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Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind [...]

Cover Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind, zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Blessing (München) 2009. 239 Seiten. ISBN 978-3-89667-336-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

Amüsiert sich die elektronisch vernetzte Welt tatsächlich zu Tode? Oder schlagen die IT-Exhibitionisten und die World-Wide-Web-Selbstdarsteller nur ihre Zeit tot? Nach Frank Schirrmachers neuer, bei Blessing erschienener elektronischer Medienkritik „Payback“ wird es bierernst. Die Computerfreaks von Silicon Valley sind nicht nur spielerisch-freundliche Zeitgenossen. Sondern füttern mit Mega-Maschinen in Terrabyte- und Petabyte-Größe einen Großen Bruder, wenn der bei unseren Eintritten ins World-Wide-Net unbemerkt mitsurft. Und unsere Wünsche, Sehnsüchte und Gedankenassoziationen so minuziös erfasst, dass Software-Ingenieure damit ihr informationstechnologisches Steuerungsgeschäft betreiben.

Inhalte

Frank Schirrmacher zeigt in seinem 239 Seiten starken Buch „Payback“ im Grenzgebiet zwischen Neurobiologie und Informatik zunächst die Gefahren der elektronischen Kommunikation auf. Wir driften in Belanglosigkeiten ab, überfordern uns, weil wir die Trennschärfe zwischen Wichtigem und Unwichtigem verlieren. Die Datenflut absorbiert viel zuviel unserer Aufmerksamkeit. Doch es gibt einen Ausweg durch Selbstkontrolle und Infrage-Stellen dessen, was da auf uns einstürmt.

In seinem ersten Kapitel „Warum wir tun, was wir nicht tun wollen“ beschwört FAZ-Mitherausgeber Schirrmacher den möglichen Verlust unserer Intelligenz herauf. Der Info-Vielfrass könne einen längeren Text nicht mehr analysieren, habe er erst einmal die tempobetonte, elektronische Informationsaufnahme habitualisiert. Das „Copy and paste“ verändere unsere Kommunikation mit zusammen gesetzten Bausteinen ins Schablonenhafte. Am Ende passt sich unser Gehirn dem Computer an. Schlimmer noch: Im Gegenzug bekommen wir aus der Summe unserer aus unseren elektronischen Eingaben gefilterten Äußerungen, Wünschen und Assoziationen über die Marketing-Dateningenieure Angebote (wie einen Irland-Urlaub oder ein Fitnessstudio-Abo) serviert, nach denen wir gar nicht gefragt haben. Wir zappeln also am Ende in einem Netz, in das wir anfangs freiwillig gesprungen sind.

Seiner Gefahren-Warnung lässt Schirrmacher ein zweites Kapitel folgen, das tröstlicher ausfällt: „Wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können“. Was für statistische Gruppen gelte, müsse in der kleinen Zahl nicht für Individuen zutreffen. Der einzelne kann sich dem Rückfluss seiner von der Megamaschine erfassten Daten mit Insinuationen des elektronischen Datenangebots durch autonome Selbstkontrolle entziehen; dadurch, dass er sich seine Fragen wieder selbst beantwortet und nicht nur die Daten von Suchmaschinen abruft. Statt nur „Informationskaskaden aus Herdeneffekten“ zu beklagen setzt Schirrmacher auf die Fragetechnik des guten alten platonischen Symposions. Er glaubt am Ende gern an den freien Willen des Menschen statt an Informationsrausch und mediale Infantilisierung. So müsse es nicht zwangsläufig dazu kommen, dass wir wie willige Kreaturen an den Angeln der Mächtigen zappeln.

Diskussion

Schirrmachers „Payback“ legt eine vehemente Kulturkritik in der Linie von Aldous Huxley, David Riesman, George Orwell und Neil Postman vor. Er geht mit der Schilderung der Wirkweise heutiger informationstechnologischer Megamaschinerien sogar noch darüber hinaus. Mit einigen Begründungen seines Kulturpessimismus schießt der Autor jedoch über das Ziel hinaus. So macht er sowohl für das Unglück der Columbia-Raumfähre 2003 als auch für den Börsencrash 2008 die elektronische Datenwelt verantwortlich: Das Verglühen der Raumfähre ist für ihn auf vereinfachend-verharmlosende Power-Point-Präsentationen bei der NASA zurückzuführen, die Krise bei den Geldinstituten auf Fehlinformationen in den Bankencomputern. Das ist zu einfach. Schließlich wurden die diese Desaster begleitenden elektronischen Medien auch nur von Menschen gefüttert. Und es hätten den Akteuren neben den übermittelten Informationen auch noch andere Daten zur Verfügung gestanden. Würden die Handelnden „die Kontrolle über ihr Denken“ behalten, wäre manche Katastrophe abzuwenden. So wird wieder einmal der Bote für das von ihm nur vermeldete Unglück verantwortlich gemacht.

Im Ergebnis hat Schirrmacher für die von ihm gerade auch hirnphysiologisch schlüssig aufgezeigten Gefahren aber das richtige Rezept bereit. Wir müssen vom Computer wieder frei werden, ihn nicht zu unserem zweiten (oder gar eigentlichen) Ich machen. Wir sollten nicht nur lernen, wie wir auf unsere Fragen schnell die richtige Antwort finden. Sondern wie wir uns (und anderen) die richtigen Fragen stellen.

Fazit

Schirrmachers „Payback“ will uns vor der Symbiose unserer Persönlichkeit mit unseren elektronischen Medien warnen. Dazu setzt er auf unsere Eigenständigkeit, unsere Selbstkontrolle und unsere Unsicherheit.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 19.12.2009 zu: Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind, zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Blessing (München) 2009. ISBN 978-3-89667-336-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8915.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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