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Maria von Welser: Leben im Teufelskreis

Cover Maria von Welser: Leben im Teufelskreis. Kinderarmut in Deutschland - und keiner sieht hin. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. 190 Seiten. ISBN 978-3-579-06895-4. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

Kinderarmut ist ein großes Problem: “Drei Millionen von über 10,5 Millionen Kindern unter 14 Jahren in Deutschland“ leben von Hartz IV (S. 7).

Autorin

Maria von Welser ist Fernsehjournalistin und Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg. Über zehn Jahre lang war sie Redaktionsleiterin und Moderatorin der ZDF-Sendung „Mona Lisa“. Zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland. Von jedem verkauften Buch geht ein Euro an UNICEF.

Entstehungshintergrund

Maria von Welser will mit ihrem Buch auf den gesellschaftlichen Missstand der Kinderarmut aufmerksam machen. Dazu hat sie drei Kinder, die zehnjährige Vanessa, deren neunjährige Schwester Melanie und den 13jährigen Kevin, die alle in einer „großen deutschen Stadt“ leben, ein Jahr lang „begleitet“: „In der Schule, auf dem Weg nach Hause, im Tanzkurs und vor allem im BOOT, einem Mittagstisch für Kinder, die zu Hause kein warmes Essen bekommen.“ (S. 7)

Aufbau und Inhalt

In einer achtseitigen Einleitung umreißt Maria von Welser das Soziale Problem der Kinderarmut in Deutschland, wobei sie Ausmaß, Entwicklung und Rahmenbedingungen der Kinder schildert, die in Deutschland von Hartz IV leben. Im Anschluss daran stellt sie mit großer Empathie ausführlich den Alltag der beiden Schwestern dar, wobei sie immer wieder versucht aus der Perspektive der Kinder, aber auch deren Eltern zu schreiben. Letztere sind geschieden und die beiden Mädchen wachsen bei ihrer Mutter auf und leben von Hartz IV. Unterstützung erhält die Einelternfamilie über den durch eine Kirchengemeinde eingerichteten Mittagstisch und Aufenthaltsort für Kinder und den Initiator der Einrichtung, einem Pastor, der immer wieder berät und unterstützt, z.B. durch die Organisation von Spenden für Schulmaterialen der Mädchen.

Maria von Welser gelingt es den Alltag insbesondere der beiden Schwestern im Kontext der gesellschaftlichen Bedingungen sowie der Wünsche und Bedürfnisse der Kinder so spannend wie einen Roman zu gestalten. Sie zieht die LeserInnen in ihren Bann, so dass diese mit den Kindern hoffen, dass z.B. die Mutter durch einen Entzug ihre Alkoholabhängigkeit überwindet oder der Vater sich mehr um seine Töchter kümmert. Der Alltag der Mädchen ist voll gepackt mit Problemen: Mangel an finanziellen Ressourcen, Krankheiten, Sucht, Einsamkeit und summa summarum beschränkten Möglichkeiten der Teilhabe an gesellschaftlichen Ereignissen, zu denen viele andere Kinder Zugang haben (Klassenfahrten, ausreichend Kleidung, Urlaubsreisen usw.). Unterbrochen wird dieser Erzählstrang ab und zu durch die Geschichte von Kevin, der sich von seiner Mutter löst, um in einer Jugend-WG in Ruhe für seinen Realschulabschluss lernen zu können (S. 95 ff.).

Die Geschichte der Kinder wird dreimal durch je ein Interview unterbrochen. Im ersten kritisiert die (damalige) Landesbischöfin Margot Käßmann u. a., dass alles, was als Einkommen gedeutet werden kann, wie z.B. Konfirmationsgeschenke, auf die Regelsätze von Hartz IV angerechnet wird (vgl. S. 66). Die (damalige) Familienministerin Ursula von der Leyen verweist auf die Notwendigkeit, die Betreuungsangebote für Kinder zu erhöhen. Der Familienforscher Prof. Hans Bertram erläutert u.a. ein schwedisches Subventionsmodell für Alleinerziehende, das den Müttern ermöglicht, ihrem Beruf mit reduzierter Stundenzahl nachzugehen, während der Staat die Sozialabgaben übernimmt (S. 142). Abschließend liefert die Autorin einen Überblick über die Situation in ausgewählten Bundesländern und entwickelt acht „Forderungen an Politik und Gesellschaft“ (S. 189 f.).

Deutlich und sozusagen hautnah erlebbar wird, was es bedeutet von Hartz IV zu leben: der Mangel an Geld und Anerkennung verbunden mit Stigmatisierungen und Unsicherheiten aller Familienmitglieder. Konkret nachvollziehbar wird den LeserInnen dargebracht, wie es sich für ein Kind anfühlt ohne Pausenbrot in die Schule zu gehen oder einfach das Geld für den Mittagstisch nicht aufbringen zu können. Für die Mutter hingegen, die jeder ihrer beiden Töchter an jedem Schultag einen Euro mitgibt, kommen allein dadurch im Monat ca. 44 € zusammen, die ihr in der Haushaltskasse fehlen, so dass die Kinder immer wieder einen leeren Kühlschrank vorfinden, wenn sie nach Hause kommen.

Diskussion

Aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive gibt es einiges an dem Buch zu kritisieren. Es enthält keine Quellenangaben, die die vorgelegten Daten und Fakten belegen und keine Literaturliste. Auch erfahren die LeserInnen nicht, was es heißt, wenn Maria von Welser schreibt, dass sie die drei Kinder „begleitet“ hat: Hat sie sie in regelmäßigen Abständen interviewt oder hat sie z. B eine teilnehmende Beobachtung durchgeführt? Bedauerlicherweise werden auch die drei ExpertInnen-Interviews weder kommentiert noch ihre Auswahl begründet. Warum kommt niemand aus den Bereichen der Sozialarbeit oder der Armutsforschung zu Wort?

Geht man allerdings von der aktuellen politischen Diskussion im Kontext des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes aus, das mehr Transparenz bei der Berechnung der Regelsätze für BezieherInnen nach Leistungen gemäß Hartz IV fordert, dann handelt es sich um ein wichtiges Buch. Empfohlen sei es all denjenigen, die eine Kürzung der Leistungen fordern, damit sie nachvollziehen können, dass die derzeitigen Regelsätze selbst zur Befriedung der Grundbedürfnisse zu knapp bemessen sind. Auch diejenigen, die argumentieren, dass ein großer Teil des Geldes in Alkohol und andere Suchtmittel investiert werde, müssten nachvollziehen können, dass es sich dabei um einen sehr vereinfachten Blick handelt. So stellt auch in der (von Maria von Welser) geschilderten Familie Alkoholabhängigkeit ein großes Problem für die Mutter dar, die immer wieder versucht, ihre Sucht zu therapieren. Deutlich wird aber auch, inwiefern eine große Verzweiflung an gesellschaftlichen Widersprüchen dazu beitragen kann, suchtkrank zu werden (bzw. zu bleiben). Der Mutter, von Beruf Friseurin, gelingt es - trotz wiederholter Anstrengungen - nicht, eine Halbtagsstelle zu finden, die sie braucht, um nachmittags für die Töchter da zu sein. Und selbst, wenn sie z.B. eine Teilzeitstelle (mit 20 Stunden in der Woche) fände, würde sie bei einem üblichen Stundenlohn von 6,25 € ca. 500 € plus Trinkgeld im Monat verdienen, so dass sie weiterhin auf staatliche Unterstützung angewiesen bleiben würde.

So kann ich die Forderung nach einem Mindestlohn, die Maria von Welser u. a. stellt, nur unterstützen. Fast jedes von materieller Armut betroffene Kind lebt bei einer Mutter, die entweder ihrem Beruf nicht nachgehen kann, in Teilzeit arbeitet und/oder so wenig Einkommen in einem der unzähligen Frauenberufe (wie Friseurin, Verkäuferin usw.) erzielt, dass sie mit ihrem Haushaltsnettoeinkommen an oder unter der Armutsgrenze lebt. Die Armut von Kindern ist eng mit der Armut von Frauen verknüpft. Zu den weiteren Forderungen von Maria von Welser gehören die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz und andere an der derzeitigen Situation orientierte Vorschläge zur finanziellen Verbesserung des Alltags und der Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern, wie eine „Kindergrundsicherung“, „Schulfonds“, kostenlose Betreuungen usw. Doch um auf Dauer Lösungen finden zu können, mit denen der „Teufelskreis“, der dazu führt, dass viele Kinder aus Hartz IV Haushalten selbst zu EmpfängerInnen staatlicher Transferleistungen werden, durchbrochen werden kann, wäre m. E. eine gesellschaftliche Analyse über Bedingungen und Mechanismen notwendig, die zur Reproduktion von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und Erwerbslosigkeit insgesamt beitragen. Die Stärken des Buches sind zugleich seine Schwächen: Die Deskriptionen von Alltagsverläufen und die wechselnden Perspektiven der von Hartz IV betroffenen Personen liefern eine anschauliche Momentaufnahme der bestehenden Gesellschaft. Indem aber die strukturellen Bedingungen und historisch-ökonomischen Entwicklungen nicht reflektiert werden, wird die Ungleichverteilung von materieller Armut und materiellem Reichtum nur marginal in Frage gestellt.

Fazit

Maria von Welser leistet mir ihrer journalistisch aufbereiteten Geschichte über drei Kinder, die zusammen mit ihren Erziehungsberechtigten von Hartz IV leben, ein nachvollziehbares und spannend geschriebenes Lehrstück für all diejenigen, die immer noch meinen, dass es sich auf Staatskosten gut und bequem leben lasse.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbara.ketelhut@hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 08.03.2010 zu: Maria von Welser: Leben im Teufelskreis. Kinderarmut in Deutschland - und keiner sieht hin. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. ISBN 978-3-579-06895-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8944.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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