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Anne Wollenhaupt: ´Patrioten oder Partyoten?´ [...] Fußball-Sommer 2006

Cover Anne Wollenhaupt: ´Patrioten oder Partyoten?´ Deutschland und der Fußball-Sommer 2006. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. 88 Seiten. ISBN 978-3-8288-2024-1. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Akademische Abschlussarbeit

Bei dem Buch handelt es sich um eine Magisterarbeit am Institut für Europäische Ethnologie der HU Berlin, betreut von Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba. Die Autorin hat während der jüngsten Fußball-WM in Deutschland „Feldstudien“ auf der Berliner Fanmeile betrieben und in einem „Feldtagebuch“ festgehalten; außerdem wertet sie die nationale (und z. T. auch internationale) Presseberichterstattung zur „Stimmung“ des WM-Sommers aus. Ihr Erkenntnisinteresse besteht darin zu überprüfen, ob „die Rede von einem neuen deutschen Patriotismus zutreffend“ ist.

Aufbau

Das Buch ist in 4 Kapitel untergliedert:

  1. Fußball und Gesellschaft
  2. Die Fußball-WM 2006 in Deutschland
  3. Über die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Deutschen und ihres Landes
  4. Patriotismus oder Partyotismus?

Vorschnelle Verallgemeinerung einzelner Indizien

Im Frühsommer 2006 wurden Millionen deutscher Bundesbürger, von denen bei weitem nicht alle Fußballfans waren, von einem Gefühl persönlicher Teilhabe an etwas Gemeinsamem erfasst. Schnell war das Wort „neuer Patriotismus“ dafür gefunden. Im Jahr zuvor glaubte man eine „neue Frömmigkeit“ feststellen zu können, weil Hunderttausende von jugendlichen Enthusiasten Papst Benedikt, „Papa Ratzi“ genannt, beim Besuch in Deutschland wie einen Pop-Star empfangen hatten. – Vorschnell wird verallgemeinert, was erst genauerer Untersuchung bedürfte.

Deutschland auf dem Catwalk der Weltöffentlichkeit

Anlässlich der Fußball-WM 2006 präsentierte sich den internationalen Medien ein rekonstruiertes Deutschland:

  • wiedervereinigt, aber kein größenwahnsinniges „Viertes Reich“ (wie von Margret Thatcher befürchtet);
  • die nationale Hymne singend, aber nicht die erste Strophe;
  • die nationalen Farben tragend, aber nicht um sich abzuschotten gegen alle anderen, sondern um aufzugehen in den Farben der (Fußball-)Welt.

Schwarz-Rot-Gold hatte nichts Bedrohliches und Militantes, und so haben es die Ausländer - am meisten erleichtert und irritiert zugleich: die englische Presse - auch empfunden.

Die deutsche Fahne schreckte nicht ab, sondern hieß willkommen.

60jährige Deutsche entdecken erst jetzt, dass an Farben, die von den Nationalsozialisten aus dem Verkehr gezogen wurden, nichts Schlechtes sein kann. Ein Fall von Entkrampfung und Normalisierung, nicht Nationalisierung.

Selbst da, wo es aggressiv zu werden drohte, siegte am Ende das befreiende Gelächter: Angetrunkene Fußballfreunde stimmten die „Go west„-Melodie der Pet Shop Boys an und forderten in der Kölner Straßenbahn: „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ Die allermeisten deutschen Fahrgäste blieben sitzen, aber eine Gruppe junger Ecuadorianer erhob sich und schunkelte mit. – Die ganze Bahn bog sich vor Lachen.

Seit 1949 gibt es einen Text, der sich auch auf die Melodie der Nationalhymne singen lässt, und der die Sommerstimmung von 2006 ziemlich genau trifft: Bert Brechts „Kinderhymne“.

Was denn nun?

„Neuer Patriotismus“ oder kurzlebiger „Ethno-Hype“? Weder noch, befindet die Arbeit Einerseits, kommt Autorin Wollenhaupt zum Schluss, war der „Schwarz-Rot-Gold-Rausch“ eine von Politik, Wirtschaft und Medien schon Jahre zuvor in die Wege geleitete („DU bist Deutschland!“) Standortwerbung für ein heiteres, weltoffenes und optimistisches Deutschland. Nur nebenbei: Als man am 10. 7. 2006 aus dem vierwöchigen Rausch erwachte, hatte die Regierung die Pendlerpauschale gekürzt, die Mehrwertsteuer erhöht und die Eigenheimzulage gestrichen. Ohne großartige Diskussionen und Dispute, denn das Volk war ja opiatisiert. Andererseits ist von 2006 ein dauerhafter „Event-Partyotismus“ geblieben. Das Tragen der Farben und Singen der Hymne ist zum Länderspiel-Standard geworden und die Vorspiel- und Nachspiel-Partys der Gefolgschaft übertreffen die Dauer des Fußballspiels um ein Vielfaches. „Deutschland ist der geilste Club der Welt“, grölen die Fans. Die Nation wird zum FC Deutschland und mit dem FC St. Pauli gleichgesetzt. Die Bedürfnisse zu „feiern“ und sich „die Kante zu geben“ sind übergroß, auch im Alltag. Kein Arbeitstag ohne „After-work-Party“. Folgeerscheinung der stressigen „Erlebnisgesellschaft“. Darum ist „Partyotismus“ eine gelungene Wortneuschöpfung für Gemeinschaftsfeten in schwarzrotgold und auf herabgesetztem Zivilisationsniveau.

Zukunftsweisendes

Gab es im „Sommermärchen“ 2006 Dinge, Tendenzen, die zu bewahren und weiterzuführen sich lohnt? Die „Fanmeile“, zum Wort des Jahres gekürt, wurde zu einem neuen sozialen Ort des „Public Viewing“. Auch dank des mediterranen Wetters hatte es zuweilen den Eindruck, ganz Deutschland sei eine toskanische Piazza. Die Erinnerung an dieses unbeschwerte öffentliche Leben bleibt haften. Nicht zu vergessen: Bis zu einer Million Menschen fanden auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor zusammen, und es gab so gut wie keine Gewalt.

Neu waren auch die „Multi-Nationen-Bekenntnisse“ vieler Fans: Man trug zugleich deutsche, brasilianische und französische Schals, zum Beispiel.

Neu war der relativ hohe Anteil weiblicher Fußballfans auf den Fanmeilen, was zur vorschnellen Behauptung der „Feminisierung der Fußballbegeisterung“ geführt hat.

Neu war, dass die deutsche Mannschaft multikulturell aufgestellt war und sogar einen Spieler schwarzafrikanischer Herkunft in ihren Reihen hatte. Das Identifikationsangebot, das diese Mannschaft machte, war ein ganz anderes als das, was die „Wundermannschaft“ von 1954 den gebeutelten Nachkriegsdeutschen bot. – Die Nationalmannschaft einer Einwanderungsgesellschaft sieht eben anders aus als die Nationalmannschaft einer Abstammungsgesellschaft.

Schlussendlich

Während alle Welt alle Hebel in Bewegung setzt, um im Guinness-Theater irgendwo die Nummer Eins zu sein, freute man sich in Deutschland irrsinnig über den dritten Platz in der Endabrechnung. Wieso eigentlich? Platz 3 im eigenen Land, ein Platz schlechter als vor vier Jahren im fernen Japan! Das zeugt von noblen, aber leider aus der Mode gekommenen Manieren. Als guter Gastgeber lässt man gefälligst den Gästen den Vortritt, langjährigen Erbfeinden (Frankreich) und unselig Verbündeten (Italien) zumal. – Chapeau Deutschland!


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 30.01.2010 zu: Anne Wollenhaupt: ´Patrioten oder Partyoten?´ Deutschland und der Fußball-Sommer 2006. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. ISBN 978-3-8288-2024-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8930.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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