Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Waldemar von Suchodoletz (Hrsg.): Therapie von Entwicklungsstörungen

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 01.04.2010

Cover Waldemar von Suchodoletz (Hrsg.): Therapie von Entwicklungsstörungen ISBN 978-3-8017-2138-1

Waldemar von Suchodoletz (Hrsg.): Therapie von Entwicklungsstörungen. Was wirkt wirklich. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 288 Seiten. ISBN 978-3-8017-2138-1. 34,95 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Das Buch ist der vierte Band in einer Reihe zu Entwicklungsstörungen (bisherige Themen: langfristige Entwicklungschancen, Möglichkeiten der Früherkennung, Prävention).

Entwicklungsstörungen stellen ein erhebliches Risiko für die soziale und emotionale Entwicklung eines Kindes dar. In diesem Buch soll der gegenwärtige Wissensstand zur Therapie und Förderung von Kindern mit Entwicklungsstörungen zusammengefasst werden.

Aufbau und Inhalt

Einleitend werden von Waldemar von Suchodoletz (München) die Möglichkeiten und Grenzen einer Therapie von Entwicklungsstörungen diskutiert: Therapie und Förderung hat das Ziel, durch eine Optimierung der Entwicklungsbedingungen ungünstige Veranlagungen, Folgen von Hirnschädigungen und hemmende Umweltbedingungen auszugleichen. Schnelle und sprunghafte Verbesserungen sind dabei nicht zu erwarten; eine Behandlung muss langfristig angelegt sein und das Umfeld mit einbeziehen. Suchodoletz verweist auf die gesetzliche Forderung, dass therapeutische Leistungen das Maß des Notwendigen nicht übersteigen dürfen. Die wichtigste Voraussetzung, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen ist der Nachweis der Wirksamkeit. Es wird der Begriff der evidenzbasierten Therapie eingeführt und Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz einer Intervention unterschieden. Suchodoletz sieht ein Spannungsfeld zwischen erfahrungs- und evidenzbasierter Therapie.

In den nächsten acht Kapiteln werden spezifische Störungen angesprochen:

  • Motorische Störungen (Hans Michael Straßburg, Würzburg)
  • Psychische Störungen bei Menschen mit einer Intelligenzminderung (Frank Häßler, Rostock)
  • Sprech- und Sprachentwicklungsstörungen (Waldemar von Suchodoletz, München)
  • Lese-Rechtschreibstörungen (Waldemar von Suchodoletz, München)
  • Rechenstörungen (Wolfgang Schneider, Kristin Krajewski & Christina Schwenck, Würzburg, Frankfurt/Main)
  • Autistische Störungen (Michèle Noterdaeme, Augsburg)
  • Emotionale Störungen (Alexander von Gontard, Homburg)
  • ADHS (Claus Jacobs & Franz Petermann, Bremen)
  • Störungen des Sozialverhaltens (Franz Petermann, Bremen)

Die einzelnen Beiträge geben nach kurzen Informationen zum Störungsbild und zur Diagnostik einen Überblick über Förder- und Therapieansätze. Soweit vorhanden geben sie einen Überblick über standardisierte Programme, die sich an die Kinder, die Eltern oder an unterschiedliche Kontexte (Schule) richten, wobei sie jeweils auch über die Ergebnisse von Evaluationsstudien berichten. Abschließend werden meist ein Fazit oder explizite Folgerungen für die Praxis abgeleitet.

Sehr kritisch beleuchtet Waldemar von Suchodoletz alternative Therapiemethoden. Er fasst dabei ganz unterschiedliche Ansätze zusammen, z.B. Tomatis-Therapie und Klangtherapie, Behandlung mit medikamentenähnlichen Substanzen, Cranio-Sacral-Therapie, aber auch die sensorische Integrationstherapie. Gemeinsam ist den meisten der besprochenen Methoden, dass entweder in kontrollierten Untersuchungen keine Wirksamkeit nachweisbar war, methodische Mängel der Studien keine schlüssigen Aussagen ermöglichen oder keine Studien vorliegen. Diese Methoden erfreuen sich häufig einer großen Zufriedenheit seitens der Betroffenen, die über wohltuende Zuwendung berichten und dass ihr Kind als „Ganzes“ gesehen werde. Die positiven Effekte sind nach von Suchodoletz als unspezifische Wirkungen auf Placebo- oder Kontext-Effekte zurückzuführen.

Abschließend zieht Waldemar von Suchodoletz für die Therapie von Entwicklungsstörungen ein Fazit. Er fasst die Grundrichtungen kind – und elternzentrierte Therapien, eher trainings- und programmorientiert oder orientiert an der Stärkung der Eigeninitiative des Kindes oder der Kompetenz der Eltern, zusammen, diskutiert hier explizit auch Frühförderung und Ergotherapie, und bewertet die Versorgung bezüglich der Kriterien Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz.

Diskussion

Die Kapitel zu den jeweiligen Störungsbildern sind sehr informativ. Sie geben einen guten Überblick über Therapie- und Fördermaßnahmen und ihre Wirksamkeit. Es ist aber wenig hilfreich für die Praxis, wenn ein englischsprachiges Programm vorgestellt wird, bei dem vorgegebene Videobeispiele mit den Eltern diskutiert werden sollen.

Von Suchodoletz betont zurecht die Notwendigkeit eines Gesamtbehandlungsplans, der eine mehrdimensionale Therapie des Kindes unter Einbeziehung der Familie und des weiteren Umfeldes beinhaltet; die Eltern müssen beraten und angeleitet werden, emotional entlastet und in ihren Kompetenzen gestärkt werden.

In seiner Darstellung der Therapieevaluation und in seinen Forderungen nach evidenzbasierter Therapie setzt der Herausgeber sehr hohe Maßstäbe. Er fordert randomisierte kontrollierte Studien, gesteht aber auch, dass in dem Bereich der Entwicklungsstörungen nur wenige Studien vorliegen und es noch erheblicher Forschungsanstrengungen bedarf. Die zu behandelnden Problemlagen sind sehr heterogen; viele Faktoren beeinflussen die angezielten Ergebnisse. Ob eine stärkere Standardisierung der Behandlung die vom Herausgeber erwarteten positiven (Forschungs-)Effekte hätte oder für die Belange der Klienten eher kontraindiziert ist, ist kritisch zu diskutieren.

Eine Weiterentwicklung der Therapieforschung hat neben der pragmatischen Durchführbarkeit auch ethische Grundsätze zu berücksichtigen. Unbestreitbar ist es, dass zur Klärung vieler offener Fragen, zu Fragen der Optimierung der Behandlung, die Forschung deutlich intensiviert werden sollte. Aussagefähige Studien sind jedoch sehr teuer; für die Begleitforschung müssen dann auch entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Zielgruppen

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Pädiater, Kinder- und Jugendpsychiater, Mitarbeiter in Frühförderstellen und sozialpädiatrischen Zentren, Pädagogen, Erzieherinnen, Lehrer, Logopäden und Ergotherapeuten

Fazit

Ein lesenswertes, anregendes Buch, das vielfältige Informationen enthält und guten Überblick über die vorhandenen Methoden gibt, das zum Denken anregt. Es enthält aber auch Reibungspunkte, die zur fruchtbaren interdisziplinären Diskussion einladen.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
Mailformular

Es gibt 181 Rezensionen von Lothar Unzner.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 01.04.2010 zu: Waldemar von Suchodoletz (Hrsg.): Therapie von Entwicklungsstörungen. Was wirkt wirklich. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8017-2138-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8872.php, Datum des Zugriffs 26.11.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht