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Martin Schmid, Marco Storni: Jugendliche im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt

Cover Martin Schmid, Marco Storni: Jugendliche im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt. Viktimisierungsprozesse und Bewältigungsstrategien. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. 376 Seiten. ISBN 978-3-03-777071-9. 38,50 EUR, CH: 58,00 sFr.
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Thema

Gegenstand des Buches sind Opfer rechtsextremer Gewalt. Im Mittelpunkt stehen Opferschäden, die Verarbeitung von Verletzungen aber auch die Häufigkeit von Übergriffen. Den Autoren geht es „um eine umfassende Analyse des Opfers, die vom eigentlichen rechtsextremen Übergriff bis hin zur Verarbeitung der erlittenen Tat reicht“ (S. 9).

Aufbau

Das Buch ist in sechs Teile mit mehreren Kapiteln untergliedert.

  • Im ersten Teil wird die theoretische Konzeption der Untersuchung erläutert.
  • Im zweiten Teil wird das methodische Vorgehen der Arbeit beschrieben. Hier werden auch erste Ergebnisse der qualitativen Interviews vorgelegt.
  • Der dritte Teil ist der primären Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt gewidmet. Erläutert werden Gelegenheitsstrukturen und Opfergruppen. Außerdem wird die Stichprobe der quantitativen Befragung und das Auswertungsverfahren dargelegt.
  • Teil IV stellt die Resultate zur sekundären Viktimisierung vor.
  • Der fünfte Teil beschäftigt sich mit tertiärer Viktimisierung, erläutert theoretische Modelle und empirische Erkenntnisse.
  • Teil VI fasst zentrale Ergebnisse und Schlussfolgerungen zusammen.

Inhalt

Die Autoren streben eine möglichst umfassende Analyse der Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt an. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen rechtsextremer Gewalt konzentriert sich in der Regel auf die Täter und die Hintergründe ihres Verhaltens. Die Opferforschung hat sich bisher kaum mit dieser besonderen Opfergruppe beschäftigt.

Einführend erläutern die Autoren Forschungsinteressen und Verfahren der Viktimologie und tragen die verfügbaren Erkenntnisse zu Opfern rechtsextremer Gewalt zusammen.

Der eigenen Untersuchung liegt die Unterscheidung zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Viktimisierung zugrunde.

  • Unter primärer Viktimisierung wird die Opferwerdung durch die kriminelle Handlung selbst verstanden. In diesem Zusammenhang wird knapp auf Erkenntnisse zu Gelegenheitsstrukturen und situativen Faktoren aber auch zu Opfermerkmalen und der Beziehung zwischen Täter und Opfer eingegangen.
  • „Unter sekundärer Viktimisierung ist die Verschärfung der primären Opferwerdung zu verstehen, die durch Fehlreaktionen durch den sozialen Nahraum und die Instanzen der formellen Sozialkontrolle hervorgerufen werden“ (S. 66). Erkenntnisse zu problematischen Reaktionen werden zusammengetragen und Einflussfaktoren benannt.
  • Tertiäre Viktimisierung bezieht sich primär auf Langzeitfolgen der Tat. Thematisiert werden verschiedene Opferschäden mit besonderer Beachtung psychischer Folgen. Auch Modelle der Bewältigung werden vorgestellt. Einen besonderen Stellenwert erhält dabei das transaktionale Modell der Stressbewältigung nach Lazarus. Eingeführt werden außerdem die Theorie der erlernten Hilflosigkeit nach Seligmann und Strategien zur Verminderung der IST-SOLL-Diskrepanz bei kritischen Lebensereignissen.

Die Fragestellung wird durch eine enge Bestimmung zentraler Begriffe eingegrenzt.

  • Gewalt wird definiert „als eine intentionale körperliche oder mechanische Einwirkung auf einen Menschen, die innerhalb eines situativen und illegalen Kontextes erfolgt. Gewalt meint zudem das ernsthafte Androhen des Einsetzens eines solchen Einwirkens.“ (S. 66)
  • Rechtsextremismus wird in Anlehnung an Heitmeyer über Gewaltbereitschaft und eine Ideologie der Ungleichheit definiert. Um rechtsextreme Gewalt klar von anderen Gewaltakten abzugrenzen, wird sie als Tat rechtsextremer Täter definiert und zur Bestimmung des Tätermerkmals Rechtsextremismus die Subkulturtheorie herangezogen. „Von rechtsextremer Gewalt soll demnach in diesem Zusammenhang nur dann gesprochen werden, wenn ein Übergriff durch mehrere Mitglieder einer einheitlichen jugendlichen Subkultur erfolgt, die sich dadurch kennzeichnet, dass die Angehörigen dieser Gruppe durch ihr Image, ihre Haltung oder ihren Jargon eindeutig menschenfeindliches Gedankengut zur Schau tragen und dieses von den Betroffenen als solches erkannt wird“ (S. 56).
  • Beim Opferbegriff wird eine Kombination von subjektiven und intersubjektiven Kriterien gewählt. Definitionskriterien sind Individuierbarkeit, Zurechenbarkeit und die Verletzung allgemeiner gültiger Normen. Nur konkrete Ereignisse, die bestimmten Tätern zuzurechnen sind führen demnach zum Opferstatus. Entscheidend ist, dass sich die Opfer selbst als Opfer betrachten, selbst wenn sie einen aktiven Anteil am Geschehen hatten. Eingeschränkt wird das Alter der zu berücksichtigenden Opfer außerdem auf 16-25 Jahren.

Opfer rechtsextremer Gewalt werden nicht nur Personen mit Migrationshintergrund, sondern auch politisch Andersdenkende und Randgruppen. Die Autoren weisen vorhandene Konzepte zur Klassifizierung von Opfern als zu diffus und unscharf zurück. Da Opferrisiken bei rechtsextremer Gewalt primär im Freizeitbereich liegen, nutzen sie den Lebensstilansatz zur Typisierung von Opfern. In Anlehnung an Georg wird Lebensstil als ästhetisch expressives Verhalten betrachtet, das von der sozialen Lage abhängt und auch eine mentale Ebene aufweist. Lebensstil wird dabei ausdrücklich nicht als stabiles Muster, sondern als „Momentaufnahme“ (S. 65) in der Entwicklung von Jugendlichen betrachtet.

Eine empirische Untersuchung soll Wissenslücken bezüglich der Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt schließen. Angesichts fehlenden Vorwissens und einer Vielzahl von Fragen zu primärer, sekundärer und tertiärer Viktimisierung entscheiden sich die Autoren für eine Kombination von quantitativen und qualitativen Verfahren. Für die Untersuchung von primärer Viktimisierung werden im Rahmen einer explorativen Vorstudie rekonstruktive Interviews mit 26 Opfern rechtsextremer Gewalt geführt und einer Inhaltsanalyse unterzogen. Aufbauend darauf wird eine standardisierte Dunkelfeldbefragung von 2975 Schülern der „nachobligatorischen Ausbildung“ (S.115) in der Nordwestschweiz durchgeführt, die Daten werden zunächst einer Faktoren- und dann einer Clusteranalyse unterzogen. Fragen zur sekundären und tertiären Viktimisierung werden ausschließlich mit Hilfe einer Inhaltsanalyse der qualitativen Interviews beantwortet.

Aufbauend auf existierenden Opfertypologien und den Ergebnissen der qualitativen Interviews zu personen- und tatsituationsbezogenen Merkmalen wird eine Opfertypologie für rechtsextreme Gewalt entwickelt. Diese besteht aus 5 Idealtypen mit lebensstilbezogenen Untergruppen:

  • Das stellvertretende Opfer entspricht aufgrund von Lebensstil, Subkultur oder Herkunft dem Feindbild rechtsextremer Jugendlicher und wird ohne eigenes Zutun zum Opfer. Bei diesem Opfertypus lassen sich vier Gruppen unterscheiden: Engagierte Linke, Alternative Linke, Randgruppen und Jugendliche mit Migrationshintergrund.
  • Beim gewaltbereiten Opfer vermischen sich Täter- und Opferrolle. Rivalisierende Jugendgruppen bekämpfen sich, Auseinandersetzungen beginnen mit gegenseitigen Provokationen. Dem Opfertypus werden drei Gruppen zugeordnet: Autonome Linke, ausländische Jugendcliquen und Red Skins.
  • Das zufällige Opfer weist einen eher konventionellen Lebensstil auf und ist nicht subkulturell orientiert. Besondere Gründe für rechtsextreme Übergriffe sind nicht erkennbar.
  • Das schlichtende Opfer ist selbst nicht unmittelbare Zielscheibe von Übergriffen und wird erst durch sein Eingreifen bei rechtsextremer Gewalt zum Opfer.
  • Das spezifische Opfer ist wiederholt von Übergriffen und Provokationen betroffen. Den Tätern sind ihrem Feindbild entsprechende Merkmale des Opfers bekannt.

Durch die Dunkelfeldbefragung soll diese Opfertypologie erweitert und quantifiziert werden. Mit Hilfe der Clusteranalyse werden 7 Lebensstilgruppen identifiziert:

  1. Unterhaltungsorientierte feminine Mainstreamjugendliche
  2. Expressiv-kommerziell orientierte männliche Stadtjugendliche mit Migrationshintergrund
  3. Cliquenbezogene, delinquente und rauschorientierte Jugendliche
  4. Freizeitlich organisierte sport- und elektronikbegeisterte Jugendliche
  5. Distinktive, zurückhaltende Bildungsjugendliche
  6. Patriotisch-national orientierte gewaltbefürwortende Partyjugendliche
  7. Linksalternative, kulturinteressierte Jugendliche

Die Cluster unterscheiden sich nicht nur bezüglich demographischer Daten und des Lebensstils, sondern vor allem bezüglich der Viktimisierungsrate durch rechtsextreme Gewalt: 83 % aller Fälle rechtsextremer Gewalt entfallen auf Jugendliche aus 4 Clustern. Besonders hoch ist die Opferrate in den Clustern 3 (27%), 7 (21%), 2 und 4 (17%). Jugendliche aus den übrigen Clustern sind kaum von rechtsextremer Gewalt betroffen und mit Ausnahme des Clusters 6 auch nicht von allgemeiner Gewalt.

Unterschiedliche Häufigkeiten und Formen der Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt werden auf Freizeitgestaltung und symbolische Ausdrucksformen des Lebensstils zurückgeführt. So weisen etwa die Cluster 1 und 5 aufgrund des zurückhaltenden und häuslichen Lebensstils sehr niedrige Viktimisierungsraten auf. Dagegen ist die Viktimisierungsrate im Cluster 3 aufgrund des „ausschweifenden und risikohaften“ (S. 192) Freizeitstils am höchsten, wobei hier jugendsubkulturelle Auseinandersetzungen ohne klare Trennung von Täter- und Opferrolle dominieren.

Opfertypologie und Lebensstilgruppen decken sich nicht. Die Autoren sind aber bemüht, Gemeinsamkeiten herauszustellen und Unterschiede zu erklären. In den Lebensstilgruppen lassen sich lediglich die beiden Opfertypen „Randgruppen“ und „spezifische Opfer“ nicht nachweisen. Einzelne Cluster weisen außerdem große Ähnlichkeiten zu Untergruppen der Opfertypologie auf. Lediglich das Cluster 6 der gewaltbereiten und eher rechtsorientierten Jugendlichen findet keine Entsprechung in der Opfertypologie, da es auch kaum von rechtsextremer Gewalt betroffen ist.

Ziel der quantitativen Befragung war es auch, die Verbreitung von Opfererfahrungen mit rechtsextremer Gewalt und deren typische Formen zu ermitteln. So wird eine hohe Sensibilität junger Menschen für rechtsextreme Gewalt festgestellt: berichtete und beobachtete Gewalt ist weit verbreitet, auch sind den meisten Befragten rechtsextreme Subkulturen bekannt. Immerhin 10,8 % der Befragten war in den letzten 5 Jahren selbst in Gewalt mit Rechtsextremen verwickelt, etwa 8 % sogar mehrfach. Entsprechende Erfahrungen sind von Geschlecht, Nationalität und Schultyp abhängig. Die Schwere der Delikte hält sich im Rahmen; die Opfer werden zumeist nicht oder nicht schlimm verletzt. Tatorte und Tatzeitpunkte verweisen auf den Freizeitbereich. Zwischen Tätern und Opfer besteht zumeist keine oder allenfalls eine flüchtige Bekanntschaft. Rechtsextreme Gewalt ist in der Regel ein Gruppenphänomen, an dem mehrere Täter und mehrere Opfer beteiligt sind. Herausgestellt wird auch der große Anteil von Opfern, die in der fraglichen Situation selbst Gewalt ausgeübt haben und sich oft nicht als reines Opfer betrachten. Etwa jeder Dritte rechtsextreme Übergriff richtet sich wegen ideologischer Motive gegen stellvertretende Opfer. Rechtsextreme Gewalt kann aber auch „willkürliche und unberechenbare Züge“ aufweisen und sich „an Personen entladen“, „die nicht einem Feindbild rechtsextremer Ideologie hinzugezählt werden können“ (S. 204)

Im Zusammenhang mit sekundärer Viktimisierung identifizieren die Autoren schon während der Tat Vorboten eines solchen Prozesses. Die Reaktionen des sozialen Nahraums auf die Tat werden als unproblematisch eingestuft. Negativer bewertet werden unsensible Reaktionen im erweiterten Umfeld. Neben einem generell negativen Image der Polizei wird von den Opfern auch das konkrete Verhalten der Polizei nach der Tat problematisiert. Auch die Rechtsprechung trägt nicht zu einer Verbesserung der psychischen Stabilität der Opfer bei. Zusammenhänge zwischen Opfertypen und sekundären Viktimisierungen stellen die Autoren nicht fest: aufgefallen ist ihnen nur, dass gewaltbereite Opfer weniger Opferschäden erleiden und kaum die Polizei hinzuziehen.

Aus der Untersuchung werden auch Schlussfolgerungen zu körperlichen, psychischen und sozialen Opferschäden gezogen. Die Autoren verweisen auf soziale Folgen körperlicher und psychischer Schäden. Sie diagnostizieren in zwei Fällen eine posttraumatische Belastungsstörung, in mehreren anderen akute Belastungsstörungen. Verschiedene Stadien der Angst und Angstbewältigung werden am Interviewmaterial belegt. Bezüglich der subjektiven Wahrnehmung der Tat und der damit verbundenen Schäden wird herausgestellt, dass Opfer rechtsextremer Gewalt dieses Erlebnis nicht nur als stressreich, sondern teilweise auch als irrelevant oder gar positiv bewerten.

Besonderes Augenmerk wird den Strategien zur Bewältigung von psychischen Belastungen gewidmet. Unterschieden werden zwei Klassen von Copingstrategien (aktionales vs. intrapsychisches Coping) mit jeweils 2 Reaktionsformen und insgesamt 9 Ausprägungen. In den untersuchten Fällen werden zumeist mehrere Bewältigungsformen nachgewiesen.

  • Intrapsychisches Coping spielt sich auf der emotional-kognitiven Ebene ab und findet zum einen in Form einer intra-aktiven Reaktion statt. Hier werden bewusst Mechanismen in Gang gesetzt, um psychische Stabilität zu erreichen: genannt werden Hilfesuche, kognitive Spannungsreduktion und Verdrängung.
  • Als zweite Form des intrapsychischen Coping wird die defensiv-resignative Reaktion genannt, bei der keine aktive Auseinandersetzung mit dem Übergriff gesucht und durch Verharmlosung oder Resignation auch nur eine temporäre Scheinstabilität erreicht wird.
  • Aktionales Coping ist auf der Handlungsebene angesiedelt. Dabei ist zunächst die extra-aktive Reaktion zu nennen, die sich gegen die Tatmotive und die gesamte Subkultur der Täter richtet und in den Erscheinungsformen der Radikalisierung und Politisierung auftritt.
  • Eine zweite Form des aktionalen Copings stellt die adaptive Anpassungsreaktion dar, die auf den Abbau von Angstzuständen zielt. Zu dieser Bewältigungsform zählen Verhaltensänderungen (z.B. Sicherheitsvorkehrungen), Ausdrucksveränderungen (z.B. Verzicht auf subkulturelle Stilelemente) und Norm-/Werteveränderungen.

Ein Zusammenhang zwischen Verarbeitungsformen und Opfertypen ist nicht erkennbar. Eine Rolle spielen dagegen Lebensstil und Integration, wovon sowohl die Folgen der Tat als auch die Möglichkeiten zu ihrer Bewältigung abhängen.

Abschließend werden auch Vorschläge zum Umgang mit rechtsextremer Gewalt und ihren Opfern formuliert.

Diskussion

Die Autoren legen eine umfassende Analyse der Viktimisierungen durch rechtsextreme Gewalt vor und betreten damit in der Tat „Neuland“ (S. 353). Dies impliziert, dass sie sich aus vorhandenen theoretischen Konzepten und empirischen Erkenntnissen einen Analyserahmen für ihre Untersuchung „zusammenzimmern“ müssen. Wo diese hinterfragt und auf die eigene Thematik angepasst werden, gelingt dies auch.

Die Gliederung der Arbeit ist etwas eigenwillig: Kapitel zu theoretischen Konzepten, empirischen Methoden der eigenen Untersuchung und deren Ergebnissen wechseln sich ab. Zuweilen irritiert auch die wertende Sprache der Autoren, mit welcher etwa „die Leiden der Opfer“ (S. 33) beklagt werden. Auch die ausgesprochen positive Haltung gegenüber Polizei und Strafverfolgung fällt auf, wenn etwa von den Opfern kritisierte Reaktionen der Polizei ausführlich entschuldigt oder Bewältigungsstrategien an ihrer Vereinbarkeit mit der Strafverfolgung gemessen werden.

Die relativ engen Definitionen von Gewalt, Rechtsextremismus und Opfern erleichtern die Bearbeitung der Thematik, grenzen aber auch vieles aus: Gewalt gegen Sachen, Delikte von Tätern ohne typische rechtsextreme Embleme oder auch rechte Gewalt gegen ältere Personen bleiben außen vor. Die Problematik der Definitionen zeigt sich in der empirischen Untersuchung, wo von den Opfern als rechtsextreme Gewalt eingestufte Vorfälle mangels klarer subkultureller Merkmale der Täter ausgeschlossen werden mussten.

Es gelingt den Autoren, über das Ausmaß von Viktimisierungen in der Schweiz zu informieren, über Tatorte und -zeiten, die Dynamik der Übergriffe, Täter- und Opfermerkmale. Diesbezüglich ist die niedrige Opferrate von Personen mit ausländischer Nationalität als unerwartetes Ergebnis herauszustellen. Der Verdienst der Autoren liegt auch darin, Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil der Opfer und Häufigkeit und Verlauf rechtsextremer Übergriffe herauszuarbeiten: wer seine Freizeit im öffentlichen Raum verbringt, in Cliquen unterwegs ist, Drogen und Alkohol konsumiert und selbst Gewaltbereitschaft zeigt, ist eher von rechtsextremer Gewalt betroffen. Dass die verwendeten Konzepte der Subkultur und des Lebensstils dabei zuweilen etwas überstrapaziert werden, ist zu verschmerzen. Den Autoren gelingt es, Stereotype von rechtsextremer Gewalt zu durchbrechen und den Facettenreichtum dieses Phänomens vor Augen zu führen: es geht eben nicht nur um brutale Übergriffe übermächtiger Täter gegen Personen, die ihren Feindbildern entsprechen. Ein besonderer Stellenwert kommt Gruppenauseinandersetzungen zu, aber auch grundlose Übergriffe auf zufällige Opfer spielen eine gewisse Rolle.

Prozesse der sekundären Viktimisierung im sozialen Umfeld wie auch durch Instanzen sozialer Kontrolle werden beleuchtet. Als Erkenntnisgewinn ist zu verbuchen, dass die fehlende Würdigung der Tatmotive eine spezifische Form der sekundären Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt darstellt.

Bezüglich tertiärer Viktimisierung verdeutlicht das Buch die Heterogenität von Opfererfahrungen. Mit der extra-aktiven Reaktionsform wird eine für rechtsextreme Gewalt spezifische Form der Bewältigung eingeführt. Das Konzept der tertiären Viktimisierung bleibt aber relativ unbestimmt. Auffällig ist auch, dass die Unterscheidungen zwischen primärer und sekundärer Einschätzung und verschiedenen Bewältigungsstrategien dem Interviewmaterial nicht ganz gerecht werden.

Der besondere Reiz des Buches liegt in der Auseinandersetzung mit der subjektiven Perspektive der Opfer. Es wird deutlich, wie unterschiedlich sie die Tat selbst, die Reaktionen darauf und die erlittenen Schäden erleben. Allerdings melden die Autoren hin und wieder Zweifel an der Wahrnehmung der Opfer an: diesen wird eben doch nicht zugetraut, rechtsextreme Gewaltakte korrekt zu identifizieren, die Situation angemessen zu bewerten und sinnvolle Bewältigungsformen zu wählen. Ganz deutlich wird dies etwa dort, wo Bagatellisierungen durch Vergleiche als Scheinlinderung kritisiert werden, obwohl sie die Opfer doch offensichtlich subjektiv entlasten.

Die aufwändige empirische Untersuchung wird der komplexen Fragestellung gerecht, wobei auch Alternativen zum Design und zu einzelnen Verfahrensschritten denkbar wären. Durch Graphiken, Tabellen und illustrative Interviewzitate werden die Ergebnisse anschaulich dargestellt und plausibel vermittelt.

Dass sich die empirische Untersuchung auf die Schweiz bezieht, schränkt den Erkenntnisgewinn für Leser aus anderen deutschsprachigen Ländern nicht nennenswert ein.

Fazit

Schmid und Storni legen eine durchaus lesenwerte Analyse der Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalt vor. Wer sich für die Verbreitung rechtsextremer Gewalt in der Schweiz interessiert, wird aufschlussreiche Dunkelfelddaten finden. Von noch größerem Nutzen dürfte das Buch für jene sein, die sich für Erscheinungsformen und Täter-Opfer-Konstellationen bei rechtsextremer Gewalt interessieren. Das Buch eignet sich dagegen nicht sonderlich als Einführung in viktimologische Fragen. Obwohl es wenig konkrete Handlungsanweisungen liefert, ist es aber auch für Praktiker, die mit Opfern umgehen, von Interesse.


Rezension von
Annette Bukowski
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Zitiervorschlag
Annette Bukowski. Rezension vom 14.04.2010 zu: Martin Schmid, Marco Storni: Jugendliche im Dunkelfeld rechtsextremer Gewalt. Viktimisierungsprozesse und Bewältigungsstrategien. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. ISBN 978-3-03-777071-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8945.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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