socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Bock: Terrorismus

Cover Andreas Bock: Terrorismus. UTB (Stuttgart) 2009. 114 Seiten. ISBN 978-3-8252-3042-5. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 18,90 sFr.

Reihe: UTB - 3042.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Anlässe

Terror und Terrorismus sind unscharfe Begriffe. Die damit bezeichneten Phänomene sind es nicht minder. Die Bemühungen, eine umfassende, passfähige und gleichermaßen operationalisierbare Definition zu finden, scheitern meist, „… denn die Natur des Terrorismus verändert sich je nach Ort und Zeit, was für eine terroristische Bewegung … zutrifft, gilt nicht notwendigerweise auch für eine andere Gruppe in einem anderen Land, einer anderen Zeit und einer anderen politischen Tradition“ (Laqueur, 2003, S. 208). Die Versuche „Terrorismus“ und „Terror“ zu definieren, sind deshalb zahlreich und umstritten. Streitfälle tauchen spätestens dann auf, wenn Terrorismus bewertet werden soll, um ihn bekämpfen zu können. Andreas Bock nimmt diese und ähnliche Streitfälle zum Anlass, um den Lesern ein „argumentatives Instrumentarium“ (S. 11) an die Hand zu geben, mit dem sie, die Leserinnen und Leser, sich selbst eine Meinung und ein Urteil über die verschiedenen Formen der politischen Gewalt bilden zu können.

Autor

Andreas Bock ist promovierter Politikwissenschaftler und arbeitet als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Seine Forschungsschwerpunkte sind Terrorismus, Internationale Sicherheit und Globale Gerechtigkeit.

Aufbau und Inhalte

„Warum Terrorismus?“, so ist die Einleitung zum Buch überschrieben. Ja, warum nicht „Klimakatastrophe“ oder „Wirtschafts- und Finanzkrise“? Weil, so Andreas Bock, die Macht des Terrorismus darin besteht, ihn in unseren Wahrnehmungen und Urteilen stärker und gefährlicher erscheinen zu lassen als er eigentlich ist. Man könnte auch sagen, Terroristen geht es nicht in erster Linie darum, Zivilisten zu töten (auch wenn der 11.9.2001 eine andere Botschaft vermittelt), sondern sie wollen den Gegner zwingen, den Terrorismus als Risiko zu interpretieren und risikovolle Folgeentscheidungen zu treffen, mit denen sie (die Gegner) sich sukzessiv selbst schwächen (vgl. auch Beck, 2007).

Der Einleitung folgen sieben Kapitel, in denen der Autor in abwägender, vergleichender und aufklärender Weise Argumente und Gegenargumente zur Beurteilung des Terrorismus präsentiert.

Im ersten Kapitel widmet sich Andreas Bock dem schon genannten Defintionsproblem. Fast jeder erwachsene Mensch hat eine Vorstellung, von dem, was Terrorismus ist. Auch unsere Urteile über den Terrorismus fallen wir relativ schnell – eben vor dem Hintergrund unserer Vorstellungen: Terrorismus ist ein Verbrechen und deshalb verwerflich. Nun können moralische Urteile über soziale Ereignisse erkenntnistheoretisch wenig über die Beschaffenheiten dieser Ereignisse aussagen. Und so fragt auch Andreas Bock, was Terrorismus eigentlich von einer verwerflichen Tat und von einem gewöhnlichen Verbrechen unterscheidet. Spätestens mit dieser Frage wird auch klar, worauf der Autor des Buches hinaus will. Es geht ihm nicht darum, die vielfältigen Erscheinungen und Ursachen des internationalen bzw. transnationalen Terrorismus zu beschreiben und seine sozialen und psychologischen Folgen zu schildern (vgl. dazu etwa Schneckener, 2006); auch eine Anleitung für den politischen und/oder militärischen Umgang mit der terroristischen Gefahr will er nicht vorlegen. Vielmehr versucht er, die Leser auf die politischen und sozialen Definitionskonflikte und diversen Machtverhältnisse aufmerksam zu machen, von denen es abhängt, wann und unter welchen Bedingungen Terrorismus als Terrorismus oder als legitimer Freiheitskampf interpretiert und gedeutet werden kann. Dass er, der Autor, um seinem Anliegen gerecht zu werden, auch an der Begriffsarbeit nicht vorbei kommt, liegt auf der Hand. So schließt das erste Kapitel des vorliegenden Buches auch mit einer Definition von Terrorismus: „Analytisch ist Terrorismus … durch vier Merkmal bestimmt: a) Als politische Gewalt, die b) Zwang ausübt, indem sie c) Angst und Schrecken (Terror) verbreitet, weil sie d) grundsätzlich jeden verletzen und töten kann“ (S. 22).

Im zweiten Kapitel wird kurz und ausschnitthaft die Geschichte des Terrorismus dargestellt. Im „Grand Terreur“, dem Instrument, mit dem Robespierre die Franzosen zu tugendhaften Bürgern machen wollte oder im Terrorismus der Rote Armee Fraktion, aber auch in den noch früheren überlieferten Formen des Terrorismus, etwa im gewalttätigen Widerstand der Zeloten gegen die Herrschaft der Römer im 1. Jahrhundert n. Chr., findet Andreas Bock die o.g. vier Merkmale seiner Terrorismus-Definition bestätigt.

Im dritten Kapitel werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Terrorismus und Staatsterrorismus diskutiert. Beiden ist „…die politische Gewalt, die durch Terror Zwang ausübt und grundsätzlich gegen jeden gerichtet sein kann“ gemeinsam (S. 46). Vom Terrorismus unterscheide sich der Staatsterrorismus aber vor allem durch die staatlichen Machtinstrumente, mit denen Gewalt und Zwang ausgeübt und Angst und Schrecken verbreitet werden.

Im vierten Kapitel stellt Andreas Bock „die intuitive Ablehnung von Terrorismus auf den Prüfstand“ (S. 49). Seine These lautet: „Ich halte die Ambivalenz unseres moralischen Urteils, die aus einer Norm – dass unschuldiges Leben zu schützen ist – de facto ein Privileg macht, für eine der Ursachen für das Erstarken des modernen Terrorismus“ (ebd.). Das ist zugegebenermaßen eine starke Behauptung, die eine ebenso starke Begründung verlangt. Ich stimme dem Autor unumwunden zu, wenn er meint, dass der bloße Hinweis, Terrorismus sei deshalb nicht gerechtfertigt, weil er sich gegen Unschuldige und Unbeteiligte richte, nicht überzeugend sei. Nur die Gründe für diese Meinung und für die o.g. These erscheinen mir nicht elaboriert genug. Verweise, wie etwa der Hinweis auf den Krieg der Alliierten gegen Nazi-Deutschland, sind zwar zutreffend, aber nicht ausreichend.

Thema und Hauptfrage des fünften Kapitels lauten: „Warum sich Terrorismus militärisch nicht bekämpfen lässt?“ Die Antwort des Autors: Der Kampf gegen den Terrorismus mit militärischen und gewaltsamen Mitteln schreckt die Terroristen nicht ab, sondern schafft ihnen nur die Gründe, ihre Taten zu rechtfertigen und weitere Unterstützung zu finden. Vor allem aber schwächen sich die Mächte, die diesen Kampf gegen den Terrorismus zu führen versuchen, letztlich selbst. D‘accord! Auch die Belege, mit denen Andreas Bock seine Antwort stützt, überzeugen.

Im sechsten Kapitel diskutiert der Autor mögliche und praktikable Wege, um den Terrorismus einzudämmen. Seine Auffassung, man müsse die Überzeugungen und die Herzen der Menschen zurückgewinnen, mag man als moralischen Appell belächeln. Die Wege, die Andreas Bock dafür vorschlägt, sind hingegen durchaus ernst gemeint und – wieder belegen das die Beispiele, die er anführt – praktikabel, aber bisher kaum in Konsequenz beschritten. Alles, was wir im „Kampf gegen den Terrorismus“ tun können, muss sich daran messen lassen, ob und inwieweit das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und die Freiheit, ohne Angst leben zu können, nicht verletzt werden.

Das siebte Kapitel greift noch einmal eine der eingangs gestellten Fragen auf: „Freiheitskämpfer oder Terrorist?“ Wer hat die Definitionsmacht, um diese sich immer wieder neu stellende Frage beantworten zu können? Die Sieger in der Geschichte, die Erfolgreichen im Kampf? Schlussendlich muss die Antwort offen bleiben: „Die Entscheidung, ob Gewalt als Mittel des Widerstands notwendig und damit auch gerechtfertigt ist, ist offensichtlich von der jeweiligen Situation abhängig und in jedem Einzelfall erneut zu treffen und zu verteidigen“ (S. 96). Auch diese Aussage ist nicht ganz befriedigend. Das bezweckt Andreas Bock auch nicht. Mit seinem Büchlein will er zum Nachdenken anregen und zu eigenen Entscheiden auffordern. Das gelingt ihm über weite Strecken.

Fazit

Das Buch ist anregend und lesenswert, für alle, die sich selbst eine eigene Meinung bilden möchten.

Zitierte Literatur

  • Beck, Ulrich (2007). Weltrisikogesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Laquer, W. (2003).Krieg dem Westen. Terrorismus im 21. Jahrhundert. München: Propyläen Verlag.
  • Schneckener, Ulrich (2006). Transnationaler Terrorismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
E-Mail Mailformular


Alle 51 Rezensionen von Wolfgang Frindte anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 06.03.2010 zu: Andreas Bock: Terrorismus. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3042-5. Reihe: UTB - 3042. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8941.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung