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Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe

Cover Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 120 Seiten. ISBN 978-3-456-84740-5. 14,95 EUR, CH: 24,90 sFr.
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Autorin

Die Autorin Gaby Gschwend ist Psychologin und Psychotherapeutin mit Praxis in Zürich, Autorin mehrer Fachbücher und Mutter zweier Kinder. Ihre Spezialgebiete sind Psychotraumatologie, frühe Interventionen nach traumatischen Ereignissen sowie Gewalt gegen Frauen im häuslichen und außerhäuslichen Bereich.

Entstehungshintergrund und Thema

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind gilt nach Ansicht der Autorin gemeinhin als liebevoll, positiv und für das Kind förderlich. Medien und Werbung stützen den „Mythos“ von der fürsorglichen und selbstlos liebenden Mutter. Gaby Gschwend stellt dem idealisierten Mutterbild die dunklen Aspekte wie Abneigung, Aggression und Ausbeutung gegenüber. Sie möchte damit die betroffenen Mütter wie (erwachsenen) Kinder zu einem ehrlicheren und konstruktiveren Umgang mit den verborgenen oder verleugneten Gefühlen und Erfahrungen ermutigen. Die Autorin illustriert ihre Ausführungen durch Zitate aus der eigenen psychotherapeutischen Praxis, die den Entstehungshintergrund des Buches bildet.

Aufbau

Zur Einführung in das Thema wird das Phänomen Mutterliebe historisch und psychologisch beleuchtet. Im zweiten Kapitel wird der „Muttermythos“ beschrieben und kritisch hinterfragt. In den folgenden drei Kapitel werden die Facetten der Lieblosigkeit beschrieben: Die ablehnend-distanzierte Mutter, die seelisch ausbeutende Mutter und die aktiv Gewalt ausübende Mutter. In Unterkapiteln werden jeweils Merkmale und Eigenschaften, Ursachen und Hintergründe, Auswirkungen auf das Kind und Anregungen zur Selbsthilfe behandelt. Das sechste Kapitel ist der „Überwindung des Muttermythos“ gewidmet. Das Buch schließt mit einer Literaturliste.

Inhalt

Die historische Perspektive im ersten Kapitel beginnt im 18. Jahrhundert („Mutterschaft ohne Sentimentalitäten“). Leider gerät die Darstellung recht oberflächlich und damit in sich widersprüchlich. Beispiel: „Das Stillen war bei Frauen aller Bevölkerungsschichten unbeliebt und unüblich und insbesondere in ärmeren Schichten und Gebieten völlig unverbreitet […]. Spätestens also nach der Stillphase übernahmen die Geschwister, die Alten, das Gesinde, die Dienstboten, die Ammen Aufsicht und Erziehung des Kindes.“ (S. 15)

Die Darstellung der Mutterrolle im 19. Jahrhundert („Idealisierung der Mutterschaft“) beschränkt sich auf die bürgerliche Mittelschicht, in der eine Trennung von Familie und Berufswelt entstand. Dass große Teile der Bevölkerung weiterhin in bäuerlichen und handwerklichen Familienverbänden lebten, in denen die Mütter nicht Nur-Hausfrau waren, bleibt unerwähnt.

Die Entwicklung der Mutterliebe im 20. Jahrhundert („Psychologisierung der Mutter-Kind-Beziehung“) zeigt schlüssig die steigenden Ansprüche an die Mütter. „Nun wurden nicht mehr nur körperlich gesunde und gehorsame, sondern auch seelisch ausgeglichene, „glückliche“ Kinder gefordert. […] In der nächsten Phase kam die kognitive Förderung des Kindes hinzu“ (S. 20). Es folgen psychologische Bindungstheorien über die Entstehung und Bedeutung einer gelungenen Mutter-Kind-Beziehung. Leider fehlen mehrfach Literaturangaben (z.B. zur „Bonding-Theorie“ S. 23 oder „ältere psychologische Theorien“ S. 28). Insgesamt macht das erste Kapitel aber deutlich, dass Mutterliebe ein kulturelles Konstrukt ist und in verschiedenen Epochen sehr unterschiedlich verstanden wurde.

Das Kapital endet mit der Feststellung, dass Mutterliebe sich nicht wie selbstverständlich einstellt und unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Auch können andere Personen Muttergefühle entwickeln als nur die leibliche Mutter.

Im zweiten Kapitel wird der Mythos Mutterliebe aufgebaut und zugleich entzaubert: Dass Mutterliebe rein und selbstlos sei, dass alle Mütter ihre Kinder lieben und Mütter alle ihre Kinder gleich lieben wie auch die Annahme, dass die (leibliche) Mutter für das Kind unentbehrlich sei, diese Thesen haben nach Ansicht der Autorin allgemeine Gültigkeit. Zitat: „In unserer Vorstellung ist (einzig die) Mutterliebe rein“ (S. 36). Gleichzeitig verweist sie auf Kindesvernachlässigung und –misshandlung, die aber einem allgemeinen „Wahrnehmungsverbot“ unterliegen.

In zahlreichen Zitaten aus der eigenen psychotherapeutischen Praxis und aus der Literatur lässt die Autorin Mütter zu Wort kommen, die mit Mutterschaft Erschöpfung, Frustration, Wut, Hass, Reue oder Langeweile verbinden und sich vielfach nicht trauen, gegenüber anderen Menschen darüber zu sprechen.

In den folgenden drei Kapiteln, die das Kernstück des Buches darstellen, werden die unterschiedlichen Formen von mangelnder Mutterliebe quasi als Prototypen beschrieben. Die ablehnend-distanzierte Haltung kann sich in Interesselosigkeit, körperlicher Ablehnung oder emotionaler Unerreichbarkeit zeigen. Die seelisch ausbeutende Mutter betrachtet das Kind als Objekt oder Projektionsfläche eigener Bedürfnisse. Aktive Gewalt der Mutter gegenüber dem Kind kann sich als seelische Gewalt, der häufigsten und am wenigsten sichtbaren Form, als Vernachlässigung, als körperliche Gewalt und als sexueller Missbrauch zeigen.

In jedem der drei Kapitel wird versucht, die unterschiedlichen Erscheinungsformen der mangelnden Mutterliebe darzustellen, mit statistischen Daten zu belegen und auch die Ursachen und Auswirkungen zu beschreiben. Zahlreiche Zitate von Betroffenen (v.a. erwachsenen Kindern) zeigen die Verhaltensweisen und die nachhaltigen Auswirkungen mütterlicher Lieblosigkeit auf. Das jeweils letzte Teilkapitel enthält Anregungen zur Selbsthilfe. Es wendet sich sowohl an die Mütter, die selbst Hilfe benötigen, als auch an die Opfer.

„Die Überwindung des Muttermythos“ ist Thema des letzten Kapitels. Noch einmal wird der Muttermythos der Lebensrealität entgegengesetzt. „Die Entmystifizierung der Mutter würde erlauben, angst- und schamfrei festzustellen, dass es in der Beziehung zwischen Mutter und Kind genau die gleiche Palette an möglichen Gefühlen gibt wie in anderen Beziehungen auch: Liebe und Fürsorge wie auch Ablehnung, Aggression und Gleichgültigkeit – jeweils in unterschiedlicher Dosierung… “(S. 112). Zur Entlastung der Mütter wird auch die Rolle des Vaters thematisiert. Der erste Schritt, so das Plädoyer der Autorin, besteht in der Akzeptanz destruktiver mütterlicher Gefühle und einer Versachlichung der Diskussion. Dazu möchte das Buch einen Beitrag leisten.

Diskussion

Die Autorin Gaby Gschwend geht davon aus, dass es in der heutigen Gesellschaft einen Muttermythos und ein Wahrnehmungsverbot negativer mütterlicher Gefühle gibt. Diese These mag man teilen oder – angesichts der zahlreichen Beispiele, die die Autorin selbst aufführt – in Frage stellen. Es ist normal, dass Mütter ihre Kinder (zeitweise) nicht lieben oder sich überfordert fühlen, stellt die Autorin wiederholt fest (z.B. S. 27, 37 oder 46).

Die Qualität des Buches liegt ohne Zweifel darin, dass Mütter und erwachsene Kinder zu Worte kommen, die als Täterinnen oder Opfer von mangelnder Mutterliebe, emotionaler Ausbeutung oder Gewalt betroffen waren oder sind. Eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung kann sich auf spätere Partnerbeziehungen oder die eigene Mutterrolle auswirken. In den zahlreichen Zitate aus der Praxis, die den Band leicht lesbar machen, mögen sich manche Betroffene wieder erkennen.

Die Frage, welche Bedeutung dem Vater und dem weiteren sozialen Umfeld zukommt, wird nur in der Einleitung und am Ende kurz angesprochen. Für das Fachpublikum hätte es gern mehr Fachliteratur sein dürfen.

Fazit

Der Band eignet sich gut für den Einstieg in das Thema. Er spricht insbesondere Menschen an, die von mangelnder Mutterliebe betroffen waren oder sind und sich in den Zitaten wieder erkennen. Die Absicht des Buches, „Klischees, Mythen und Tabus der Mutterschaft aufzugreifen und vor allem unter dem Aspekt der mütterlichen Lieblosigkeit in ihren verschiedenen Facetten kritisch zu hinterfragen“ (S. 10), wird erreicht. Mag das Buch dazu beitragen, dass über das Thema freier gesprochen und Hilfe angeboten bzw. gesucht werden kann.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 13.04.2010 zu: Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84740-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8883.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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