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Katja Ngassa Djomo: Migration und Marginalisierung (HIV-positive homosexuelle Männer)

Cover Katja Ngassa Djomo: Migration und Marginalisierung Eine Untersuchung am Besipiel homosexueller HIV-positiver Männer türkischer Herkunft. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8382-0033-0.
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Thema

"Migration und Marginalisierung" untersucht eine konkrete Konstellation mehrfacher Marginalisierung und leistet damit einen Beitrag zur wenig entwickelten Forschung über mehrfache Stigmatisierung, Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität.

AutorIn oder HerausgeberIn

Katja Ngassa Djomo, MA, hat Ethnologie und Pädagogik studiert und arbeitet bei STEP gGmbH (Paritätische Gesellschaft für Sozialtherapie und Pädagogik mbH).

Entstehungshintergrund

Ngassa Djomo legt nicht explizit offen, in welchem Kontext diese empirische Untersuchung entstanden ist. In der persönlich gehaltenen "Schlussbemerkung" deutet sie aber an, dass es sich um ihre erste selbstständig durchgeführte empirische Untersuchung handelt (vgl. S. 115). Der Umfang der Untersuchung und der mehrmalig eingestreute Hinweis, eine weitere Bearbeitung einzelner Sachverhalte würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, legen weiter nahe, dass es sich bei diesem Band um eine Qualifikationsarbeit handelt, die einen Verleger gefunden hat.

Aufbau

Der Aufbau der Arbeit folgt dem für empirische Arbeiten üblichen Muster:

  • Einführung ins Thema und Fragestellung
  • Klärung der zentralen Begriffe
  • Methode (in zwei Kapitel aufgeteilt)
  • Ergebnisse
  • Zusammenfassung und Fazit

Die Autorin fügt der Arbeit eine kurze "persönliche Schlussbemerkung" an und stellt im Anhang die vollständigen Transkripte der Interviews zur Verfügung, auf denen ihre Untersuchung abstellt.

Inhalt

Am Beispiel von Männern türkischer Herkunft, die in Deutschland leben, mit Männern Sex haben und HIV-infiziert sind, will Ngassa Djomo Prozesse mehrfacher Marginalisierung nachzeichnen (S. 7). Im Zentrum steht dabei das Interesse, "auf verschiedene Mechanismen hinzuweisen, die zu einer Marginalisierung führen können" (S. 9) bzw. "innerhalb welcher sozialen Strukturen" sich homosexuelle, HIV-infizierte Männer mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland "bewegen und mit welchen Marginaliserungsprozessen sie konfrontiert werden" (S. 60). Zudem soll herausgearbeitet werden, ob sich die Marginalisierung entlang mehrerer Ungleichheitsdimensionen "auf den einzelnen kumulativ wirken und welche Strategien entwickelt werden können, um Marginalisierungsprozessen entgegenzuwirken" (S. 8).

Ngassa Djomo legt einleitend ihr Verständnis von HIV/Aids, Homosexualität, Migration und Marginalisierung dar. Dabei beschränkt sie sich nicht auf eine Darlegung der Verwendung der Begriffe in ihrer Studie. Vielmehr bietet sie kurze kursorische Abhandlungen, in denen sie ihre theoretische Sensibilisierung offen legt. So weist sie z.B. auf die gesellschaftlichen Reaktionen auf eine HIV-Infektion hin und macht verständlich, dass diese eine HIV-Infektion auch heute noch zu einer "besonderen" (S. 15) Krankheit machen. In Anschluss an einen kurzen Exkurs zur Begriffsgeschichte grenzt sie den Begriff "homosexuell", für den sie sich in der Arbeit entscheidet, von den Alternativen "schwul" und "queer" ab. Sie skizziert das für die Arbeit herangezogene Verständnis von Migration und insbesondere das Vorwissen über die Differenzen zwischen Migranten der ersten und zweiten Generation. Und schließlich fasst sie "Marginalisierung" – nach einem Verweis darauf, dass "Marginalisierung" in der Literatur jeweils als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt werde – als einen "Prozess, in dem eine Person oder Gruppe an den Rand gedrängt wird, in dem aber gleichzeitig eine Entscheidungsmöglichkeit besteht" (S. 31).

Die als "exemplarische Falluntersuchung" (S. 37) und "explorative" (S. 43) Studie konzipierte Untersuchung verwendete Methoden der qualitativen Sozialforschung. Die verbalen Daten wurden in einer Befragung erhoben, die biographisch-narrative Interviews mit Leitfadeninterviews verband (S. 49). Die Auswertung der transkribierten Interviews erfolgte mittels Theoretischem Kodieren, dem Verfahren der "grounded theory" also (S. 52-55). Die Befragten wurden über Aids-Beratungsorganisationen, Anzeigen in überregionalen Magazinen für homosexuelle Männer und über Ärzte in HIV-Schwerpunktpraxen auf die Untersuchung angesprochen. Auf diesem Weg konnten drei homosexuelle, HIV-infizierte Männer mit türkischem Migrationshintergrund, die sich für ein Interview interessieren, gefunden und zwei davon befragt werden.

Die Autorin identifiziert in der Lebenslage von homosexuellen und HIV-positiven Männern türkischer Herkunft sieben Strukturelemente, an denen Prozesse von Marginalisierung anknüpfen: Die "Produktion von Identitäten" (S. 67) im Spannungsfeld der Kultur ihrer Eltern (erste Einwanderergeneration) und den Wertvorstellungen und Normen der Deutschen Gesellschaft; die soziokulturelle Konstruktion von Ehre in der türkischen Herkunftskultur; religiöse Überzeugungen; eine autoritäre Familienstruktur; die kulturelle Konstruktion von Männlichkeit und (akzeptabler) Sexualität; die kulturelle Konstruktion von HIV/Aids und schließlich Stereotype und Vorurteile gegenüber Männern türkischer Herkunft innerhalb der "homosexuellen Szene" (S. 107). Damit zeigt die Autorin die Anknüpfungspunkte für Prozesse der mehrfachen Marginalisierung dieser Männer als „Fremde“ (zwischen zwei Kulturen), als „Homosexuelle“ (die Ehre der Familie, Moral und Männlichkeitsvorstellungen verletzende und sich der Autorität widersetzende Söhne) als „HIV-Infizierte“ (unmoralische und selbstverschuldet Kranke) und „Südländer“ (stets bereite, "immer geile" Machos [S. 107f.]) auf.

Das Fazit der Untersuchung lautet deshalb, dass sich zur Randständigkeit von Migranten innerhalb der Zielgesellschaft bei den untersuchten Männern weitere Formen der Ausgrenzung gesellen: die Ausgrenzung von der Familie und der türkischen Migrationsgesellschaft. Die Autorin verweist auf die Belastung, die sich für die untersuchte Gruppe aus diesen mehrfachen Marginalisierungen ergeben. Sie versäumt aber auch nicht, dass die Ausschließung aus der Herkunftsfamilie und der Migrationsgesellschaft auch ein Potenzial zur Selbstverwirklichung und der Befreiung vom Zwang zur Konformität eröffnen.

Diskussion

Die Untersuchung trägt zur aktuellen Diskussion um mehrfache Marginalisierung, Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität bei. Mit der Rekonstruktion von Anknüpfungspunkten für Marginalisierungs- bzw. Ausschlussprozessen von homosexuellen, HIV-positiven türkischstämmigen Männern in Deutschland bietet die Arbeit einen Einblick in die Lebenswelt einer Gruppe, die gleich in drei Hinsichten Normalitätserwartungen verletzt und damit mehrfach der Gefahr einer systematischen Ungleichbehandlung ausgesetzt ist. Damit trägt sie zur Entwicklung der Forschung in einem bislang vernachlässigten Feld bei, die auch heute kaum mehr Erkenntnisse zur mehrfachen Stigmatisierung und Marginalisierung zu bieten haben scheint, als James Baldwin – selbst ein unehelich geborener, schwuler Afroamerikaner – in seinen Romanen der 1950er und 1960er Jahren schon bot.

Um so bedauerlicher ist es, dass dieser Einblick, den Ngassa Djomo in die Realität der mehrfachen Marginalisierung der untersuchten Männer bietet, so begrenzt bleibt. Dies liegt weniger an der Größe der Stichprobe an sich. Die Autorin konnte zwar nur zwei Interviewpartner finden. Dies kann aber durchaus als Ausdruck der Lebenslage und Folge der mehrfachen Stigmatisierung der Untersuchungsgruppe interpretiert werden und schmälert den Wert der daraus gewonnen Einsichten nicht von vornherein. Dass die seltenen und damit besonders wertvollen Einsichten nicht ergiebiger ausfallen, liegt eher an der Verarbeitungstiefe der Daten und wohl auch an der Darstellung der Ergebnisse. Die Autorin arbeitet die Linien heraus, entlang derer Marginalisierungprozesse verlaufen. Sie unterlässt es aber, die Ereignisse, Kontexte und Akteure konkret zu beschreiben, Schlüsselmomente und Dynamiken aufzuzeigen, Verläufe darzulegen und Verlaufkurven (Schütze) der Marginalisierung nachzuzeichnen. Das Versprechen, Strategien aufzuzeigen, mit denen Marginalisierungsprozessen entgegengewirkt werden könnte, wird nicht eingelöst. Genauso bleiben die theoretisch interessanten Fragen offen, wie sich die unterschiedlichen Marginalisierungsprozesse verknüpfen, in welchen Kontexten welche Grenzziehungen relevant werden und ob sie sich die Marginalisierungsprozesse eher kumulieren oder potenzieren. Damit unterstreicht die Untersuchung nochmals den großen Forschungsbedarf im Zusammenhang mit mehrfacher Stigmatisierung, Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität.

Fazit

Die Untersuchung vermittelt einen Einblick in Konstellationen mehrfacher Marginalisierung im Schnittfeld von Migration, Homosexualität und dem Leben mit HIV. Sie leistet damit einen Beitrag zur Forschung in einem Bereich, der bislang vernachlässigt wurde, angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung aber weiter an Bedeutung gewinnt.


Rezension von
Prof. Dr. Daniel Gredig
Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Daniel Gredig. Rezension vom 17.08.2010 zu: Katja Ngassa Djomo: Migration und Marginalisierung Eine Untersuchung am Besipiel homosexueller HIV-positiver Männer türkischer Herkunft. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8382-0033-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8922.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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