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Rahel Heeg: Mädchen und Gewalt

Cover Rahel Heeg: Mädchen und Gewalt. Bedeutungen physischer Gewaltausübung für weibliche Jugendliche. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 320 Seiten. ISBN 978-3-531-17026-8. 39,90 EUR.
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Thema

Im Fokus der im vorliegenden Buch vorgestellten wissenschaftlichen Arbeit sind jugendliche Mädchen, die durch gewalttätiges Handeln aufgefallen sind. Rahel Heeg hat für ihre Dissertation etliche Mädchen interviewt. Erklärte Absicht von Frau Heeg ist es, differenzierteres Wissen zum Thema zur Verfügung zu stellen. Ihre leitende Frage war, welche Funktion diese Gewaltausübung für die Mädchen im Alltag haben könnte, welche Auslöser es gab, welche Motive und welche Verbindung diese mit der Lebenssituation dieser Mädchen hatte. Ansatz war für Rahel Heeg mit der Grounded Theory Methode möglichst mit forschendem Blick und ohne vorherige Theoriebildung qualitative Interviews zu analysieren.

Autorin

Die Autorin ist seit Februar 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz. Als Grundlage für die Herangehensweise ihrer wissenschaftlichen Arbeit dienen das Studium der Psychologie und der Soziologie. Zusammen mit ihrem Mann erzieht sie zwei Töchter im jugendlichen Alter.

Aufbau

Einleitend schildert die Autorin die Wissensbestände zum Thema Gewalt durch Mädchen, setzt sich mit den Themen Geschlecht und Gender auseinander und schildert die Zusammenhänge mit Systemen und im Rahmen von Intersektionalität.

Hauptteil bildet die Beschreibung und Auswertung der Interviews und die Formulierung der daraus gebildeten Thesen, dass Hauptunterschiede darin liegen welche Auswirkungen die ausgeübte Gewalt für die Mädchen selber hat und eine Korrelation dieser Einteilung zur Integration oder Desintegration der Mädchen in ihren Familien.

Nach der Zusammenfassenung der Ergebnisse legt Frau ihre Schlussfolgerungen für die pädagogische und therapeutische Arbeit dar.

Inhalt

Im 1. Kapitel beschäftigt sich mit den theoretischen Überlegungen zu Geschlecht bzw Gender und Gewaltdefinitionen.

Datenmaterial aus der Schweiz und Deutschland über gewalttätige Mädchen wird von Frau Heeg im 2. Kapitel kritisch gewürdigt. Welchen Faktor die Lebenswelten der Mädchen, die gesellschaftlichen Bedingungen, Familien und Peergroups darstellen wird ebenfalls erörtert. Das Kapitel endet mit der Engführung zur Ausgangslage der Forschungsarbeit: die Vielfalt auf der Ebene des Einzelfalls einerseits und daraus andererseits abgeleitete Grundmuster insbesondere mit der Perspektive der Sozialisationsfaktoren und der interaktionellen Bezüge der Mädchen.

Das Kapitel drei hat als Inhalt die methodologischen Grundlagen der Forschung sowie im Kapitel vier Studienanordnung und Auswertung nach der Grounded Theory Method.

Im 5. Kapitel werden die interviewten Mädchen vorgestellt und die Autorin bekennt, dass sie sich mehr durch die unerklärlichen Fälle animiert fühlte besonders genau hinzuschauen. Sie erläutert wieso sie strukturelle Faktoren nicht weiter untersucht.

Sehr ausführlich stellt Frau Heeg Interviews mit 10 Mädchen vor aus welchen sie die Zusammenhänge von Gewalt und positive oder negative Selbstwahrnehmung auf dem Hintergrund des familiärer Kontext analysiert.

Das 7. Kapitel stellt die Zusammenhänge von Gewaltausübung und der Stellung in der Peergroup, die sich aus den Interviews ableiten lässt, dar.

Der familiären Integration oder Desintegration in unterschiedlichen Ausprägungen als einen entscheidenden Hintergrundfaktor wird anhand von Fallbeispielen aus den Interviews das umfangreiche Kapitel acht gewidmet.

Das 9. Kapitel bietet auf 36 Seiten eine ausführliche Zusammenfassung und kann nach Empfehlung der Autorin auch als eigenständiges praxisnahes Kapitel als erstes gelesen werden. Es enthält auch die Schlussfolgerungen für die pädagogische und therapeutische Arbeit.

Diskussion

Frau Rahel Heeg nimmt den Leser/die Leserin mit auf ihre Forschungsreise. Sie legt von Anfang an ihre Grundannahmen, ihre Gedankengänge dar, erläutert die methodischen Ansätze ihrer Forschung, die sie auch kritisch würdigt und gibt den „Originaltönen“ der Mädchen ausführlich Platz. Die Arbeit ist durchweg gut lesbar und nachvollziehbar und enthält eine Fülle interessanter Gedankengänge.

Aus der analysierenden Arbeit werden Schwerpunkte und Thesen herausgebildet, der die LeserIn folgen kann, aber nicht muss. Ihre Empfehlung, dieses letzte Kapitel evtl. als erstes zu lesen, da es vielleicht das Interesse für den wissenschaftlichen Teil weckt ist durchaus berechtigt.

Wie von ihr prognostiziert regt das Lesen dieser Seiten an, sich ebenfalls mit den Interviews der Mädchen und den daraus abgeleiteten Überlegungen, der basierenden Forschungsmethode der Grounded Theory und den zu Grunde gelegten Definitionen von Gewalt und Geschlecht zu beschäftigen.

Ihre Ergebnisse bieten ernst zu nehmende und auch neue Ansätze für die praktische Arbeit mit Mädchen.

Fazit

Eine interessante und gut lesbare Doktorarbeit, die sich ausführlich einem Aspekt der Gewalttätigkeit von Mädchen widmet. Sie bietet neue Ausgangsüberlegungen für präventive und intervenierende Arbeit mit gewaltbereiten Mädchen und deren Bezugspersonen. Besonders die Zusammenfassung im neunten Kapitel kann wie eine Handreichung für PraktikerInnen gelesen werden. Sie macht aber auch neugierig auf die gesamte Studie. Für nicht wissenschaftliche Arbeitende gibt die Lektüre einen interessanten Einblick in Forschungsarbeit.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 01.06.2010 zu: Rahel Heeg: Mädchen und Gewalt. Bedeutungen physischer Gewaltausübung für weibliche Jugendliche. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-17026-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8955.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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