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Garuth Chalfont: Naturgestützte Therapie

Cover Garuth Chalfont: Naturgestützte Therapie. Tier- und pflanzengestützte Therapie für Menschen mit einer Demenz planen, gestalten und ausführen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 245 Seiten. ISBN 978-3-456-84748-1. 29,95 EUR.
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Thema

Die Lebenswelt Demenzkranker in stationären Einrichtungen der Altenhilfe lässt sich in drei Dimensionen unterscheiden: das Pflegemilieu, das soziale Milieu und die räumliche und physikalische Umwelt. Mit der räumlich-physikalischen Umwelt sind konkret die Räumlichkeiten wie Gemeinschaftsbereiche, Flure und auch die Bewohnerzimmer sowie die physikalischen Komponenten wie Helligkeit, Raumtemperatur, Geräusche und auch Gerüche gemeint. Und auch die Außenbereiche gehören dazu: Gärten, Höfe, Terrassen und Balkone. All diese Einzelfaktoren können je nach dem Grad des Krankheitsstadiums sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der äußert milieuabhängigen und zugleich auch hilflosen Bewohner zeigen. In den letzten Jahren hat man sich nun in den Fachkreisen auch verstärkt diesen Komponenten der physikalischen Umwelt zugewandt, wie aus den zahlreichen Veröffentlichungen über Demenzarchitektur, Demenzgärten und Modelle der Beleuchtung zu ersehen ist. Die vorliegende Veröffentlichung hat den Schwerpunkt in der Integration von Naturkomponenten in die Lebenswelt Demenzkranker. Zentrales Ziel hierbei ist vor allem, möglichst viele Naturerfahrungen im Heimbereich zum Wohle der demenzkranken Bewohner zu ermöglichen.

Autor

Garuth Chalfont (PhD) ist Landschaftsarchitekt und arbeitet als Pflegeassistent und Forscher an der Schule für Architektur der Universität Sheffield.

Aufbau

Die Publikation ist in zwei Teile und eine Zusammenfassung (Kapitel 7: Seite 191-200) nebst Anhang untergliedert:

Teil 1 – „Natur im Innenbereich“ umfasst die folgenden Kapitel

  • Kapitel 1 „Mit der Natur leben“ (Seite 25-39)
  • Kapitel 2 „Die Natur einbeziehende Aktivitäten“ (Seite 41–67)
  • Kapitel 3 „Ethische Probleme der Einbeziehung von Natur im Innenbereich“ (Seite 69–78)

Teil 2 „Natur im Freien“ besteht aus folgenden Kapiteln

  • Kapitel 4 „Die natürliche Umwelt“ (Seite 81–111)
  • Kapitel 5 „Aktivitäten im Freien“ (Seite 113-179)
  • Kapitel 6 „Ethische Probleme in Verbindung mit der Natur draußen“ (Seite 181–190)

Inhalt

Der Autor ist in seinen Ausführungen bestrebt, die Lebenswelt Demenzkranker im Pflegeheim durch die verschiedene Naturerfahrungen in Gestalt der Wahrnehmung von Pflanzen und Tieren deutlich zu bereichern. Als Landschaftsarchitekt gibt er diesbezüglich konkrete Beispiele aus verschiedenen Pflegeheimen u. a. aus England und Norwegen teils mit Abbildungen und Grundrissen an und entwickelt sehr praxisnahe Umsetzungsempfehlungen bezüglich der sozialen und baulichen Umgebung. Viele seiner Ausführungen fundiert er durch die Anführung von entsprechenden Studien aus der Demenzforschung. Eingehend beschäftigt er sich u. a. mit folgenden Themenschwerpunkten:

  • Die Verwendung von Zimmerpflanzen und Schnittblumen und die damit verbundene Pflege. Er geht auch auf die Gefahr, dass Pflanzen oft von Demenzkranken aufgrund von Fehlwahrnehmungen gegessen werden. Diesbezüglich verweist er auf die Nutzung von künstlichen Pflanzen als Ersatz.
  • Das Halten von Haus- und Streicheltieren wird sowohl unter dem Aspekt der Steigerung des Wohlbefindens für viele Heimbewohner als auch unter dem Aspekt negativer Auswirkungen wie u. a. Allergien bezüglich Katzenhaare und die Furcht vor Hunden bei bestimmten Bewohnern sehr ausführlich erörtert.
  • Der Gartenbau innerhalb der Einrichtung mittels Topfpflanzen in Pflanzenregalen und auf den Fensterbänken wird anhand verschiedener Aktivitäten (u. a. Basteln mit getrockneten Pflanzen, Sträuße flechten, Topfen und Wässern von Zimmerpflanzen) sehr anschaulich beschrieben.
  • Die Bedeutung des natürlichen Lichts für Demenzkranke belegt der Autor u. a. mit verschiedenen Forschungsergebnissen. Auch der Ausblick aus dem Fenster auf das räumliche Umfeld unter dem Aspekt des Beobachtens der Außenwelt mit entsprechender Fenstergröße und Innenmöblierung ist ein Thema.
  • Die Bewegung Demenzkranker als ein Bedürfnis bearbeitet der Autor unter architektonischen Aspekten der Raumgestaltung innerhalb des Gebäudes und im Außenbereich. Interessante Entwürfe mit anschaulichen Abbildungen aus England und Norwegen von Veranden mit Schutzdach, Kreuz- und Wandelgängen und einem Modell von einem umlaufend gestalteten Wintergarten zeigen auf, welche Möglichkeiten die Architektur zur Optimierung der Lebenswelt Demenzkranker zu bieten vermag.
  • Das breite Spektrum an Aktivitäten im Freien wird anhand von vielen Beispielen aufgezeigt: Spazieren gehen, im Garten sitzen und beobachten, verschiedene Gartenarbeiten u. a. mit Hochbeeten und in Gewächshäusern, häusliche Tätigkeiten wie Wäsche aufhängen, Fegen und Rechen, Vögel und Hühner füttern, Ausflüge machen und Verreisen.

Diskussion

Die Bewertung der Ausführung der vorliegenden Publikation fällt aus den folgenden Gründen äußerst zwiespältig aus. Folgende Punkte können als positiv und empfehlenswert eingeschätzt werden:

  • Anhand von vielen Beispielen aus der Praxis verschiedener Einrichtungen versteht es der Autor, das weite Spektrum der Integration von Naturaspekten wie Pflanzen und Tiere in das Heimgeschehen anschaulich darzustellen. Das Rekurrieren auf einschlägige Forschungsergebnisse fundiert diesen Sachverhalt einer Erweiterung und Vertiefung der Lebenswelt Demenzkranker durch das Angebot des Einflechtens natürlicher Elemente in den Alltag.
  • Fachlich korrekt kann auch das Vorgehen bezeichnet werden, anhand von konkreten Beispielen immer auch die positiven und negativen Auswirkungen bestimmter Interventionsformen wie Haustiere und Zimmerpflanzen auf die Bewohner abzuwägen. Man spürt, dass hier das Wohlbefinden der Betroffenen im Zentrum der vielen Empfehlungen und Ratschläge steht.

Negativ und nicht zu vereinbaren mit einer angemessenen Demenzpflege und einem angemessenen Demenzmilieu sind die folgenden Inhalte des Buches:

  • Als ein Vertreter der Bradford Dementia Group an der Universität Bradford (England) lehnt der Autor einen neuropathologischer Erklärungszusammenhang, das so genannte „Standardparadigma“, für die Demenz als entscheidenden Bezugsrahmen ab. Entsprechend referiert der Autor dann u. a. auch sehr spekulativ und ohne jedweden empirischen Beleg von „spirituellen Aspekten“, „Selbstbeobachtung und Personifikation“ für die Demenzkranken im Kontext des Naturerlebens (Seite 93).
  • Schwerwiegend und nicht zu verantworten ist der Sachverhalt, dass Demenzkranken, die für Kitwood und damit auch für den Autor aufgrund ihres ideologischen Konstruktes eines so genannten „Personseins“ keinen Krankheitsstatus besitzen, eine überfordernde Selbstständigkeit zugemutet wird. Demenzkranken wird in diesem Modell eine Freizügigkeit zugestanden, die lebensgefährliche Folgen mit sich bringen kann. So führt z. B. der Autor ohne Kritik an die Verantwortlichen einen Todesfall durch Erfrieren nach unbeaufsichtigtem Verlassen einer Einrichtung in England an (Seite 185). Die Einstellung zu den äußerst hilflosen und schutzlosen Bewohnern drückt der Autor u. a. wie folgt aus: „Doch das Leben ist nun einmal ein riskantes Unterfangen. Deshalb vertritt der Autor die Ansicht, dass es unethisch ist, im tagtäglichen Leben jemand davon abzuhalten, für sich selbst akzeptable Risiken einzugehen …“ (Seite 71). Den Rezensenten erfasst das kalte Grausen angesichts einer derartigen „Ethik“. Keinem Demenzkranken wird eine derartige Lebenswelt gewünscht.

Fazit

Trotz der vielen positiven Impulse dieser Veröffentlichung kann keine Empfehlung zur Lektüre gegeben werden. Wenn die Gewährleistung der körperlichen Unversehrtheit kein Kernprinzip und damit auch keine Selbstverständlichkeit darzustellen scheint, dann kann auch mit den vielen Anregungen keine sichere und schützende Lebenswelt für Demenzkranke gestaltet werden.


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 25.01.2011 zu: Garuth Chalfont: Naturgestützte Therapie. Tier- und pflanzengestützte Therapie für Menschen mit einer Demenz planen, gestalten und ausführen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84748-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8857.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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