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Hans Lieb: [...] Systemische Therapie für Verhaltenstherapeuten

Cover Hans Lieb: So hab ich das noch nie gesehen. Systemische Therapie für Verhaltenstherapeuten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 270 Seiten. ISBN 978-3-89670-701-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Systemische Therapie und Beratung.
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Autor und Entstehungshintergrund

Hans Lieb kennt sich wie wenige Klinische Psychologen im deutschsprachigen Bereich in beiden psychotherapeutischen Grundorientierungen aus; und das in Theorie und Praxis gleichermaßen. Er ist Lehrtherapeut und Lehrsupervisor in Systemischer und Verhaltenstherapie und er hat vor anderthalb Jahrzehnten bei Hans Reinecker, der sich wie kein zweiter deutscher Verhaltenstherapeut auf einem Lehrstuhl für Klinische Psychologie mit der Systemtheorie auskennt, über „Verhaltenstherapie, Systemtheorie und die Kontrolle menschlichen Verhaltens“ (Lieb, 1995) promoviert und seither zum Verhältnis von Verhaltens- und Systemischer Therapie immer wieder publiziert.

Aufbau und Inhalt

Zwischen Inhaltsverzeichnis und Einleitung auf der einen sowie Danksagung und Literaturverzeichnis – ein Stichwortverzeichnis ist nicht vorhanden und ist von der Sache her nicht nötig - entfaltet der Autor sein Anliegen in sechs Kapiteln. Und man muss wirklich von „Anliegen“ sprechen und nicht von „Thema“. Der Autor behandelt zwar einzelne thematische Punkte, aber dies steht im Dienste seiner Absicht, Anregungen zu geben; in erster Linie Verhaltenstherapeuten, überhaupt aber allen, die das Geschäft der Beratung, des Coaching oder der Therapie betreiben und keine oder wenig Ahnung haben vom Systemischen. Das bringt mit sich, dass mancher, der seine geistige Heimat anderswo hat, mehr oder minder oft verstört sein dürfte. Aber Verstörungen, wenn sie denn hilfreich sind, sind das Kerngeschäft jeder Psychotherapie, wenngleich es die Systemische Tradition war, in der diese Idee am kräftigsten entfaltet wurde.

Hans Lieb startet, didaktisch klug, in Kapitel 1 mit „Zwei Fallbeispiele“, die zeigen, mit welchen Fragen ein systemischer bzw. verhaltenstherapeutischer Therapeut respektive Supervisor operiert.

Damit ist ein Fragehorizont eröffnet, der in Kapitel 2 „Zehn Unterschiede zwischen Systemtherapie und Verhaltenstherapie – Zehn Kernbereiche jeder Psychotherapie“ erste Antworten findet. Worin bestehen die zentralen Unterschiede zwischen Verhaltens- und Systemische Therapie? Weniger in Handlungs- als in Denkweisen; und zwar in Denkweisen, die das abdecken, was man gemeinhin Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sowie Therapie- und Veränderungstheorie nennt.

Kapitel 2 ist das mit weitem Abstand zweitlängste Kapitel des Buches, aber doppelt so lang wie dieses – Praxis lässt sich nicht so leicht verdichten wie Theorie - ist das 3. Kapitel „Systemtherapie für Verhaltenstherapeuten: Praxis“ – eine Fundgrube für den klinischen Praktiker (auch den systemisch aus-/vorgebildeten). Und hier dürfte dem Leser, der sich dem Systemischen Ansatz als Fremder nähert, des Öfteren der Satz durch den Sinn gehen, der dem Buch den treffen Titel gab: So hab ich das noch nie gesehen.

Drei kurze Kapitel runden das Buch ab: „Systeminformationen und Systeminterventionen in verhaltenstherapeutischen Fallberichten“ (Kapitel 4), Kapitel 5 „Evaluation: Wem nützt die Systemtherapie?“ (seit Dezember 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wissenschaftlich anerkannt für Psychotherapie in allen Lebensaltern) und schließlich das 6. Kapitel „Was Therapeuten brauchen: Eigentherapie, Selbsterfahrung und Selbstreflexion aus systemtheoretischer Sicht“.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist nach dem 2008 erschienenen von Iver Hand (vgl. Heekerens, 2009a) das zweite aus der Feder eines gelernten Verhaltenstherapeuten, das für eine Integration systemischer Sichtweisen und Handlungsformen in die Verhaltenstherapie plädiert; vereinzelte Aufsätze dazu hat es schon seit Längerem gegeben. Alle diese Publikationen sind als ernst zu nehmende Plädoyers für eine Aufhebung „schulischer“ Begrenzungen und für eine wirklich integrativ denkende und handelnde Psychotherapie anzusehen. Und „Integration“ markiert dabei nicht Reduktion der jeweiligen Ansätze sondern wissenschaftlichen und praktischen Pluralismus. Solche Integration und speziell die von Systemischer und Verhaltenstherapie gelingt nach den Erfahrungen des Rezensenten auf der Ebene des praktischen Handelns leichter als auf jener der Theorie(bildung). Hier bedarf es weiterer reflexiver Anstrengung, wie sie in letzter Zeit ja auch verstärkt zu finden ist (vgl. etwa Heekerens, 2009b).

Fazit

Das Buch richtet sich zwar in erster Linie an ausgebildete oder sich in Ausbildung befindliche Verhaltenstherapeuten, ist aber allen, die die in Praxis, Lehre und Forschung mit Psychotherapie zu tun haben (wollen) zur Lektüre zu empfehlen. Da Hans Lieb vornehmlich für Leser schreibt, die bereits in einer anderen therapeutischen Grundorientierung beheimatet sind, kommt seine Darstellung von systemischem Denken und Handeln weithin prägnanter daher als in manchen „klassischen“ Lehrbüchern der systemischen Therapie und Beratung, weshalb es auch für therapeutisch nicht schon Vorgebildete eine gute Einführung in die Systemische Therapie darstellt.

Ergänzende Literaturnachweise:

Heekerens, H.-P. (2009a). Rezension vom 01.04.2009 zu: Iver Hand: Strategisch-systemische Aspekte der Verhaltenstherapie. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2008. 276 Seiten. ISBN 978-3-211-25219-2. In: socialnet Rezensionen, Datum des Zugriffs 07.12.2009.

Heekerens, H.-P (2009b). Funktion, Krankheitsgewinn und Passung – Variationen eines therapeutischen Themas. In S.K.D. Sulz (Hrsg.), Wer rettet Paare und Familien aus ihrer Not? Paar- und Familientherapie als Hauptstrategie in der Behandlung psychischer Störungen (S. 121-136). München: CIP-Medien.

Lieb, H. (1995). Verhaltenstherapie, Systemtheorie und die Kontrolle menschlichen Verhaltens. Regensburg: S. Roderer Verlag.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 28.12.2009 zu: Hans Lieb: So hab ich das noch nie gesehen. Systemische Therapie für Verhaltenstherapeuten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-701-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8896.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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