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Peter Pantucek, Dieter Röh: Perspektiven sozialer Diagnostik

Cover Peter Pantucek, Dieter Röh: Perspektiven sozialer Diagnostik. Über den Stand der Entwicklung von Verfahren und Standards. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 473 Seiten. ISBN 978-3-643-50074-8. D: 34,90 EUR, A: 55,90 EUR.
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Thema

In ihrem Vorwort bemerken Peter Pantucek und Dieter Röh das die Diskussionen zur Sozialen Diagnostik im deutschen Sprachraum an „Fahrt“ gewonnen haben. Das vorliegende Werk befasst sich aus diesem Grund mit der sozialen Diagnostik, die in Abgrenzung zur medizinischen Diagnostik innerhalb der Sozialen Arbeit lange Zeit verpönt war.

Entstehungshintergrund

Der zu besprechende Band ist die Dokumentation einer Tagung zur Sozialen Diagnostik, die im Mai 2008 an der Fachhochschule St. Pölten durchgeführt wurde.

Herausgeber

Peter Pantucek, Jahrgang 1953, ist Diplomsozialarbeiter, Soziologe und Supervisor. Er lehrt als Professor an der Fachhochschule St. Pölten. Dort ist er Bereichsleiter des Magisterstudienganges Soziale Arbeit und stellvertretender Studiengangsleiter des Diplom- und Masterstudienganges (Nachgraduierung) Sozialarbeit. Pantucek ist Leiter des Ilse Arlt Instituts (vgl. Hess 2010).

Dieter Röh, Jahrgang 1971, ist seit 2005 Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Seit 2008 leitet er das Department Soziale Arbeit. Röhs Arbeitsschwerpunkte sind Klinische Sozialarbeit, Behindertenhilfe und Psychiatrie.

Seine Dissertation schrieb Röh zu: Empowerment als Hilfe zur Lebensbewältigung. Selbige ist unter der URL http://oops.uni-oldenburg.de/volltexte/2005/178/pdf/roeemp05.pdf abrufbar.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in drei Teile aufgeteilt.

Teil A. befasst sich mit den Entwicklungslinien. Es werden hier in vier Hauptreferaten die grundlegenden Überlegungen zur Rolle der Diagnostik im sozialen Feld angeführt.

  • Hubert Höllmüller befasst sich in seinem Beitrag mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen von Diagnostik in der Sozialen Arbeit.
  • Peter Pantucek befasst sich mit der Entwicklung standardisierter Verfahren der Sozialen Diagnostik. Berechtigterweise fragt er, ob es eben ein Verfahren für alle geben kann.
  • Mark Schrödter untersucht in seinem Referat die Standardisierungskritik, bei der bislang unklar ist, was in welcher Weise der Standardisierung zugeführt wird „und welche Formen von Standardisierung gemessen an welchen Maßstäben inakzeptabel sind“ (S. 57). Schrödter betrachtet Standardisierung als formalisierte Diagnostik. So ist sein Beitrag mit „Formalisierte Diagnostik ja, aber richtig!“ überschrieben.
  • Das letzte Hauptreferat von Dieter Röh befasst sich mit der Frage danach, ob Klassifikationen in der Sozialen Arbeit Fluch oder Segen für die Professionalisierung darstellen.

Teil B hat Konzepte und Verfahren der Sozialen Diagnostik zum Inhalt.

  • Peter Buttner und Alban Knecht zeigen in ihrem Beitrag Wege der Ressourcendiagnostik in der Sozialen Diagnostik auf. Mit diesem Aufsatz geben die Autoren einen ressourcentheoretisch fundierten Überblick.
  • Klaus Posch untersucht, ob „Hermeneutik gut zu einer Methodologie von Sozialer Arbeit ‚passt‘, die sich zugleich der Kunst der Verständigung und der Ideologiekritik im Sinne (selbst-)kritischer Aufklärung verpflichtet fühlt“ (S. 111).
  • Matthias Hüttemann stellt in seinem Referat eine qualitativ-empirische Studie zu diagnostisch relevanten Erklärungsmustern von Fachkräften aus der Sozialen Arbeit vor, welche an einem Beispiel illustriert werden.
  • Bernhard Lehr und Walter Milowiz bemühen den diagnostischen Ansatz der Wiener Schule, welcher darauf abzielt, das in kritische Verläufe führende Verhalten als Rückkopplungsschleifen negativer Reaktionen zu interpretieren.
  • Wie sieht eigentlich das nach dem Erstherausgeber so benannte KlientInnen-SozialarbeiterInnen-Interaktionssystem im diagnostischen Prozess aus? Diesem Thema stellt sich Wolfgang Gaiswinkler, indem er sich mit der Diagnose der Beziehung oder des Arbeitsbündnisses professioneller PraktikerInnen und KlientInnen befasst.
  • Günter Lueger stellt eine Diagnostikkonzeption vor, welche sich auf die verschiedenen Ist-Analyse-Ansätze anwenden lässt und hierbei eine Weiterentwicklung der Diagnoseopfer durch die Veranschaulichung des Potentials bereits im Diagnoseprozess in den Vordergrund stellt. Hierbei stellt der Verfasser eine lösungsfokussierte Diagnostik vor.
  • Erkenntnistheoretisch begründete Fallstricke in der sozialen Diagnostik behandelt Hubert Müller in seinem Beitrag, der sich auf die im gleichen Band veröffentlichten erkenntnistheoretischen Grundlagen bezieht.
  • Über die szenische Diagnostik in der Beratungsarbeit versucht Christoph Hutter „diagnostische Fragestellungen und Instrumente auszuwählen, unterschiedliche Befunde zu sammeln und zueinander in Beziehung zu setzen und im kollegialen Gespräch ebenso wie im direkten Kontakt mit Ratsuchenden Konsequenzen für die Prozessplanung zu ziehen“ (S. 189).
  • Erfahrungen mit der sozialpädagogischen Diagnostik nach Klaus Mollenhauer und Uwe Uhlendorff, wie sie seit 2002 in der Jugendeinrichtung des SOS-Kinderdorfes in Altmünster durchgeführt wird, stellen Rosa Heim und Erika Steinkogler in ihrem Beitrag dar.
  • Peter Pantucek stellt in seinen Ausführungen ein Instrument vor, „mit dem die ohnehin zu erhebenden Daten in eine Ordnung gebracht und für die Situationseinschätzung systematisch nutzbar gemacht werden können“ (S. 219). Hierbei handelt es sich um die erweiterte Inklusions-Chart IC2.
  • Stephan Dettmers widmet sich in seinen Ausführungen dem Forschungsinstrument Eco-Maps, die nach Meinung des Autors ein zielgerichtetes Instrument zur Verdeutlichung von Strukturen und Stärken innerhalb von Familien bzw. sozialen Beziehungen darstellen.
  • Das die VIP-Karte eine hilfreiche und wirksame Methode für die Soziale Arbeit ist, stellt Johannes Herwig-Lempp in seinen Ausführungen dar.
  • Franz Stimmer und Ernst Stimmer untersuchen in ihrem Beitrag computergestützte Verfahren hinsichtlich ihrer grundlegenden Brauchbarkeit von Beratungs- und Therapieprozessen. Hierbei handelt es sich um das von Stimmer/Stimmer entwickelte Netzwerk-Coaching-System.
  • Problem- und Ressourcenanalyse als Voraussetzung für das Erstellen eines sozialarbeitswissenschaftlich begründeten Befundes ist das Thema des Beitrags von Kaspar Geiser, Juliane Sagebiel und Silke Vlecken.
  • Diesen Teil schließt Birgit Wartenpfuhl mit ihren Ausführungen zur systemischen Denkfigur ab, die von Kaspar Geiser als ein Instrumentarium der Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit entwickelt wurde.

Teil C hat Beiträge zum Inhalt, welche in einem Praxiskontext stehen.

  • Silke Birgitta Gahleitner, Heidrun Schulze und Helmut Pauls untersuchen die psycho-soziale Diagnostik in der Klinischen Sozialarbeit.
  • Regina Menzel befasst sich in ihrem Beitrag mit den psychosozialen Diagnosen im Gesundheitswesen. Hierbei kommt die Autorin zu dem Schluss, dass die psychosoziale Diagnose, bezogen auf die Professionalität, ein sehr wesentliches Element darstellt und somit als ein wichtiger Arbeitsschritt der Sozialarbeit in das Bewusstsein rücken muss.
  • Eine Analyse von digitalen Anfragen im Rahmen einer Onlineberatung nimmt Myriam Antinori vor.
  • Manuela Brandstetter analysiert ländliche Sozialräume. Das Hauptinteresse Brandstetters Beitrag liegt in einer „interdisziplinär orientierten, aber in erster Linie sozialarbeitswissenschaftlichen Zusammenführung existierender Erkenntnisse aus der Agrarsoziologie, aus der Stadtforschung und aus der Sozialgeographie“ (S. 385).
  • Mit den interkulturellen Clearing- und Beratungsinstrumenten zur beruflichen Beratung jugendlicher MigrantInnen befasst sich Eva Fleischer.
  • Als eine wertvolle Ergänzung im Leistungskatalog von Palliative Care erkennt Werner Gruber die Soziale Diagnostik in seinem Referat.
  • Torsten Klemm geht der Frage nach, was die Situative Diagnostik für die Soziale Arbeit leistet.
  • Josef Scheipl thematisiert in seiner Explorationsstudie zwei Fragen:
    1. „Wie beurteilen Fachkräfte der Jugendwohlfahrt (JW) in Österreich die Möglichkeit, sozialpädagogische Diagnosen für die Risikoeinschätzung zur Ausbildung von jugendlichen Verhaltensauffälligen zu verwenden?
    2. Werden unter Bezugnahme auf diese Einschätzung professionelle sozialpädagogische Maßnahmen getroffen?“ (S. 424).
  • Mit praktischen Fragen der sozialen Diagnostik - unter dem Gesichtspunkt von der Sozialen Diagnose zur Entscheidung - bei so genannten schwierigen Jugendlichen befasst sich Ingmar Freudenthaler. Zum Wahrheitsgehalt von Diagnosen bedient sich der Autor eines Spruchs des Schweizer Politologen Gerhard Kocher: „‘Die meisten Diagnosen stimmen mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit‘“ (S. 445).
  • Im letzten Beitrag des C-Teils liefert Harald Haslinger einen Beitrag zum Clearing in der Sachwalterschaft in Österreich.

Diskussion

Da ich selber, aufgrund einer mir zugeschriebenen Behinderung, häufig das Opfer von Diagnosen und mitunter auch Fehldiagnosen gewesen bin – und in diesem Sinn wurde die Diagnose als Machtinstrument benutzt, das meine subjektiven Interessen infrage gestellt hat (vgl. Buttner/Knecht 2008, 343) – lassen sich die in dem zu besprechenden Werk dargestellten Perspektiven einer Sozialen Diagnostik auch gut auf die anderen Diagnostikbereiche übertragen. Zu leicht – und das sind meine subjektiven Erfahrungen werden die klassischen standardisierten Diagnostikverfahren (vgl. Bundschuh 1984) missbräuchlich verwendet (vgl. Rensinghoff 2010).

Lehrreich war es für mich zu lesen das der Terminus Ressource nicht mit dem Terminus Kompetenz gleichgesetzt werden soll, wie Buttner/Alban das in ihrem Beitrag auf Seite 107 dargestellt haben. Diesem Fehler bin ich wohl durch die Lektüre eines Aufsatzes von Hans Grewel (1988) erlegen, der defizitäre Lebenserfahrungen für den Religionsunterricht nutzbar machen will. Und hier ist es dann beispielsweise dieser Punkt, der mich terminologisch ins Schleudern brachte: „So hat man z. B. vorgeschlagen den ‚Defizitansatz‘ älterer behindertendidaktischer Entwürfe, der den Menschen auf sein Defizit als Maßstab seines Menschseins festlegte, durch einen ‚Kompetenzansatz‘ abzulösen, der die in einer individuellen Lebenssituation enthaltenen Möglichkeiten zur Gestaltung aufsucht und fördert“ (ders. 440).

Nach Freudenthaler stellt sich die Soziale Diagnose als ein dynamischer Prozess dar und sie sollte im Dialog aller daran Beteiligten verhandelt werden. Hieraus folgernd wage ich, in Anlehnung an Watzlawicks „man kann nicht nicht kommunizieren“ (ders. 2010), die - noch zu überprüfende – Hypothese das man nicht nicht diagnostizieren kann, denn nach Freudenthaler heißt Diagnose ja ins Deutsche übersetzt Durchfoschung, Unterscheidung, Entscheidung, Erkenntnis. Derartigen Prozessen sind wir doch in der Begegnung mit den oder dem Anderen ständig unterworfen. Also bedienen wir uns doch ständig irgendeines diagnostischen Verfahrens.

Fazit

Die Publikation ist für alle diagnostisch Tätigen unverzichtbar. Soziale Diagnose, die auf Ressourcen schaut und nicht nur auf die Defizite, auf das, was nicht da ist, haben wir uns in der Behindertenszene doch schon immer gewünscht. Ist das nicht so ein Stück Hartroda (vgl. Vernaldi 2010)?

Literatur

Bundschuh, Konrad: Einführung in die sonderpädagogische Diagnostik. München ²1984.

Grewel, Hans: Defizitäre Lebenserfahrungen als Herausforderung an eine religiöse Didaktik. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 39(1988)433-442.

Hess, Elke: Ilse Arlt. In: URL: http://www.fhstp.ac.at/forschung/ilse-arlt-institut/ilse-arlt [Download: 12.01.2010].

Rensinghoff, Carsten: Wie man behindert wird – Persönliche Erfahrung nach einer Hirnverletzung im Kindesalter. In Baumann, Menno/Schmitz, Carmen/Zieger, Andreas (Hg.): RehaPädagogik – RehaMedizin. Einführung in den interdisziplinären Dialog humanwissenschaftlicher Theorie und Praxisfelder. Hohengehren 2010, in Vorbereitung.

Vernaldi, Matthias: Wohngemeinschaft Hartroda: In: URL: http://awan.awan.de/mondkalb2/index.php?id=45 [Download: 12.01.2010].

Watzlawick, Paul: Man kann nicht nicht kommunizieren. In: URL: http://www.spiritrelease.ch/html/interessantes/watzlawick.html#eins [Download: 12.01.2010].


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.01.2010 zu: Peter Pantucek, Dieter Röh: Perspektiven sozialer Diagnostik. Über den Stand der Entwicklung von Verfahren und Standards. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. ISBN 978-3-643-50074-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8972.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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