Jackie Brealy, Beverly Davies (Hrsg.): So helfen Sie Ihrem autistischen Kind
Rezensiert von Dr. phil. Martin Degner, 14.04.2010
Jackie Brealy, Beverly Davies (Hrsg.): So helfen Sie Ihrem autistischen Kind. Praktische Tipps für ein besseres Familienleben. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-456-84667-5. 19,95 EUR. CH: 33,90 sFr.
Thema
„So helfen Sie Ihrem autistischen Kind“ richtet sich an Eltern autistischer Kinder. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung die durch Beeinträchtigungen der Interaktion und der Kommunikation sowie durch stereotype und repetitive Verhaltensweisen gekennzeichnet ist. Autismus kommt mit einer Häufigkeit von 1/1000 Personen vor.
Autorinnen
Jackie Brealy ist Mutter eines Kindes mit Asperger-Syndrom und arbeitet als Pädagogin mit autistischen Kindern.
Beverly Davies ist Co-Autorin und hat die Fallbeispiele für das Buch zusammengetragen.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist die Übersetzung des 2006 in Großbritannien erschienenen Elternratgebers: “How to Help Your Autistic Spectrum Child: Practical Ways to Make Family Life Run More Smoothly”.
Aufbau
Der Elternratgeber ist folgendermaßen aufgebaut:
- Vorwort
- Einführung
- Kapitel 1: Autismus-Spektrum – eine Definition
- Kapitel 2. Die Bedeutung einer frühzeitigen Behandlung
- Kapitel 3: Alles über Matt
- Kapitel 4: Auswirkungen auf die Familie
- Kapitel 5: Emotionale Bewältigung
- Kapitel 6: Kommunikation
- Kapitel 7: Problemverhalten
- Kapitel 8: Förderung geistiger Flexibilität
- Kapitel 9: Umgang mit Problemen im Alltag
- Kapitel 10: Behalten Sie die Nerven – durch gute Organisation
- Kapitel 11: Schule
- Kapitel 12: Schulprobleme
- Kapitel 13: Ihre Rechte als Eltern
- Kapitel 14: Behandlungsmöglichkeiten und Therapieformen
- Kapitel 15: Wo man Hilfe erhält
- Kapitel 16: Was bringt die Zukunft
- Kontaktadressen
- Register
Inhalt
Anhand des Aufbaus ist erkennbar, dass das Thema Autismus im Familienleben möglichst umfassend behandelt werden soll. Es finden sich zu allen relevanten Alltagsbereichen ein Aufriss der typischen Probleme autistischer Kinder, illustriert durch Fallbeispielen, sowie Ratschläge zur Verbesserung der Verhaltensproblematik. Dabei geht es einerseits um autismustypische Schwierigkeiten, so z. B. in den Kapiteln zur „Kommunikation“ (Kap. 6) und dem „Problemverhalten“ (Kap. 7). Andererseits werden auch gesellschaftliche Barrieren beschrieben, z. B. in Kapitel 13: „Ihre Rechte als Eltern“, sowie Abweichungen vom „normalen“ Familienleben dargestellt, die durch ein autistisches Kind ausgelöst werden. Dies findet sich z. B. in Kapitel 10: „Behalten Sie die Nerven – durch gute Organisation“. Die damit erreichte Vielseitigkeit ist charakteristisch für das vorliegende Buch. Sie äußert sich ebenso in den gegebenen Ratschlägen, die von Beispielfotos zur Gestaltung von Tagesplänen (S. 30) über Erziehungsratschlägen wie „Belohnen Sie ihr Kind für erwünschte Angewohnheiten…“ (S. 68) bis zu Vorschlägen zur Veränderung des Familienalltages reichen, z. B. zum Einkaufen: „Nehmen Sie eine Einkaufsliste mit. So geht es schneller und Ihr Kind ist beschäftigt.“ (S. 96).
Diskussion
Das Buch zeichnet eine empathische Inhaltsauswahl und Sprache aus, die so wahrscheinlich nur von der Mutter eines autistischen Kindes erreicht werden kann. Die dargestellten Probleme sind typisch für Kinder mit Autismus auf einem hohen Funktionsniveau („high functioning autism“) oder für Kinder mit Asperger-Störung, von der auch der Sohn der Autorin betroffen ist. Dementsprechend sind die dargestellten Ratschläge vor allem für Eltern solcher Kinder interessant. Eltern schwer behinderter Kinder mit Autismus mögen vielleicht einige Tipps weniger zutreffend finden.
Beeindruckend an diesem Buch ist, wie es der Autorin gelungen ist, so umfassend Alltagsbeispiele zu sammeln, dass man den Eindruck hat, für jede Situationen einen Tipp bekommen zu können. Diese Herangehensweise, also das Streben nach Vollständigkeit, ist gleichzeitig auch eine Schwäche des Buches. Hin und wieder fühlt man sich überladen mit Ratschlägen und es besteht aus meiner (professionellen) Sicht möglicherweise die Gefahr, dass Eltern zu viele Anregungen umsetzen und dann entmutigt werden (weil zum Funktionieren einer Methode auch das richtige Unterrichten dieser Methode gehört) oder den falschen Ratschlag aufgreifen und umsetzen. In diesem Sinne fehlt dem Buch manchmal ein „roter Faden“ der Eltern durch das Leben mit ihrem autistischen Kind navigiert. Leider finden sich auch fachliche Fehler, z. B. auf Seite 29 zum PECS: „Das Kind lernt den Austausch von Symbolen gegen Bilder.“ Nein- das Kind lernt den Austausch von Symbolen oder Bildern gegen gewünschte Aktivitäten.
Zweiter Kritikpunkt, für den die Autorinnen nichts können, ist die Übersetzung. Oftmals hat man beim Lesen das Gefühl, das englische Ausdrucksweisen direkt ins Deutsche übertragen wurde, z. B.: „Er reagiert auf die Bilder, und das hat wirklich geholfen. Dann begann er, mich nachzuahmen, und inzwischen sind seine verbalen Fähigkeiten fantastisch.“(S. 27). Ich hätte mich bei einem mehr ans Deutsche angepassten Ausdruck wohler beim Lesen und direkter angesprochen gefühlt.
Fazit
Der Ratgeber ist ein lesenswertes Buch für Eltern autistischer Kinder das umfangreich Ratschläge für die Gestaltung des Familienlebens enthält.
Rezension von
Dr. phil. Martin Degner
Sonderschullehrer, Leitung Kleine Wege/Außenstelle Erfurt
Website
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