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Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt

Cover Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Verlag C.H. Beck (München) 2009. 4., durchges. Auflage. 1568 Seiten. ISBN 978-3-406-58283-7. 49,90 EUR.

Reihe: Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung.
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Thema

Das 19. Jahrhundert: ein oft schon vergessenes Jahrhundert, obschon es für die Soziale Arbeit von kaum zu überschätzender Bedeutung ist. Es ist die hohe Zeit der Industrialisierung, der Pauperisierung, der sozialen Frage. In jenem Jahrhundert entstand der Sozialstaat und mit ihm die Soziale Arbeit. Doch es ist weit mehr: Grosse politisch-ideologische Gegensätze werden offenbar, das Leben wird noch mehr verwissenschaftlicht, Massen emigrieren von Kontinent zu Kontinent, eine erste Welle wirtschaftlicher und kommunikativer Globalisierung kommt über die Welt, Nationalismus und Imperialismus treiben von Europa ausgehend ihr Unwesen, Staatsführer und Militärs entdecken die Weltpolitik.

Autor

Jürgen Osterhammel, geb. 1953, ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Im selben Verlag erschienen von ihm bereits China und die Weltgesellschaft (1989), Die Entzauberung Asiens (1998), Kolonialismus (2006) sowie Geschichte der Globalisierung (2007, zusammen mit Niels P. Petersson).

Aufbau

Die Publikation ist folgendermassen aufgebaut:

Annäherungen

  • Gedächtnis und Selbstbeobachtung
  • Zeit
  • Raum

Panoramen

  • Sesshafte und Mobile
  • Lebensstandards
  • Städte
  • Frontiers
  • Imperien und Nationalstaaten
  • Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen
  • Revolutionen
  • Staat

Themen

  • Energie und Industrie
  • Arbeit
  • Netze
  • Hierarchien
  • Wissen
  • «Zivilisierung» und Ausgrenzung
  • Religion

Anhang

Inhalt

Jürgen Osterhammel vergleicht seine Darstellung mit einem anderen Werk, das er schätzt, nämlich mit «Die Geburt der modernen Welt» (2006) von Christopher Bayly. Während dieser von Indien herkommt und vor allem Nationalismus, Religion und Körperpraktiken thematisiert, so geht Osterhammel dagegen von China aus und betrachtet besonders Migration, Ökonomie, Umwelt, internationale Politik und Wissenschaft. Er glaubt selber, etwas «eurozentrischer» eingestellt zu sein als Bayly, und greift zeitlich noch mehr als dieser über die Zeit zwischen 1800 und 1900 hinaus, um Vor- und Nachgeschichten zu erzählen. Dabei erhält Osterhammel folgenden Eindruck vom 19. Jahrhundert: «Manchmal ist es und fern, manchmal sehr nah; oft ist es die Vorgeschichte der Gegenwart, zuweilen versunken wie Atlantis» (S. 17). Er will es zeitlich nicht scharf abgrenzen, stellt aber einen «inneren Schwerpunkt» in den 1860er bis 1880er Jahren fest.

«Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein» (S.13). Mit diesem allerersten Satz nimmt Osterhammel Anlauf, um mit langem Atem auf über 1500 (!) Seiten darzustellen, was die Welt im vorletzten Jahrhundert bewegte. «Die Tendenz zur Überschreitung des Örtlichen nimmt im langfristigen Verlauf der historischen Entwicklung zu» (S. 13), fährt er fort. Im 19. Jahrhundert ist sie bereits sehr ausgeprägt – Handlungszusammenhänge werden transnational, transkontinental, transkulturell. Das erste tatsächliche Weltreich der Geschichte, das British Empire, entsteht, andere Imperien konkurrieren mit ihm. Ein weltumspannendes Handels- und Finanznetz entwickelt sich. Kulturanthropologen dringen in die entlegensten Winkel der Welt vor, ein gesellschafts- und kriegskritischer Internationalismus betritt die Bühne der Politik. Paradoxerweise tritt die Historiographie als Weltgeschichtsschreibung in derselben Epoche in den Hintergrund.

Wie nähert sich Osterhammel in methodischer Hinsicht seinem Thema? Eine erste Möglichkeit sieht er darin, das Epochale und Charakteristische zu finden, um die grosse Tendenz einer Zeit zu erfassen (z.B. John M. Roberts, Eric J. Hobsbawm), eine zweite bezeichnet er als divergent-räumlichen Ansatz, der in die Breite geht, um Parallelen und Analogien aufzuspüren (z.B. Christopher Bayly). Diese zweite Option radikalisiert Osterhammel zu einer dritten Möglichkeit. «Da es das Geschäft der Historie ist, Veränderung zu beschreiben, bevor sie Erklärungen vorzuschlagen wagt, stösst sie jedoch schnell auf widerständige Reste, Eigensinniges, Nicht-Integrierbares» (S. 18). Das lässt ihn vor Ansprüchen auf Ganzheitlichkeit zurückschrecken, Meistererzählungen aber nicht von vornherein ausschliessen. Solche seien für einzelne Teilgebiete möglich, die dem Buch tatsächlich auch seine Grundstruktur geben. In einzelnen Bereichen sucht er denn nach «Bewegungsmustern» und findet allgemeine Entwicklungen wie regionale Varianten. «Jeder Teilbereich hat seine eigene Zeitstruktur: einen besonderen Beginn, ein besonderes Ende, spezifische Tempi, Rhythmen, Binnenperiodisierungen» (S. 19). Bei aller kritischen Distanz zum Eurozentrismus räumt Osterhammel allerdings ein, dass gerade das in Frage stehende Jahrhundert wie kein anderes eine Epoche Europas war. Er sieht diese «multiple Übermacht» besonders in drei Hinsichten verwirklicht: «Macht, die es oft gewaltsam zum Einsatz brachte; Einfluss, den es sich über die zahllosen Kanäle kapitalistischer Expansion zu sichern verstand; und eine Vorbildwirkung, gegen die sich sogar viele von Europas Opfern nicht sperrten» (S. 20). Innovation und Initiative kontrastiert mit Ausbeutung und Arroganz.

Osterhammel breitet sein enorm weitreichendes Material in drei grösseren Teilen aus. Nach grundlegenden Reflexionen folgen je ein Kapitel zu Panoramen und Themen. Diese Unterscheidung erklärt sich gewiss nicht gleich von selbst. Die Panoramen wollen einen weltweiten Überblick zu den gewählten Bereichen ohne grössere Lücken bieten, die Themen mehr essayhafte Schwerpunkte setzen und exemplarisch allgemeine Argumente veranschaulichen. Auf diese Weise gelangt der Autor nach eigenem Bekunden von der Synthese zur Analyse.

Diskussion

«Die wichtigsten Eigenschaften des Weltgeschichtsschreibers sind zwei …: Auf der einen Seite braucht er ein Gespür für Proportionen, für Grössenverhältnisse, für Kraftfelder und Beeinflussungen, einen Sinn auch für das Typische und Repräsentative. Auf der anderen Seite muss er sich ein demütiges Abhängigkeitsverhältnis zur Forschung bewahren» (S. 15). Beide Eigenschaften weist Jürgen Osterhammel offenbar in hohem Masse auf. Auf eindrückliche Weise gelingt es ihm, Weltgeschichte sowohl in der erforderlichen Breite darzustellen, ohne deshalb auf die Tiefe in ausgewählten Bereichen zu verzichten. Wer nicht über die Zeit oder das Interesse verfügt, das ganze Werk zu lesen, kann sich aufgrund der klaren Gliederung auch nur einzelner Gebiete annehmen und sich darin vertiefen. Eine grosse Befriedigung stellt sich bei den Lesenden sowohl im einen wie anderen Falle ein. Zu Recht hat auch die Presse Osterhammels epochemachendes Werk über eine Epoche gefeiert.

Fazit

Wir Heutigen sind bereits durch ein hinzugekommenes Jahrhundert vom 19. Jahrhundert getrennt. Dieses liegt also bereits in weiter Ferne, und doch gelingt es Jürgen Osterhammel, uns dieses ferne Jahrhundert sehr nahe zu bringen. Man zögert gerne, das Etikett «Standardwerk» zu verleihen, aber in diesem Fall kann kein Zweifel bestehen, dass der vorliegende Band gleichsam nicht nur materiell, sondern vor allem material äusserst gewichtig ist und einen neuen Standard setzt. Osterhammel will selber ein «materialsattes Interpretationsangebot» (S. 16) vorlegen. Der Autor breitet denn tatsächlich enorm sachkundig und zugleich elegant eine Fülle von Material aus, die nicht nur unser gesellschaftliches Gewordensein viel besser verstehen lässt, sondern auch in viele entfernte Gegenden entführt, um uns dort historisch ortskundig zu machen. Daraus erschliessen sich letztlich viele globale Zusammenhänge. Auf diese Weise wird ein ebenso umfassendes wie differenziertes faszinierendes weltgeschichtliches Panorama entfaltet.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 03.09.2010 zu: Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Verlag C.H. Beck (München) 2009. 4., durchges. Auflage. ISBN 978-3-406-58283-7. Reihe: Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9007.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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