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Andrea Strachota, Gottfried Biewer u.a.: Heilpädagogik. Pädagogik bei Vielfalt

Rezensiert von Prof. Dr. Daniel Oberholzer, 08.04.2010

Cover  Andrea Strachota, Gottfried Biewer u.a.: Heilpädagogik. Pädagogik bei Vielfalt ISBN 978-3-7815-1620-5

Andrea Strachota, Gottfried Biewer, Wilfried Datler: Heilpädagogik. Pädagogik bei Vielfalt. Prävention, Interaktion, Rehabilitation. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. 180 Seiten. ISBN 978-3-7815-1620-5. 19,00 EUR.
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Thema

Heilpädagogik sieht sich mit einer immer grösseren Vielgestaltigkeit ihrer Aufgaben und Arbeitsfelder konfrontiert. Diese Vielgestaltigkeit stellt neue Herausforderungen an die Heilpädagogik. Das Buch verspricht, sich mit solchen Herausforderungen auseinanderzusetzen und den Notwendigkeiten, die daraus für die Heilpädagogik entstehen. Die Beiträge befassen sich mit den Themen „Heilpädagogik im Lebenslauf“, „Heterogenität und Schule“ und „Gesellschaft im Umbruch“.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeberin und die Herausgeber lehren am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

Entstehungshintergrund

Das Buch beinhaltet die bearbeiteten Plenarvorträge und kommentierte Stellungnahmen des 17. Internationalen Heilpädagogischen Kongresses der Heilpädagogischen Gesellschaft Österreichs im Jahr 2008.

Aufbau und Einleitung

Das Buch gliedert sich in die drei Hauptthemenbereiche des Kongresses. Zu jedem Thema werden drei Beiträge vorgestellt, an die sich kommentierte Stellungnahmen anschliessen. Die Herausgeberin Andrea Strachota führt in das Buch und die Themenbereiche ein.

Der einleitende Beitrag von Andrea Strachota befasst sich mit dem Thema Vielfalt und der Bedeutung von Anerkennung. Gestützt auf die Arbeiten von Prengel, Honneth und Stinkes zeigt Strachota auf, welche Formen der Anerkennung für eine gelingende Teilhabe notwendig sind, resp. wären; wo und aus welchen Gründen Personen mit Beeinträchtigungen diese Anerkennung vorenthalten bleibt und was mögliche und wahrscheinliche Formen solcher Nicht-Anerkennung sind. Strachota macht weiter deutlich, dass nachhaltige positive Veränderungen insbesondere über ein verändertes Bildungsverständnis zu realisieren sind. Nach Ansicht von Strachota müsste Anerkennung zum Leitprinzip der Behindertenpädagogik gemacht werden. Es gehe schlussendlich um die Anerkennung von Gleichheit als Gleichwertigkeit des Differierenden. Dazu brauche es auch eine neue Verantwortung und Achtung im Denken des Anderen (vgl. S. 18).

1. Heilpädagogik im Lebenslauf

Der erste Hauptthemenbereich „Heilpädagogik im Lebenslauf“ befasst sich in drei Beiträgen mit aktuellen Aspekten der Frühförderung, der beruflichen Bildung und Integration in das Arbeitsleben und mit der Unterstützung und Begleitung von alten Personen mit Beeinträchtigungen.

Wilfried Datler geht in seinem Beitrag „Frühförderung als Beziehungsförderung“ auf die Bedeutung mentaler Prozesse für das heilpädagogische Handeln ein. Dabei befasst er sich mit zwei Förderschwerpunkten: Der Arbeit der Frühförderin mit dem Kind und der Arbeit der Frühförderin mit den Eltern des Kindes mit Beeinträchtigungen. Datler vertritt in seinen Ausführungen die Meinung, dass die Arbeit der Frühförderinnen dann entwicklungsförderlich sein kann, wenn diese über eine so genannte Mentalisierungskompetenz verfügen. Dabei geht es um den verstehenden Zugang zu innerpsychischen Prozessen, Erlebensweisen oder auch Konflikten und um das Entwickeln von für die Systeme anschlussfähigen Angeboten. Datler entwickelt für diese Form der Arbeit den Begriff der Stimulierenden Feinfühligkeit. In zwei Praxisbeispielen werden Erfahrungen mit diesem Konzept vorgestellt.

Mathilde Niehaus und Daniela Julia Jäger befassen sich in ihrem Beitrag mit Massnahmen und Instrumenten zur Berufsvorbereitung. Solche Massnahmen und Strategien sind nach Ansicht der Verfasserinnen nötig, weil auf der einen Seite zwar ein Überhang an Lehrstellen in Österreich vorhanden sei. Die Unternehmen aber Mühe bekundeten, geeignete Bewerber und Bewerberinnen zu finden. Auf der anderen Seite haben gerade Jugendliche mit Beeinträchtigungen Schwierigkeiten, Arbeitsstellen zu finden, in denen sie sich kompetent erleben können. Die Verfasserinnen vertreten die Meinung, dass diese unbefriedigende Situation nur nachhaltig verändert werden kann, wenn die individuelle Beschäftigungsfähigkeit und Arbeitsfähigkeit der Jugendlichen verbessert werden kann und wenn sich die Arbeitsstellen selber zu beschäftigungsfähigen Unternehmen entwickeln. Das sei über eine bessere Verzahnung von Schule und Arbeitswelt möglich. Jugendliche müssten schon viel früher die Möglichkeit erhalten, sich in generationengemischten und realen Arbeitssituationen zu erleben und zu bewähren. Die beiden Verfasserinnen nennen beispielhaft vier verschiedene Projekte, die diese Ziele verfolgen.

Germain Weber setzt sich im Beitrag „Chancengleichheit für alternde Menschen mit intellektueller Behinderung“ mit dem doppelten Risiko für Diskriminierung dieser Personengruppe auseinander. Dieses fusst einmal auf der Grundlage der Behinderung und einmal auf der Grundlage des Alters. Weber zeigt auf, dass immer mehr Personen mit Beeinträchtigungen immer älter werden. Das führe auch dazu, dass heute mehr Personen mit Beeinträchtigungen ihre Eltern überleben, was entsprechende Anforderungen an die Einrichtungen der Behindertenhilfe stellt. Einerseits in Bezug auf die Bereitstellung entsprechender Angebote. Aber auch in Bezug auf die Entwicklung entsprechender professioneller Leistungen. In beiden Bereichen sieht Weber Entwicklungsbedarf. Studien zur Lebenszufriedenheit von Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen zeigten, dass bspw. nur 28% der Befragten mit ihren sozialen Beziehungen zufrieden sind. Mit dem Wohnen seien nur 18% und mit den Aktivitäten lediglich 15% der Befragten zufrieden. Weber zeigt auf, dass zur Sicherstellung von Lebensqualität im Alter neben einer adäquaten, auf den Prinzipien einer gemeindeintegrierten kleinen Wohngemeinschaft als der Ort des Wohnens, die Begleitung von älteren Personen verstärkt nach der Philosophie der personbezogenen Planung sicherzustellen sei (vgl. 62). Das Alter müsse als wichtiger Entwicklungsprozess ernst genommen werden.

2. Heterogenität und Schule

Im zweiten Hauptthemenbereich, der dem Thema „Heterogenität und Schule“ gewidmet ist, befasst sich Gottfried Biewer in seinem Artikel „Heterogenität in der Pädagogik“ mit den laufenden internationalen Entwicklungen zum allgemeinen Umgang der Schule mit Heterogenität und deren Auswirkungen auf den Umgang mit Kindern mit Beeinträchtigungen im Bildungswesen. Biewer stellt fest, dass sich der Umgang der Schule mit der Heterogenität ihrer Schülerschaft aufgrund gesellschaftlicher und ökonomischer, aber auch aufgrund globaler Bildungsdiskurse verändert hat. Schule wandelt sich zur „Inclusiv School“. Eine solche Schule wertschätze die Vielfalt ihrer Schüler und passe die Bildungsbemühungen an eben diese Vielfalt an. Damit rücke die Schule selber mehr in den Vordergrund. "Nicht das Kind ist das Problem, sondern das Schulsystem. Demzufolge werden nicht Probleme von Kindern behandelt, sondern Probleme des Schulwesens" (S. 79). Dieser Systemwandel habe zwar positive Effekte auf die Sicht der Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen. Andererseits müsse, so Biewer aber auch bedacht werden, dass insbesondere bei der Bedarfsbemessung nicht nur die (neuen) Bedarfe der Schule, sondern auch die individuelle Lebens- und Entwicklungssituation von Kindern mit Beeinträchtigungen weiterhin zentrale Beachtung findet. Dafür sei es notwendig, ein System zur differenzierten Beschreibung der pädagogischen Heterogenität zu entwickeln, welches nicht diskreditiere, aber gleichzeitig die existierenden Problemlagen und Ansätze zur Hilfe differenziert benenne (vgl. S. 83).

Ines Boban befasst sich in ihrem Beitrag “ Multiperspektivität - eine Qualität der inklusiven Schulen der Vielfalt“ ebenfalls mit den Aspekten Inklusion und Vielfalt als Chance. Ziel müsse es sein, dass an die Stelle „des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ die Auseinandersetzung mit „Barrieren für das Lernen und die Teilhabe“ trete (vgl. S. 88). Boban zeigt beispielhaft und konzeptbezogen auf, wie Schulen ihre inklusive Qualität bewerten und weiterentwickeln können. Sie stellt dafür mögliche Entwicklungsfelder vor, die sich auf den Index für Inklusion für Schulen beziehen. Dabei geht es um die Entwicklung von inklusiven Kulturen, inklusiven Strukturen und inklusiven Praktiken.

„Inklusive Pädagogik im Kontext mehrsprachiger, multikultureller Lerngruppen“ heisst der den Themenbereich abschliessende Beitrag von Kerstin Merz-Atalik. Die Autorin beschreibt und untersucht die noch immer bestehenden Bildungsbenachteiligungen von Migrantenkindern im deutschsprachigen Raum. Dabei legt sie ihren Fokus auf den Zweitspracherwerb von Migrantenkindern. Sie reflektiert kritisch den negativen Kreislauf von Zuschreibungen, segregativen Förderkonzepten und mangelnder Anpassung bzw. Reduktion der Bildungsangebote, wie er in monokulturellen und ethnozentrischen, deutschsprachigen Schulen häufig vorkommt und stellt diesem einen positiven Kreislauf der Wertschöpfung individueller Lernausgangslagen und Kompetenzen, inklusiver Konzepte und individualisierter Bildungsverläufe gegenüber. Migrantenkinder müssten, so Merz-Atakik als Bildungsinländer anerkannt werden und das Ziel der schulischen Unterstützung müsse sein, dass den Kindern bewusst werde, dass sie Sprachlerner sind, dass diese Tatsache akzeptiert werde und sie darin unterstützt würden. Dies setzt verschiedene kultur-, struktur- und praxisbezogene Veränderungen im Bildungswesen voraus, wie sie schon Ines Boban vorgestellt hat.

3. Gesellschaft im Umbruch

Der dritte Hauptthemenbereich befasst sich mit dem Thema „Gesellschaft im Umbruch“. Konrad Paul Liessmann geht in seinem Beitrag „Die letzte Aufgabe unseres Daseins“ der bildungstheoretischen Frage nach, was Bildung meint, resp. wie Bildung zu verschiedenen Zeitpunkten der „Bildungsgeschichte“ konzeptualisiert war. Liessmann fordert, wieder klar zwischen Bildung und Ausbildung zu unterscheiden. Nicht um die beiden Begriffe und Konzeptionen gegeneinander auszuspielen, sondern um ihre jeweiligen Qualitäten wieder fassbar zu machen, um daraufhin entscheiden zu können, wo neben der mächtigen Funktion der Ausbildung auch eigentliche Bildung wieder ihren Platz finden könnte / müsste. Liessmann argumentiert, dass Schule als Bildungsort wieder ein Ort der Musse, der Konzentration und der Kontemplation werden müsste, an dem wieder Kompetenzen, wie Sprechen und Denken oder Verstehen geübt werden könnten. "Gerade weil die Alltäglichkeit des Lebens, gerade weil die Erfordernisse der Praxis die Genauigkeit des Denkens, die nur in der Musse, im relativ sorgenfreien Spiel gedeihen kann, wieder abschleifen wird, kann dieses Denken guten Gewissens in der Schule geübt werden" (S. 143).

Anton Amann„s Artikel „Der gesellschaftliche Stellenwert des Altersstrukturwandels“ befasst sich eigentlich nicht mit pädagogischen Fragestellungen, sondern geht der Frage nach, wie Altersbilder im vielfältigen gesellschaftlichen Wandel konstruiert werden und welche Bedeutungen daraus entstehen. Dabei interessiert ihn besonders die soziale Konstruktion, dass Altern und Alter zu einer globalen und bedrohlichen Belastung wird (vgl. 152). Seines Erachtens macht es wenig Sinn, das Altern und das Alter weder übertrieben negativ oder übertrieben positiv zu sehen (zu konstruieren). Es wäre seines Erachtens gewinnbringender, wenn „der unverrückbare Kern“ aller Verhältnisse der Menschen zueinander, nämlich das gegenseitig Aufeinander-Verwiesensein in (neuen) sozialen Konstruktionen aufgenommen würde.

Die Nachgedanken von Adolf Holl beschliessen die Sammlung der Tagungsbeiträge.

Diskussion

Eine überblickende Bewertung der Publikation ist schwierig. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Beiträge in Ausrichtung und fachlicher Qualität. So finden sich neben der Darstellung von Praxiskonzepten, Theorieansätzen oder Bezügen zu empirischen Studien auch philosophische und persönliche Nachgedanken und mehr. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum die verschiedenen Hauptthemenbereiche jeweils in einem eigenen Beitrag kommentiert wurden. Meines Erachtens werden die Beiträge insgesamt dem Titel und dem in den einleitenden Texten erhobenen Anspruch: Heilpädagogik: Pädagogik bei Vielfalt / Prävention - Interaktion - Rehabilitation, nicht gerecht.

Fazit

Das Buch stellt eine typische Sammlung von überarbeiteten Kongressbeiträgen dar. Von daher ist es wohl vor allem als Erinnerung an den Anlass gedacht. Für „Quereinsteiger“ liefern manche Beiträge interessante Denkanstösse oder fassen aktuelle Entwicklungen zusammen. Der Anspruch, der im Titel des Buches erhoben wird, wird meines Erachtens aber nicht eingelöst.

Rezension von
Prof. Dr. Daniel Oberholzer
Sonderpädagoge, Kinder- und Jugendpsychopathologe. Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Institut für Professionsforschung und kooperative Wissensbildung. Lehr- und Forschungsbereiche: Person- und interaktionsbezogene Dienstleistungen in der Sonderpädagogik, Entwicklung neuer Prozessgestaltungssysteme.
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Es gibt 6 Rezensionen von Daniel Oberholzer.

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Zitiervorschlag
Daniel Oberholzer. Rezension vom 08.04.2010 zu: Andrea Strachota, Gottfried Biewer, Wilfried Datler: Heilpädagogik. Pädagogik bei Vielfalt. Prävention, Interaktion, Rehabilitation. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. ISBN 978-3-7815-1620-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8963.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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