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Ulrike Bartels, Claudia Heib u.a.: Deutschland mit anderen Augen (Migration)

Cover Ulrike Bartels, Claudia Heib, Daniela Ristau: Deutschland mit anderen Augen. Erfahrungsberichte von Menschen mit Migrationshintergrund. Horlemann Verlag (Unkel) 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-89502-276-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Eine Reise zu uns

Da blockiert bereits die Taste – zu „uns“? Was heißt das? Wir und die Anderen – das sind Vereinnahmungen und Abgrenzungen, Willkommen-heißen und zum-Teufel-scheren, Empathien und Rassismen… Eine Reise in die deutsche Kultur haben Schriftsteller, Maler, Touristen, Geschäftsleute, Nostalgiker… unternommen; und die Echos darauf können wir lesen, im Rundfunk hören, im Fernsehen anschauen, in Museen betrachten. Wir finden positive, negative, überraschende und alltägliche Schilderungen über die Erlebnisse und Erfahrungen von fremden Menschen, die uns in unserem Land besuchen, in Briefen und Tagebüchern, in wissenschaftlichen Berichten und Erzählungen. Denjenigen, die uns besuchen – oder als Einwanderer bei uns bleiben wollen – werden von den verschiedensten Einrichtungen, von Informations-, Tourismusbüros, von der jeweiligen Deutschen Botschaft, vom Goethe-Institut, usw., Materialien angeboten, die dazu beitragen sollen, dass der Fremde in Deutschland zurecht kommt und sich im Land wohl fühlt. Soweit das Drumherum!

Moderne Nomaden

Eine spezielle Form der Vorbereitung auf Deutschland bietet Inwent – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH in Bonn an. Das u. a. vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte Unternehmen für Personalentwicklung, Weiterbildung und Dialog informiert ausländische Fach- und Führungskräfte aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, von Hochschulen und der Zivilgesellschaft über Deutschland, initiiert Kontakte und Kooperationen mit deutschen Partnern und will die interkulturelle Zusammenarbeit fördern. Im Organisationsbereich „Zusammenarbeit mit den Ländern, entwicklungsbezogene Bildung“ konzentriert Inwent die Arbeit auf Deutschland. In den 14 Regionalen Zentren in den Bundesländern treffen deutsche und ausländische Studierende, ExpertInnen und WissenschaftlerInnen zusammen, lernen und arbeiten miteinander. Bei den ausländischen TeilnehmerInnen handelt es sich dabei um „Nomaden auf Zeit“, das heißt, sie halten sich über einen längeren Zeitraum in Deutschland auf, zum Sprachenlernen, zur beruflichen Weiterbildung, zum Studium, für Forschungszwecke oder zur Lehre.

Herausgeberinnen

Die Mitarbeiterinnen von InWent – Ulrike Bartels, Lateinamerikanistin und Journalistin; Claudia Heib, Philologin und Übersetzerin; Daniela Ristau, Interkulturelle Pädagogin - haben die Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Reflexionen von 20 Menschen aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika gesammelt. Sie wollten wissen, weshalb die Befragten, AkademikerInnen oder Studierende, nach Deutschland gekommen sind; wie sie das Leben in Deutschland wahrgenommen haben; was ihnen angenehm und unangenehm begegnet ist; und wie sie die Veränderungen, die sich in Deutschland etwa seit den 60er, 70er, 80er und 90er Jahren vollziehen, empfunden haben. Der Leiter der „Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit“ (V-EZ) weist in seinem Vorwort zum Sammelband darauf hin, dass „Selbst- und Fremdverstehen in einem dynamischen Verhältnis zueinander stehen, in dem letztendlich eine Objektivität ohne kulturelle Subjektivität nicht existiert“. Er sieht in den Schilderungen der ausländischen Gäste die „Herausforderung und Verantwortung…, in Interaktion mit anderen Kulturen als Vermittler für unsere eigene Kultur einzubringen, sie verständlich zu machen und offen zu bleiben für Neues und Unerwartetes“.

Auf der Suche nach der deutschen Identität

Die Herausgeberinnen gehen davon aus, dass die Äußerungen, Erinnerungen und Reflexionen der „Menschen zwischen den Kulturen“ nicht nur Hinweise auf deren Identitätssuche und Migrationserfahrungen sind, sondern auch für die Eingesessenen über ihre Integrationsfähigkeit und –bereitschaft Auskunft zu geben vermögen. Sie gliedern das Buch in vier Aspekte, zu denen sie jeweils die Zugewanderten zur Sprache bringen:

  1. „Magnet Deutschland – oder: Was das Land attraktiv macht“;
  2. „Made in Germany – oder: Vom Wirtschaftswunder, Wohlstand und Konsumgesellschaft“;
  3. „Krisensymptome – oder: Jammern auf hohem Niveau?“; und
  4. „Modernes Nomadentum – oder: Leben zwischen Migration und Integration“.

Da ist in der ersten Rubrik „Magnet Deutschland“ die aus Kolumbien stammende, heutige US-Bürgerin , die als Projektmanagerin von 1994 bis 2004 in Deutschland gearbeitet hat und die „deutsche Logik“ als die bemerkenswerteste Erinnerung mit in ihre Heimat nahm; die russische Studentin, die erhebliche Schwierigkeiten hatte, die Bilder, die sie von Deutschland mitbrachte, hier in der deutschen Wirklichkeit zu „dekonstruieren“; wir lesen von dem peruanischen Musikethnologen, der seit 1999 in Deutschland ist und feststellt, dass sich so etwas wie ein neues Identitätsgefühl der Deutschen bildet. Das Sprichwort aus seiner Heimat hilft ihm, die verschiedenen Irritationen und Erlebnisse zu bewältigen: „Más sabe el diablo por viejo que por diablo“; dem mosambikanischen Chemiker, Journalisten und Sprachlehrer, der seit 1987 in Deutschland lebt, fällt auf, dass in Deutschland immer nach den Unterschieden gesucht wird; die aus China stammende, mittlerweile eingedeutschte Journalistin und Bibliothekarin singt eine Lobeshymne: „Für mich ist Deutschland wie ein wunderschöner Baum“; der indische, seit 1976 in Deutschland lebende Kommunikationstrainer hält den Deutschen einen vielschichtigen, beschönigenden aber auch verzerrenden Spiegel vor. Ihm wird dabei deutlich, dass es in Deutschland, im Vergleich mit Indien, zu wenig Suche nach den Wurzeln gibt; seit 1973 lebt die in der Türkei geborene Autorin und Erwachsenenbildnerin in Deutschland. Sie besitzt mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit. In ihrer Heimat Deutschland hat sie viel gelernt, und sie erkennt, dass Integration eine lebenslange Aufgabe darstellt.

In der zweiten Rubrik „Made in Germany“ kommen Gäste und Einwanderer zu Wort, die den materiellen Wohlstand in Deutschland anerkennen und für sich selbst auch nutzen können; etwa der in Nigeria geborene, seit 1971 in Deutschland lebende Architekt und Consultant, der die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Ihm fällt das „Paradies-Denken“ vieler Menschen in Deutschland auf: „Man meint, ohne Eigenleistung und Integration in die deutsche Gesellschaft sein Glück machen zu können und schnell an Geld zu kommen“; der in Algerien geborene, in Deutschland zum Wirtschaftswissenschaftler wurde und heute mit der deutschen und algerischen Staatsangehörigkeit hier lebende Unternehmer, redet von „traumhaften Lebensbedingungen“, die es überwiegend in Deutschland gibt. Ihm fällt auf, dass man in der deutschen Politik zwar viel über Integration rede, denjenigen aber, die einwandern und sich integrieren wollen, die Türen verschließt; aus dem westafrikanischen Mali kam die mittlerweile deutsche Wirtschaftsinformatikerin ins Land. Sie hat, obwohl sie längst in Deutschland „angekommen“ ist, immer noch Schwierigkeiten mit der „Direktheit“ der Deutschen.

In der dritten Abteilung „Krisensymptome“ vergleicht der in Ghana geborene, seit 1974 in Deutschland lebende Lehrer, Übersetzer und Reiseleiter verschiedene Alltagssituationen der Menschen in seiner (alten und neuen) Heimat miteinander; der Politologe, der in Nepal geboren wurde und seit 1979 in Deutschland als Deutscher lebt, ist „der Liebe wegen“ in das Land gekommen. Ihm nervt das „Jammern auf hohem Niveau“, so dass er fast vermutet, diese negative Eigenschaft sei „irgendwie deutsch“; auch dem Diplom-Geologen, der in Bolivien geboren ist und seit 1974 in Deutschland lebt und arbeitet, fällt immer wieder das „Phänomen Angst“ in diesem Land auf. Er vermisst die Courage und ein Stückchen seines Lebensmottos: „Das Leben ist ein wunderbares Abenteuer“; die aus Kamerun stammende Juristin und Politologin lebt seit 1997 in Deutschland. Sie stellt fest, dass bei vielen Menschen hier sich so etwas wie eine religiöse und Identitätskrise breit macht.

Im vierten Teil geht es um die Fragen, die durch die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde Welt, der Globalisierung, für die Menschen entstehen („Modernes Nomadentum“). Der im afrikanischen Burkina Faso geborene Künstler und Musiker empfindet sein Leben, mittlerweile als Deutscher, nach wie vor als eins „zwischen den Stühlen“. Dabei geht er selbstverständlich mit der Tatsache um, dass, wie es in einem burkinischen Sprichwort heißt, der Vogel dorthin geht, wo es Körner gibt; die aus Peru stammende Rechtsanwältin, die seit 1993 in Deutschland und arbeitet, hält es mit dem Sprichwort aus ihrer Heimat: „Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“. Ihr fällt auf, dass es in Deutschland relativ viele konservative Menschen gibt und das politische Engagement nachlässt; die promovierte Sprachwissenschaftlerin aus dem Senegal, die zeitweise in Deutschland und in Afrika arbeitet. Sie wünscht sich von den Deutschen, dass sie es öfter wagen, einen Blick über ihren eigenen, manchmal von Sturheit eingerahmtem Tellerrad zu tun und etwas mehr Flexibilität im Umgang mit Menschen anderer kultureller Herkunft zu zeigen; die ecuadorianische Fremdsprachenkorrespondentin lebt seit 1990 in Deutschland. Sie mahnt: „Integration sollte nicht als Einbahnstraße gesehen werden“. Es ist die Vielfalt, die ein interkulturelles Zusammenleben bereichert; der promovierte Agrarwissenschaftler aus Ruanda bedauert, dass es bei seinen mittlerweile deutschen Landsleuten wenig Bereitschaft gibt, Eingewanderten ihre Türen zu öffnen; und zum Schluss des Thementeils zeigt die in der Türkei geborene Pädagogin und Projektleiterin, auch deutsche Staatsangehörige, auf, dass die Zugewanderten, die in der neuen Heimat angekommen sind, mit zwei Bezügen leben: den „Kopfgesellen“, die auf die Vernunft und Akzeptanz setzen, und den „Abstammungswurzeln“ mit den familiären und emotionalen Bindungen. Auf beides möchte sie nicht verzichten.

Fazit: Eine Reise in die deutsche Kultur

Als Fazit des Unternehmens lässt sich feststellen: Die Herausgeberinnen des Sammelbandes lassen mit ihren Äußerungen über Deutschland ausschließlich intellektuelle Gäste und Zugewanderte zu Wort kommen. Dadurch ergeben sich bei den „Rückmeldungen“ der Betroffenen überwiegend Übereinstimmungen in den positiven und negativen Erfahrungen und Reflexionen. Die Frage ist, ob ähnliche Reaktionen auch bei denen anzutreffen wären, die weniger akademisch und selbstkontrolliert antworteten, vielleicht auch bei den Jüngeren oder Älteren. Das war nicht das Ziel für die Herausgabe des Buches, das ist klar. Vielleicht könnte das Beispiel der InWent-Initiative auch für Nachfragen im schulischen Bereich, bei (Kultur-)Vereinen, in Betrieben und weltanschaulich orientierten Einrichtungen dienen? Es ist nicht immer leicht und angenehm, einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Solche interkulturelle Spiegelung aber sind notwendig, um über den eigenen kulturellen Gartenzaun hinaus schauen zu können; aber auch, um bei der Suche nach der eigenen Identität diejenigen einzubeziehen und wahrzunehmen, die auch dabei sein wollen. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, Analysen, Prognosen und programmatische Berichte über Fragen von Migration und Integration; subjektive und emotionale persönliche Erfahrungsberichte von Menschen mit Migrationshintergrund weniger. Deshalb ist das Buch „Deutschland mit anderen Augen“ ein interessanter Baustein für das gemeinsame Errichten unseres Einen Welthauses.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.03.2010 zu: Ulrike Bartels, Claudia Heib, Daniela Ristau: Deutschland mit anderen Augen. Erfahrungsberichte von Menschen mit Migrationshintergrund. Horlemann Verlag (Unkel) 2009. ISBN 978-3-89502-276-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9001.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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