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Ben Sherwood: Wer überlebt? (Grenzsituationen)

Cover Ben Sherwood: Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht. Riemann Verlag (München) 2009. 476 Seiten. ISBN 978-3-570-50087-3. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR, CH: 37,90 sFr.

Originaltitel: The survivors club.
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(Über-)Leben und (Über-)Leben lassen

Überlebenskünstler, so werden Menschen bezeichnet, die die Kunst beherrschen, zu (über-)leben. Bezeichnenderweise werden sie entweder, wie in der gleichnamigen US-Filmkomödie aus dem Jahr 1983, als komische Typen, die sich tollpatschig in ihrer Umgebung bewegen und trotz der komischen Sachen, die sie erleben, überleben; oder als künstliche Wesen, wie etwa in den Star Wars-Serien, die nicht von dieser Welt sind. Überleben als ein Lebensziel wird auch gespielt, in den Survivar-US-TV-Shows und in den tumben Fernseh-„spielen“ nach dem Motto: „Nur einer kommt durch“. Survivalismus. Überlebenskunst, wird eine Lebenseinstellung bezeichnet, die dazu dienen soll, vorhersehbare (lebens-)gefährliche Situationen einzuüben, zu trainieren, um sie bei einem tatsächlichen Stattfinden als „lebensrettend“ anwenden zu können. Daraus sind Managerkurse, Urlaubsangebote und Abenteuer-Events entstanden, die Menschen freiwillig mitmachen und sogar viel Geld dafür bezahlen. Es muss also etwas dran sein an dem Willen zum Überleben. Und es scheint so, dass diese Anstrengungen nicht nur das physische, sondern auch das psychische und das eu zên, das „gute Leben“ (Aristoteles), betreffen. Damit begeben wir uns auf das Feld der „Lebens“- Forschung, das der Philosophie und der angewandten Wissenschaften. Kieler Forscher, so meldete im Februar 2009 WELT-Online, spekulierten darüber, dass es so etwas wie ein „Methusalem-Gen“ für das menschliche Leben geben müsse. Ein Stoff im Blut von Menschen, die (obwohl sie lebensgefährlich leben – Rauchen, Trinken, keinen Sport treiben, sich ungesund ernähren… ; als Beispiel wird dabei oft der mittlerweile 105jährige Schauspieler und Operettenstar Johannes Heesters angeführt) älter werden als vergleichbare Probanten. Und sie haben aus dem Blut von Greisen ein Gen heraus gefiltert, das sie Foxo 3 A nennen und eine Rolle beim menschlichen Insulinstoffwechsel spielt. Der ernüchternde Hinweis, dass dieser Stoff im Erbgut der betreffenden Menschen vorhanden sei und (noch?) nicht erzeugt werden könne, jedoch grenzt die Erwartungen ein, dass der legendäre „Jungbrunnen“ gefunden sei.

Entstehungshintergrund und Autor

Dieser kurze Ausflug in die Legendenwelt vom „ewigen Leben“ soll hinführen auf die ganz andere Frage, nämlich die, wie gefährlich das Leben ist und ob und wenn ja, wie es möglich ist, gefahrvolle Situationen im menschlichen Leben zu bestehen, ohne daran zu sterben. Der in New York lebende Produzent beim amerikanischen Nachrichtensender NBC, Ben Sherwood, macht sich auf die Suche, um zwei Fragen zu beantworten: „Was braucht man wirklich zum Überleben?“ und „Welche Art Überlebender sind Sie?“.

Inhalt

Dabei geht es dem Autoren nicht um die oben genannten philosophischen oder spekulativen Fragen, was man tun sollte, um alt zu werden; sondern was (evtl.) hilfreich ist, um sich in gefährlichen Situationen am Leben zu erhalten. Da kann man ruhig den viel- wie nichtssagenden Spruch beim Wort nehmen: Das Leben ist eines der gefährlichsten… Etwa bei der 56jährigen Kalifornierin, die einen Strickkurs in der Volkshochschule leitete und, weil sie spät dran war und sich beeilen musste, an der Treppe zum Lehrraum stürzte und sich eine der mitgeführten hölzernen Stricknadeln in die Brust und ins Herz rammte. Was sie und ihre Mitstrickerinnen in der Situation eher spontan als geplant taten, habe ihr das Leben gerettet. Aus diesem Erlebnis und der Spekulation darüber, was geschehen wäre, hätten die Beteiligten sich in dem Notfall anders verhalten, formuliert Sherwood seine erste von drei Regeln: „Jeder ist ein Überlebender“; nämlich einer, „der mit Widrigkeiten, Härten, Krankheiten oder Verletzungen zurechtkommen muss und sie überwindet“.

Eine weitere Einsicht kommt hinzu: Überlebende, ob als Krebspatienten, als Unfallopfer oder sonst wie Gefährdete, sind keine Helden, keine Rambos oder Leichtsinnige, die sich ohne Verstand in eine Gefahr begeben, sondern Menschen wie du und ich, die hoffen und leiden und in der Lage sind, das Beste aus ihrer jeweiligen Situation zu machen. Die zweite Regel ist überraschend und nachfragenswert: „Es ist nicht alles relativ“. Am Beispiel des Überlebenswillens von einigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in den Anden, 1972, zeigt er auf, dass die jeweilige Situation und das eigene Erleben das Tragende bei der Bewältigung der Gefahren sind.

Mit der dritten Regel – „Wir sind stärker, als uns bewusst ist“ – verdeutlicht er mit dem Beispiel des im Libanonkrieg 1985 entführten und 2.454 Tage als Geisel festgehaltenen Korrespondenten der Associated Press, dass zum Überleben die Kraft gehört, in Würde und Anstand durchzuhalten. Und die Entdeckung von Kräften und Fähigkeiten, von denen man vorher nichts geahnt hat.

Mit den weiteren Beispielen, etwa der Frage „Warum so viele Menschen sterben, die überleben könnten“, beim Untergang der Autofähre „Estonia“ 1994 in der Ostsee, beim menschlichen Versagen bei einem Fallschirmabsprung, und einem Flugzeugabsturz, filtert der Autor eine Reihe von Fragen und wissenschaftlichen Aspekten heraus. Mit zahlreichen Beweisen und statistischen Methoden korrigiert er die für die Verzagten und Skeptiker beiden gängigen Mythen: Den Mythos der Hoffnungslosigkeit und den Mythos der Panik. Es gibt Überlebenschancen, keine –gewissheiten, wenn ein bestimmtes Wissen über bestimmte Regeln vorherrscht. Das ist unbestimmt und vage; aber für diejenigen, die sie beherrschen, steigen die Möglichkeiten zu überleben. Es folgen weitere Beispiele, in denen Überlebenssituationen von Menschen geschildert werden, die – statistisch gesehen und nach ärztlichen Erfahrungen beurteilt – keine Überlebenschancen hatten und doch überlebten: Verkehrsunfall, Rettung aus den Krallen eines Berglöwen in einem kalifornischen Naturpark, Schilderungen, wie Menschen den Holocaust überlebt haben, der Sturz von einem Kreuzfahrtschiff… Aus diesen Erlebnissen und Grenzerfahrungen des Lebens definiert Sherwood (s)eine Überlebensformel: Je jünger man ist, desto größer sind die Überlebenschancen – bei glücklichen) situationsbedingten Umständen – persönlichkeitsbestimmten, individuellen und sozialen Konditionen. Das sind Erfahrungswerte, die Unfallchirurgen, Polizisten, Sanitäter und Wissenschaftler zusammen gefügt haben, die natürlich eines nicht garantieren: Dass man überlebt! Im wissenschaftlichen Diskurs hat man die so genannte 3er-Regel bei der Frage, was ein Mensch nicht überlebt, aufgestellt: 3 Sekunden ohne Lebensmut und Hoffnung – 3 Minuten ohne Luft – 3 Stunden ohne Obdach unter extremen Bedingungen – 3 Tage ohne Wasser – 3 Wochen ohne Nahrung – 3 Monate ohne Zuwendung und Liebe.

Die Schlüsse, Vorsichtsmaßnahmen oder Verhaltensregeln, die man daraus ziehen mag, lassen sich freilich nicht im Sinne einer Rezeptanordnung abarbeiten; vielmehr sind physische und psychische Anstrengungen notwendig, um die Chancen des Überlebens in der eigenen Lebensskala (vielleicht) zu erhöhen. Da ist z. B. das erstaunliche Ergebnis, das Forscher der Universität Texas 1999 herausgefunden haben, dass nämlich Menschen, die regelmäßig in die Kirche gehen, ungefähr sieben Jahre länger leben als diejenigen, die dies nicht tun. Das habe, so beeilen sich die Wissenschaftler zu betonen, überhaupt nichts damit zu tun, ob es einen Gott gebe oder welcher Weltanschauung der Gläubige angehöre; vielmehr habe es damit zu tun, dass „die Teilnahme an Gottesdiensten `psychologische, soziale und verhaltensorientierte Konsequenzen`“ habe. Erst einmal verwirrend und gleichzeitig irritierend ist das zweite, wieder wissenschaftlich belegte Ergebnis: „Das Ringen um den Glauben kann einen Menschen töten“. Da ist kein rächender Gott im Spiel, sondern einfach die Tatsache, dass möglicherweise „Menschen in einem religiösen Aufruhr sozial entfremdet sind, wodurch sie weniger emotionale und materielle Unterstützung erfahren“. Das überraschende und erst einmal mit den Methoden der Geisteswissenschaften nicht erklärbare Phänomen, dass, wie in einem Forschungsprojekt 1992 in New York festgestellt wurde, Holocaust-Überlebende überwiegend nicht am posttraumatischen Lagersyndrom und an erheblichen psychischen Problemen wie Depressionen und Ängste litten, sondern „dass die meisten sich besser als erwartet an ihr neues Leben angepasst hatten“. Die Forscher führen das darauf zurück, dass „harte Arbeit und Entschlossenheit, Geschick und Intelligenz, Glück und eine gewisse Risikobereitschaft“ dazu beitrage.

Gibt es eine „Wissenschaft vom Glück“? Da ist die bekannte Sichtweise, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist, da gibt es das Phänomen der „Unaufmerksamkeitsblindheit“, die unterschiedliche Wahrnehmung von „Unvorhersagbarkeit“ und „Zufall“, und es ist die „Glücksformel“, die sich nicht umsetzen oder anwenden lässt beim Lotteriespielen oder Wetten, sondern hat etwas zu tun mit der lapidaren und gleichzeitig nicht mathematisch berechenbaren Überzeugung zu tun: „Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, hängt ganz von der richtigen Einstellung ab“. Diese „Schule des Glücks“ (vgl. dazu: Richard Wiseman, The Luck Factor, 2003) baut auf einem fünfstufigen Programm auf, das von der Unterzeichnung einer „Glückserklärung“ bis hin zur Anweisung, ein „glückliches Leben“ zu führen. Die zahlreichen Studien, die Sherwood diskutiert, über Lebens- und Todesangst, Belastbarkeit und Hoffnung, Kraft und Verzagtheit, münden in der simplen Formel, dass optimistische Menschen die größeren Lebenschancen haben als pessimistische (vgl. dazu auch die Rezension zu Peter Langman, Amok im Kopf).

Im zweiten Teil stellt der Sherwood die Frage: „Sind Sie ein Überlebender?“. Er will die Leserinnen und Leser zu „Überlebens-Profiler“ machen, indem er sie auffordert, die eigene „Überlebenspersönlichkeit“ zu entdecken; die psychologischen Stärken in das Kategoriensystem von Persönlichkeitsstruktur und Verhaltensmuster einzuordnen: Kämpfer – Gläubiger – Beziehungsmensch – Denker – Realist; und die eigenen Überlebensinstrumente an den zwölf psychischen Stärken zu messen: Anpassungsfähigkeit – Belastbarkeit – Einfallsreichtum – Flow – Glaube – Hartnäckigkeit – Hoffnung – Intelligenz – Intuition – Lebenssinn – Liebe – Mitgefühl.

Fazit

Auch wenn klar ist, dass es für Glück, ein gutes, erfülltes und gefahrloses Leben kein Rezept geben und Überleben nicht garantiert werden kann, sind die Reflexion von Ben Sherwood ein nachdenkenswertes Signal, aufmerksam zu sein und seinen eigenen Bezugspunkt im Leben zu suchen. Die Lebensweisheit vermag dem Leser und der Leserin des Buches eine Lehre, ein Trost, eine Aufforderung und Herausforderung sein: „Indem Sie aus jedem Atemzug das Beste machen, erheben Sie ihr Dasein zum wahren Leben“. Im Anhang werden zwei Phänomene abgedruckt, die sich im Niemandsland von Glück, wissenschaftlicher Erklärung und Zufall abspielen; Die (so genannte „Wissenschaft von fallenden Katzen“ und die „Arithmetik des zu frühen Todes“; es sind Bruchstücke des Nachdenkens über das Leben und das Überleben, die der Autor, wie die in Gesprächen und Interviews mit Überlebenden und Experten aus aller Welt gewonnenen Analysen, Prognosen und Spekulationen in den zahlreichen Beispielen im Buch. Hilfreich und nützlich die ausführlichen Quellen- und Literaturangaben zu den einzelnen Kapiteln am Schluss. Zum Schlagwort „Überlebender“ weist die Internet-Suchmaschine insgesamt 66.700 Eintragungen aus; nicht alle sind hilfreich für die Beantwortung der Frage „“Wer überlebt?“. Das Buch von Ben Sherwood gibt zahlreiche Antworten und Nachdenkenswertes dazu, „Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht“. Wenn wir den Spruch von Friedrich Nietzsche nehmen, dass das, was einem nicht umbringt, stark macht – und auch den Alltagsschnack, dass das Leben eines der gefährlichsten für den Menschen ist, dann sollte es notwendig und hilfreich sein, die Überlebensfrage zu stellen, individuell und professionell.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.02.2010 zu: Ben Sherwood: Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht. Riemann Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-570-50087-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8908.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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