Fritz Poustka, Sven Bölte et al.: Ratgeber autistische Störungen
Rezensiert von Dr. phil. Martin Degner, 17.04.2010
Fritz Poustka, Sven Bölte, Sabine Feineis-Matthews, Gabriele Schmötzer: Ratgeber autistische Störungen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher.
Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG
(Göttingen) 2009.
2., überarbeitete Auflage.
62 Seiten.
ISBN 978-3-8017-2258-6.
8,95 EUR.
CH: 15,20 sFr.
Reihe: Ratgeber Kinder- und Jugendpsychotherapie - Band 5.
Thema
Das Buch „Autistische Störungen“ richtet sich an Professionelle, die mit Menschen mit Autismus arbeiten. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung die durch Beeinträchtigungen der Interaktion und der Kommunikation sowie durch stereotype und repetitive Verhaltensweisen gekennzeichnet ist. Autismus kommt mit einer Häufigkeit von 1/1000 Personen vor.
Autorinnen und Autoren
Die Autorinnen und Autoren haben langjährige Erfahrungen in der ambulanten und stationären Begleitung autistischer Menschen in psychiatrischen Einrichtungen. Sie sind weiterhin für wesentliche Arbeiten der Autismusforschung im deutschsprachigen Raum verantwortlich.
Entstehungshintergrund
Der Ratgeber „Autistische Störungen“ ist die überarbeitete Version des ersten Ratgebers, der 2004 erschien. Beide Versionen sind die Kurzfassung des „Leitfadens Kinder- und Jugendpsychotherapie: Autistische Störungen“.
Aufbau
Der Ratgeber folgt folgendem inhaltlichen Aufbau: Nach einer Einleitung (1.) wird (2.) die Feststellung des Autismus und ähnlicher Erkrankungen beschrieben. Dem folgen in (3.) ergänzende Bemerkungen zur Häufigkeit des Autismus und der Entwicklung dieser Störung im Lebensverlauf. In (4.) werden die Ursachen des Autismus erörtert. Dem folgen Ausführungen zur Begleitung autistischer Menschen im Familienalltag (5.) und ein Überblick über Autismustherapien (6.). Den Ratgeber schließen Literaturempfehlungen und ein Anhang ab.
Inhalt
Der Ratgeber „Autistische Störungen“ führt grundlegend in den aktuellen Wissenstand über Autismusspektrumstörungen ein.
Nach einigen typischen Fallbeispielen, die einen hohen Wiedererkennungswert besitzen, werden die Diagnosen „Autismus“ und „Asperger-Störung“ erklärt. In eingerahmten Kästen werden als Einschub besonders diskutierte Themen oder Mythen zum Autismus erklärt bzw. zurechtgerückt, beispielsweise die Fragen:
- „Sind Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen hochbegabt? (S. 22)“ oder
- „Genetische Einflüsse: Eltern trifft keine Schuld. (S. 29)“.
Die weiteren Themen des Buches sind im Hinblick auf die Leserschaft ausgewählt. Wissenschaftliche Theorien werden eher kurz, alltagsrelevante Themen dagegen ausführlicher behandelt.
Ausführlich wird beispielsweise in Kapitel 5. behandelt, was es für das Familienleben bedeutet, ein Kind mit Autismus zu haben und welche allgemeinen Strategien es gibt, um mit dieser Lebenssituation zurechtzukommen. Die Inhalte werden in einer präzisen Sprache und kurzen Sätzen wiedergegeben. Oftmals geben Poustka et al. den Eltern direkte Tipps oder Ratschläge, bspw. „Um nicht wiederholt enttäuscht zu werden… sind nüchterne Therapieziele notwendig. Werden immer kleine Ziele gesetzt, können diese besser und schneller Realität werden. (S. 37)“.
Das Kapitel 5 wird mit 12 Handlungsanweisungen für Eltern beendet. Der Überblick über Behandlungsmöglichkeiten des Autismus geht von einer evidenzbasierten Sichtweise aus. Interventionen deren Wirkung zumindest grundlegend belegt ist, werden empfohlen. Umstrittene oder schädliche Verfahren dagegen auch klar als solche gekennzeichnet.
Diskussion
Die Autoren beschreiben als Ziel des Buches, Eltern und Familien über grundlegende Aspekte des Autismus zu informieren. Diesem Ziel wird das Buch gerecht. Poustka et al. schaffen es einerseits das inzwischen umfangreiche Wissen über Autismus zu bündeln und wählten andererseits einen Sprachstil, der fast ohne Fachbegriffe auskommt oder diese hinreichend erklärt. Beispielsweise beschreiben sie im Kapitel zur „Feststellung des Autismus“ zuerst den Begriff der Diagnose, um diesen dann im weiteren Verlauf in der definierten Form zu verwenden. Diese Vorgehensweise scheint besonders für Familien autistischer Kinder angebracht, weil diese nicht mit Fachbegriffen allein gelassen werden. Stattdessen wird, um bei dem oben genannten Beispiel zu bleiben, erklärt, was eine Diagnose ist und welche Vor- und Nachteile damit verbunden werden. Oftmals wird der Leser direkt angesprochen („Kennen Sie das?“), was dem Lesevergnügen durchaus entgegenkommt. Die gewählten Beispiele sind treffend und zeugen von langjährigen Erfahrungen mit autistischen Menschen. Die Autoren versuchten das ganze Spektrum des Autismus abzubilden, indem sie sowohl leichter als auch schwer behinderte Kinder beschrieben. Die Schwerpunktsetzung auf familienrelevante Themen (Behandlung etc.) und die Verknappung wissenschaftlicher Theorien (Psychologische Theorien des Autismus) dienen dem Ziel des Buches. Insgesamt kann der Ratgeber „Autistische Störungen“ uneingeschränkt empfohlen werden, vor allem als erstes Buch, das man Eltern und im Autismusbereich unbedarften Fachleuten zum Lesen empfiehlt.
Fazit
Poustka et al. ist es gelungen ein Einführungsbuch zum Autismus zu schreiben, das ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Besonders hervorhebenswert sind die Auswahl der Themen (z. B. Autismus im Familienalltag) und die ansprechende Schreibweise, die zugleich Sensibilität für das Thema erkennen lässt und dennoch konkrete Handlungsempfehlungen bereithält.
Rezension von
Dr. phil. Martin Degner
Sonderschullehrer, Leitung Kleine Wege/Außenstelle Erfurt
Website
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