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Judith Schicklinski: Migration und europäische Zuwanderungspolitik

Cover Judith Schicklinski: Migration und europäische Zuwanderungspolitik. Eine Studie über Einstellungen und Vorstellungen von Schüler(inne)n und Student(inn)en in Marokko, Frankreich und Deutschland. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. 215 Seiten. ISBN 978-3-89821-934-1. 24,90 EUR.
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„Man fängt ein anderes Leben an“

Migration, ob in der traditionellen Form von Wanderung, die es gibt, seit Menschen existieren und sich auf den Weg machen, um neue Jagdgründe, bebaubare Böden zu finden, oder Stammesangehörigen nachzufolgen, Familien zu gründen…, oder in den neueren Formen, um Arbeit und Auskommen zu suchen, andere Lebensperspektiven zu entwickeln…, ist immer bestimmt von der Hoffnung auf ein besseres als das bisherige Leben. Migration ist somit in höchstem Maße ein Merkmal und eine Herausforderung zur Veränderung. Gepaart sind dabei (fast) immer auch die Erinnerung an das Gewohnte und die Ungewissheit auf das Zukünftige. Konflikthaft ist dabei meist, dass Migrantinnen und Migranten als Minderheiten auf Mehrheitsgesellschaften treffen, die die Zuwanderungswilligen selten bereitwillig aufnehmen, es sei denn, dass deren Einreise mehr Nutzen für die Eingesessenen bringt als (vermeintliche) Belastungen. Von den Eingewanderten jedenfalls wird erst einmal erwartet, dass sie sich an die Lebensgewohnheiten, Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft anpassen; am besten, sich assimilieren (vgl. dazu die Rezension zu Jutta Aumüller: Assimilation, transcript Verlag, Bielefeld 2009). Die Gesellschaft, der Staat also, ist dabei darum bemüht, Einwanderung von Fremden zu regeln; und die Frage, ob ein Land ein Migrationsland ist oder nicht, bewegt nicht selten die politische und gesellschaftliche Diskussion über Jahrzehnte (vgl. dazu die Rezension zu: Stefan Luft, Staat und Migration, Campus Verlag, Frankfurt/M. 2009). Analysen, Prognosen, Forschungsergebnisse und programmatische Darstellungen über die Migrationspolitik in Deutschland und Europa gibt es mittlerweile zahlreiche. Der Diskurs darüber, was vor allem junge Menschen bewegt, die sich auf legalen oder illegalen Wegen aufmachen, um zu migrieren, wird bislang weniger geführt. Darüber soll hier berichtet werden.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Absolventin der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Judith Schicklinski, erhielt für ihre Examensarbeit „Vorstellungen von Schüler (inne)n und Student(inn)en in Marokko, Frankreich und Deutschland zu Migration und europäischer Zuwanderungspolitik" den von der Hochschule ausgelobten „Michael-Raubal-Preis“ (2009) verliehen. Diese Arbeit legt die Autorin jetzt in etwas veränderter Form als Buch vor. Ausgangspunkt ihrer Studie ist die Teilnahme an dem Euro-Mediterranen Jugendparlament im Frühjahr 2007. Anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft haben das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt Jugendliche aus der Europäischen Union und den Mittelmeeranrainerstaaten nach Berlin eingeladen, um über aktuelle gesellschaftspolitische Fragestellungen zu diskutieren. Ein Thema war dabei: Migration. Die Autorin war bei der Veranstaltung dabei und hat die Begegnungen und Gespräche genutzt, um ihrer Forschungsfrage nachzugehen. Durch persönliche Kontakte hat sie Jugendliche aus Frankreich und Marokko gewinnen können, an einer Fragebogenaktion teilzunehmen.

Aufbau und Inhalt

Beim ersten Euro-Mediterranen Jugendparlament 2007 wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Resolution verabschiedet, in der die wesentlichen, grundlegenden Aspekte und Probleme bei der Migration zur Sprache kommen; wie: Notwendigkeit zur Integration, Migrationsgründe, Einwanderungsbedingungen in die EU, Kontakte zum Herkunftsland. Von Anfang Juni bis Mitte November 2007 hat die Autorin mit einem Fragebogen in Deutsch und Französisch insgesamt 261 StudentInnen und 78 SchülerInnen in Marokko (65), Frankreich (45) und Deutschland (226) befragt. Die Studierenden besuchen alle Universitäten in ihren Ländern (Marrakesch, Reims, Heidelberg), die SchülerInnen besuchen ausschließlich Lycées und Gymnasien. Die Auswertung der Rückläufe stützt sich auf ca. 80% der papierenen und gemailten Rückmeldungen. Die im Transkriptionsverfahren erfolgte Auswertung ergibt eine Reihe von interessanten und bisher so in der Migrationsforschung nicht diskutierten, subjektiven Äußerungen der Jugendlichen. Sie reichen von empathischen, über angepasste bis hin zu rassistisch motivierten Aussagen, so dass sich im Rahmen des Befragungsdesigns ein subjektives, emotionales „Stimmungsbild“ ergibt zu Fragen der Migration, Einwanderung und Wanderungsbereitschaft. Zusätzlich zu den Fragebögen hat die Autorin mit einem marokkanischen Studenten, der an der Heidelberger Universität studiert, ein problemzentriertes Interview geführt, in dem die Lebensgeschichte des Interviewten, sein Weg nach Deutschland und zum Studium und seine Auffassungen zu den Problembereichen der Migration zur Sprache kommt.

Fazit

Sicherlich ist die Studie von Judith Schicklinski im strengen Sinne keine wissenschaftliche Analyse; es fehlen z. B. relevante Kriterien und Klassifizierungen bei den Befragten, insbesondere den SchülerInnen. Wie vergleichbar sind deren Qualifikationen? Wie verifizierbar sind die Befragungsmethode und der Fragebogen? Wie generalisierbar können die Ergebnisse angesichts der „ausgewählten“ Klientel (z. B.: nur GymnasialschülerInnen) sein? So wird die Studie nicht in die Strecke der qualifizierten Ergebnisse der Migrationsforschung einzugliedern sein. Sie ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie durch engagierte, persönliche Kontakte und Begegnungen wissenschaftlich relevante Aussagen zustande kommen. Auf ihnen muss man aufbauen; das ist der Autorin zu raten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.03.2010 zu: Judith Schicklinski: Migration und europäische Zuwanderungspolitik. Eine Studie über Einstellungen und Vorstellungen von Schüler(inne)n und Student(inn)en in Marokko, Frankreich und Deutschland. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-89821-934-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8921.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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