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Hanne Seemann: Artenschutz für Männer

Cover Hanne Seemann: Artenschutz für Männer. Die Wiederentdeckung des Männlichen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 229 Seiten. ISBN 978-3-608-94554-6. 16,90 EUR, CH: 29,50 sFr.
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Thema

Die Autorin hat – so ihre Selbstaussage im Vorwort – „aktuelle Informationen zum Thema ‚Männer‘“ zusammen getragen. Dies erschien ihr angebracht, da das Thema aktuell und eine Zusammenschau der bisher „unverbundenen Fakten und speziellen Sichtweisen“ (S. 9) fällig sei. Explizit betont die Autorin, dass sie keine eigenen Forschungsergebnisse anzubieten habe, sondern „nur ein paar einschlägige Erfahrungen“ und „einige eigene Gedanken, die vom derzeitigen ‚gender mainstreaming‘ abweichen und in eine andere Richtung weisen.“ (S. 10) Männer würden derzeit als „überflüssig, minderbemittelt und sowohl von Natur aus als auch als Folge des Feminismus als benachteiligt“ angesehen; Sie plädiert dagegen für die „Anerkennung der Diversität, also der individuellen Unterschiede von Menschen – hier vor allem von Männern“ (S. 10) Ihr Vorhaben beschreibt sie wie folgt: „Ich will … Männer von ihren ‚guten‘ Seiten her betrachten.“ (S. 19) Entsprechend ist ihr Begriff – „Artenschutz“ - im Untertitel des Buches zu verstehen: „Artenschutz heißt für mich, dass jede Lebensform in ihrer Eigenart anerkannt und gewürdigt werden muss, indem man ihr ihren Lebensraum zugesteht, den sie sich selbst erobert hat.“ (S. 22)

Entstehungshintergrund

Jungen und Männer als „Verlierer“ der gesellschaftlichen Entwicklung zu entdecken und sie entsprechend zu verteidigen, liegt im Trend (etwa: Paul-Hermann Gruner/Eckhard Kuhla (Hg.), Befreiungsbewegung für Männer; Frank Beuster, Die Jungenkatastrophe; Lionel Tiger, Auslaufmodel Mann). Dabei ist es sicher richtig fest zu stellen, dass ein geschlechtsbewusster Blick auf Jungen und Männer in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu kurz kam; auch, dass etwa in den Bereichen Soziale Arbeit, Bildung, Gesundheit auf Jungen und Männer bezogene Angebote bislang eher rar ausfallen. An diesem berechtigten Unbehagen scheinen aber sehr unterschiedlichen Interessen und Positionen anzuknüpfen. Aus dieser unübersichtlichen Gemengelage scheint auch die hier vorzustellende Publikation ihre Aufmerksamkeit zu beziehen.

Autorin

Die Autorin wird als Diplompsychologin und Psychologische Psychotherapeutin vorgestellt; sie arbeitet als Hypnotherapeutin in privater Praxis und war früher am Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg tätig. Sie ist Verfasserin mehrerer Bücher mit Ratgeber-Charakter wie „Selbst-Herrlichkeits-Training für Frauen“ und „Freundschaft mit dem eigenen Körper schließen“.

Aufbau

Nach einem Vorwort, in dem das Grundanliegen des Buches erläutert wird, geht die Autorin in zehn Kapiteln der Frage nach: „Was ist eigentlich mit den Männern los?“ Sie plädiert dabei für die Fragerichtung „Wie-es-möglich-war-dass“ anstatt „Warum-Fragen“ zu stellen. Entsprechend liest sich die Kapitelfolge:

  1. „Was ist los mit den Männern? Oder: Wie es möglich war, dass sie so ‚heruntergekommen‘ sind
  2. Der ‚ethnologische‘ Blick vom Aussichtsturm, oder: Von wo aus schauen wir wohin?
  3. Was ist ein Mann? Oder: Fangen wir bei den ganz Kleinen an
  4. Ein ‚richtiger‘ Junge, oder: Wie sind und was tun die kleinen Jungs?
  5. Die Heranwachsenden, oder: Ist Verrücktsein in der Pubertät normal?
  6. Adoleszenz, oder: Wer bin ich und wer will ich sein?
  7. Männer als Väter, oder: Vater werden ist oft schwer, Vater sein nicht gar so sehr
  8. Worin sie gut sind, die Männer, oder: Was man von ihnen nicht verlangen sollte
  9. Über die Liebe, oder: Sind sie mit einer funktionierenden Beziehung zufrieden?
  10. Schlusswort, oder: Nachgeschobene Ermutigungen für Männer und Frauen“.

Inhalt

Die Antwort auf die in Kapitel 1 gestellte Frage („Wie es möglich war, dass sie so ‚heruntergekommen‘ sind“) sieht die Autorin in einer übertriebenen Scham von Männern gegen ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit. Zwar sei es zu würdigen, wenn Männer sich angesichts vielfältiger von Männern ausgeübter Gewalt- und Missbrauchsübergriffe ihrer Geschlechtsgenossen schämen würden, dies solle aber nicht dazu führen, „dass sie sich selbst missachten und klein machen (lassen)“. (S. 14) Höhepunkt einer solchen Selbsterniedrigung scheint für Männer die „Bekehrung“ zu feministischen Positionen zu sein. – Eine solche Argumentationsfigur lässt sich derzeit auch in anderen einschlägigen Publikationen (etwa: Paul-Hermann Gruner/Eckhard Kuhla (Hg.), Befreiungsbewegung für Männer) zeigen: „der Feminismus“ erscheint hier als eine Art Glaubensrichtung oder Sekte, zu der Mann sich einzig aus Gründen mangelnden Selbstbewusstseins „bekehrt“. Andere Gründe, feministische Positionen zu teilen, tauchen in diesem Denken nicht auf – und auch bei Seemann nicht.

Im zweiten Kapitel nimmt Seemann einen „ethnologischen Blick“ ein. Darunter versteht sie vor allem einen „Blick in die Ferne“, hier in kleine Sozietäten Südchinas, die noch matrilineare bzw. matriarchale Gesellschaftsformen aufweisen. Dieser Blick – ergänzt um ihre eigene biografische Perspektive und ihren professionellen (psychosomatischen) Blick - führt sie zu dem Ergebnis: „Bei den Männern unserer westlichen Gesellschaften, der deutschen insbesondere, scheint es sich um eine Spezies zu handeln, die irgendwie ‚gestört‘ ist …: So wie sie sind, sollen sie nicht sein. (…) Ein Mann zu sein hat zur Zeit fast den Status einer psychischen Störung.“ (S. 32)

Von diesem Befund ausgehend, sichtet sie in den folgenden fünf Kapiteln einige zentrale Sozialisationsphasen von Jungen und Männern:

In Kapitel 3 begründet sie ihren Ausgangspunkt in der „Anlage-Umwelt-Debatte“ als „differenzielle Biologie“: „Wenn ein Mensch mit einem bestimmten Naturell auf die Welt kommt, wenn wir also annehmen (müssen), dass das Neugeborene schon alles, was es je werden kann, in sich trägt …, dann wäre die Umwelt dazu da, Bedingungen bereitzustellen, die diesem Wesen seine eigene Entfaltung ermöglichen, vielleicht sogar erleichtern und befördern.“ (S. 49)

Ausgehend von dieser Positionierung enthalten die weiteren Kapitel über die männliche Entwicklung das Erwartbare: Mädchen und Jungen sind eben anders – und auf Jungen und Männer bezogen heißt das: „(sie) bevorzugen . Autos, … Eisenbahnen, technische Spielsachen, sie rangeln und kämpfen und schon ganz früh kommt es ihnen darauf an, wer der Stärkste und wer der Anführer ist…“ (S. 54); „der typisch männliche Durchsetzungswille“ (S. 58); „Siegen und Beachtung finden, das ist es, was die kleinen Jungen hauptsächlich brauchen“ (S. 61); „Beharrlichkeit und die Fähigkeit zur Konzentration auf eine einzige Sache … dürfen wir als eine der männlichen Kernkompetenzen betrachten“ (S. 174). Folgerichtig gipfelt dies in der eigentlich klassisch zu nennenden Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen: „Die Verfügungsgewalt über die für die Familie wichtigen Ressourcen, das Geld, die Kinder, das Haus, sind in den Händen der Frauen besser aufgehoben. Die gesellschaftlichen, kulturellen, großräumigen, riskanten, abenteuerlichen welt- und weltraumumspannenden Taten sind die Domänen der Männer …“ (S. 172)

Fazit

Der Publikation mangelt es an sozialwissenschaftlicher – vor allem soziologischer –Unterfütterung. Seemanns Bezugspunkte sind andere Ratgeber-Publikationen (nach Art von Michele Weiner-Davis „Jetzt ändere ich meinen Mann – Wie Sie ihn einfach umkrempeln, ohne dass er es merkt“) und vor allem psychologische Fachliteratur. Soziologische Studien, die eine stärker konstruktivistische Sichtweise auf die Geschlechterverhältnisse entwickelt haben, fehlen gänzlich. Auch vorliegende empirische Untersuchungen zu Männern (vgl. z.B. Zulehner, Paul/Volz, Rainer, Männer im Aufbruch, Ostfildern 1998) werden nicht berücksichtigt. So bleiben Seemanns Ausführungen eindimensional und schlicht und werden ständig wiederholt: Es gibt einen Kranz von typisch und ursprünglich männlichen Eigenschaften, die derzeit nicht genügend gewürdigt und wertgeschätzt werden – dies sollte sich ändern. Darüber hinaus sollte nicht ständig an den Männern herumkritisiert und nichts Unmögliches von ihnen verlangt werden. Denn: „Wenn man von einem Krokodil verlangen wollte, es sollte Flöte spielen lernen, würde es vermutlich sagen: Was hab ich davon und ich mache mich doch nicht lächerlich!“ (S. 185) - Wer wollte dem widersprechen?


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 26.02.2010 zu: Hanne Seemann: Artenschutz für Männer. Die Wiederentdeckung des Männlichen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-94554-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8954.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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