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John Izzo: Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten [...]

Cover John Izzo: Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben. Riemann Verlag (München) 2008. Dt. Erstausg., 1. Auflage. 236 Seiten. ISBN 978-3-570-50101-6. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 28,90 sFr.

Originaltitel: The five secrets you must discover before you die.
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Die Suche nach dem Geheimnis eines erfüllten Lebens

Die Frage nach dem bios, der Lebensweise, und die nach dem eu zên, dem guten Leben, hat Menschen beim Nachdenken über den Sinns ihres Daseins schon immer bewegt. Für den griechischen Philosophen Aristoteles ist der Mensch, weil er am Göttlichen Anteil hat, zum guten Leben befähigt; ja sogar, dass der in seinem Innersten nach einen sittlich guten und autarken Leben strebt. Deshalb sei das gute Leben auch eine schöne und als eudaimonia, als Glück empfundene Existenz (vgl. dazu: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Kröner Verlag, Stuttgart 2005, 640 S.). Vom römischen Kaiser und Stoiker Mark Aurel soll der Spruch stammen „Das Glück deines Lebens hat damit zu tun, wie deine Gedanken sind“. So lässt sich sagen, dass ein gutes Leben verbunden ist, was und wie der Mensch denkt – und handelt. Der Spruch in einem Poesiealbum (1915) drückt aus, dass ein gutes Leben nur möglich ist, wenn es in guter Gemeinschaft mit anderen Menschen gelebt wird: „Denke nichts, was nicht alle Leute wissen dürfen! Rede nichts, was nicht alle Leute hören dürfen! Tue nichts, was nicht alle Leute sehen dürfen!“. Der Hausspruch von Hoffmann von Fallersleben bringt schließlich den weiteren Aspekt bei der Frage nach dem guten Leben zu Tage: „In jedes Haus, wo Liebe wohnt, / da scheint hinein auch Sonn` und Mond, / und ist es noch so ärmlich klein, / es kommt der Frühling doch hinein“. In Andachts-, Lese- und Liederbüchern, in Predigten, Lachseminaren, Fernsehserien und Internet-Blogs versuchen Menschen, Anregungen, Anweisungen und Rezepte für ein gutes, glückliches und zufriedenes Leben zu geben. Sie gerinnen nicht selten als süß-saure Moralinsoße. Im guten Fall sind es Gebote des (Zusammen-)Lebens, die sich an dem Kategorischen Imperativ orientieren, mit dem volkstümlich ausgedrückt wird: „Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem anderen zu!“.

Autor und Inhalt

Der US-amerikanische Soziologe und Organisationspsychologe John B. Izzo hat den Ruf, ein „Streiter für Unternehmenskultur und globale Nachhaltigkeit“ zu sein. Seine Botschaften bringt er in Seminaren, Beratungsaktivitäten, Zeitungsartikeln, Fernsehauftritten und Büchern an die Menschen heran. Mit dem kanadischen Biography Channel hat er 2007 eine fünfteilige Serie mit dem Titel „The Five Things You Must Discover Before You Die“ gedreht; das Buch dazu ist mit dem Originaltitel „The Five Secrets You Must Discover Before You Die“, 2008 in San Francisco erschienen. Auf dem deutschen Büchermarkt hat die deutschsprachige Herausgabe eine gute Aufmerksamkeit gefunden, so dass der Riemann-Verlag soeben die zweite Ausgabe vorlegen kann. Es ist eine persönlich motivierte Reflexion darüber, welche Geheimnisse dahinter stecken, wenn jemand von sich sagt: Ich führe ein sinnvolles und erfülltes Leben! Der Junge, der im Alter von acht Jahren seinen Vater verloren hat, denkt darüber nach, was Menschen zu einer solchen Aussage veranlasst. Wie sieht deren Leben aus? Welche Motive sind es, die Menschen empfinden, wenn sie davon reden, ein gutes, zufriedenes, glückliches Leben zu führen? Welche Anstrengungen müssen dafür geleistet werden? Dabei kommt der Autor zu der philosophischen Frage: „Könnte es sein, dass wir gegen Ende unseres Lebens Dinge wissen, die uns sehr nützlich gewesen wären, hätten wir sie nur früher gewusst?“. Das ist ja eine didaktische Reflexion und fordert heraus, nach einem „Erfolgsrezept“ für ein gutes Leben und Sterben zu suchen. Und zwar nicht im stillen Kämmerlein allein, sondern in einem Forschungsprojekt, bei dem aus mehreren Tausend Zuschriften und Erzählungen von Menschen im Alter zwischen 59 und 105 Jahren, in denen sie über ihr Leben berichteten, 235 Adressen heraus gefiltert wurden. Mit diesen Personen führte das Forschungsteam ein- bis dreistündige Interviews, die sich an den Fragen orientierten:

  • „Was hat Ihnen die meiste Freude bereitet?
  • Was bereuen Sie?
  • Was war wichtig und was hat sich irgendwann als unwichtig erwiesen?
  • Welche waren die wichtigsten Wegegabelungen, die sich im Nachhinein als lebensentscheidend herausgestellt haben?
  • Gibt es etwas, von dem Sie bedauern, es nicht früher herausgefunden zu haben?“

Diese biographischen Erfahrungen von „weisen“ Menschen werden geordnet in die fünf Geheimnisse, die doch eigentlich keine sind, sondern Lebensweisheiten, die jeder Mensch schon erfahren hat und insgeheim auch weiß. Aber mit dem Wissen und dem richtigen Umsetzen ist es eben so eine Sache; auch das kennen wir! So verrät der Autor dann im zweiten Kapitel, mit welchen Methoden er den schwierigen Weg vom Wissen zum Erkennen zum Leben gefunden hat; über das Zuhören bei dem, was die „Alten“ sagen. Das ist erst einmal eine überraschende Aussage; denn ist es nicht so, dass in unserer schnelllebigen, event-, und konsum-orientierten Welt das Jugendsein angesagt ist; sogar dahingehend, dass die Alten immer jünger werden wollen? Aber auch bei der Erfahrung, dass Alterserfahrungen wenig zählen, sowohl beruflich als auch privat? Für interkulturell denkende Menschen nicht ganz überraschend Izzos Bekenntnis, dass er während eines Studienaufenthalts in Tansania auf die Idee gekommen ist, die Erfahrungen und den Rat der Alten in seine Überlegungen nach seiner „Rezeptur“ heran zu ziehen. Der bekannte Spruch des damaligen Präsidenten von Tansania, Julius Nyerere kommt einem da in den Sinn: „Die Alten sitzen unter einem Baum und reden, bis sie übereinstimmen“. Egal, ob die Erkenntnis, dass wir Menschen im allgemeinen nach unserem 60. Lebensjahr damit beginnen, unser bisherigen Leben zu reflektieren, also auf das, was unser Leben bis dahin ausgemacht hat, zurück zu schauen, wissenschaftlich belegt ist oder nicht; die Erfahrung machen viele 60jährige und ältere Menschen. Wie aber kann es gelingen, dass die Lebenserfahrungen und –weisheiten von älteren Menschen den jüngeren weder mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger, noch mit dem Ordre Mufti und auch nicht mit dem „Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht!“ und „Da-könnt`-ja-jeder-kommen!“ übermittelt werden?

Die fünf Geheimnisse, die keine sind, weil sie für viele Menschen Alltagserfahrungen darstellen, sind deshalb geheimnisvoll, weil, das haben wir schon erwähnt, zwischen der eigenen, nicht selten absichtslosen und beiläufigen Erfahrung und der Konsequenz, die man daraus für das eigene Verhalten zieht, sich eine Schlucht oder ein Gebirge auftun, die in der jeweiligen Lebenssituation (angeblich) nicht überwunden werden kann . Das erste Geheimnis: Seien Sie sich treu! Das bedeutet ja, danach zu streben, sich selbst zu (er)kennen und, wie es in der Geschichte „Der kleine Prinz“ heißt, mit dem Herzen zu leben. Das aber erfordert nicht nur den Willen dazu, sondern auch harte Arbeit an sich selbst; z. B., indem Mensch sich die Beantwortung von Fragen vornimmt, die so etwas wie eine Bestandsaufnahme über eine bestimmte Lebensphase vornimmt, ob eine Woche, oder ein längerer Zeitraum, hängt von der jeweiligen individuellen Situation ab.

Das zweite Geheimnis: Leben Sie so, dass Sie später nichts zu bereuen haben! Das bedeutet gerade nicht, sich in ein Schneckenhaus zurück zu ziehen und den Kontakt mit den möglichen Schwierigkeiten vermeiden, sondern das Risiko bewusst einzugehen, sich auseinander zu setzen mit den Menschen und Sachen um mich herum. Das erfordert einen „offenen“ Menschen, der selbstbewusst ein gutes Leben zu führen versucht und Selbstvorwürfe meidet.

Das dritte Geheimnis: Lassen Sie die Liebe in sich lebendig werden! Dazu, das ist mittlerweile Bewusstseinsbestandteil eines guten Zusammenlebens der Menschen, muss man sich erst einmal selbst lieben und anerkennen können; nicht als Egoist, sondern als Mensch unter gleichen Menschen; oder, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuoberst steht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“.

Das vierte Geheimnis: Leben Sie im Augenblick! Auch das heißt nicht, egozentrisch und unhistorisch zu leben, sondern jeden Augenblick des Lebens bewusst zu leben. Das bedeutet, optimistisch zu sein und das halb volle Glas nicht als halb leer ansehen.

Das fünfte Geheimnis: Geben Sie mehr als Sie nehmen! Das erinnert mich an ein Büchlein, das vor Jahren der ehemalige Entwicklungshelfer Siegfried Pater als Ergebnis seiner Arbeit in Lateinamerika als „Etwas Geben und viel Nehmen“ bezeichnet hat; oder was dem ehemaligen Schweizer Manager Hans A. Pestalozzi zum Ausstieg aus seinem hochdotierten Job veranlasst hat, nicht die Raffgier und den materiellen Erfolg als das Ziel seines Lebens anzusehen, sondern mit der „positiven Subversion“ die Lebenserfüllung zu suchen. Das hat nichts mit dem in Verruf geratenen Image eines „Gutmenschtums“ zu tun, sondern sich bewusst und davon überzeugt zu sein, dass es auch auf mich ankommt, wie die Welt und die Menschheit ist.

Die einzelnen „Geheimnisse“ werden mit jeweils zahlreichen Beispielen von Erzählungen und Berichten der interviewten „Weisen“ begründet und belegt. Die Frage bleibt, was der Leser damit anfangen kann. Und hier hilft eine „Rezeptologie“ nicht weiter; vielmehr soll die Entdeckung folgen, wie ein „natürliches Lernen“ vonstatten gehen kann, unser Leben zu verändern. Hilfreich ist dabei der allzu oft in unseren „Nürnberger-Trichter-förmigen“ Lerntheorien vergessene Hinweis darauf, dass Fragen können viel mit Verstehen zu tun hat; und die Erfahrung, dass Gemeinsam Gelerntes nachhaltiger ist als das im stillen Kämmerlein Angelesenes oder im Internet Präsentiertes. Dabei macht der Autor eine wichtige Entdeckung: Die Reflexion darüber, welche Rituale und bewussten wie unbewussten Verhaltensweisen unseren Alltag bestimmen.

Die Frage nach dem guten Leben hängt untrennbar mit dem nach dem guten Sterben zusammen. „Glückliche Menschen haben keine Angst vor dem Tod“, das ist ein weiteres Ergebnis aus der Analyse der Interview-Aussagen; denn „solange wir nicht lernen zu sterben, können wir nicht richtig leben“. Und so bleibt die letzte Frage, wann nämlich soll der Mensch anfangen, sich mit den fünf Geheimnissen auseinander zu setzen? Die Antwort ist eindeutig und einfach: Zu jeder Zeit! Genau so wie die, was der Leser denn davon hat, sich damit zu beschäftigen. Das Bekenntnis des Autors, dass die Begegnung mit den „Weisen“ und die Analyse ihrer Bekenntnisse ihn in vielen alltäglichen und Krisensituationen geholfen haben, seine eigene Lebenssituation zu verändern, mag als ein Hinweis dafür gelten, sich mit dem Buch zu beschäftigen.

Fazit

Die erst einmal als „Rezept“ daher kommende „Fünf-Geheimnislehre“ entwickelt sich durch die Schilderungen der Fallbeispiele und Interviews zu einer echten „Lebenslehre“. Die zum Schluss des Buches zitierten ausgewählten Aussagen der Interviewten kommen beinahe als Aphorismen daher, z. B.: „Lerne, öfter dein Boot zu verlassen!“, oder „Mögest du die Disziplin haben, auf die Stimme deines Herzens zu hören, und den Mut, ihr zu folgen!“. Das Buch ist geeignet, es an Menschen, die man mag, zu verschenken; weil die Sprache nicht mit dem erhobenen Zeigefinger ausgedrückt wird; weil die Beispiele sich lebensnah darstellen; weil sie in den eigenen Alltagssituationen vorfindbar sind. Dabei kann es der Opa dem Enkel genau so präsentieren, wie die Freundin der Freundin.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.01.2010 zu: John Izzo: Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben. Riemann Verlag (München) 2008. Dt. Erstausg., 1. Auflage. ISBN 978-3-570-50101-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8910.php, Datum des Zugriffs 30.11.2021.


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