oft nur einseitig skizzierte Moreno-Bild vervollständigen wird.


Rezension von
Prof. Dr. Ferdinand Buer
Erziehungs- und Sozialwissenschaftler, Psychodramatiker, Supervisor und Coach, Leiter des Psychodrama-Zentrums Münster.
und
Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
Homepage www.wissenschaftscoaching.de
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Zitiervorschlag
Ferdinand Buer/Birgit Szczyrba. Rezension vom 29.04.2010 zu: Christoph Hutter, Helmut Schwehm (Hrsg.): J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16568-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8851.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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