Renate Hinz, Renate Walthes (Hrsg.): Heterogenität in der Grundschule
Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Platte, 12.03.2010
Renate Hinz, Renate Walthes (Hrsg.): Heterogenität in der Grundschule. Den pädagogischen Alltag erfolgreich bewältigen.
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2009.
244 Seiten.
ISBN 978-3-407-25509-9.
D: 24,95 EUR,
A: 25,60 EUR,
CH: 47,60 sFr.
Reihe: Pädagogik.
Thema und Entstehungshintergrund
Die im Vorwort gestellte Frage, ob sich ein Zustand denken lasse, „in dem man ohne Angst verschieden sein kann“ (S.11) liest sich als Zielrichtung für das Buch. 20 Beiträge verfolgen „das Ansinnen, das Anderssein nicht nur zu tolerieren, sondern es theoretisch zu fundieren und das Recht auf Dissens zu stärken“ (ebd.). Sie beleuchten das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Verschiedenheit oder Einheit und Differenz als Grundlage einer die Heterogenität herausfordernden Pädagogik für die Grundschule. Die Autor/innen sind überwiegend Professor/innen für Schulpädagogik, Erziehungswissenschaften, Rehabilitationspädagogik und bekannt innerhalb des schulpädagogischen Diskurses um Heterogenität.
Aufbau
Die Beiträge sind, anschließend an das Vorwort der Herausgeberinnen, in vier „Zugriffe“ eingeteilt:
1. Argumentationslinien: Eine der beiden Herausgeberinnen, Renate Hinz, steigt mit einer „Bildungspolitischen Analyse“ ein. Sie blickt auf die Begriffe Homogenität und Heterogenität in der deutschen Bildungsgeschichte und skizziert die durch Heterogenität gekennzeichnete Grundschule in ihrer doppelten Aufgabe, einerseits mit einer noch „unausgelesenen“ Schülerschaft zu arbeiten und andererseits auf den Übergang in unterschiedliche Schulformen – und die damit beginnende Auslese vorzubereiten. Im zweiten Beitrag stellen Verena Bruchhagen und Iris Koall unter dem Titel „Managing Gender & Diversity“ Sozialwissenschaftliche Aspekte von Heterogenität als Herausforderung pädagogischen Handelns dar.
2. Perspektiven von Heterogenität: Hier geht es um schulrelevante Heterogenitätsdimensionen. Die Einzelbeiträge thematisieren die Pluralisierung von Familienformen und soziale Aufwachsbedingungen (Susanne Miller und Sabine Toppe), die Sozialisation von Mädchen und Jungen im Unterricht (Astrid Kaiser), Multikulturalität und ethnische Herkunft (Agi Schründer-Lenzen), Sprachkompetenzen (Lilian Fried), Leistungsvielfalt (Ursula Carle) und Behinderung (Elisabeth Wacker). Die unterschiedlichen Perspektiven vergegenwärtigen die Vielschichtigkeit des Heterogenitätsbegriffs.
3. Unterricht und Schule: Grundlegende, für den Umgang mit Heterogenität relevante, Unterrichts- und Organisationsformen werden vorgestellt und kritisch diskutiert. Die exemplarische Auswahl beinhaltet Unterricht und Integration (Renate Walthes), Altersgemischtes Lernen (Renate Hinz), Umgang mit ethnischer Heterogenität (Isabell Diehm), Reflexive Koedukation (Barbara Koch-Priewe), Diagnostik und Förderung (Gabi Ricken), Differenzierung, Individualisierung und Methodenvielfalt im Unterricht (Annedore Prengel), Peer-Interaktionen und Soziale Prozesse (Carsten Rohlfs, Marius Harring, Christian Palentien) und die Öffnung der Schule als pädagogische Konzeption (Heinz Günther Holtappels).
4. Beispiele aus der Praxis: Der vierte „Zugriff“ schlägt mit der Vorstellung von Beispielen aus gelungenen Schul- und Unterrichtssituationen die Brücke zu Praxis und Schulalltag. Heterogenität in innovativen Schulen wird mit der Grundschule Kleine-Kielstraße (Dortmund) und der Waldhofschule Templin gezeigt – beides Träger des Deutschen Schulpreises (Silvia-Iris Beutel). Die weiteren Beiträge beziehen sich auf Methoden der Individualisierung (Katrin Höhmann), Dialogisches Lernen in der Lehrerbildung (Emmy Csosán) und Stockkampfkunst als Dialogform (Marion Schnurrberger).
Diskussion
Das Ziel, Heterogenität in der Schule als bereichernd zu begreifen, verbindet die Beiträge des Bandes miteinander. Aus unterschiedlichen Perspektiven bieten sie Unterstützung an für ein grundlegendes Verständnis von Heterogenitätsdimensionen und für die Entwicklung von Handlungsstrategien, in denen Vielfalt als Ressource eingesetzt werden kann. Die Darstellung einer großen Bandbreite von Heterogenitätsperspektiven (Zugriff 2) präsentiert die Vielschichtigkeit an Ursachen und Risikofaktoren (die sonst immer noch häufig auf die Dimensionen Begabung, Nationalität und Geschlecht begrenzt bleiben) und macht deutlich, dass Heterogenität jede Schule und Lerngruppe betrifft. Der Blick auf Methoden, Diagnostik und Didaktik (Zugriff 3) liefert darauf aufbauend ein Angebot von Handlungsstrategien. So vermittelt das Buch ein positives Verständnis von Vielfalt und Verschiedenheit, das durch die praktischen Beispiele (Zugriff 4) abgerundet wird. In der kontroversen Diskussion um schulstrukturelles Streben nach Homogenisierung versus pädagogische Nutzung von Heterogenität als Ressource gibt das Buch eine informationsreiche und sensibilisierende Unterstützung in Richtung einer Pädagogik, die das Recht auf Verschiedenheit stärkt. Dabei ermutigt es auch, „schuladministrativ und -organisatorisch garantierte Freiräume zur pädagogischen Gestaltung eines Lernens in Heterogenität zu nutzen“ (Hinz, S.24)
Im Folgenden gehe ich auf einzelne Beiträge ein.
Ursula Carle, Leistungsvielfalt in der Grundschule. Der Beitrag schlägt als „leistungsförderliche Lösung des Heterogenitätsproblems“ die bewusste und methodische Annahme von Heterogenität im Unterschied zu deren Vermeidung vor. Heterogenität wird ausdrücklich als Ressource für Leistungsentwicklung genutzt, jeder Versuch der Homogenisierung als „Verarmung der Lernumgebung“ beschrieben (S.91). Mit Bezug zu Forschungen zur Leistungsheterogenität wird argumentiert, dass psychische Bedingungen beim Umgang mit Aufgaben und individuellen Lösungsstrategien zu interindividuellen Differenzen und intraindividuellen Schwankungen führen, sodass ein einheitliches Unterrichtsangebot niemals für alle Schüler/innen gleichermaßen passend gemacht werden kann. Ein „vielfältiger pädagogischer Leistungsbegriff“ und eine „individuelle Bezugsnorm“ sollen in die Schule eingeführt und als Normalfall kommuniziert werden (S.95). Dazu gehören die Transparenz von Bewertungskriterien und die Unterstützung realistischer Selbsteinschätzung der Kinder, verbunden mit dem Erleben von Fremdeinschätzung, z. B. durch Lernentwicklungsdokumentationen. Leistungsvielfalt, so die Autorin, spiegele immer auch die Qualität des Unterrichts wider und lasse einen „äußerst anregenden Unterricht modellieren“ (S.98)
Agi Schründer-Lenzen, Mulitkulturalität und ethnische Herkunft. Die Autorin zeigt an den Begriffen Multikulturalität, Integration und Assimilation widersprüchliche Tendenzen auf, die den Umgang mit kultureller, sprachlicher, religiöser und ethnischer Diversität prägen. Dabei wird deutlich, dass soziokulturelle und sprachliche Differenzen als Risiko, kulturelle Vielfalt aber auch als Chance betrachtet werden und dass sich Disparitäten von Bildungsbeteiligung und -erfolg entlang unterschiedlicher Herkunftskulturen finden. Im Sinne eines wertschätzenden Umgangs mit Heterogenität wird die Herkunftssprache von Kindern als zentrale Ressource mit identitätsstiftender Funktion (vgl. S.77) hervorgehoben. Aktuelle Rahmenlehrpläne und ministerielle Empfehlungen sehen die Förderung von Deutsch als Zweitsprache als Unterrichtsprinzip oder Querschnittaufgabe (im Unterschied zur ergänzenden Förderung) vor.
Lilian Fried: Präventive Diagnose und Förderung der Sprachkompetenz von Kindern im Vor- und Grundschulalter. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Elementarbildung den Bildungsweg von Kindern bedeutsam beeinflusst und sich positiv auf die sprachlich-kognitive Entwicklung auswirkt, wird das sozialpädagogische Anliegen herausgestellt, „sozial benachteiligten Kindern durch präventive Sprachförderung zu einer möglichst optimalen Entfaltung ihrer (schrift)sprachlichen Ressourcen zu verhelfen und dadurch die Chance auf einen guten Schulstart und eine gelingende Bildungslaufbahn zu erhöhen“ (S.88). Dazu verweist der Beitrag auf Verfahren von Sprachdiagnostik und Trainingsprogramme zur Sprachförderung im Elementar- und Grundschulbereich und stellt die Bedeutsamkeit von professioneller pädagogischer Sprachkompetenz sowie der Einbeziehung von Eltern in die Förderung (schrift)sprachlicher (Vorläufer-)Fähigkeiten heraus.
Susanne Miller/Sabine Toppe: Pluralisierung von Familienformen und sozialen Aufwachsbedingungen. Der Beitrag setzt die beiden Heterogenitätsdimensionen zueinander in Bezug und macht Vorschläge, wie dem Risiko, dass die enge Koppelung von Armut und bestimmten Familienformen mit sich bringt, im Sinne von Chancengerechtigkeit begegnet werden kann.
Annedore Prengel: Differenzierung, Individualisierung und Methodenvielfalt im Unterricht. Hier werden Schritte der Öffnung für die Heterogenität durch vielfältige didaktische Arrangements, die „die Selektionsfunktion der Schule nicht außer Kraft“ setzen, „aber ihrer Qualifikationsfunktion mehr Raum“ geben (S.176), vorgeschlagen: Als Grundlage des wertschätzenden Umgangs mit Heterogenität im Unterricht gilt ein Verständnis von Differenz, das Verschiedenheit als „gleichberechtigt nebeneinander positioniert versteht“ (S.168) – die Autorin verweist auf geistesgeschichtliche Strömungen, die mit diesem Grundgedanken korrespondieren. Didaktisch-methodische Formate, die bei stark ausgeprägter Individualisierung auch ein hohes Maß an Gemeinsamkeit gewährleisten, werden analysiert, offene Forschungsfragen und Widersprüche in Bezug auf die Didaktik heterogener Lerngruppen aufgezeigt.
Fazit
Das Buch ermöglicht als Ganzes einen umfassenden Blick auf die vielfältigen Aspekte und Erscheinungsformen von Heterogenität; darüber hinaus geben die einzelnen Artikel differenzierte Informationen zu ihrem spezifischen Fokus. Aktive und zukünftige Pädagog/innen im Elementar- und Primarbereich wird das Buch damit gleichermaßen sensibilisieren wie informieren und hoffentlich dazu ermutigen, in Theorie und Praxis heterogenitätsbedingte Ressourcen zu schätzen und einzusetzen.
Rezension von
Prof. Dr. Andrea Platte
Professorin für Bildungdidaktik an der TH Köln
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