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Joseph Kuhn (Hrsg.): Leben, um zu arbeiten?

Cover Joseph Kuhn (Hrsg.): Leben, um zu arbeiten? Betriebliche Gesundheitsförderung unter biografischem Blickwinkel. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. 174 Seiten. ISBN 978-3-935964-87-6. 17,90 EUR.
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Thema

Die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben wird immer schwieriger – diese Erkenntnis steht am Anfang des Buches. Daraus resultieren nicht nur enorme psychische, emotionale und finanzielle Belastungen für die Arbeitnehmer, sondern auch solche gesundheitlicher Natur. An dieser Stelle knüpft das vorliegende Buch an, das auf verschiedene Aspekte eingeht, wie seitens der Betriebe eine Gesundheitsförderung unter biographischem Blickwinkel passieren kann. Dabei bleibt eher unklar, was mit „biographischem Blickwinkel“ genau gemeint ist. Eindeutig ist, dass die Berufstätigkeit eines Menschen Teil seiner Biographie ist – und hier besteht auch eine eindeutige Beziehung zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Ebenfalls klar ist, dass grundsätzlich seitens der Arbeitgeber ein Interesse besteht bzw. bestehen sollte, betriebliche Gesundheitsförderung zu betreiben – schon damit die Arbeitnehmer möglichst effektiv und effizient für das Unternehmen tätig sein können.

Allerdings wird in diesem Kontext auch sehr schnell deutlich, dass es hinsichtlich der betrieblichen Gesundheitsförderung leicht zu Interessendivergenzen kommen wird, z. B. bei der Frage nach der Kostenverteilung für die Maßnahmen. Hinzu kommt, dass der biographische Blickwinkel deutlich mehr umfasst als nur die Arbeitsbiographie – so z.B. die oben bereits angesprochene Familiensituation. Diese kann sich, soweit ist bekannt, sowohl förderlich als auch hinderlich auf die Arbeitssituation (und damit auf die Arbeitsbiographie) und auf die Interessen des Unternehmens auswirken. Welche Auswirkungen diesbezüglich beobachtbar sind und wie sich dies mit betrieblicher Gesundheitsförderung verknüpfen lässt, wird in dem Buch allerdings nicht thematisiert, u.a. weil dafür eine umfassendere Theorie zur Verknüpfung von „biographischem Blickwinkel“ und „betrieblicher Gesundheitsförderung“ erforderlich wäre, als derzeit existiert.

Angesichts dieser Ausgangslage konzentriert sich die Beiträge der Autoren dieses Sammelbandes darauf, Arbeitsbiographie und betriebliche Gesundheitsförderung miteinander zu verknüpfen und hinsichtlich verschiedener Aspekte zu betrachten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zehn Beiträgen verschiedener Autoren, denen ein Vorwort der Herausgeber vorangestellt ist, in dem die Interdependenz von Arbeit, Leben und Gesundheit schlaglichtartig beleuchtet wird.

Den Reigen der Fachbeiträge eröffnet dann ein Beitrag von Ernst-H. Hoff, Eyko Ewers, Olaf Petersen und Susanne Dettmer, in dem es um Konflikte im Berufs- und Privatleben geht bzw. wie sich diese reflexiv bewältigen lassen. Dabei geht es den Autoren weniger um die Entwicklung von Lösungen für die Konflikte, als vielmehr zunächst um eine Klarstellung des Forschungsfeldes und der sich aus den nach zunehmenden Konflikten ergebenden Fragestellungen. Dabei gelangen sie zu der Erkenntnis, dass die steigende Konflikthäufigkeit auch zu einer steigenden Lebensreflexivität führen kann (vgl. S. 36-37) – aber keineswegs führen muss.

Anschließend beschäftigt sich Rainer Müller mit der Biographie als einer gesundheitlichen Kategorie, wobei er einen Unterschied zwischen Biographie und Lebenslauf herausarbeitet. Der Lebenslauf ist ihm zufolge die rein zeitliche Abfolge von äußeren Strukturmomenten, während die Biographie die subjektive Deutung dieser Handlungen und Erfahrungen darstellt. Aus diesen unterschiedlichen Verständnissen resultiert eine unterschiedliche Relevanz verschiedener Wissenschaften: So sind Müller zufolge hinsichtlich der Lebenslaufdimension eher die Gesundheits- und Arbeitswissenschaften angesprochen, hinsichtlich der Biographie hingegen eher die Medizin (vgl. S. 51).

Eberhard Göbel geht in seinem Beitrag über das Subjektive in der Arbeit gezielt auf seine persönliche Beziehung zu dieser Thematik ein, bevor er herausstellt, dass „durch die systematische Ökonomisierung einzelner Unternehmens- und Arbeitsbereiche … Konkurrenzdruck bis zu einzelnen Arbeitenden heruntergebrochen“ wird (S. 61). Die dadurch entstehende „Kultivierung von Konkurrenzprinzipien“ sorgen dafür, dass sich jeder einzelne selbst vergewissern muss, wie er dies aushalten soll und was überhaupt noch normal ist (vgl. S. 62).

Anschließend an diese eher theoretisch ausgerichteten Beiträge findet sich mit dem Artikel von Wilfried Glißmann über die neue Selbständigkeit in der Arbeit ein stärker auf die betriebliche Praxis ausgerichteter Beitrag. Inhaltlich geht es Glißmann um die Frage, ob die in der Realität beobachtbaren Veränderungen im Führungsverhalten von Konzernen tatsächlich etwas inhaltlich Neues sind oder lediglich um eine Modifikation bisheriger Führung. GLIßMANN ist diesbezüglich davon überzeugt, dass die neue Selbständigkeit in der Tat eine echte qualitative Neuerung darstellt, da die einzelnen Mitarbeiter selber auf die unternehmerischen Herausforderungen reagieren sollen, die ihnen im Rahmen ihrer Arbeit begegnen. Dies geht über den bisherigen Handlungsspielraum hinaus, da der Arbeitnehmer gezielt auch die Auswirkungen seiner Arbeit hinsichtlich der unternehmerischen Konsequenzen berücksichtigen soll. Bei erfolgreicher Umsetzung dieser neuen Selbständigkeit im Unternehmen ist unstrittig, dass das Unternehmen sich tendenziell erfolgreicher am Markt positionieren kann. Offen hingegen bleibt, welche Konsequenzen sich aus dieser Form der Selbständigkeit für das Individuum ergeben – psychisch, sozial, hinsichtlich seines Selbstverständnisses etc. Glißmanns Verdienst ist es, diese Auswirkungsdimensionen thematisiert zu haben, auch wenn er keineswegs überall Ergebnisse benennen und Empfehlungen äußern kann.

Auch die Thematik, mit der sich Brigitte Nagler befasst, stammt aus der betrieblichen Praxis, nämlich das Verschwinden des sog. „Normalarbeitsverhältnisses“ und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Arbeitsbiographien. Dabei arbeitet NAGLER im Rahmen einer empirischen Studie heraus, dass gerade für die Fließband nahen Tätigkeiten bei einem Automobilhersteller Stabilität und Kontinuität wesentliche Motivationsfaktoren sind, um die Arbeit aufzunehmen – dass danach allerdings „die darüber hinausgehenden Bedürfnisse der arbeitenden Menschen nach persönlicher Anerkennung, Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten und emotionalen Kontakten in der Arbeitssituation … bestehen [bleiben]“ (S. 108). Die Ausführungen sind ausgesprochen informativ und plausibel, obwohl eine Verknüpfung mit theoretischen Grundlagen wie z.B. der Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg wünschenswert gewesen wäre.

Wolfgang Hien befasst sich ebenfalls mit einer sehr stark praxisorientierten Themenstellung, nämlich der Frage, was aus den ehemaligen Werftarbeitern des Bremer Vulkan geworden ist, die 1997 kollektiv in die Arbeitslosigkeit entlassen worden sind. Im Mittelpunkt des Projekts stand dabei die Problematik ihrer Gesundheit, einerseits aufgrund der langjährigen körperlich extrem belastenden Tätigkeit, andererseits die Auswirkungen des Schocks durch Konkurs und Arbeitslosigkeit. Auffällig im Rahmen der durchgeführten Studie ist die von Hien hervorgehobene verschlechterte Gesundheitssituation der ehemaligen Werftbeschäftigten (S. 120ff), auch wenn Hien (S. 119) darauf hinweist, dass einfache, lineare Beziehungen zwischen Belastungen und Belastungsfolgen nicht existieren.

Wesentlich früher innerhalb der Arbeitsbiographien setzen die Überlegungen von Martina Panke an, denn sie befasst sich mit der Frage nach Ansatzpunkten für die Gesundheitsförderung bereits während der Ausbildung. Dabei gelingt es ihr, verschiedene Problemfelder durchaus gezielt zu benennen, wie z. B. die Entwertung des Berufsbildes, Entwicklungsblockaden in der überbetrieblichen Ausbildung, Selbständigkeit – im Verständnis von Glißmann – als Einsamkeit und nicht zuletzt auch die Gewalt des Chefs. Offen bleibt bei alledem jedoch, wo der konkrete Bezug zur Gesundheitsförderung besteht und wie sich – basierend auf diesen Problemfeldbeschreibungen –ggf. die Gesundheit konkret fördern ließe.

Mit dem anderen Ende der Arbeitsbiografie befasst sich die Untersuchung von Andreas Böhm und Karin Sötje, denn bei ihnen geht es um den Übergang in den Ruhestand. Sie betonen, dass es drei Faktoren gibt, die den Eintritt in die Altersrente zu einem kritischen Ereignis machen können: 1) Die Arbeit hat das Leben in großem Maße bestimmt, so dass bei ihrem Wegfall ein Verlustgefühl entstehen kann. 2) Der Übergang in den Ruhestand findet – angesichts der längeren Lebensdauer – relativ früh in der individuellen Lebensspanne statt, was ein „Neubeginnen“ ermöglichen kann. 3) Ein ungeplantes bzw. nicht selbstbestimmtes Ende der Arbeit führt zu Unsicherheit. Als Lösung für jene Menschen, die aufgrund dieser drei Faktoren in eine Krise geraten, empfehlen Böhm und Sötje die Teilnahme an Seminaren, um den zu Ende gegangenen Lebensabschnitt bewerten und Wege für die neue Phase entdecken zu können.

Carlchristian von Braunmühl hingegen geht auf die typische Unterbrechung von Arbeitsbiographien ein, nämlich auf die Arbeitslosigkeit und stellt die Frage inwiefern diese Zeiten von Relevanz für die betriebliche Gesundheitsförderung sind. Auf den ersten Blick ist diese thematische Verknüpfung bereits irritierend, denn Arbeitslosigkeit heißt ja gerade, dass man nicht in einem Betrieb beschäftigt – und daraufhin auch per se nicht der betrieblichen Gesundheitsförderung unterliegt. So stellt von Braunmühl auch bereits zu Beginn seiner Überlegungen fest, dass derzeit dies Thema nur am Rande der Diskussion auftaucht, obwohl im Rahmen eines Perspektivenwechsels die Bedeutung von Arbeitslosigkeit sowohl für die individuelle Gesundheit als auch für das Gesundheitswesen in seiner Gesamtheit von sehr großer Bedeutung ist. Vor diesem Hintergrund plädiert er, auch angesichts der Erfahrungen mit zwei einschlägigen Projekten, für eine verbesserte Kooperation nicht nur der Leistungserbringer in den Bereichen Arbeit, Soziales und Gesundheit, was allerdings eine veränderte gesetzliche Basis voraussetzt.

Den Abschluss des Buches bildet ein Beitrag von Johannes Kuhn, in dem es um die Eignung von Lebenszielen als Handlungsorientierung in der betrieblichen Gesundheitsförderung geht. Im Zentrum von KUHNs Überlegungen steht dabei ein duales Ziel, das sich zwar einfach ausdrücken, aber nur schwer umsetzen lässt: „Arbeit soll also nicht krank machen und Arbeit soll sinnvoll sein – das klingt so banal und ist in dieser Kombination doch so viel mehr als eine Frage der praktischen Betriebsorganisation.“ (S. 161). Denn mit dieser Vorgabe erhält man eine klare Kursvorgabe, an der es sich – wie an einer Kompassnadel – zu orientieren gilt. KUHN folgert daraus, dass betriebliche Gesundheitsförderung mehr ist und sein muss als eine Eigenschaft der objektiven Arbeitsbedingungen. Zu berücksichtigen sind hierbei also auch die subjektiven Vorstellungen des Individuums, insbesondere aufgrund des fließen Übergangs zwischen beruflicher und nichtberuflicher Beanspruchung durch flexible Arbeitszeiten einerseits und familiären Belastungen durch Mobilitäts- und Qualifizierungsvorgaben. Hinzu kommt außerdem, dass die Beschäftigten die gesundheitlichen Auswirkungen der neuen Arbeitsformen tendenziell als Erste wahrnehmen können, zumal sich hier auch die Qualität der sozialen Beziehungen im Arbeitsumfeld auswirken. Dies kann positiv geschehen durch die Teamfähigkeit des Kollegenkreises, kann sich aber auch negativ als Mobbing äußern. In der Konsequenz derartiger Entwicklungen kommt es nicht nur zu einer Individualisierung der Berufsbiographien, sondern auch dazu, dass sich automatisch Fragen politischer Natur ergeben: Wie soll eine Wechselwirkung zwischen beruflichen und nichtberuflichen Sphären diskutiert werden, ohne dabei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und -brüche mit einzubeziehen?

Fazit

Mit dieser offenen Frage von Johannes Kuhn wird der Leser des Bandes in das eigene Nachdenken entlassen, wird genötigt, seine eigenen Überlegungen anzustellen und sich seine eigene Meinung zu bilden, denn die Thematik der betrieblichen Gesundheitsförderung wird zwar bereits seit geraumer Zeit diskutiert, ohne allerdings durchgängig zu plausiblen Antworten geführt zu haben. Dies konnte und sollte auch nicht Aufgabe des vorliegenden Buches sein. Ganz im Gegenteil: Sein primäres Verdienst liegt darin, die verschiedenen Facetten der Problematik schlaglichtartig beleuchtet zu haben und den Leser zum Nachdenken anzuregen. Dies ist den Herausgebern mit den hier versammelten Beiträgen – und insbesondere mit der gelungenen Abfolge der Artikel – nachhaltig gelungen.


Rezension von
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)


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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 13.01.2010 zu: Joseph Kuhn (Hrsg.): Leben, um zu arbeiten? Betriebliche Gesundheitsförderung unter biografischem Blickwinkel. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. ISBN 978-3-935964-87-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8999.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


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