socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tobias Piontek: Stigmatisierung [...] von Jugendlichen [...] in der Psychiatrie

Cover Tobias Piontek: Stigmatisierung im Erleben von Jugendlichen mit Erfahrungen in der Psychiatrie. Blumhardt Verlag 2009. 142 Seiten. ISBN 978-3-932011-81-8. 10,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Zur Frage in einer Patientenrunde, welche Worte zur eigenen stationären Behandlung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie passen würden, kam von einer Jugendlichen die Antwort: „der letzte Faden“. Immer wieder tauchen aber auch andere, altbekannte Bilder auf: „Klapse“, „durchgedreht“, „verrückt“. Wie bewerten Jugendliche, die Patienten in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sind, ihren Aufenthalt und die Tatsache ihrer Behandlung. Wie gehen sie damit um, dass psychische Störungen und psychiatrische Kliniken in unserer Gesellschaft noch immer mit stigmatisierenden Vorstellungen und Begriffen belegt sind. Tobias Piontek ist dieser Frage im Rahmen seiner Masterarbeit zum Master of Social Work an der Fachhochschule Hannover nachgegangen. Die Arbeit wurde im Blumhardt Verlag veröffentlicht und dort mit einem Preis für herausragende Masterarbeiten ausgezeichnet.

Aufbau und Inhalte

Empirische Grundlage der Arbeit sind eine Fragebogenerhebung und ein Leitfadeninterview, die im Jahr 2007 an einer Leipziger Inanspruchnahmestichprobe durchgeführt wurden. 50 junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren, die sich in stationärer jugendpsychiatrischer Behandlung befanden, waren einverstanden, an der Befragung teilzunehmen. Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer in der Stichprobe lag bei 12 Wochen. Die Befragung fand jeweils wenige Tage vor der geplanten Entlassung statt. Im Fragebogen wurde darauf hingewiesen, dass die Auswertung anonym erfolgt. Erfragt wurden

  • die Zufriedenheit mit der Behandlung
  • die Ansicht von Psychiatrie vor der ersten stationären Behandlung
  • das Wissen und die Reaktionen anderer zum Behandlungsaufenthalt
  • während der Behandlung erlebte Nachteile und Vorurteile
  • Befürchtungen und Erwartungen nach der Entlassung aus der Klinik

Die Befragungsergebnisse sind deskriptiv gut aufbereitet und werden detailliert beschrieben. Über 90% der Befragten bewerteten ihre Behandlung als „voll und ganz“ (50%) oder „überwiegend“ (42%) hilfreich. Knapp die Hälfte der Betroffenen beschrieb, dass sie vor der stationären Behandlung „wenig über psychische Krankheiten wussten“. Als Informationsquellen über das kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungssetting nannten die Befragten zu je knapp einem Viertel professionelle Helfer (24%), sowie Eltern, Verwandte und Bekannte (23%). Fernsehen, Internet und Zeitungen wurden in ca. 17% der Antworten genannt, wobei hier offenbar vorwiegend abwertende Informationen erinnert wurden. Nur 4% der befragten Patienten äußerten Zustimmung zu der Frage: „Aus den Medien (Fernsehen, Zeitung, Internet usw.) hatte ich vorher ein positives Bild von Psychiatrie“. Erlebtes Verständnis für die Behandlung im familiären Bezugssystem wurde in ca. 90%, für den außerfamiliären Kontext (Lehrer, Erzieher, Ausbilder/Mitschüler, Freunde) zu ca. 80% berichtet. Die erwartete Unterstützung nach der Entlassung fiel geringer aus. Bezogen auf das familiäre Bezugssystem rechneten etwa 80% der Betroffenen mit hohem Verständnis durch die Familie, 60% mit hohem Verständnis in den außerfamiliären Bezugsgruppen. 35% der befragten jungen Menschen fühlten sich für die Zeit nach der Entlassung nicht ausreichend für den Umgang mit Vorurteilen und Benachteiligungen gewappnet.

Zur Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf andere Patientenstichproben trifft die Arbeit keine Aussage. Aus klinischer Sicht sind die Antworten der jungen Menschen aufschlussreich und plausibel. Die Darstellung der Befragungsergebnisse und die korrelationsstatistische Datenanalyse sind unkompliziert und schlüssig. Das lässt sich vom theoretischen Teil der Arbeit nicht durchgängig sagen.

Das methodologische Kapitel „Kritische Psychologie als metatheoretischer Bezugsrahmen für ein subjektwissenschaftliche Verständnis von Stigmatisierung“ ist nur schwer zu durchdringen. Zwar wäre es sicher lohnenswert, kritisch auf Klaus Holzkamp und die methodologischen Ansprüche der „Kritischen Psychologie“ zurück zu kommen. Verständlicherweise fehlt eine solche Grundlagendiskussion in dem Methodenkapitel jedoch. Unhinterfragt aber wirkt die Begrifflichkeit der „Kritischen Psychologie“ zu wenig substantiell, bleibt ein theoretischer Überbau, der die Fragestellung zeitweise zu erdrücken scheint. Im zweiten Theorieabschnitt, dem Einführungskapitel zum Stigmatisierungsbegriff skizziert Tobias Piontek sicher und konzentriert die wichtigsten Linien, an denen entlang das Stigmakonzept entwickelt und beforscht wurde. Die von Erving Goffman herausgearbeiteten Grundlagen werden gut verständlich zusammengefasst und verschiedene in Deutschland durchgeführte Studien diskutiert.

Fazit

Die vorliegende Arbeit Pionteks und ihre Veröffentlichung im Blumhardt Verlag verdienen große Anerkennung. Die Studie beleuchtet wie ein Blitzlicht das Erleben junger Menschen am Schluss einer stationären kinder- jugendpsychiatrischen Behandlung. Die Patienten konnten eigene Vorurteile gegenüber der Klinik mehrheitlich korrigieren und bewerten die stationäre Therapie überwiegend positiv. Und doch bestehen vor der Entlassung schwerwiegende Sorgen vor sozialer Abwertung und Ausgrenzung. Hier liegt ein Auftrag an die Klinik, ihre Patienten bei der Bewältigung stigmatisierender Zuschreibungen, dem Stigma-Management systematisch zu unterstützen. Und es zeigt sich der gesellschaftliche Auftrag zu seriöser und engagierter Information über psychische Krankheiten und ihre Behandlung.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Christian Brandt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 24.11.2010 zu: Tobias Piontek: Stigmatisierung im Erleben von Jugendlichen mit Erfahrungen in der Psychiatrie. Blumhardt Verlag 2009. ISBN 978-3-932011-81-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8863.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung