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Eva Jaeggi: Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr. Gelassen älter werden

Cover Eva Jaeggi: Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr. Gelassen älter werden. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 159 Seiten. ISBN 978-3-451-05894-3. D: 8,90 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 16,50 sFr.

Reihe: Herder-Spektrum - Band 5894.
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Thema

In einer Gesellschaft des langen Alters gibt es Alterns-Ratgeber in Fülle. Die Therapeutin Eva Jaeggi legt nun mit ihrem 159seitigen Buch „Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr. Gelassen älter werden“ einen weiteren hinzu. Bewusst sucht sie einen Ausweg zwischen Anti-Aging mit Lifting, Fitnesskurs und Gedächtnistraining einerseits und depressivem Sich-Hängen-Lassen und einsiedlerhaftem Rückzug auf der anderen Seite. Das Rezept der Autorin lautet gelassenes Innehalten: Erlittene Verluste auch einmal von der anderen Seite betrachten und einmal etwas Neues ausprobieren. Sie plädiert für eine Entkrampfung zwischen Trauer und neugierigem Mut.

Autorin

Die Verhaltenstherapeutin und Psychoanalytikerin Eva Jaeggi lehrte bis zu ihrer Emeritierung an der Technischen Universität Berlin die Gebiete Psychotherapie und Klinische Psychologie.

Aufbau und Inhalt

An vielen anonymisierten Beispielen aus ihrer therapeutischen Praxis gibt Eva Jaeggi vor allem motivationspsychologische Hilfen für Lebenskrisen im höheren Alter. Sie laufen darauf hinaus, beim Altern von der Selbstzentrierung auf die eigene Persönlichkeit abzurücken und unter einem veränderten Blickwinkel zu entkrampfen.

In zwölf leicht lesbaren Kapiteln von jeweils rund zehn Seiten werden alle möglichen Aspekte zu negativ aufstoßenden Alters-Veränderungen abgehandelt. In ihrer grundlegenden Einführung rät die Therapeutin, Defizite real zu sehen und sich bei allen Schuldzuweisungen an andere immer einzugestehen, dass man auch selbst an seinem Lebensweg beteiligt war.

Kompensatorisch rät sie, sich bei körperlichen Defekten auch seiner inneren Werte bewusst zu werden, bei Demenz das Verbleiben der Gefühlswelt in Rechnung zu stellen und bei Funktionsverlust Projekte in Ehrenamt und Kulturszene anzuleiern. In der erweiterten Familie sind für die Autorin postparentale Distanz und Respektieren des Eigenlebens der erwachsenen Kinder angesagt, mit alten Freunden sollte man die gemeinsamen Lebenserinnerungen mit dem Hier und Heute verknüpfen und Sexualität könne im Alter nur bei Frei-Werden von früheren Konventionen gelingen. Bei krankheitsbedingten Einschränkungen solle man nicht in Panik geraten, den Körper aber sorgfältig beobachten und Hilfsmittel nicht verschmähen. Isolation kann der Therapeutin zufolge durch Natur und Musik kompensiert werden, zu Transzendenz müsse das Leben neu gewertet werden und mit Sterbenden solle man nur insoweit mitgehen, als diese dazu bereit sind.

Diskussion

Eva Jaeggis Buch über die Gelassenheit im Alter ist ein leicht geschürzter, aber anschaulicher und im gesamten handlicher psychologischer Ratgeber für das Alter. Wieweit die Schwierigkeiten, das Alter mit seinen Reduktionen einigermaßen zufrieden zu durchleben, nur, wie behauptet, mit der Selbstzentrierung der Alternden zusammen hängen, steht dahin. Auch mag der mehrfach vorgeschlagene Humor verfehlt sein, wenn er in Selbstironie mündet. Das von der Autorin passend in die Kapitel eingestreute, therapeutische Fallmaterial fördert auch andere Ursachen als die zu überwindende, krampfhafte Selbstsicht zutage wie außereheliche Verhältnisse der Partner, plötzlich eintretende Krankheiten und Unfälle sowie Kommunikationsstörungen der Partner untereinander bis zum Abschalten eines der Akteure. Auch begegnen uns in den Fallpersonen ausschließlich die typische Therapeuten-Klientel aus gehobenen Schichten wie Geschäftsleute, Künstler, Pädagogen und Ärzte. Wie es an der Prekariats-Basis mit der Persönlichkeits-Zentrierung oder -Transzendierung aussieht, verrät uns die Autorin nicht.

Fazit

Ein zur Selbstreflexion im Altern anregendes Buch wird vorgelegt. Die vorgeschlagene Balance zwischen Aktivität und Rückbezug auf sich selbst liest sich stimmig. Für diesen Drahtseilakt mag von der alternden Leserschaft aber nicht in jedem Fall die Souveränität aufzubringen sein.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 08.01.2010 zu: Eva Jaeggi: Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr. Gelassen älter werden. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. ISBN 978-3-451-05894-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8928.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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