Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rainer Sachse: Wie ruiniere ich mein Leben - und zwar systematisch

Rezensiert von Dipl.Sozialarbeiter Jörg Dahlbeck, 15.07.2010

Cover Rainer Sachse: Wie ruiniere ich mein Leben - und zwar systematisch ISBN 978-3-608-94559-1

Rainer Sachse: Wie ruiniere ich mein Leben - und zwar systematisch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 187 Seiten. ISBN 978-3-608-94559-1. 12,90 EUR. CH: 22,90 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Lebensratgeber sind in. Und jeder ihrer Autoren weiß es natürlich noch etwas besser, wie wir noch etwas erfolgreicher, gelassener, klüger, gesünder usw. werden. Rainer Sachse geht den umgekehrten Weg. Er zeigt auf, wie wir unser Leben ruinieren können - und zwar systematisch.

Autor

Sachse ist seit Jahrzehnten in eigener Praxis als Psychotherapeut tätig. Darüber hinaus war er lange Dozent an verschiedenen Universitäten und hat zahlreiche Forschungsprojekte im In- und Ausland begleitet.

In ähnlicher Ausstattung wie das hier rezensierte Buch sind bei Klett-Cotta bereits andere Titel von ihm erschienen wie z.B. „Schwarz ärgern - aber richtig“

Entstehungshintergrund

Sachse, der auch häufig in Fachzeitschriften veröffentlicht, möchte auf einige grundlegende psychologische Prinzipien aufmerksam machen, an denen Menschen sich orientieren sollten, wenn sie Probleme vermeiden wollen. Was passiert, wenn sie das nicht tun, zeigt er - auf eher satirische Art - mit diesem Buch. Diesen satirischen Stil habe er gewählt, um dem Ganzen die existentielle Schwere zu nehmen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer kurzen Anleitung zur systematischen Minderung der Lebensqualität. Hier stellt der Autor stichwortartig die für ihn zentralen Funktionsebenen der menschlichen Psyche – das Motivations- und das Realitätssystem – vor. Diese beiden Systeme werden in den nächsten zwei Kapiteln jeweils eingehender beschrieben.

Unter dem Motivationssystem versteht Sachse unsere grundlegenden Bedürfnisse und Motive wie z.B. Kontakte zu anderen Menschen, Beziehungen führen, etwas leisten wollen etc. Diese Motive stuft er unterschiedlich hoch in einer Motiv-Hierarchie ein, die an die Maslow´sche Bedürfnispyramide erinnert. Je wichtiger das Motiv ist, desto wichtiger ist auch seine Befriedigung. Sachse unterscheidet weiterhin zwischen impliziten und expliziten Motiven. Implizite Motive sind uns oft gar nicht bewusst, sie wirken vor allem über Gefühle und Affekte. Explizite Motive sind uns demgegenüber bewusst. Sie wirken eher über Gedanken und entstehen unter anderem durch Erwartungen z.B. von Eltern, die wir übernehmen („Ich soll und will erfolgreich sein“). Wenn explizite und implizite Motive weitgehend übereinstimmen, ist unser Grad an Zufriedenheit hoch. Sie können aber auch voneinander abweichen, so dass ein Gefühl der Unzufriedenheit entsteht.

Mit dem Realitätssystem meint Sachse, dass wir Modelle über die Realität bilden. „Handelt man z.B. nach dem Modell, dass man Laternenpfählen ausweichen muss, weil diese fest verankert und relativ hart sind, dann handelt man klug; geht man aber von einem Modell aus, dass einem Laternenpfähle ausweichen, wenn man nur schnell und entschlossen auf sie zugeht, dann holt man sich Beulen.“ (S.39f). Um im täglichen Leben gut zurechtzukommen brauchen wir valide Modelle über die Realität, deren Hypothesen wir immer wieder überprüfen müssen.

Im nächsten Kapitel geht es dann um die Balance zwischen dem Motivations- und dem Realitätssystem. Sachse macht deutlich, dass das Motivations- und das Realitätssystem in vielfacher Hinsicht interagieren. So hat wahrscheinlich jeder schon einmal das eigene Motivationssystem ausgeblendet um Anforderungen der Realität zu erfüllen, z.B. wenn man eine Arbeit machen muss, die man verabscheut.

Danach widmet sich der Autor dem Thema „Verantwortung und Kontrolle“. Dabei beschäftigt er sich beispielsweise mit der Frage „Wer ist der Regisseur in Ihrem Leben?“ Hier unterstellt er, dass die meisten Menschen Kontrolle über ihr Leben hätten – oder dies zumindest glauben wollten. Das heißt für ihn, dass jeder Verantwortung für sein Leben übernimmt und sich selbst als Verursacher seiner Entscheidungen anerkennt. Freiheit ist für ihn nur zum Preis der Verantwortungsübernahme zu erlangen. Viele Menschen wollten aber nur die Kontrolle und nicht die Verantwortung. Die Bedeutung von Verantwortung für Kontrolle wird für ihn gerade beim Scheitern deutlich. Man werde beim Scheitern nur dann einen neuen Versuch wagen, wenn man erkenne, dass man selbst verantwortlich ist.

Nach Sachse ist der Alltag bestimmt von Entscheidungen. Ständig haben wir die Wahl: beim Fernsehen, beim Einkauf, in der Freizeit, bei der Partnerwahl usw. Sachse zeigt an vielen Beispielen, dass wir uns nicht nicht entscheiden können – keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Sachse macht deutlich, dass Entscheidungen immer mit einem Risiko verbunden sind. So schreibt er: „Wenn jemand sagt: ´Ich hatte keine Wahl, ich musste meinen Angreifer erschießen´, dann ist das eindeutig nicht korrekt: Tatsächlich hätte er die Wahl, sich vom Angreifer erschießen zu lassen, aber - nachvollziehbarerweise – hat er diese Alternative nicht in Betracht gezogen.“ (S.135)

Im nächsten Kapitel geht es um die Bedeutung von „Selbstbild“ und „Selbstwert“. Für Sachse beinhaltet das Selbstbild die Annahmen und Überzeugungen über die eigene Person. Das Selbstbild kann positiv oder negativ unrealistisch sein: Selbstunterschätzung oder Selbstüberschätzung. Das Selbstbild muss immer wieder durch positive Rückmeldungen von anderen oder sich selbst bestärkt werden. Negative Rückmeldungen – z.B. der Eltern in der Kindheit - können zu einem negativen Selbstwert führen.

Das letzte Kapitel widmet sich den „Ängsten“. Auch hier macht Sachse deutlich, dass Ängste im Grunde eine wichtige Funktion haben. Sie warnen vor Gefahren. Aber es gibt auch die Möglichkeit Ängste zu entwickeln, die das Leben erfolgreich ruinieren können. Auch dieses illustriert er mit vielen Beispielen.

Alle Kapitel durchziehen wie ein roter Faden insgesamt 18 konkrete Ruinierungsstrategien. So gibt es im Kapitel über das Realitätssystem eine Strategie mit dem Titel „Machen Sie es wie Don Quichotte – kämpfen Sie gegen Windmühlen!“ oder im Kapitel über das Entscheiden eine Ruinierungsstrategie, die „Werden Sie zum konsequenten Jein-Sager!“ heißt.

Diskussion

In einer humorvollen und erfrischenden Art zeigt Sachse in lesbarer Sprache äußerst komplexe Zusammenhänge der menschlichen Psyche auf. Dabei wirkt er nie belehrend oder dozierend. Er nimmt den Leser gewissermaßen auf eine Reise durch dessen eigene Psyche mit. Und das sehr systematisch. Dieses Buch ist quasi die konsequente und handlungsorientierte Fortsetzung von Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“. In allen 18 Ruinierungsstrategien bietet Sachse sehr konkrete Anleitungen an, um sein eigenes Leben zu ruinieren. Dabei bleibt einem manches Lachen im Halse stecken, wenn man sich selbst in dem Buch wiederfindet. Der Leser spürt in Sachses Beispielen sowohl den erfahrenen Psychotherapeuten als auch den fundierten Wissenschaftler.

Das Buch ist durch seine ansprechenden Piktogramme sowie sein klares Layout gut gestaltet. Auch das etwas ungewöhnliche Format eines länglichen Taschenbuches erfreut den bibliophilen Leser. Der recht niedrige Preis trägt dazu bei, den Leser nicht zu ruinieren.

Fazit

Dieses Buch ist keinesfalls ruinös. Im Gegenteil: Hier macht es rundum Freude, sich mit seinen eigenen Ecken und Kanten auseinanderzusetzen. Vorsicht: Persönlichkeitsentwicklung nicht ausgeschlossen!

Rezension von
Dipl.Sozialarbeiter Jörg Dahlbeck
Freiberuflicher Berufs- und Projektcoach, systemischer Berater

Es gibt 11 Rezensionen von Jörg Dahlbeck.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jörg Dahlbeck. Rezension vom 15.07.2010 zu: Rainer Sachse: Wie ruiniere ich mein Leben - und zwar systematisch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-94559-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8953.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht