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Martina Bodenmüller, Georg Piepel: Streetwork und Überlebenshilfen

Cover Martina Bodenmüller, Georg Piepel: Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen. Beltz Votum (Weinheim, Berlin, Basel) 2003. 356 Seiten. ISBN 978-3-407-55892-3. 22,90 EUR.
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Thema

Jugendliche und junge Erwachsene, die sich ohne festen Wohnsitz in Straßenszenen aufhalten, bzw. Jugendliche die über einen Zeitraum auf der Straße gelebt haben, sind Ausgangs- und Mittelpunkt der hier vorliegenden Publikation. Lebenssituationen und Entwicklungsprozesse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Straßenszenen werden anhand einer exemplarischen Darstellung und Auswertung von neun Lebensgeschichten und ergänzend dazu, anhand einer quantitativen Analyse von 373 Lebensverläufen dargestellt.

Die Notwendigkeit, Streetwork und Überlebenshilfen bereitzustellen, sozialpädagogische und gesellschaftspolitische Handlungsanforderungen neu zu überdenken und bedürfnisgerechte Jugendhilfemaßnahmen zu entwickeln, sind wesentliche Anliegen dieses Buches.

Autoren / Hintergrund

Martina Bodenmüller ist Dipl. Pädagogin und Gestaltungs- Sozialtherapeutin. Sie ist derzeit freiberuflich in den Bereichen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und bietet kreative Projekte, Konzeptarbeit, fachlich-wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation für soziale Praxisprojekte und Weiterbildungen an.

Georg Piepel ist Dipl. Sozialarbeiter und seit 2002 Leiter der Fachstelle für Suchtvorbeugung der städtischen Drogenhilfe Münster, die in enger Kooperation mit der Partyszeneinitiative eve&rave e.V. arbeitet.

M. Bodenmüller ist von 1992 bis 1999, G. Piepel von 1993 bis 2002 als StreetworkerIn beim Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster tätig gewesen. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen und Kontakte zu jungen Leuten aus Straßenszenen ist es ihnen möglich gewesen, ein derart umfassendes und detailliertes Buch zu veröffentlichen.

Seit 1995 sind von M. Bodenmüller eine Vielzahl von Veröffentlichungen insbesondere zum Thema wohnungslose Mädchen und junge Frauen in Straßenszenen erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt.

Zu Beginn wird eine detaillierte Einführung in "Das Problemfeld: Jugendliche und junge Erwachsene auf der Straße" gegeben. Die Bedeutung von Wohnungslosigkeit im Jugendalter, die Lebenssituation auf der Straße und ihre geschlechtsspezifischen Unterschiede werden beschrieben, die Grenzen der Jugendhilfe aufgezeigt und Streetwork als aufsuchendes lebensweltorientiertes Arbeitskonzept vorgestellt.

Auf der Grundlage des narrativen, lebensgeschichtlichen Interviews werden im zweiten Kapitel neun biographisch geordnete Lebensgeschichten, ihre Entwicklungs- und Ausstiegsprozesse dargestellt. Als InterviewpartnerInnen wurden neun junge Erwachsene ausgesucht, die ihre Lebensgeschichte im Rückblick, basierend auf persönliche biographische Deutungen, Beurteilungen und Wahrnehmungen beschreiben. Jedes Interview wird abschließend von den AutorInnen zusammengefasst und kommentiert. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten weisen ein breites Spektrum an möglichen Straßenkarrieren und Weiterentwicklungen auf.

Welche Faktoren an diesen Entwicklungen beteiligt sind, in welcher Häufigkeit sie auftreten und in wiefern sie generalisierbar sind, wird im Folgenden anhand einer quantitativen Auswertung von 373 Lebensgeschichten dargestellt. Die Auswertung basiert auf biographische Daten und Notizen über die jeweils aktuelle Lebenssituation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Zeitraum zwischen 1991 und 1998 in Münster im Rahmen der Streetwork bekannt geworden sind.

Im darauf folgenden Kapitel wird eine "Zusammenfassende Einschätzung - förderliche und hinderliche Faktoren für Stabilisierung und Weiterentwicklung" gegeben. Die neun Lebensgeschichten werden mit der empirischen Untersuchung in Beziehung gesetzt, vom Kontextwissen der AutorInnen ergänzt und so vergleichende Schlüsse z.B. in Hinsicht auf die Relevanz sozialer Kontakte und Beziehungen und professioneller Hilfen und Angebote gezogen.

Mit der Überschrift "Integrationsprozesse fördern - sozialpädagogische und gesellschaftspolitische Handlungsanforderungen" wird im Folgenden insbesondere die Jugendhilfe und ihre MitarbeiterInnen angemahnt, ihre pädagogische Haltung gegenüber wohnungslosen Jugendlichen zu überdenken und zu verändern, eine akzeptierenden pädagogischen Haltung einzunehmen, adäquate Unterstützungs- und Hilfeangebote zu entwickeln und in die Jugendhilfe zu implementieren. Mit diesem Veränderungsprozess muss eine Veränderung gesamtgesellschaftlicher Sichtweisen einhergehen, die ressourcenorientiert und integrativ soziale Unterstützung und Hilfe anbietet und dadurch neue fördernde Schlüsselkonstellationen hervorbringt.

Im letzten Kapitel "Persönliche Schlussbemerkung" heißt es: "Die Erhaltung einer 'Ordnung' und die 'Anpassung' an vorgegebene, teilweise fragwürdige Normen kann nicht das Ziel von Jugendhilfe sein, die sich die Erziehung von jungen Menschen zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten in einer durch Individualismus und Eigenständigkeit geprägten Gesellschaft zum Ziel gesetzt hat. Eigenverantwortung beinhaltet immer auch ein gewisses Maß an Eigensinn, den es zu tolerieren und zu achten gilt."(S. 335)

Im Anhang finden sich methodische Anmerkungen zu den lebensgeschichtlichen Interviews und zur quantitativen Analyse und Auswertung, sowie die Konzeption der Streetwork des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster.

Zielgruppe

Das Buch ist allen Interessierten und allen, die im sozialpädagogischen Bereich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten, zu empfehlen.

Aufgrund seiner Vielschichtigkeit ist das Buch sehr gut für Unterrichts- und Lehrveranstaltungen, insbesondere in den Fachgebieten: Methoden der sozialen Arbeit, Biographiearbeit, quantitative Untersuchungsmethoden etc. geeignet.

Fazit

Das Buch ist verständlich und gut lesbar geschrieben, klar und in allen Teilbereichen übersichtlich strukturiert. Es bietet einen fundierten Einblick in die Lebenswelten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Straßenszenen und zeichnet viele verschiedenartige Entwicklungen und (Ausstiegs-)Prozesse nach.

M. Bodenmüller und G. Piepel beschreiben nicht nur und klären auf, sondern beziehen mit ihrer parteilichen, akzeptierenden Haltung eindeutig Stellung aus pädagogisch fachlicher und gesellschaftspolitischer Sicht. Sie skizzieren eine pädagogische Grundhaltung, die es ermöglicht Wohnungslose, bzw. von Wohnungslosigkeit bedrohte Jugendliche und junge Erwachsene adäquat zu unterstützen. Das Buch ist sehr empfehlenswert.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Monica Wunsch
Pädagogische Leitung für die sozialen und begleitenden Dienste und des Berufsbildungsbereichs - WfaA Düsseldorf. Langjährige Erfahrung in der Gefährdetenhilfe. Zusatzqualifikationen: Sozialmanagement, Projektmanagement, TQM
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Zitiervorschlag
Monica Wunsch. Rezension vom 21.10.2003 zu: Martina Bodenmüller, Georg Piepel: Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen. Beltz Votum (Weinheim, Berlin, Basel) 2003. ISBN 978-3-407-55892-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/891.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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