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Ekkehard Hayner: Akzeptanzorientierte Suchtprävention

Cover Ekkehard Hayner: Akzeptanzorientierte Suchtprävention. Eine qualitative Studie über die Kommunikation Ostberliner Jugendlicher zu illegalisierten Drogen. Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2001. 204 Seiten. ISBN 978-3-86135-243-3. 20,00 EUR.

Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit Band 33.
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Zum Thema

Zu den die Drogenpolitik bestimmenden Paradigmen zählt die Annahme, dass ein kontrollierter Konsum illegalisierter Drogen (im Unterschied zum Genuss freiverfügbarer und besteuerter "Volksdrogen") nahezu unmöglich sei. Der Konsum illegalisierter Substanzen wird, unabhängig von der jeweilig praktizierten individuellen Konsumform, per se als suchthaft definiert. Der sich illegalisierter Drogen bedienende Mensch wird als "Kranker" etikettiert, seine Person selbst, sein Konsum und auch dessen Ursachen werden pathologisiert. Entsprechend dieser Sichtweise dominiert auch in der Präventionsarbeit ein substanzorientierter Ansatz, welcher Droge und Sucht einander gleichsetzt und davon ausgeht, dass eine Reduzierung der Zahl von Drogenabhängigen nur durch eine Verminderung der Zahl von Drogenkonsumenten zu erreichen sei (Stichworte: "Kinder stark machen gegenüber Drogen", "Just say No", "Keine Macht den Drogen" etc.).

Einer solchen am Abstinenzparadigma ausgerichteten Präventionsarbeit, die treffend als "Drogenprävention" bezeichnet werden kann, stellt der Autor als theoretischen Bezugspunkt seiner empirischen Arbeit ein Modell der Suchtprävention gegenüber.

Suchtprävention schreibt im Gegensatz zur Drogenprävention der Droge als Substanz eine nur untergeordnete Rolle zu (Stichwort: stoffungebundene Süchte) und setzt sich nicht notwendigerweise die Verhinderung des Drogenkonsums zum Ziel. Auch bewertet sie die mit der Illegalisierung des Konsums einhergehenden Umstände in vielfacher Hinsicht für die Erreichung ihres Zieles, nämlich einen problematischen Konsum zu verhindern, als kontraproduktiv (Stichworte sind hier das "Glaubwürdigkeitsproblem" auf Seiten der Klientel und das "Legalitätsproblem" auf Seiten der in der Suchtprävention Tätigen). Die Akzeptanzorientierung einer Suchtprävention dieser Ausrichtung berücksichtigt auch die positiven und funktionalen Seiten des Drogenkonsums (Herstellung von körperlichem, psychischem und sozialem Wohlempfinden).

Die vom Autor als ein Paradigmenwechsel eingeforderte Suchtprävention (vgl. S. 51 ff.) verlangt im übrigen auf Seiten der präventiv Tätigen ein suchtpolitisches Engagement, um die negativen Folgen der repressiven Drogenpolitik auf die suchtpräventive Praxis publik zu machen und sich mit diesem anderen Verständnis von Prävention gegenüber dominierenden "traditionellen" Ansätzen behaupten zu können.

Für den Bereich der Forschung verlangt ein derartiger suchtpräventiver Ansatz zunächst die Frage nach den Möglichkeiten einer Verhinderung des Konsums illegalisierter Drogen fallen zu lassen und sich stattdessen in der Forschung von der Frage nach den Bedingungen eines nichtabhängigen Gebrauchs leiten zu lassen.

Zum Aufbau

Das Buch, eine im Kontext der Mitarbeit des Autors an einem von der DFG geförderten Forschungsprojekts entstandene und lediglich um ihren Anhang gekürzte Diplomarbeit im Fach Erziehungswissenschaft (Technischen Universität Berlin, Oktober 1999), gliedert sich in insgesamt sechs Kapitel.

Dem empirischen Teil der Arbeit stellt der Autor zunächst eine knappe Einleitung (Kapitel I) und eine kritische Bestandsaufnahme der suchtpräventiven Praxis (Kapitel II), welche mit einem Plädoyer für einen Paradigmenwechsel schließt (siehe oben), voran.

Sowohl von der stilistischen Darstellung als auch der inhaltlichen Konzipierung her handelt es sich bei diesem Kapitel um einen gelungenen (auch eigenständig z.B. im Rahmen universitärer Lehre verwendbaren) knappen Überblick über die suchtpräventive Praxis in der BRD, die grundlegenden Begriffe der Suchtprävention ("Droge, "Sucht", "Sucht- bzw. Drogenprävention" etc.) und ihre differierende Verwendung innerhalb von verschiedenen Präventionstheorien.

Bezüglich der Präventionstheorien konzentriert sich die Darstellung auf ursachenorientierte Ansätze (im Unterschied z.B. zur kriminalpolitischen Prävention), insbesondere auf die Strategien der "Förderung sozialer Kompetenz" und den "Ansatz der funktionalen Äquivalente".

Vor dem eigentlichen Kernstück seiner Arbeit, nämlich der Auswertung qualitativer Interviews mit drei seit längerer Zeit illegalisierte Drogen konsumierenden ostberliner Jugendlichen in Hinblick auf die zeitliche Entwicklung ihrer Einstellungen gegenüber Drogen und ihrer drogenbezogenen Kommunikation (Kapitel V), erarbeitet der Autor gut nachvollziehbar und klar strukturiert im Kapitel III die Fragestellung und den theoretischen Bezugsrahmen seiner Untersuchung (behandelt werden u.a. horizontale, vertikale und indirekte Kommunikation, sowie das Konzept der "Einstellung" und deren Verhältnis zum Handeln, als auch Theorien zu Erklärung von Einstellungsänderungen).

Zentrale Fragestellungen sind u.a., wie sich ostdeutsche Jugendliche dem nach dem Mauerfall neuartigem Thema "Illegalisierte Drogen" kommunikativ näherten, wie bei ihnen eine Konsumbereitschaft entstand und wie sie den illegalisierten Drogengebrauch in ihre sozialen Zusammenhänge und ihre individuellen Lebensstile einordneten (vgl. S. 61).

Ziel der Arbeit ist es u.a., die durch die Illegalisierung verborgenen kommunikativen Prozesse und subjektiven Bedeutungszuschreibungen sichtbar zu machen, um Fragen, wie die nach den kulturellen Zusammenhängen jugendlichen Drogenkonsums oder die nach der Art, Bedeutung und dem Zustandekommen von informellen Konsumregeln bzw. -ritualen (verstanden als Kontrollmechanismen für einen sozial eingebundenen Konsum) bearbeiten zu können. Schwerpunktartig wird dabei insbesondere die Frage behandelt, welche Kommunikation Einfluss auf die Einstellungen der Befragten zu illegalisierten Drogen hat.

Kapitel IV widmet sich nun, in einer für eine Forschungsarbeit angemessenen Form, welche über die Rezeption gängiger Methodenlehrbücher hinausreicht, der Darstellung (beginnend mit der Auswahl der Untersuchungsteilnehmer und der Kontaktaufnahme bis zur konkreten Interviewsituation) und Begründung der gewählten Untersuchungsmethodik, nämlich die Durchführung qualitativer problemzentrierter Interviews nach Witzel. Anschließend an die Darstellung des Instrumentariums (Interviewleitfaden, Kurzfragebogen, Postskript usw.) beschreibt der Autor den Prozess der Datenauswertung (interpretativ-reduktive Datenanalyse, Materialübersicht in Form thematischer Verläufe, Biographische Tabellen, generalisierende Analyse) bis hin zur Ergebnisdarstellung. Trotz der Kürze des Kapitels mit insgesamt 28 Seiten (wovon 11 Seiten auf die Beschreibung der Datenauswertung entfallen) kann es als eine gelungene Umsetzung allgemeiner methodischer Überlegungen auf ein konkretes Forschungsdesign betrachtet werden. Aus diesem Grunde eignet sich das Kapitel, wie im übrigen auch das Buch in seiner Gesamtheit sehr gut als Lektüre für Studenten der Gesellschaftswissenschaften, welche Forschungspraktika zu erbringen haben.

Mit Kapitel V geht der Autor zur Darstellung seiner Untersuchungsergebnisse über. Auf rund 90 Seiten wertet er einzelfallorientiert seine Interviews mit den drei in Ostberlin aufgewachsenen und auch zum Erhebungszeitpunkt dort wohnhaften Jugendlichen (Eva, Uta und Jo) im Alter von 19, 22 und 18 Jahren aus. Alle Befragten verfügen über mehr oder weniger polyvalente Konsumerfahrungen hinsichtlich illegaler Drogen: Cannabisprodukte werden von allen Befragten konsumiert, Kokain wurde von zwei Befragten konsumiert, es lagen aber auch Konsumerfahrungen bezüglich Aufputschmittel, LSD, Speed, XTC und auch Heroin vor.

Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt aufgegliedert nach den die Forschungsfragen bestimmenden zwei Aspekten: erstens in Hinblick auf die Einstellungsentwicklungen zu illegalisierten Drogen (anfängliche und heutige Einstellung, einstellungswirksame Erfahrungen, Handlungsabsichten, Einschätzungen der Drogenwirkungen), zweitens in Hinblick auf die Kommunikation über illegalisierte Drogen (vertikale und horizontale Kommunikation, massenmedialen Einfluss, defensiver, offensiver und indifferenter Typus als typisierte Kommunikationsmuster). Das vom Autor jeweils an das Ende dieser beiden Unterkapitel gesetzte Resümee fasst die einzelnen Forschungsergebnisse dann noch einmal auf niedrigem Abstraktionsniveau zusammen. Eine weitere Zusammenfassung erfolgt im letzten Kapitel (VI.), in welchem der Autor aus seinen Befunden praxisrelevante Schlüsse für suchtpräventives Handeln folgert.

Zum Inhalt

Nicht wahllos aber wenig systematisiert und in knapper Form sollen hier nur einige der Befunde des Autors wiedergegeben werden.

Trotz einer anfänglichen pauschalisierenden negativen und in erster Linie massenmedial vermittelten Einschätzung illegalisierter Drogen, welche sich an angenommenen hohen Risiken des Gebrauchs festmachten, haben sich die Interviewten im Zeitverlauf differenzierte Einstellungen zu den Gefährdungspotentialen der verschiedenen Drogen angeeignet. Diese können aufgrund ihrer weitaus stärkeren Durchdachtheit als stabilere Einstellungen gewertet werden. Am stärksten werden drogenspezifische Einstellungen durch die eigenen Konsumerfahrungen bestimmt.

Die Tabuisierung illegalisierter Drogen verhindert den Zugang der Jugendlichen zu sachgerechten und alltags(konsum)relevanten Informationen. Zugänglich sind meist nur innerhalb der Gleichaltrigenbezüge ausgetauschte Informationen, bei denen es sich primär um Konsumerfahrungen handelt. Die bei allen Befragten aufzufindende positive Einstellung gegenüber Cannabisprodukten, bzw. deren Konsum führte nicht zwangsläufig zu einer Annährung an andere illegalisierte Drogen. Bezüglich der Gefährlichkeit der Droge XTC differieren die Einschätzungen der Befragten am stärksten.

Die Jugendlichen sind sich im übrigen der Bedeutung von Set und Setting für ihren Genuss bewusst, legen deutlichen Wert auf die Gestaltung der Konsumbedingungen und stellen Konsumregeln für einzelne Substanzen auf. Differenzierte Drogenkenntnisse der Jugendlichen und die Annahme, die Risiken des Konsums kontrollieren zu können, lassen drogenpräventive Strategien wie die Abstinenzforderung oder Furchtappelle ins Leere laufen. Rein negative (insbesondere massenmediale) Thematisierungen der Drogen bewerten die Jugendlichen als unglaubhaft und schreiben ihnen nach erfolgtem eigenem Konsum oder bei in der Kommunikation unter Jugendlichen vermittelten Fremdkonsumerfahrungen für die individuelle Konsumerscheinung keine Relevanz mehr zu. Das Konsumverbot wurde in keinem Falle als Konsumhinderungsgrund aufgefasst. Die einseitige negative Thematisierung des Drogenkonsums lassen die Jugendlichen "ihre positiven Erfahrungen mit verbotenen Drogen (...) gegen diesen breiten gesellschaftlichen Konsens verteidigen, was tendenziell zur Ausblendung vorhandener Risiken führt." (S. 183). Bezüglich der Konsumabsichten werden drei Typen unterschieden: Handlungsabsichten mit starker Gewichtung innerer Motive, sich stark an externe situative Faktoren orientierende Handlungsabsichten und Absichten mit starker Gewichtung der subjektiven Einschätzung der jeweiligen Droge (vgl. S. 120). Eines der grundlegenden Konsummotive ist das Interesse an der Drogenwirkung als eine nicht kommunikativ vermittelbare außeralltägliche Erfahrung. Der Drogengebrauch erfüllt jedoch mannigfaltige Funktionen, so z.B. als Möglichkeit, einen speziellen Lebensstil darzustellen oder sich als erwachsen "im Management der Risiken und Genussmöglichkeiten [zu] erweisen" (S. 134). Des weiteren ist der Drogenkonsum der Befragten "stark auf Teilhabe und Integration in jugendkulturellen Zusammenhängen orientiert, nicht auf Rückzug" (S. 190).

Fazit

Ekkehard Hayners qualitative Studie über die Kommunikation ostberliner Jugendlicher zu illegalisierten Drogen ist denen zur Lektüre zu empfehlen, welche unter der Vielzahl von quantitativen Werken zur Epidemiologie des Drogengebrauchs insbesondere Arbeiten vermissen, welche sich mit den Sichtweisen Jugendlicher auf ihren eigenen Drogenkonsum, ihren Bedürfnissen und Motivationen auseinandersetzen. Neben der inhaltlichen Bedeutung, die Hayners Studie auch aufgrund der Seltenheit derartiger Herangehensweisen zukommt, kennzeichnet sich die Arbeit durch ihre klare Strukturierung und den leserfreundlichen Schreibstil. Kritik wäre an einer gewissen Redundanz in der Darstellung zu üben.


Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 01.10.2001 zu: Ekkehard Hayner: Akzeptanzorientierte Suchtprävention. Eine qualitative Studie über die Kommunikation Ostberliner Jugendlicher zu illegalisierten Drogen. Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2001. ISBN 978-3-86135-243-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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