socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rainer Möller, Reinmar Tschirch (Hrsg.): Arbeitsbuch Religionspädagogik für ErzieherInnen

Cover Rainer Möller, Reinmar Tschirch (Hrsg.): Arbeitsbuch Religionspädagogik für ErzieherInnen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 4., durchges. und ergänzte Auflage. 284 Seiten. ISBN 978-3-17-020869-8. 22,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund

Die fachlich ausgewiesenen Herausgeber und AutorInnen schöpfen aus Erfahrungen in der Lehrpraxis unterschiedlicher Institutionen.

Das Arbeitsbuch ist bereits 2002 erschienen und in der 3. Auflage 2006 erweitert worden. Es liegt jetzt in der 4., nochmals ergänzten Auflage vor. Damit trifft es in die bewegte Zeit einer wachsenden Akademisierung der Erzieherinnenausbildung. Die Bachelor-Studiengänge für frühkindliche Bildung, bzw. Elementarpädagogik an Fachhochschulen und Universitäten sind in diesem Zeitraum wie Pilze emporgeschossen: 2005 noch acht Studiengänge, Januar 2008 bereits an 24 Fachhochschulen und 4 Universitäten: Vgl. die Broschüre der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft von 2007/08 unter www.gew.de/ErzieherInnen_an_Hochschulen.html. Peer Pasternack vom Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Universität Halle-Wittenberg führt in einem bundesweiten Überblick über Hochschulstudienmöglichkeiten für ErzieherInnen inklusive Studiengänge, die im Wintersemester 2008/2009 neu starteten, insgesamt 65 Möglichkeiten unter unterschiedlichsten Bezeichnungen auf: vgl. http://www.erzieherin-online.de/beruf/ausbildung/pasternack_fruehpaed.pdf.

Thema

Notwendig sind eine ausgearbeitete Bildungs- und Sozialisationstheorie der frühen Kindheit und eine Bestimmung der ihr entsprechenden Studieninhalte. Das Arbeitsbuch zeigt, wie dafür die religiöse Dimension zu berücksichtigen ist, und bereitet das sehr praktisch auf: einerseits für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern und zugleich für die tatsächliche Bildungsarbeit in Kindergärten und Kindertagesstätten. Das hat eine unmittelbare Bedeutung für Einrichtungen konfessioneller Träger, ist aber viel weiter und grundlegender angelegt, so dass dieses Arbeitsbuch als nützliches Lehrbuch für jeden elementarpädagogischen Studiengang gelten darf.

Aufbau und Inhalt

Das Arbeitsbuch erschließt „religionspädagogische Zusammenhänge in sozialpädagogischen Handlungsfeldern“ (11). In fünf Kapiteln werden grundlegende Themen der Religionspädagogik für den praktischen Gebrauch in der Ausbildung von Erzieherinnen dargestellt:

1. Berufsrolle und religiöse Identität (Rainer Möller). Zugrunde liegt die das ganze Buch tragende These: ErzieherInnen brauchen eine religionspädagogische Qualifikation, um Kindern und Jugendlichen in grundlegenden existentiellen Fragen gerecht werden zu können. Denn Kinder bringen so etwas wie „Religion“ immer schon mit (1.4). Diese Dimension kindlicher Erfahrung öffnet oder verschließt die Erzieherin, auch ohne ausdrücklich darauf einzugehen, durch ihre bewusste oder unbewusste Haltung. Daher gehört es zur Professionalität, „ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst, zu den eigenen Werten und Lebensorientierungen und zur eigenen Geschichte mit Religion zu gewinnen“ (11). Das bedeutet keine Festlegung auf eine kirchliche Position und keine Beschränkung auf die christliche Religion. Vielmehr ist der Blick zu öffnen für Religion im Alltag des Kindes. „Eingebettet in das gesamte Alltagsleben der Kindergruppe“ ereignet sich religiöse Erziehung als „Erfahrung unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins“ (25).

2. Kinder verstehen lernen (Reinmar Tschirch). Soziologische und entwicklungspsychologische Perspektiven zeigen Grundlinien des kindlichen Denkens, speziell auch religiösen Fragens, dessen geschlechtsspezifischen Aspekten sich Stephanie Klein unter 2.3 widmet. Der Schwerpunkt liegt dabei für das ganze Buch auf der frühkindlichen Entwicklung bis ins Grundschulalter. Der Bezug auf Jugendliche bildet eher den Rand der Situationsanalysen.

3. „Ein religionspädagogisches Konzept entwickeln“ (Rainer Möller / Reinmar Tschirch) will das dritte Kapitel vor allem mit drei ausgeführten Beispielen: Das Religionspädagogische Förderprogramm, der Neue Trierer Plan (Franz W. Niehl), der dimensionale Ansatz in der Religionspädagogik (Peter Siebel).

4. „Religionspädagogik im multireligiösen Kontext“ (Birgit Deiss-Niethammer), ein immer wichtiger werdender Aspekt, der gründlich behandelt wird und eine multireligiöse Erziehung in den Blick nehmen will.

5. „Auf dem Weg zur Praxis“ führt fünf Bereiche praktischer religionspädagogischer Arbeit vor:

  1. Kindern aus der Bibel erzählen (Reinmar Tschirch);
  2. Mit Kindern in der Kirche – Kirchenpädagogik (Birgit Hecke-Behrends);
  3. Religionspädagogik für Kinder von 0–3 (Sabine Müller-Langsdorf);
  4. Stille – Meditation – Gebet (Ingeburg Sylla);
  5. Mit Kindern lesen: Religion im Kinderbüchern (Reinmar Tschirch);
  6. Vom Umgang mit Tod und Sterben (Rainer Möller).

Diese fünf Kapitel sind naturgemäß in Umfang, Intensität und Ausführlichkeit unterschiedlich. Insgesamt wird aber das Anliegen einer fachlichen religionspädagogischen Hinführung und Anleitung wirkungsvoll durchgeführt.

Jedes Kapitel ist dreigeteilt:

  1. „Problemaufriss und Situationsanalyse“ (A),
  2. didaktische „Konsequenzen und Konkretionen für Unterricht und Fortbildung“ (B) und
  3. reichhaltige „Materialien“ (C).

Diskussion

Die relativ knapp gehaltenen informativen Problemaufrisse werden für die Nutzer erst rund, wenn sie durch (B) und (C) hin ‚durchgeführt‘ werden. Hier wachsen ihnen praktische Fragestellungen und farbige Illustrationen zu. Hier werden weitere Kenntnisse und Definitionen vermittelt, vielfältige Methoden genutzt (und damit eingeprägt) und in den Materialien wertvolle Texte überliefert. Das Arbeitsbuch bietet damit einen guten Grundstock religionspädagogischen Materials, von dem aus das Studium der ausgewählten Themen mittels der vermerkten Bücher und Aufsätze jederzeit ausgeweitet werden kann.

Die Anordnung der Literaturangaben ist gewöhnungsbedürftig: Das Verzeichnis S. 275-283 ist nützlich nach den Kapiteln geordnet. (Kap. 3 fällt hier aus; dafür die Literatur dort in Fußnoten.) In zwei Fällen werden die (teils) am Ende aufgeführten Titel schon im Kapitel im Kasten dargestellt: S. 83 (zu Kap. 2.3) und S. 234 (zu Kap. 4).

Die inhaltliche Ausrichtung ist konsequent auf die persönliche Bildung der Erzieherinnen orientiert und bringt Religion in einer weiten, anthropologischen Bedeutung zur Geltung. Eine engere, konfessionell orientierte religiöse Bildung wäre in den „veränderten Lebenssituationen von Kindern, Eltern und Erzieherinnen/Erziehern in der Bundesrepublik“ (132) gar nicht angemessen, weshalb unter den religionspädagogischen Konzeptionen von Kap. 3 der „dimensionale Ansatz in der Religionspädagogik“ (3.3.3) deutlich den Vorzug verdient. Nicht erst durch muslimische Migrantenfamilien, sondern schon durch die Pluralität religiöser Einstellungen in der postmodernen Bundesrepublik von der schroffen Ablehnung über verschiedene Grade religiöser Gleichgültigkeit und Indifferenz bis zu kirchlich verortetem Glaubensleben ist ein religiöser Pluralismus geschaffen, dem die religionspädagogische Praxis gerecht werden muss. Dafür kann es keine spannungsfreien Konzepte und keine konfliktfreie Praxis geben. Im Arbeitsbuch zeigt sich die Spannung z. B. zwischen Kapiteln wie „Kindergarten und Kirchengemeinde“ (3.4) und der Aufgabe, religiöse Feste für alle „in multireligiös zusammengesetzten Kindergruppen“ (151) zu feiern, Feste, „die nicht religiös entschärft werden“, sondern „ernsthafte Begegnung“ werden können, „in der Inhalte und Formen nicht austauschbar sind, sondern in ihrer Unterschiedlichkeit stehen bleiben dürfen“ (153). Christliche Eltern werden vom durch die Kirchengemeinde getragenen Kindergarten erwarten, dass die Beheimatung ihrer Kinder in christlichen Riten und Vorstellungen gestärkt werden. Konfessionell ungebundene Eltern wie auch gläubige Muslime werden sehr darauf achten, dass ihr Kind nicht kirchlich vereinnahmt wird. Ein Kindergarten, der „sich selbst als multikulturelle Gesellschaft versteht“ (173) stellt sich dieser Pluralität offensiv und ermöglicht religiöse Erfahrungen, die Gleichberechtigung und Anerkennung des Andersartigen voraussetzen und einüben. Das Arbeitsbuch bewegt sich dazu zwischen grundlegenden Klärungen und vielfältigen praktischen Hinweisen und Vorschlägen. So wird S. 158 „die Wahrheitsfrage“ aufgenommen und in wenigen Zeilen geordnet, was im B-Teil aufgenommen (170) und durch klärende Texte im C-Teil (190ff) bis hin zu grundlegenden „Spielregeln für den interreligiösen Dialog“ (192) weitergeführt wird. Die spannungsvolle Situation religiöser Vielfalt wird dabei ausdrücklich als „Herausforderung für die Erzieherin“ verstanden (4.6). Von ihr wird die „Fähigkeit zur inneren Bejahung der Pluralität“ erwartet, und zwar – hier zeigt sich der realistische Blick der Verfasserin – „auch einer Pluralität von ‚absoluten‘ religiösen Geltungsansprüchen“ (161). Dass solche grundlegenden Fragen auf wenigen Seiten behandelt werden, hat sein Gegengewicht in den didaktischen Überlegungen zur konkreten Praxis z. B. für die Gestaltung von Festen (163ff) oder zur Rolle religiöser Geschichten unterschiedlicher Herkunft (166ff). An solchen Stellen zeigt sich besonders deutlich, wie die Konzeption, von der das Arbeitsbuch getragen wird, gesamtgesellschaftliche Bedeutung beanspruchen darf, ohne dass der jeweilige Anspruch auf Heimat in konkreten religiösen Formen und Gemeinschaften aufgegeben werden müsste. Entscheidend aber ist, dass dies alles nicht von bestimmten Besitzansprüchen her konzipiert ist, sondern von der konsequenten Solidarität mit den Kindern. In 5.4 wird das am Thema „Stille“ besonders deutlich. Die hohe Bedeutung von Stilleübungen für das innere Gleichgewicht von Kindern, für ihre schöpferische Entfaltung und soziale Stabilität, ist pädagogisch seit langem bekannt (Maria Montessori 233). Religiös gestaltete Räume und Zeiten geben dafür einen hervorragenden Rahmen (5.2), religiöses Erzählen (5.1) und in Bedeutungstiefe öffnende Kinderbücher (5.5) erschließen weitere Erfahrungsräume.

Fazit

Für jedes der in diesem Buch angeschnittenen Fragen und Gebiete gibt es ausführlichere und umfassendere Literatur. Dass Religionspädagogik weiter reicht als die hier ausgewählten Themen, wird von den Herausgebern bereits im Vorwort zugestanden. Die getroffene Auswahl und der Dreischritt von Problemaufriss, didaktischen Konsequenzen und pointiertem Material ergeben ein Studienbuch von hohem Gebrauchswert, das Studierenden im elementarpädagogischen Bereich eine Fülle an sachlichem Wissen erschließen und hilfreiche Orientierung für die persönliche Entwicklung geben kann. Darüber hinaus können die aufgeworfenen Fragen, praktischen Vorschläge und gesammelten Materialien für das Lernen mit Menschen aller Altersstufen verwendet werden.


Rezension von
Prof. Dr. Martin Behnisch
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Martin Behnisch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martin Behnisch. Rezension vom 10.04.2010 zu: Rainer Möller, Reinmar Tschirch (Hrsg.): Arbeitsbuch Religionspädagogik für ErzieherInnen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 4., durchges. und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-17-020869-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8946.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung