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Wolfgang Bergmann: Halt mich fest, dann werd ich stark

Rezensiert von PD Dr. phil. Ulf Sauerbrey, 13.04.2010

Cover Wolfgang Bergmann: Halt mich fest, dann werd ich stark ISBN 978-3-629-02191-5

Wolfgang Bergmann: Halt mich fest, dann werd ich stark. Wie Kinder fühlen und lernen. Pattloch (München) 2008. 220 Seiten. ISBN 978-3-629-02191-5. 14,95 EUR.

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Autor

Wolfgang Bergmann ist Erziehungswissenschaftler, Familientherapeut und Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie.

Entstehungshintergrund

Wolfgang Bergmann stellt in der öffentlichen Debatte um Disziplin und harsche, vorbehaltlose Autorität, wie sie weitgehend vom Psychiater Michael Winterhoff und dem ehemaligen Leiter des Internats Schloss Salem, Bernhard Bueb, vertreten werden, einen Gegenpol dar. Bergmann weist besonders auf die Bedeutung sicherer Bindung und auf die Familie als Grundpfeiler pädagogischer Prozesse hin. Bergmann verbindet in seinem Buch das Thema Lernen – einer der wesentlichen Grundbegriffe der Psychologie und Pädagogik – mit kindlichen Gefühlen. Letztere werden in den wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten oft nur unzureichend berücksichtigt. Kinder erleben beim Lernen „Freude und Traurigkeit“ (S. 10), sie lieben ihre Eltern und sind neugierig auf die Welt und deren Dinge. All dies liegt wahrscheinlich sogar in ihrer Natur. Gleichwohl ist das kindliche Lernen anfällig für Störungen. Kinder lernen – eingebettet in und ausgehend von der Bindung zu ihren Eltern – ihre eigenen Gefühle, Sprache und die Welt kennen.

Aufbau und Inhalt

Zunächst verortet Bergmann sein Buch als sachlichen und zugleich auf die kindlichen Gefühle eingehenden Gegenpol zu den Debatten um Disziplin und Kontrolle. Deren öffentliche Konjunktur vermittelt Eltern wohl häufig die Notwendigkeit, den eigenen Kindern starre Grenzen zu setzen. Jedoch gehe nach Bergmann aller Methodik in der Erziehung eine gute, sichere Bindung zur Mutter – später zum Vater – voraus (S. 14).

Im ersten Teil des Buches: „Bindungen und Entwicklungen. Ein Kind lernt die Welt kennen“, werden die Entwicklungsschritte des Kindes anhand sehr anschaulich beschriebener Beispiele skizziert. Alle Erkenntnisse, die das Kind erlangt, sind eingebettet in eine sichere Bindung. Kleine Geschichten von Mariechen, die zum ersten Mal ihren Namen bewusst erkennt (S.30f.), von Mia, die einen fliegenden Vogel imitiert (S. 52f.) und die erst noch lernen muss, was ein Ball ist (S. 57f.), helfen den LeserInnen, die nicht in die Fachdiskussionen involviert sind, die Thematik und ihre Komplexität zu verstehen. Bergmann wechselt dabei einerseits zwischen Beschreibungen alltäglicher Erlebnisse von und mit Kindern und andererseits entwicklungspsychologischen, neurobiologischen und klassisch pädagogischen Erkenntnissen. Mit diesen begründet er seine Beschreibungen und deren Interpretation. Die hohe Bedeutung der Erlangung von Objektpermanenz beim Kind (Jean Piaget) ist nur ein Beispiel, welches diese Geschichten verdeutlichen sollen.

Der zweite Teil des Buches betrachtet nun die andere Seite: Unsichere Bindungen. Bergmann skizziert dabei u.a. das Experiment der „fremdem Situation“ (Mary Ainsworth) (S. 125f.), und er nutzt ebenso Einzelfallbeschreibungen (wahrscheinlich aus seiner eigenen familientherapeutischen Arbeit), um zu verdeutlichen, inwieweit gestörte Interaktion in der frühen Kindheit, unsichere Bindung und damit ein unsicheres, ambivalentes Empfinden von Vertrauen (S. 119) sich lebenslang in die Spuren des menschlichen Gedächtnissen einprägen (S. 154). Partnerschaften scheitern demnach häufig an der Unfähigkeit, sichere Bindungen einzugehen und angemessen Freude am Dasein zu empfinden. Ebenso werden Tierversuche und neurobiologische Erkenntnisse in die Darstellung einbezogen (S. 153, S. 179). Auch die Aggressivität von Kindern wird über gestörte Bindungen erklärt (S. 196).

Bevor nun das Thema der Bindungsunsicherheit die LeserInnen gänzlich verzweifeln lässt, folgt jedoch der das Buch abschließende dritte Teil: „Geglückte Bindungen“. Anhand zweier sehr kurzer Unterkapitel beschreibt Bergmann knapp die Idylle einer Familie, die sich in der Erziehung ihrer Kinder und dem Vorleben einer glücklichen Partnerschaft nicht beirren lässt. Glücksempfinden entsteht nach Bergmann u.a. durch Zeit, die man sich nimmt, durch Achtsamkeit, durch Herausforderungen und durch Dankbarkeit.

Diskussion

Es gibt sichere Bindung. Leider fällt insbesondere der letzte Teil des Bergmannschen Buches sehr knapp aus. Gleichwohl: Wie sichere Bindung entsteht, lässt sich im Umkehrschluss aus dem Großteil der Negativbeispiele in Bergmanns Buch erkennen: Kinder brauchen Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit, aber auch Erwachsene, die ihr Leben glücklich leben und innerhalb deren Fürsorglichkeit sie sich entwickeln und die Welt explorieren können. Die Beschreibungen des Glücks im abschließenden Kapitel Bergmanns mögen pathetisch klingen und sind freilich zutiefst normativ durchsetzt. Jedoch kommt eine Beschäftigung mit Erziehung, Bildung und Bindung letztlich nicht umhin, auch schlichte alltägliche Begebenheiten menschlichen (Zusammen-)Lebens zu berücksichtigen.

Fazit

Bergmanns Buch gibt einen Einblick in das Lernen von Kindern durch sichere Bindung. Eine solche Bindung zu engen Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren hat eine immense Bedeutung für das spätere Leben. Insbesondere auf Beziehungen wirkt sich eine frühkindliche sichere Bindung tendenziell positiv - und unsichere Bindung tendenziell negativ - aus. Damit verbunden sind ebenso Aufmerksamkeit, Glücksempfinden und viele weitere so genannte Kompetenzen. Bergmann gelingt es in seinem Buch, Erkenntnisse der Bindungsforschung anhand alltäglicher Erlebnisse von und mit Kindern zu erklären. Seine Sprache ist dabei verständlich, weshalb das Buch gerade für Eltern und PraktikerInnen sehr zu empfehlen ist. Leider fehlen für fachlich über das Thema hinaus interessierte LeserInnen konkrete Nachweise, auch wenn das Buch eine Literaturliste enthält. Möglicherweise lag Bergmanns Anspruch jedoch gar nicht in diesen Einzelnachweisen. Viele Ideen lassen sich zudem über die verwendete Literatur nachvollziehen.

Rezension von
PD Dr. phil. Ulf Sauerbrey
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Jena und Privatdozent an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 20 Rezensionen von Ulf Sauerbrey.

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ISSN 2190-9245