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Jochen Eckert, Sven Barnow u.a. (Hrsg.): Das Erstgespräch in der Klinischen Psychologie

Rezensiert von Prof. Dr. Katja Nowacki, Silke Remiorz, 27.09.2010

Cover Jochen Eckert, Sven Barnow u.a. (Hrsg.): Das Erstgespräch in der Klinischen Psychologie ISBN 978-3-456-84781-8

Jochen Eckert, Sven Barnow, Rainer Richter (Hrsg.): Das Erstgespräch in der Klinischen Psychologie. Diagnostik und Indikation zur Psychotherapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 350 Seiten. ISBN 978-3-456-84781-8. 39,95 EUR. CH: 68,00 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Das Erstgespräch in der klinischen Psychologie ist ein wichtiges Moment für den weiteren Verlauf der Psychotherapie von psychisch erkrankten Klientinnen und Klienten. Das Erstgespräch entscheidet darüber ob und im Fall einer Entscheidung für eine Therapieaufnahme, welche Psychotherapie für eine Klientin / einen Klienten geeignet ist oder nicht. Ferner ist es entscheidend dafür, welcher Therapieansatz angewandt wird und in welchem Umfang und Setting die Therapie verlaufen soll. Bei einer Abbruchquote von 40% (Grawe, Donati, R. & Bernauer, 1994) in der Psychotherapie ist die Betrachtung des Indikationsspektrums für einen möglichst optimalen therapeutischen Verlauf von hoher Bedeutung. Eckert, Barnow und Richter sind als Herausgeber des vorliegenden Buches der Frage nachgegangen, welche Indikatoren und Methoden im Erstgespräch über ein optimales therapeutisches Setting entscheiden. Die Differenzierung in spezifische therapeutische Verfahren, Störungsbilder, Einzel- vs. Gruppengespräche, Settings generell und alternative Beratungsmethoden stehen dabei im Vordergrund der Betrachtung. Ferner ermöglichen exemplarische Fallbeispiele einen detaillierteren Einblick in die Bedeutung der Diagnostik und Indikation zur Psychotherapie.

Aufbau und Inhalt

Der formale Aufbau des Buches gliedert sich in sieben Hauptkapitel, welche wenige Unterpunkte enthalten. Das Inhaltsverzeichnis ist klar strukturiert und lässt den Leser die einzelnen inhaltlichen Schwerpunkte gut erkennen. Die sieben Kapitel gliedern sich wie folgt:

Das erste Kapitel beschreibt die Aufgaben und Ziele klinisch-psychologischer Erstgespräche und setzt sich im Detail mit der Indikation einer psychotherapeutischen Behandlung auseinander. Fallbeispiele unterstützen die genannten Aspekte durch den exemplarischen Praxisbezug.

Im zweiten Kapitel „Verfahrensspezifische Erstgespräche (Einzeltherapie bei Erwachsenen)“ beschreiben die beteiligten Autorinnen und Autoren die Ziele, Strukturen und Rahmenbedingungen, sowie die Methoden ausgewählter Therapieansätze in Bezug auf das erste Therapiegespräch. Zu den ausgewählten Therapieansätzen zählen die Psychodynamische Psychotherapie, die Gesprächspsychotherapie, die Verhaltenstherapie, die Systemische Therapie, sowie die Neuropsychologische Therapie.

Das dritte Kapitel befasst sich mit störungsspezifischen Besonderheiten, die beim Erstgespräch zu beachten sind. Der Fokus liegt hierbei zunächst auf der Beschreibung der Störung und den damit verbundenen besonderen Schwierigkeiten und Problemen im Umgang mit Klientinnen und Klienten, welche in einem Erstgespräch auftreten können, um im Anschluss daran auf den spezifischen Umgang und die anzuwendenden Strategien hinzuweisen. Auch in diesem Kapitel bedienen sich die Autorinnen und Autoren exemplarischer Fallbeispiele, um einen Praxisbezug herzustellen.

Das vierte Kapitel befasst sich mit Erstgesprächen mit besonderen Gruppen. Gemeint sind hier im Wesentlichen Gruppen von Kindern und Jugendlichen, ältere Menschen, Menschen mit einer geistigen Behinderung und Straftäterinnen bzw. Straftäter. Für diese besonderen Gruppen sind andere Kriterien in Erstgesprächen von Bedeutung, als für die zuerst genannte Gruppe der Erwachsenen mit einer psychischen Störung.

Wann ist welche Psychotherapie indiziert – und bei wem? Das fünfte Kapitel setzt sich mit dieser Fragestellung auseinander und prüft, welchen allgemeinen Erfolg besonders ausgewählte therapeutische Verfahren haben. In der Auseinandersetzung mit dieser Frage spielt zudem die Betrachtung einer differentiellen Psychotherapieindikation in diesem Kapitel eine wesentliche Rolle.

Welcher therapeutische Rahmen ist wann am besten geeignet und welcher führt zur Erreichung der zuvor gesteckten Ziele der Therapie?Im sechsten Kapitel gehen die Autorinnen und Autoren der Frage nach einem therapeutischen Rahmen nach, welcher für den Erfolg und das damit verbundene Erreichen bestimmter Ziele besonders hilfreich ist.

Im letzten Kapitel werden die Klientinnen und Klienten betrachtet, welchen keine Psychotherapie zu empfehlen ist, sondern die einer Beratung, einer Psychoedukation oder einer Krisenintervention bedürfen. Hierfür ist es wichtig herauszufinden was für und was gegen die jeweiligen Alternativen zur Psychotherapie spricht. Hierbei werden die jeweils genannten Ansätze der Psychotherapie gegenübergestellt.

Folgende Kapitel sind in diesem Buch besonders hervorzuheben, da diese auf den Umgang mit spezifischen Gruppen im Erstgespräch in der klinischen Psychologie eingehen. Die intensive Auseinandersetzung mit denen im dritten Kapitel beschriebenen störungsspezifischen Besonderheiten, ermöglicht einen Überblick über das Thema. Die Art der Störung und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die Interaktion mit den Klientinnen und Klienten stehen dabei genauso im Fokus, wie der Umgang im Erstgespräch. Sehr hilfreich sind dafür die im Kapitel aufgeführten tabellarischen Darstellungen mit möglichen Interventionsstrategien oder Beispielfragen für schwierige Situationen im Erstgespräch. Fallbeispiele unterstreichen die exemplarische Darstellung der zuvor beschriebenen Aspekte. Ferner ist der Verweis auf eine eventuell vorhandene Komorbidität innerhalb einer spezifischen Störung hilfreich. Die Resümees der jeweiligen Unterkapitel in Bezug auf die jeweils beschriebene Störung und dessen Bedeutung und Auswirkung auf das Erstgespräch in der klinischen Psychologie runden das Kapitel als Grundlage für den Umgang mit den Klientinnen und Klienten ab.

Der im vierten Kapitel beschriebene Umgang mit besonderen Gruppen im Erstgespräch fokussiert unter anderem die Gruppe der Kinder und Jugendlichen, sowie die Gruppe der älteren Menschen. Die Besonderheit der beiden Gruppen liegt in der jeweiligen speziellen Lebensaltersphase. So unterscheidet sich die Lebensphase von Kindern und Jugendlichen gegenüber der von Erwachsenen im mittleren Alter und von Erwachsenen im höheren und hohen Lebensalter so wesentlich, dass die Besonderheiten der jeweiligen Zielgruppe herausgestellt werden müssen. Die Gruppe der älteren Menschen steht eine besondere Betrachtung zu, da diese durch einen Anteil von ca. 20 % an der Gesamtbevölkerung in Deutschland (Hautzinger & Reimer, 2007) zu einer Gruppe gehört, welche gehäuft unter physischen und psychischen Erkrankungen bzw. Einschränkungen leidet. Hier werden also notwendige Differenzierungen verschiedener Zielgruppen im vorliegenden Herausgeberwerk vorgenommen.

Etwas zu kurz, jedoch inhaltlich unbedingt notwendig, ist die Auseinandersetzung der Autorinnen und Autoren mit den Alternativen zur Psychotherapie im siebten Kapitel. Dabei werden die Beratung, die Psychoedukation und die psychotherapeutische Krisenintervention als Alternativen zur Psychotherapie genauer betrachtet. Dies ist in Bezug auf das Erstgespräch in der klinischen Psychologie daher von Bedeutung um je nach Indikation eine notwendige Überweisung vornehmen zu können.

Diskussion

Im Buch werden unterschiedliche sowohl therapieschulen- als auch störungsspezifische Aspekte von Erstgesprächen in der klinischen Psychologie erläutert. Dies entspricht der aktuellen Fachdiskussion. Dies bedeutet zwangsläufig gleichzeitig, dass mit diesem Werk kein allumfassendes Handlungsmanuskript für Erstgespräche in der klinischen Psychologie vorliegt. Wer detaillierte Handlungsanleitungen sucht sollte auf spezifischere Manuale zurückgreifen. Außerdem sollten, zusätzlich zu den Ausführungen, spezifische Aspekte in der Interaktion, die auf verschiedene Grundmotive der Klientinnen und Klienten zurückzuführen sind beachtet werden (vgl. hierzu beispielsweise Sachse, 2003).

Fazit

Zusammenfassend handelt es sich bei dem Buch um ein solides Grundlagenwerk, welches Psychologinnen und Psychologen, aber auch anderen in der Beratung tätigen Berufsgruppen, wie zum Beispiel Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern einen guten Einblick in die Bedeutung von Erstgesprächen in der klinischen Psychologie ermöglicht. Da die Erstgespräche, wie herausgestellt bedeutsam für die Diagnostik, die Indikation und den weiteren Verlauf der Therapie sind, ist ein solcher Einblick sehr hilfreich. Der vorhandene hohe Praxisbezug des Buches, die Bezugnahme auf relevante Fachliteratur und die differenzierte Betrachtung unterschiedlicher Ansätze sowie verschiedener Zielgruppen machen das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre.


Literatur

  • Grawe, K., Donati, R. und Bernauer, F. (1994). Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.
  • Hautzinger, M. und Reimer, C. (2007). Psychotherapie alter Menschen. In C. Reimer, J. Eckert, M. Hautzinger und E.Wilke (Hrsg.), Psychotherapie. Ein Lehrbuch für Ärzte und Psychologen, (S.631-648), Heidelberg: Springer.
  • Rogers, C. (1983). Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Frankfurt: Fischer.
  • Sachse, R. (2003). Klärungsorientierte Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Rezension von
Prof. Dr. Katja Nowacki
Professorin für klinische Psychologie mit dem Schwerpunkt Beratung und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Die Rezensentin hat viele Jahre Kinder, Jugendliche und ihre Familien beraten und in diesem Rahmen unter anderem ein flexibles Jugendhilfeprojekt für Mädchen und junge Frauen geleitet. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Bindungsentwicklung insbesondere bei Pflege- und Heimkindern und verschiedene Aspekte von Jugendhilfe. Sie leitet aktuell das Forschungsprojekt „Vaterschaft zwischen Jugendhilfeerfahrung und väterlicher Kompetenz“ am Standort Dortmund, das Teil des Central European Network of Fatherhood, mit dem Hauptsitz in Wien, ist.
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Silke Remiorz
Sozialarbeiterin & Sozialpädagogin (B.A.) & Sozialwissenschaftlerin (M.A.). Zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Dortmund im Forschungsprojekt „Vaterschaft zwischen Jugendhilfeerfahrung und väterlicher Kompetenz“ des Central European Network of Fatherhood, mit dem Hauptsitz in Wien. Die Rezensentin ist zudem Promotionsstudentin an der Universität Wien.
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Zitiervorschlag
Katja Nowacki, Silke Remiorz. Rezension vom 27.09.2010 zu: Jochen Eckert, Sven Barnow, Rainer Richter (Hrsg.): Das Erstgespräch in der Klinischen Psychologie. Diagnostik und Indikation zur Psychotherapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84781-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8887.php, Datum des Zugriffs 02.02.2023.


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