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Hans-Helmut Decker-Voigt, Eckhard Weymann (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie

Cover Hans-Helmut Decker-Voigt, Eckhard Weymann (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 574 Seiten. ISBN 978-3-8017-2162-6. 59,95 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Thema und Absicht

Mit der zweiten Auflage des Lexikons Musiktherapie legen die Herausgeber H.-H. Decker-Voigt und E. Weymann eine überarbeitete und erweitere Fassung des zum VIII. Weltkongress Musiktherapie 1996 erschienenen ersten Bandes vor.

Es ist das erklärte Ziel der Herausgeber, wie in der ersten Ausgabe, „einen Überblick mit gewisser Tiefenschärfe in den einzelnen Stichworten zu vermitteln.“ (Vorwort S.VI). Obwohl sie sich zu ihrer „phänomenologisch-tiefenpsychologischen“ Ausrichtung bekennen, haben sie sich bemüht, „sich nicht in den Dienst einer bestimmten Musiktherapieschule oder musiktherapeutischen Strömung zu stellen.“ (ebd.) Gedacht ist dieses Lexikon oder auch „Lesebuch“ für Praktizierende und in Ausbildung/Studium befindliche MusiktherapeutInnen, Interessierte aus den angrenzenden kreativen Therapien und Gesundheitswissenschaften und „Wissenschaftsjournalisten aus dem Gesundheitswesen“ S. VII).

Entstehungshintergrund

Zum Entstehungshintergrund dieses Buch-Projekts ist leider explizit nichts zu erfahren. Dies wäre interessant, würde dies doch möglicherweise die etwas beliebig scheinende Zusammenstellung der Stichworte erhellen helfen.

Aufbau und Inhalt

Die im Lexikon auf jeweils wenigen Seiten behandelten Stichworte sind meist (leider wie in der ersten Auflage auch hier nicht konsequent!) alphabetisch geordnet. Im Vorwort nennen die Herausgeber zumindest für die Neuzugänge eine gewisse systematisierende Orientierung.Zu den neu hinzugekommenen Praxisfeldern gehören

  • „Suchtkrankenberatung und –Behandlung“ (H. Kapteina),
  • „Abhängigkeitserkrankungen“ (H. Kapteina),
  • „Onkologie“ (U. Hennings),
  • „Kardiologie“ (F.-K. Maetzel) und
  • „Psychodynamische Psychiatrie“ (I. Engelmann).

Die musiktherapeutische Arbeit mit Kindern wird gleich mit mehreren Beiträgen bedacht:

  • „Kindermusiktherapie“ (Th. Stegemann),
  • „Hyperaktive und verstummte Kinder“ (W. Barnowski-Geiser),
  • „Schreibabys“ (G. M. Lenz),
  • „Musiktherapie in der Schule“ (R. Tüpker) und
  • „Musikschule“ (G. Peters).

Die Herausgeber sehen in diesen neuen Behandlungskontexten gleichsam „einen Spiegel in die Zukunft“ (S. V), im Sinne sich ausweitender Arbeitsfelder für MusiktherapeutInnen.

  • „Behandlungsschritte“ (R. Tüpker),
  • „Berufsrecht“ (St. Flach),
  • „Beratung, Supervision und Coaching“ (H. Jahn) und
  • „Berufständische Organisationen“ (H. Schirmer/I. Wolfram)

dürfen da nicht fehlen.

Eine theoretische Unterfütterung für eine „Musiktherapie als Gesundheitswissenschaft“ (S. VI) sollen folgende Beiträge liefern, die auch die Verbindung zu Nachbarwissenschaften thematisieren:

  • „Selbstpsychologie“ (R. Tüpker) und
  • „Musikmedizinische Forschung“ (R. Spintge) nennen die Herausgeber.

Es scheint folgerichtig, dass Themen wie

  • „Indikation/Kontraindikation für Musiktherapie“ (Frohne-Hagemann),
  • „Gruppentherapie“ (T. Weber) und
  • „Kurzzeitmusiktherapie“ (D. Storz)

nicht fehlen dürfen. Als weitere „praxeologische Themen“ (S. VI) erscheinen die

  • „Leiborientierte Musiktherapie“ (U. Baer/G. Frick-Baer) und die
  • „Community Musik Therapie“ (Th. Wosch).

Zu einem Blick in die Geschichte der Musiktherapie, die sich nach einem halben Jahrhundert als etablierte Gesundheitswissenschaft verstehen möchte, gehören die Themen

  • „Geschichte der Musiktherapie/Musikmedizin nach 1945 in Deutschland“ (A. Ster) und die
  • „Geschichte der ostdeutschen Musiktherapie“ (P. Jürgens).

Als weitere, neu aufgenommene Themen sind zu nennen:

  • „Archaische Musikinstrumente“ (J. Oehlmann),
  • „Gruppenmusiktherapie“ (T. Weber),
  • „Musik-imaginative Schmerzbehandlung“ (S. Metzner),
  • „Polaritätsverhältnisse in der Improvisation“ (M. Deuter),
  • „Schizophrenie“ (S. Kunkel),
  • „Spiritualität und Seelsorge“ (H. Kapteina),
  • „Tinnitus und Hyperakusis“ (E. S. Krausse),
  • „Trauma und sexueller Missbrauch“ (G. Strehlow) und
  • „Wiener Schule der Musiktherapie“ (E. Fitzthum).

Dass es an dieser Stelle nicht möglich und auch nicht sinnvoll ist, auf alle Beiträge im Einzelnen einzugehen, versteht sich von selbst. Ich möchte im Folgenden exemplarisch etwas zu Konzept/Aufbau/Auswahl anmerken und ebenso exemplarisch auf die Frage inhaltlicher Qualität einzelner Beiträge eingehen:

Diskussion

1. Es wird den interessierten LeserInnen trotz alphabetischer Ordnung nicht gerade leicht gemacht, den versprochenen Überblick auch wirklich zu bekommen: Beispielsweise tauchen ethnologische Perspektiven in mehreren Beiträgen auf (es sind keine neuen Beiträge, lediglich ein Autor ist ausgetauscht worden): „Ethnologische Aspekte der Musiktherapie“ (T. Timmermann), Musikanthropologische und ethnologische Aspekte“ (W. Suppan), „Musikethnologie – Schamanismus – Musiktherapie“ (W. Mastnak) und „Archaische Musikinstrumente“ (J. Oehlmann); auch „Trance“ und „Verändertes Wachbewusstsein“ (S. Rittner/ J. Fachner/P. Hess) gehören eigentlich noch dazu. Dass diese Beiträge - ob der alphabetischen Sortierung - nun an verschiedenen Stellen stehen und erst bei systematischer Lektüre möglicherweise als thematisch verwandt erkannt werden, zeugt von einer gewissen Unübersichtlichkeit des gewählten Darstellungsverfahrens. Entsprechendes wäre an weiteren Themenstichworten zu demonstrieren. Hier mögen sich interessierte LeserInnen nach einer thematisch strukturierten Zusammenschau der Beiträge sehnen.

2. Von A – Z in einem Lexikon mag suggerieren: Es ist alles oder von jedem etwas dabei! Aber dieser Anschein trügt gewiss: Es ist so manches nicht mehr oder einfach nicht dabei, und über diese Lücken wäre es sinnvoll zu sprechen, weil sie Bestandteile des Diskurses sind. Gerade das Benennen der Auswahl- oder Weglasskriterien würde offenbaren, dass es eben keinen abgeschlossenen Wissenskanon „der“ Musiktherapie gibt, sondern hier, wie überall in der Wissenschaft, sich in Diskursen Machtverhältnisse spiegeln, die bestimmte Themen und Diskursstränge hervorbringen, pflegen oder ignorieren.
„Ein Lexikon, ein Handbuch, ein Nachschlagewerk ist immer ein Spiegel der Veränderung des Faches, das ein Nachschlagewerk schildern will.“ (Vorwort S.V) Insofern ist es spannend, neben der Lektüre der einzelnen Stichworte zu schauen, welche Themen neu hinzugekommen sind, aber auch, welche nicht mehr aufgenommen wurden. (Daneben ist es für die Insider interessant, welche Autoren bleiben und welche nicht mehr dabei sind. Denn wie M. Foucault in seiner „Ordnung des Diskurses“ ja sehr anschaulich beschrieben hat: Wer darf zu wem an welchem Ort, wann und unter welchen Bedingungen etwas sagen bzw. schreiben.).
Beim Blick in die erste Auflage scheinen mir von den nicht wieder aufgenommenen Stichworten die folgenden erwähnenswert: Abwehr, Affektivität, Anders-Werden, Familientherapie, Leiden-können, Paartherapie, Psychoanalyse und Therapeutische Liebe. Es wäre lohnend, in dieser Abkehr und veränderten Auswahl – und der Quasi-Naturalisierung des musiktherapeutischen Diskurses als Lexikon - die eingebetteten Diskussionen, Verwerfungen und Neuorientierungen auszumachen.

3. Zum anderen ist die Qualität der Beiträge als sehr unterschiedlich zu bezeichnen. Neben zahlreichen sehr informativen und interessanten Ausführungen gibt es auch Beiträge, die eigentlich kaum mit dem Anspruch der Herausgeber, in die Tiefe zu leuchten, vereinbar sind. Hier seien zwei Beispiele für ärgerliche Zumutungen genannt:
Auf S. 120/121 Stichwort „Denkprozesse“ (T. Eschen): In einem Lexikon von 2009 mit dem genannten Anspruch darf man doch erwarten, dass es zumindest einer Begründung bedarf, warum weiterhin an völlig veralteten Modellen der Gruppendynamik (z.B. Ammon 1975) festgehalten wird; warum in einem wissenschaftlichen Lexikon „neuere Hirnforschung“ (die in sich ja durchaus kontrovers ist!) bemüht wird, ohne jedweden Hinweis auf eine Quelle oder einen Autor zu geben. Ähnliches gilt für das Stichwort „Empathie“ vom gleichen Verfasser. Auch hier bleiben die aktuellen Diskussionen und Erkenntnisse, z.B. über Spiegelneuronen, unerwähnt.
Im Aufsatz über Community Music Therapy (Wosch), dem „neuen Mekka innerhalb der Musiktherapie“ 115) finden sich nicht nur z.T. haarsträubende Formulierungen, sondern auch inhaltliche Plattitüden: Völlig unkritisch wird der in bestimmten Kreisen wieder hochgehaltene Gemeinschaftsbegriff beschworen: „…dass Wissen in Diskussionen und Debatten der Gemeinschaft produziert wird und nicht durch einzelne Menschen.“ (116) Der Gemeinschaftsbegriff hat ja gerade in Deutschland eine Geschichte und es wäre mehr als angemessen, diesen belasteten Begriff kritisch zu betrachten. Ungeachtet des problematischen Gemeinschaftsbegriffs bin ich geneigt, musiktherapeutisch zu fragen: Was ist eine Melodie ohne die einzelnen Töne?
An anderer Stelle des Artikels heißt es: „Gemeinschaft oder Ökologie wird in der CoMT insbesondere als Wesensmerkmal von Musik verstanden,“ (116) Erstaunlich, was die neumodische Begeisterung an neuen Kausalitäten hervorbringt! Gänzlich unerträglich wird der Versuch, in Anlehnung an Stige eine Definition der CoMT zu geben: „CoMT ist eine professionelle Praxis von Musizieren und Gesundheit, die in einer Gemeinschaft als geplanter Prozess der Zusammenarbeit zwischen Klient und Therapeut mit der Förderung soziokultureller und Veränderungen der Gemeinschaft durch einen teilnehmerzentrierten Ansatz angesiedelt ist, in dem Musik als soziale Umwelt und Heimat in aufgeführten Beziehungen im nichtklinischen und integrierenden Rahmen angewendet wird.“ (117) Alles klar? Vielleicht wäre ein Blick in Wikipedia doch angebrachter? Es mag bezweifelt werden, ob ein solcher Text dafür geeignet ist, dass sich „Interessierte aus Nachbarbereichen … oder Laienkreisen …einlesen oder kundig machen.“ (S. VI)
Darin, dass derart unterschiedliche Qualitäten redaktionell zugelassen werden, spiegeln sich möglicherweise viele verschiedene Themen persönlicher und inhaltlicher Art. Aber sollten die in einem gebundenen teuren Lexikon Platz erhalten?

Die meisten, von mir jetzt nicht explizit erwähnten, Beiträge sind informativ und tatsächlich in die jeweilige Thematik einführend. Aber dort, wo auf Gesellschaft Bezug genommen wird, merkt man leider (!), dass nichts von den veränderten Diskussionen in den Sozial- und Kulturwissenschaften zur Kenntnis genommen wurde. Auch die Ausführungen zu ethnologischen Themen bleiben größtenteils einem Exotismus verhaftet, ohne dass die Chance genutzt wird, ethnomethodologisches Wissen auch auf musiktherapeutische Fragen anzuwenden.

Fazit

Ich habe mich während meines Schreibens an der Rezension gefragt, ob es sinnvoll ist, das neue Buch für unsere Bücherei anzuschaffen, zumal doch sehr vieles mit der ersten Auflage identisch ist. Ich komme zu dem Schluss, dass es lohnende Anstöße für eine Auseinandersetzung über just die oben angesprochenen Fragen bereithält.


Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 13.03.2010 zu: Hans-Helmut Decker-Voigt, Eckhard Weymann (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8017-2162-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8983.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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