Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände

Rezensiert von Prof. Dr. Josef Schmid, 09.01.2010

Cover Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände ISBN 978-3-8252-3267-2

Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände. Mit 4 Tabellen. UTB (Stuttgart) 2009. 155 Seiten. ISBN 978-3-8252-3267-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,90 sFr.
Reihe: UTB - 3267
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Management von Wohlfahrtsverbänden

Wohlfahrtsverbände gehören zu den wesentlichen Elementen des deutschen Sozialstaates; sie prägen weite Teile der Soziale Arbeit und sind entsprechend große Organisationen. Einleitend zitieren die Autoren die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, wonach rund 4 Mio. Menschen hauptamtlich und weitere 2,5 bis 3 Mio. Menschen ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sind. Eine Besonderheit von Wohlfahrtsverbänden ist es etwa, dass sie keinen Profit erwirtschaften, obwohl sie wirtschaftlich tätig sind und dass sie sozialpolitisch einflussreich und akzeptiert sind.

Aufbau und Inhalt

Auf die entsprechenden Begrifflichkeiten und konzeptionellen Grundlagen (Sozialwirtschaft, Economie Sociale, Non-Profit-Sektor, Subsidiarität etc.) gehen Moos/Klug zu Beginn ein; sodann erfolgt eine konzentrierte Behandlung der sozialpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Dazu zählen unterschiedliche ordnungspolitische Konzepte des Sozialstaates vom liberalen Nachtwächterstaat über die Soziale Marktwirtschaft bis hin zum fürsorgenden und aktivierenden Sozialstaat. Ferner werden die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Sozialpolitik dargestellt. So etwa in der schönen Übersicht zur Stellung des Sozialstaatsprinzips im deutschen Grundgesetz (S. 33). Und es wird festgehalten, dass die Veränderungen dieser Rahmenbedingungen de Wohlfahrtspflege beeinflusst.

Den Hauptteil des Bandes bilden die Darstellungen von Organisationen, Handlungs- und Problemfeldern sowie den darauf bezogenen Managementaufgaben:

  • Die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflegte (AWO, Caritas, Diakonie, DPWV, Rotes Kreuz und ZWST) werden nach ihrer Entstehung, dem Selbstverständnis und den Zielen, ihren Organisationsstrukturen und Rechtformen sowie den Leistungsprofilen skizziert. Ihr Ort ist zwischen Staat und Markt; sie folgen und gewährleisten Pluralität und vertreten benachteiligte Personengruppen.
  • Zu den Handlungsfeldern, die neue Herausforderungen schaffen, gehört die Europäische Union. Europäisierung (etwa in Verträgen und der Verfassung fixiert) findet eben auch in der Sozialpolitik statt – allerdings existiert kein fixes europäischen Sozialmodell, sondern drei konkurrierende: Der umfassende, egalitäre nordische Wohlfahrtsstaat, das liberale und das korporatistische Sicherungsmodell. Deutschland gehört zu letzterem – und ebenso das subsidiäre System der Freien Träger. Gerade das macht eine europäische Positionierung der Wohlfahrtsverbände zwingend, um nicht Konvergenzprozessen zum Opfer zu fallen.
  • Aber auch ohne Europa sind die politischen und ökonomischen Wandlungsprozesse nicht zu übersehen und bringen erhebliche Spannungen in die Organisationen bzw. fordern von diesen erhebliche Spagatleistungen: Non-Profit und Anwaltschaftlichkeit oder Unternehmen am (freien) Markt bzw. Verbetrieblichung ist eine kritische Frage; freies, bürgerschaftliches Engagement vs. stabile Mitarbeit im Ehrenamt eines Großverbande vs. professionelle Dienstleistungsanbieter eine andere. Hinzu kommen die Auflösung von Kartellen (- so die Sicht der Wettbewerbshüter im europäischen Binnenmarkt) und des Korporatismus, d.h. die traditionell enge Einbindung der Wohlfahrtsverbänden in das politische System. Schließlich findet eine Erosion der Wertebasis und ein Säkularisierung statt, was die normativen Fundamente und Orientierungen erodieren läßt. All dies sind dramatische Herausforderungen, denen sich die Wohlfahrtsverbände gegenübersehen. Das abschließende Urteil ist kritisch: Die alten Partnerschaften und Sicherheiten haben sich aufgelöst.
  • Hieraus ergibt sich der Bedarf nach Management und Organisationsentwicklung; (neue) Ziele und normative Grundlagen müssen gelegt werden, die strategischen Optionen identifiziert und abgewogen und in operative Maßnahmen umgesetzt werden. Ein Leitbild sowie ein Corporate Governance Kodex sollen/können klare Ziele und Strukturen schaffen sowie orientieren, motivieren und legitimieren. Hieraus kann und soll sich ein verändertes Leistungsportfolio ergeben und am modernen Selbstverständnis gearbeitet werden. Das Festhalten am brüchigen Status Quo gilt als wenig aussichtsreich, eine innovative Verbindung von Markt und Gemeinwohl sollte angestrebt werden. Dabei geht es für Moos/Klug auch darum, das Potenzial der Organisationsmitglieder und Stakeholder zu nutzen und die Anpassungs- und Funktions­fähigkeit der Wohlfahrtsverbände im Konsens zu stärken.

Diskussion

Interessant ist m.E. die Verbindung der Darstellung der Wohlfahrtsverbände, ihren Aufgaben und Problemen mit einer dezidierten Managementorientierung, die den St. Gallener Konzepten folgt. Damit tun sich viele Verbände schwer – teils weil sie es nicht wollen, teils weil sie es nicht können. BWL ist eben für viele eher noch des Teufels und Führung in demokratischen Organisationen kein leichtes Unterfangen. Insofern ist das Management der Organisation und die Anpassung an die neuen Herausforderungen ein wichtiger Fokus. Zugleich zeichnet sich der Band dadurch aus, dass die Rahmenbedingungen der deutschen und europäischen Sozialpolitik knapp, aber ausreichend dargestellt werden. Auch das Thema Bürgerschaftliches Engagement und die diesbezüglichen aktuellen Entwicklungen werden durchaus zu Recht angesprochen. Man kann sich jedoch darüber streiten, ob das Europa-Kapitel am richtigen Ort steht und eine adäquate Zuspitzung erfahren hat. Natürlich könnte man die eine oder andere fehlende Vertiefung monieren (v.a. im Bereich Theorie), was aber bei einem Bändchen mit rund 150 Seiten fehl am Platze wäre.

Fazit

Das Buch ist damit für alle Einsteiger geeignet und ermöglicht einen breit angelegten, gut strukturierten Einstieg in das Thema Wohlfahrtsverbände. Der Text ist flüssig geschrieben und wird durch eine Reihe von Übersichten grafisch unterstützt. Auch das Sachregister erleichtert die Handhabung, was schon durch eine tief gestaffelte Gliederung geleistet wird. Kurzum: das Bändchen ist empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Website
Mailformular

Es gibt 19 Rezensionen von Josef Schmid.

Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Rezension 8007

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 09.01.2010 zu: Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände. Mit 4 Tabellen. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3267-2. Reihe: UTB - 3267. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8992.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht