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Jörg Petry: Dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internet-Gebrauch

Rezensiert von Dr. rer. nat. Volker Premper, 06.04.2010

Cover Jörg Petry: Dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internet-Gebrauch ISBN 978-3-8017-2102-2

Jörg Petry: Dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internet-Gebrauch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 184 Seiten. ISBN 978-3-8017-2102-2. 26,95 EUR. CH: 44,90 sFr.
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Autor

Dr. Jörg Petry ist Leiter der Fachgruppe „Pathologisches Glückspiel, pathologischer PC-/Internetgebrauch“ der AHG Klinik-Gruppe. Zuvor war er langjährig leitender Psychologe einer Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen und Psychosomatik. Er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allen Dingen einen Namen gemacht mit Publikationen zu Themen des pathologischen Glückspielens. Er gilt für dieses Störungsbild als einer der renommiertesten Fachleute im deutschsprachigen Raum. Seit einigen Jahren nun beschäftigt er sich zunehmend auch mit dem vergleichsweise neuen Phänomen des exzessiven Computer- und Mediengebrauches.

Ziel und Zielgruppe

Anliegen des Autors ist es, ein Erklärungsmodell zu entwickeln, weshalb einem Teil der Nutzer moderner elektronischer Medien, hier PC und Internet, die Nutzung entgleitet und pathologische Formen annimmt. Dazu werden die Besonderheiten der modernen Medien zunächst historisch-kulturell eingeordnet. In einem weiteren Schritt wird vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Erkenntnisse der Bezug zu einer spezifischen Bedürfnisstruktur besonders bei Jugendlichen mit ungünstigen Entwicklungsbedingungen hergestellt. Die Entwicklung dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internetnutzungsmuster wird vor diesem Hintergrund verstehbar gemacht. Es wird begründet, weshalb der dysfunktionale oder pathologische PC- und Internetgebrauch ein eigenes psychopathologisches Störungsbild darstellt. Das Buch richtet sich in erster Linie an Berater und Behandler, die mit Ratsuchenden oder Patienten, die unter diesem Störungsbild leiden, zu tun haben. Es soll Orientierung geben in einem heiß diskutierten, aber bisher nur unvollständig beschriebenen und nicht klar definierten Problemfeld.

Aufbau und Inhalt

Im 1. Kapitel wird herausgearbeitet, was die Spezifität des neuen Mediums PC/Internet ausmacht. Zunächst wird dabei auf die kulturgeschichtliche Entwicklung von Medien und die medienwissenschaftliche Theoriebildung eingegangen. Der Autor nimmt dabei besonders Bezug auf die kanadische Schule, hier insbesondere auf Marshall McLuhan. Zentraler Gedanke der von McLuhan formulierten Medientheorie ist, dass das Medium den Inhalt und die Art der Mediennutzung wesentlich mitbestimmt und so erheblichen Einfluss auf soziale und gesellschaftliche Veränderungsprozesse nimmt. Das neue Medium PC/Internet vereint alle bisherigen Medien (Schrift-, Ton- und Bildmedien) in sich und erlaubt darüber hinaus dem Nutzer die aktive Mitgestaltung und Beeinflussung der Medieninhalte. Petry arbeitet 5 konstitutive Merkmale des Mediums PC/Internet heraus: Multimedialität, Omnipräsenz, Instantität, Interaktivität und Vernetztheit. Die Kombination dieser Merkmale eröffnet einen völlig neuen Erlebensmodus, der ein Eintauchen und potenzielles Sich- Verlieren in der virtuellen Welt ermöglicht bzw. erleichtert.

Im 2. Kapitel geht der Autor auf medienpsychologischen Grundlagen ein. Er verweist darauf, dass die Art der Mediennutzung nicht unabhängig von der Motivationslage sowie der psychischen und sozialen Situation des Rezipienten bzw. Nutzers gesehen werden kann. Durch seine spezifischen Eigenschaften und Anreize wirkt das Medium PC/Internet wieder zurück auf seinen Nutzer. Es wird deutlich gemacht, dass die Phänomene „Telepräsenz“, das Gefühl der Anwesenheit im Netz und „Immersion“, das Zurücktreten der realen Welt hinter die virtuelle Welt, gefördert werden. Neben der reinen Unterhaltung als Nutzungsmöglichkeit findet Beziehungsbildung und Identitätsentwicklung statt. Durch Chatforen, Weblogs und Online-Rollenspiele etc. etablieren sich neue Formen sozialer Beziehungsaufnahme und –gestaltung und vermischen sich mit den herkömmlichen. Vor dem Hintergrund der bisherigen empirischen Befundlage kann zusammenfassend festgestellt werden, dass weder kulturpessimistische Einschätzungen (Rückzug aus realen sozialen Beziehungen, Förderung dissoziativen Erlebens) noch einseitig optimistische Bewertungen der virtuellen Erlebensmöglichkeiten (Förderung der Selbstexploration, Entwicklung spezifischer kognitiver Fähigkeiten, Vervielfältigung sozialer Kontakte) gerechtfertigt sind. Die Gefahr, sich in virtuelle Scheinwelten zurückzuziehen, scheint nur für einen kleinen Teil der PC-/Internet-Nutzer zu bestehen, die in ihrer Persönlichkeit wenig gefestigt sind und unter psychischen und sozialen Defiziten leiden.

Zur Vorbereitung der Erklärung, wie ein dysfunktionaler oder pathologischer PC-/Internetgebrauch entstehen kann, nimmt der Autor Bezug auf entwicklungspsychologische Theorien. Zunächst geht er ein auf die handlungstheoretische Sichtweise des Spielens nach Oerter (1993, 2008) ein. Spielen erfüllt spezifische Funktionen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, bei der Bewältigung von Problemen und Entwicklungsaufgaben sowie der Identitätsbildung. Konnten diese Aufgaben in der kindlichen Entwicklung nicht im ausreichenden Maße bewältigt werden, bietet sich das Medium PC/Internet als Universalspielzeug an, hier Bedürfnisse kompensatorisch zu befriedigen. Hervorgehoben werden 3 Nutzungsformen, die dysfunktionalen oder pathologischen Charakter annehmen können: Das Surfen als Aneignung der Umwelt, das Chatten als Möglichkeit sozialer Beziehungsaufnahme und das Gamen, hier insbesondere die Mehrpersonen-Online-Rollenspiele zur Entwicklung und Erweiterung der personalen und sozialen Identität. Weiter wird auf die Bindungstheorie von Bowlby (1969) eingegangen. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass früh erworbene Bindungsmuster relativ stabil sind und auch im jugendlichen und Erwachsenenalter erhalten bleiben, wird herausgearbeitet und an Beispielen illustriert, dass das Medium PC/Internet vielfältige Möglichkeiten bietet, das Bedürfnis nach zuverlässiger Bindung und Berechenbarkeit des sozialen Geschehens bei gleichzeitiger Möglichkeit zum Explorationsverhalten zu befriedigen. (Dieses Kapitel, sowie Kap. 9.4 wurden von Petra Schuler als Koautorin verfasst).

Im 5. Kapitel werden nun verschiedene Erklärungsmodelle vorgestellt. Der Autor beginnt mit dem Suchtmodell und verweist darauf, dass der Begriff „Internet-Sucht“ zunächst eher als Glosse gemeint war, dann jedoch zunehmend ernsthaft diskutiert wurde. In der weiteren Diskussion werden dann die Begriffe „Nichtstoffgebundene Suchterkrankung“ oder „Verhaltenssucht“ verwendet. Die Konzeptualisierung des pathologischen PC-/Internetgebrauches als Suchterkrankung wird von Petry kritisiert. Im Suchtmodell, so Petry, finde eine „Überbetonung der emotionalen Konditionierungsprozesse des Belohnungssystems“ statt. Das komplexe Gefüge volitionaler und motivationaler Prozesse sowie Möglichkeiten der Handlungskontrolle würden zu wenig berücksichtigt. Zudem seien zentrale Merkmale der Störungen, die der Suchtdomäne zuzurechnen sind, nicht erfüllt. Dies sind: der mit dem Suchtverhalten verbundene Rauschzustand, die soziale Devianz, intensive Schuld- und Schamgefühle und fortschreitende Einengung der Handlungskontrolle mit einer eskalierenden Suchtdynamik (Orford, 2001). Diese für Suchterkrankungen konstituierenden Merkmale finden sich so nicht bei den PC-/Internet-Spielern. Das Immersionserleben hat nicht die Qualität eines Rauschzustandes und es kommt nicht zu deviantem Verhalten. Die psychische Symptomatik zeigt sich primär in Depression und Ängsten mit starkem sozialem Rückzugsverhalten, weniger jedoch Schuld- und Schamgefühle. Auch eine eskalierende selbstzerstörerische Dynamik ist nicht zu finden.

Als weiteres Modell stellt Petry den sozial kognitiven Ansatz von LaRose et al. (2003) vor. Die Art des PC-/Internetgebrauches wird hier als eine Wechselwirkung zwischen spezifischen Kompetenzen im Umgang mit Medien und medienunabhängigen personalen und sozialen Ressourcen verstanden. Zur Entwicklung eines dysfunktionalen oder pathologischen PC-/Internetgebrauches kommt es, wenn bei dem Nutzer keine ausreichende Selbstkontroll- und Selbstregulationsfähigkeit besteht, wenn geringe soziale Kompetenzen vorliegen und überwertige dysfunktionale Kognitionen bezüglich des Mediums vorhanden sind. Im Mediengebrauch wird dann kompensatorisch Befriedigung und Bestätigung gesucht, real vorhandene Ressourcen werden nicht genutzt und entwickeln sich zurück. Petry kritisiert an diesem Modell, dass die entwicklungspsychologische Perspektive fehlt und die Autoren zur Erklärung stärker ausgeprägten pathologisch süchtig anmutenden PC-/Internet-Verhaltens auf das Suchtkonzept zurückgreifen, obwohl dieses aus den theoretischen Annahmen eigentlich nicht ableitbar ist.

Petry stellt dem ein bio-psycho-soziales Störungsmodell gegenüber. Er geht in dem Modell davon aus, dass organische Faktoren und in der individuellen Entwicklungsgeschichte begründete psychische Faktoren eine spezifische Vulnerabilität des Individuums begründen. Diese wird beeinflusst und mitbedingt durch ungünstige kulturelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Kommen Entwicklungskrisen, wie etwa in der Adoleszenz, Überforderungserlebnisse oder spezifische kritische Lebensereignisse hinzu, verstärkt sich ein kompensatorisches dysfunktionales Verhalten, das in der Nutzung des Mediums PC/Internet Befriedigung, soziale Verbindlichkeit, Orientierung oder Ablenkung von Problemen sucht. Als missglückte Formen des Mediengebrauches unterscheidet Petry dabei ausdrücklich den dysfunktionalen und den pathologischen Gebrauch. Der dysfunktionale PC-/Internetgebrauch ist dabei in seiner Intensität, seiner zeitlichen Dauer und seinen negativen Konsequenzen weniger ausgeprägt. Mehrheitlich handelt es sich dabei um ein Übergangsphänomen vornehmlich in der Adoleszenz. Der pathologische PC-/Internetgebrauch hingegen persistiert, ist mit erheblichen psychischen und sozialen Problemen assoziiert und mit gravierenden negativen Konsequenzen für das Individuum verbunden.

Im 6. Kapitel beschreibt der Autor die Risiken und Entwicklungsbedingungen für das Entstehen von dysfunktionalem PC-/Internetgebrauch vor dem Hintergrund unserer weltumspannenden Medienkultur. Es wird herausgearbeitet, dass sich Heranwachsende heute spezifischen Anforderungen im Umgang mit dem Medium PC/Internet gegenübersehen, die sowohl Chancen als auch Risiken bergen. Die Entwicklung eines reflexiven und konstruktiven Umgangs (Medienkompetenz) stellt erhebliche Anforderungen an die Heranwachsenden, über die jedoch nicht alle verfügen. Um einem exzessiven PC-/Internetgebrauch entgegenzuwirken, bedarf es eines starken Partners auf der Erwachsenen-Seite, der verbindliche Regeln aufstellt und durchsetzt, sich mit dem Jugendlichen argumentativ mit den Chancen und Risiken der neuen Medien auseinandersetzt und durch gemeinsame Aktivitäten Erlebnisalternativen bietet, die emotionale Erfahrung ermöglichen und soziale Bindung herstellen. Therapeutische Interventionen bei dysfunktionalem PC-/Internetgebrauch sollten nach Petry darauf gerichtet sein, die Selbstkontrolle und das Selbstwirksamkeitserleben zu verbessern, sowie den Aufbau von Selbstvertrauen durch die Ermöglichung von sozial und emotional bedeutsamen Erlebnissen fördern.

Im 7. Kapitel wird das pathologische PC-/Internetspielen als umschriebenes psychisches Störungsbild vorgestellt. Als wesentliche Kriterien für das Vorliegen des Störungsbildes werden u. a. die Exzessivität der Online-Aktivität, die Überwertigkeit des Immersionserlebens, der ausgeprägte soziale Rückzug, eine reduzierte Handlungskontrolle und eine typische Konstellation negativer körperlicher, psychischer und sozialer Folgen benannt. Als wesentliche ätiologische Faktoren werden genannt: fehlende berufliche Perspektive, Erleben schulischen Leistungsversagens und eine unsichere Bindungsorganisation vor dem Hintergrund ungünstiger familiärer Entwicklungsbedingungen. Zur nosologischen Verortung wird die Einordnung in die Kategorie der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen vorgeschlagen: Sonstige und nicht näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörung (F68.8). Es werden die Unterformen des exzessiven Gamens, Chattens und Surfens unterschieden. Differentialdiagnostisch wird das pathologische PC-/Internetspielen gegen das Internet-Glückspielen und den Cybersexess (exzessive Nutzung erotischer und pornographischer Internetangebote) abgrenzt. In beiden Fällen handelt es sich um anderorts zu klassifizierende Erkrankungen mit Suchtcharakter, bei denen die Online-Aktivität lediglich ein Medium der Suchtbefriedigung ist, jedoch nicht das zentrale Element. Die Störungen werden anhand von Fallbeispielen im 8. Kapitel illustriert.

Abschließend wird von einer explorativen Studie an 42 pathologischen PC-/Internetspielern berichtet. In der untersuchten Stichprobe befanden sich vorwiegend junge Männer. Es zeigte sich eine hohe Komorbidität insbesondere mit depressiven Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Essstörungen und Suchtverhalten. Das dissoziationsähnliche Erleben erwies sich niedriger als bei Alkoholabhängigen und Glücksspielsüchtigen. Es scheint sich zu bestätigen, dass das Immersionserleben nicht als Rauschzustand gewertet werden kann. Eine Beeinträchtigung kognitiver Funktionen konnte nicht gefunden werden, ebenso wenig eine Störung der Impulskontrolle.

Das 9. Kapitel ist der Diagnostik und den Behandlungsstrategien gewidmet. Zunächst wird auf den aktuellen Stand von Behandlungsmöglichkeiten und die notwendigen Rahmenbedingungen eingegangen. Anschließend wird eine Reihe überwiegend neu entwickelter diagnostischer Instrumente vorgestellt. Es handelt sich um Instrumente zum Screening des Störungsbildes, zur Anamneseerhebung, zur Erfassung der Art der Bindungsorganisation, zum dissoziativen Erleben und zur Intensität des virtuellen Erlebens. Vorgeschlagen wird gegebenenfalls, diese Instrumente um Persönlichkeits-, Intelligenz- und Konzentrationsdiagnostik zu ergänzen. Als zentrale Themen des therapeutischen Veränderungsprozesses werden Problemerkennung und –akzeptanz, Veränderung dysfunktionaler Kognitionen und emotionaler Schemata, Kompetenzerweiterung im Umgang mit dem Medium PC/Internet sowie Erhöhung der Selbstakzeptanz benannt.

Gesondert wird auf die Bedeutung der therapeutischen Beziehung eingegangen. Vor dem Hintergrund einer tragenden, von Verlässlichkeit und Wärme gekennzeichneten therapeutischen Beziehung soll die Möglichkeit gegeben werden, die Wahrnehmung der persönlichen Geschichte zu differenzieren und funktionale Muster der Beziehungs-, Emotions- und Selbstregulation aufzubauen. Es wird darauf hingewiesen, dass in der „Ablösungsphase“ von der virtuellen Welt mit heftigen Emotionen und dem Auftreten starker interpersoneller Bedürfnisse zu rechnen ist. Ziel ist eine differenziertere Emotionswahrnehmung, eine angemessene soziale Beziehungsfähigkeit sowie ein stabileres Selbstwertgefühl. Die symptomorientierte Behandlung ist auf die Entwicklung von Medienkompetenz ausgerichtet. Vorgeschlagen wird ein Vorgehen nach dem so genannten Ampel-Modell. Die Patienten sollen lernen zu differenzieren, welche Medienaktivitäten sie auf jeden Fall unterlassen müssen (Rot), welche Aktivitäten sie potentiell in Gefahr bringen (Gelb) und welche Aktivitäten für sie ungefährlich sind (Grün). Weiter wird auf die Bedeutung nicht konfrontativer Motivierungsstrategien und sozial-kognitiver Rückfallprävention hingewiesen. Abschließend werden die Behandlungsstrategien im Rahmen des Behandlungssettings der stationären medizinischen Rehabilitation skizziert.

Diskussion

Der öffentliche Diskurs um exzessiven Computergebrauch trägt häufig eine kulturpessimistische Färbung und wird mit viel Emotionalität geführt. Und dies bei eher begrenzter empirischer Befundlage. Das hier vorgestellte Buch unterscheidet sich davon wohltuend. Bevor dysfunktionale oder pathologische Computernutzung thematisiert wird, werden die neuen Medien und ihre Nutzungsmöglichkeiten in einen kulturhistorischen Zusammenhang gestellt. Zum Verständnis, welche Auseinandersetzungen und welche Anforderungen das neue Medium PC/Internet von seinen Nutzern fordert, werden medienpädagogische und medienpsychologische Erkenntnisse herangezogen. Ebenso wird die Bedeutung, die die spielerische, virtuelle, Auseinandersetzung mit der Welt für die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung hat, reflektiert. Hierzu werden handlungstheoretische Ansätze herangezogen. Zum Verständnis der starken Bindung, die manche Personen an das Medium PC/Internet entwickeln, wird der Bezug zur bindungstheoretischen Überlegungen hergestellt. Das Phänomen des exzessiven Computer- und Internetgebrauches wird so aus verschiedenen Perspektiven eingehend beleuchtet. Petry zeigt sich dabei als profunder Kenner der psychologischen Theoriegeschichte und der aktuellen empirischen Befundlage. Er zeigt dabei auf, dass weder eine kulturpessimistische Sichtweise gerechtfertigt ist, noch eine die einseitig die Entwicklungsanreize und Potenziale des neuen Mediums hervorhebt. Es stellt sich heraus, dass ein dysfunktionaler oder pathologischer PC-/Internetgebrauch für eine begrenzte Anzahl von Personen eine Gefahr darstellt, die vor dem Hintergrund ungünstiger Entwicklungsbedingungen und Risikofaktoren dafür vulnerabel sind. In der Diskussion verschiedener Erklärungsmodelle wird nachvollziehbar dargelegt, weshalb das Suchtkonzept nicht greift, sondern die Störung eher als spezifische Ausformung einer Störung der Identitätsentwicklung und der sozialen Beziehungsfähigkeit zu sehen ist. Die Unterscheidung zwischen dysfunktionalem PC-/Internetgebrauch als minderschwere Form mit geringerer zeitlicher Persistenz gegenüber dem pathologischen PC-/Internetgebrauch als neues, klar umschriebenes Störungsbild, trägt zur Entpathologisierung des Phänomens bei. Das Störungsbild mit seinen Unterformen Gamen, Chatten und Surfen wird umfassend anhand von Fallbeispielen illustriert. Etwas irritierend wirkt dabei allerdings, dass die aufgeführten Personen sich überwiegend im mittleren Lebensalter befinden, während die Problematik zuvor eher als ein Phänomen des Jugend- und frühen Erwachsenenalters dargestellt wurde. Weiter ist anzumerken, dass die Darstellung von Beratungs- und Behandlungsansätzen durchaus hätte ausführlicher ausfallen können. Sehr differenziert und auf die einzelnen Symptome des Störungsbildes zugeschnitten werden hingegen diagnostische Instrumente vorgestellt. Besonders erfreulich ist, dass diese auch im Anhang als Kopiervorlage zu finden sind.

Fazit

Es ist das Verdienst dieses Buches, das Phänomen des exzessiven Computer- und Internetgebrauchs in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Ferner wird das Störungsbild als solches klarer greifbar und erhält eine nachvollziehbare nosologische Einordnung. So wird eine Grenzziehung zu einem bloß „übertriebenen“ Computergebrauch, der jedoch keinen Störungswert hat, möglich. Dieses Buch ist zunächst allen zu empfehlen, die sich mit der Beratung oder Behandlung von Menschen, die exzessiven Computer- und Internetgebrauch betreiben, befassen. Es ist darüber hinaus aber auch von großem Wert für jeden, der daran interessiert ist, das Phänomen einzuordnen und zu verstehen.

Rezension von
Dr. rer. nat. Volker Premper
Leitender Psychologe, MEDIAN Klinik Schweriner See, Lübstorf (Mecklenburg-Vorpommern)
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Es gibt 17 Rezensionen von Volker Premper.

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Zitiervorschlag
Volker Premper. Rezension vom 06.04.2010 zu: Jörg Petry: Dysfunktionaler und pathologischer PC- und Internet-Gebrauch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-8017-2102-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8877.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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