Rainer Thomasius (Hrsg.): Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter
Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 11.03.2010
Rainer Thomasius (Hrsg.): Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter. Das Handbuch. Grundlagen und Praxis. Schattauer (Stuttgart) 2009. 588 Seiten. ISBN 978-3-7945-2359-7. 69,00 EUR.
Thema
Geht man mit dem Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR) davon aus, dass „25 bis 30 % der jungen Menschen unter 25 Jahren - also etwa 5 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene - in Deutschland als suchtgefährdet gelten“ (Vorwort, S.VII), dann zeigt sich darin nicht nur die gewaltige Dimension dieses „Problems“, sondern zugleich auch das Gewicht und die Bedeutung der mit diesem Problem befassten Professionen, die unsere Commonsense-Vorstellungen entscheidend mitbestimmen. Dabei verdrängen in neuerer Zeit die am „Sucht„-Modell orientierten Bemühungen der psychiatrisch-therapeutischen Professionen die bislang führende Sicht des Kriminaljustiz-Systems (Rauschgift- bzw. Betäubungsmittel-Kriminalität), während die am „Normalbild“ jugendkulturellen Verhaltens ausgerichteten Professionen - Pädagogik, Sozialpädagogik, Jugendsoziologie - noch immer weithin wortlos bleiben.
Diese Sichtweise, der auch die psychotherapeutischen Arbeiten etwa von Petzold (vgl. die Rezension) und von Hanewinkel/Röhrle (vgl. die Rezension) folgen, gründet in der praktischen Erfahrung mit den schwierigsten und tatsächlich höchst problematischen Klienten, um von hier aus auch den „normalen“ Konsum als deren Vorstadium zu konzipieren und dafür entsprechend früh intervenierende Präventionsansätze zu befürworten. Dabei stehen dann Persönlichkeit, individuelle Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie familiäre Einflüsse im Vordergrund, während die „Verhältnisse“ etwa in Schule und Freizeitangebot zwar benannt werden, jedoch praktisch kaum eine Rolle spielen.
Für diese Sicht steht das 2006 in Hamburg an den Universitätskliniken Hamburg-Eppendorf gegründete „Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters“ (DZSK), dem auch die vier Herausgeber angehören bzw. eng verbunden sind.
Aufbau und Inhalt
In 79 zumeist sehr kurzen Beiträgen fassen 75 AutorInnen den gegenwärtigen psychiatrischen Stand der Grundlagen und Praxis im Umgang mit solchen suchtgefährdeten Kindern und Jugendlichen zusammen, um sie dann auch durch eine Vielzahl eingestreuter Fallbeispiele und Praxisberichte näher zu verdeutlichen.
Ein erster Hauptabschnitt von
ca. 200 Seiten führt in die „Grundlagen“, das
klassische Erscheinungsbild, Ätiologie und „Pathogenese“
sowie die dazu gehörige Diagnostik ein. Angelehnt an die
internationalen Klassifikationen der ICD-10 und der DSM-IV, die sich
jedoch im jugendpsychiatrischen Bereich als nur bedingt tauglich
erweisen (S. 376ff) - zumal „eine manifeste Sucht hier selten zu
beobachten“ ist (192f) - werden zunächst die Verbreitung
des Substanzkonsums im Jugendalter - insbesondere für Tabak,
Alkohol und Cannabis - dargestellt und sodann deren „klinische
Erscheinungsbilder“ referiert: „Gendertypische Aspekte“,
die in neuerer Zeit betonte, schwierige Mehrfachstörung
(Komorbidität) - etwa im Bereich von Depression, Delinquenz und
posttraumatischen Belastungs-Störungen - stehen hier im
Vordergrund.
Ätiologisch werden neben
neurobiologischen und psychologischen Modellen die heute führenden
Ansätze der Schutz- und Risikofakoren sowie ein
„entwicklungspsychopathologisches Modell“ angesprochen.
Besondere Kapitel behandelnd die Rolle „familiärer
Einflüsse“ insbesondere aus Familien suchtbelasteter
Familien, die Bedeutung von Gleichaltrigen, sozialem Status,
Bindungsstörungen und ADHS.
Das eigentliche
Kerngebiet dieses informativ dargestellten psychiatrischen Zugangs
liegt in der Diagnostik, deren Perspektiven und Befunde das
gegenwärtige Verständnis solcher „Sucht-Störungen“
besonders prägen. Hier erwartet man künftig eine
„Weiterentwicklung der multiaxialen Diagnostik (stärkere
Standardisierung der Diagnostik, höherer Stellenwert der
Komorbidität, verstärkte Einbeziehung von Persönlichkeits-
und Temperamentsfaktoren, verstärkte Einbeziehung der
entwicklungsbedingten Veränderung psychiatrischer Symptomatik,
Integration des Beziehungsaspekts, z.B. durch verbesserte
Familiendiagnostik)“ (S.189). wobei insbesondere die
„diagnostische Differenzierung zwischen substanzinduzierten
psychischen Störungen und zum Substanzkonsum komorbid
vorliegenden Störungen“ Probleme bereitet (S.205).
Der zweite Hauptabschnitt
informiert auf ebenfalls etwa 200 Seiten über die sich daraus
ergebende Praxis der Behandlung und Prävention, die u.a. auch
durch 18 Beispiele aus der Praxis näher belegt wird.
Unter dem Aspekt der Behandlung werden dafür
zunächst allgemeine „Therapie-Prinzipien“
angesprochen, die dann von der „Akutbehandlung“ und
„Frühintervention“ über Phasen- und
Stufen-Projekte bis hin zur stationären Aufnahme und
„Postakutbehandlung“ mitsamt den sich dabei ergebenden
Evaluations-Problemen näher erläutert werden.
Mit
einer gewissen Skepsis gegenüber den Erfolgen der
Primärprävention („geringe Effektstärken“,
S. 356), werden Lebenskompetenzansätze - etwa entsprechend dem
ALF-Projekt - bevorzugt, das weitgehende Fehlen von
Familienprogrammen beklagt und die stärker auf Förderung
schulischer Kompetenz ausgerichteten NIDA-Prinzipien zwar benannt
(362f), deren „verhältnispräventive“
Ausgestaltung sich jedoch bei uns zumeist auf eine (notwendige)
allgemeine Klimaverbesserung und Rauchverbote beschränkt (369).
Im dritten Hauptteil steht
schließlich neben einer Darstellung des rechtlich-„forensischen
Rahmens der Suchttherapie“ die professionsspezifische
Realität und der Bedarf der einschlägigen
„Versorgungssysteme“ im Vordergrund: „Klar ist, dass
die Suchtbehandlung nicht Aufgabe der Jugendhilfe ist, sondern der
Suchthilfe“ (416), weswegen ein weiterer Ausbau der seit 1968
eigenständigen Kinder- und Jugendpsychiatrie erforderlich ist:
„… sollte die Behandlung stets unter Einbeziehung kinder-
und jugendpsychiatrischer Kompetenz erfolgen“ (418). Die seit
2006 bestehende „Suchtkommission“ will hierfür mit
entsprechenden Leitlinien die notwendige „Qualifizierung“
gewährleisten (420). Sodass man im Schluss-Resümee
festhalten kann: „In Deutschland müssen vorrangig die
Maßnahmen der selektiven und indizierten Prävention
ebenso wie Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten für
suchtgefährdete und süchtige Kinder und Jugendliche
erweitert werden“ (541).
Ein Überblick über
die einzelnen „suchtauslösenden Substanzen“,
einschlägige Adressen sowie ein ausführliches
Sachverzeichnis vervollständigen das Bild.
Fazit
Das Handbuch bietet in seinen sorgfältig edierten, gut gegliederten und aufeinander abgestimmten Beiträgen mitsamt den dazugehörigen einschlägigen Literatur-Hinweisen einen informativen und praxis-relevanten Einblick sowohl in die spezifische Problematik und Behandlung dieser schwer gestörten Jugendlichen, wie aber zugleich auch in die Entwicklung eines relativ jungen Berufsfeldes, das in einer über das Ziel hinausschießenden Weise unseren (nicht-psychiatrischen) Blick auf die Gesamtheit der anfangs angesprochenen 5 Millionen Kinder und Jugendlichen sucht-spezifisch eingefärbt hat.
Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Jurist und Kriminologe
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