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Yalcin Yildiz: Migration - Familie - Alter

Cover Yalcin Yildiz: Migration - Familie - Alter. Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. 598 Seiten. ISBN 978-3-8300-3966-2. 98,00 EUR.

Weiterer Untertitel: Eine Studie über die familialen Lebenswelten, Sozialisationsprozesse und Handlungsressourcen älterer türkischer Väter in Deutschland zwischen Tradition und Moderne. Reihe: Studien zur Migrationsforschung - 12.
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Thema und Entstehungshintergrund

Vor rund einem halben Jahrhundert begann in Deutschland die offizielle Anwerbung türkischer Arbeitsmigranten. Was damals für die meisten Menschen als zeitlich befristete Arbeitsmigration begann, ist inzwischen zur faktischen Einwanderung geworden. Nur wenige Angehörige der ersten „Gastarbeiter-Generation“, die auch als Pioniermigranten gelten, sind tatsächlich in die Türkei zurückgekehrt. Heute gehören ältere Türken immer mehr zur deutschen Gesellschaftsrealität. Diese Entwicklung bringt für die (sozial-)pädagogische und therapeutische Versorgung dieser Menschen, aber auch für die Sozialpolitik insgesamt große Herausforderungen mit sich.

Es entstehen nun in diesem Themenkreis allmählich auch immer mehr wissenschaftliche Arbeiten wie die vorliegende, die die familiale Lebenssituation dieser Gruppe der Arbeitsmigranten in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses stellen.

In der vorliegenden Studie wird der Frage nachgegangen, „welchen individuellen und kollektiven Transformationensaufgaben Pioniermigranten aus der Türkei im Kontext von Migrationsprozessen und Modernisierungsszenarien begegnen, wie sie ihre soziale Realität auf der Basis dieser Erfahrungen konstruieren und damit sozialisatorisch umgehen.“ (S. 581)

Der Autor möchte seine im Jahr 2009 als Dissertation vom Fachbereich Sozialwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angenommene Arbeit „als eine auf der Grundlage der sozialpädagogischen Praxis entstandene ‚Praxis-Literatur‘ verstehen, indem sie ergänzende, aber auch neue Impulse für die altenspezifische Migrantenarbeit erbringt.“ (ebd.)

Autor

Dr. Yalcin Yildiz ist Diplom-Pädagoge und war mehrere Jahre in der ambulanten und stationären Sozialen Arbeit als pädagogischer Leiter, Familienhelfer und Einzelbetreuer tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind insbesondere Migrations-, Familien- und Alternsforschung, Transkulturelle Pädagogik und qualitative Forschungsmethoden (vgl. rückwärtiges Deckblatt).

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von Vorwort, Literaturverzeichnis und Anhang besteht das mit rund 600 Seiten sehr umfangreiche Buch aus acht Kapiteln.

Im ersten Kapitel, der Einleitung, stellt der Autor die Problemstellung in ihrer Entwicklung dar, erläutert die Forschungsintention und das Forschungsvorhaben. Im Schlussteil wird dann der Aufbau der Arbeit skizziert.

Im 2. Kapitel stellt der Autor sein Forschungsinteresse vor, führt in die historische, politische und soziale Entwicklung des Migrations- und Einwanderungsprozesses ein und zeigt sozialpolitische und pädagogische Konsequenzen auf.

Das 3. Kapitel umfasst den bisherigen und aktuellen Forschungsstand: Lebenssituationen im Kontext von Migration, Familie und Alter. Dabei wird auf die „Forschungsdiskurse über das Alter und Altern im Migrationskontext“ aus der Perspektive von Migrationsforschung und Gerontologie eingegangen, spezifische Forschungsschwerpunkte zum Altern im Migrationskontext werden analysiert sowie dominierende Altersbilder in der Wissenschaft und „das Vorhandensein eines migrationsspezifischen Alterns“ problematisiert. Zudem findet der Leser/die Leserin Ausführungen „zur spezifischen Lebenssituation und Lebensbewältigung älterer Migranten im Alters- und Familienkontext“. Yildiz thematisiert hierbei vor allem die Ethnizität und Rückkehrproblematik und analysiert die Konsequenzen für die soziale Versorgungslage im Familienkontext. Im letzten Teil dieses Kapitels werden „Generationsbeziehungen in der Migrationsforschung“ näher betrachtet. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Zusammenfassung der Forschungslücken.

Das 4. Kapitel beinhaltet den theoretischen Bezugsrahmen der Untersuchung. Hier werden der Symbolische Interaktionismus und dessen Nutzen für die Migrationsforschung und die Lebensbewältigung von älteren Migranten im Migrations- und Modernisierungskontext näher betrachtet. Der Autor stellt neben den theoretischen Implikationen den interaktionistischen Sozialisationsprozess dar und stellt den Symbolischen Interaktionismus in der aktuellen Migrationsforschung anhand einiger ausgewählter Arbeiten vor. Sein Fokus ist hierbei insbesondere auf Vergesellschaftungsprozesse von älteren Migranten, den interaktionistischen Integrations- und Kulturbegriff und die Relevanz des familialen Kontextes für die Sozialisationsgenese gerichtet. Mit dem Themenfeld „Kritische Lebensereignisse als Sozialisationsinitiatoren in der Migration“ in dem Teil vor dem „zusammenfassenden Ausblick“ dieses Kapitels eröffnet der Autor eine Perspektive für das eigene Forschungsanliegen, in der er auch eine Verknüpfung zwischen der Sozialisationstheorie und der Lebensbewältigung in der Migration versucht.

Das anschließende 5. Kapitel ist der empirisch-methodische Teil, in dem die Fragestellung der Arbeit, die Erhebungsmethoden und das konkrete Forschungsdesign sowie Forschungsverlauf und Forschungskriterien vorgestellt werden. Als methodisches Vorgehen werden „die qualitativ-interaktionistische Forschungsperspektive und ihre Gütekriterien“ erläutert und „Implikationen für die Migrationsforschung“ thematisiert. Es werden dann Forschungsperspektiven im Hinblick auf die Beziehungen im inter- und intrakulturellen Forschungszusammenhang aufgezeigt, bevor die Wahl der Forschungsmethode („Die Methodenkombination des narrativen und problemzentrierten Verfahrens“) begründet und die Grundlagen des problemzentrierten Interviews nach Witzel sowie des narrativen Interviews nach Schütze darstellt sowie sowohl die relevanten Auswertungs- und Interpretationsverfahren als auch die Kategorienbildung behandelt werden. Das Kapitel schließt mit Ausführungen zum Forschungsverlauf und zu den Forschungskriterien.

Das 6., mit rund 240 Seiten umfangreichste Kapitel enthält die Darstellung der Fallstudien und Analyse der Ergebnisse. Alle sechs problemzentrierten und narrativen Interviews werden nach der gleichen Systematik (Falldarstellung, Anmerkungen zu Besonderheiten der Interviewsituation, Interpretation und Fallzusammenfassung) vorgestellt und analysiert.

Kapitel 7 ist eine zusammenfassende Diskussion der Interpretationen. Um in der „Schlussbetrachtung der Ergebnisse (die) Differenzen und Gemeinsamkeiten in der Migrationsrealität von Migranten und Migrantenfamilien“ (S. 475) festzustellen und zu bewerten, werden hier die Aussagen der sechs Befragten nach folgenden Themenbereichen verglichen: „Interpretationskern: Migration als gesamtgesellschaftliche Metamorphose und individuelle Integrationsleistung“ (S. 451), „Migration als Sozialisationskontinuum, biografische Zäsur und neues gemeinschaftlich-gesellschaftliches Zeitbewusstsein“ (S. 453), „Die Migrantenfamilie - Familienformen jenseits sozialer, kultureller und politischer Zuschreibungen“ (S. 459), „Das familienbezogene Männerbild und seine Veränderungen in der Migration“ (S. 463), „Subjektives Altern als Rollenevolution im Generationszusammenhang“ (S. 465), „Individuelles und familiales Altern als Lebensbilanzierung -Scheitern und Gelingen des Lebens- und Migrationsprojekts“ (S. 468) sowie „Der neue transnationale Raum als Neudefiniton von Einwanderung und Rückkehr“ (S. 473). Dabei werden die gewonnenen Ergebnisse auch denen der relevanten Fachliteratur gegenüberstellt.

Kapitel 8 schließt als Zusammenfassung der Dissertation – Pädagogische und politische Konsequenzen. Diese betreffen einerseits (sozial-)pädagogische Kritikpunkte, andererseits Vorschläge für den theoretischen wie auch praktischen Umgang mit der Personengruppe „ältere Migranten“.

Dem Literaturverzeichnis und den Online-Ressourcen sowie dem Tabellenverzeichnis folgt der Anhang, der folgendes enthält: Forschungstagebuch, Interviewplan, Fragebogen für die persönlichen Daten der Probanden, tabellarische Darstellung der ausgefüllten Fragebögen, geordnete Übersicht der Probanden und biografische Chronologietabellen.

Diskussion

Das Buch von Yalcin Yildiz ist mit rund 600 Seiten ein recht umfangreiches und umfassendes Werk. Laut Verlagsangaben richtet sich das Buch „an Interessierte und Professionelle, die im Rahmen der ambulanten und stationären Altenarbeit und der Migrantensozialberatung ältere ZuwandererInnen beraten, betreuen oder therapieren.“ Das Buch könne darüber hinaus auch „FachwissenschaftlerInnen, DozentInnen und StudentInnen der Sozialwissenschaften, aber auch politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen empfohlen werden“ (rückwärtiges Deckblatt). Diesen Spagat hinzubekommen, ist ein hochgestecktes Ziel, das sich mit einer Dissertation kaum erreichen lässt. So sind einige Abschnitte für einige der genannten Zielgruppen (z. B. Praktiker oder Studenten) viel zu umfangreich und anspruchsvoll, andere sind wiederum z. B. für FachwissenschaftlerInnen eher redundant. Beispielsweise sind vor allem die zwei Kapitel über die Theorie und Methodik mit rund 90 Seiten sehr umfangreich und so komplex beschrieben, dass das Lesen an dieser Stelle bei vielen Praktiker/innen eher Frust erzeugen dürfte, während sie für manch andere, die sich einmal damit befasst haben, eher ein Auffrischen bedeuten dürften.

Abgesehen von solchen zielgruppenbezogenen Problemen hat Yildiz eine solide durchgeführte und zwar nicht repräsentative, aber dennoch aufschlussreiche Studie vorgelegt, die sich zurecht selbst in die kritischen, teils innovativen Forschungsrichtungen der Migrationsforschung einordnet. Seine Untersuchungsergebnisse legen die komplexen, dynamischen und ambivalenten Lebenslagen älterer türkischer Männer im Alters- und Lebensübergang offen und zeigen beispielsweise, dass ältere Zuwanderer aus der Türkei in ihrem bisherigen Migrationsprozess mobil und flexibel waren und das Leben in zwei Ländern und Kulturen, ein Leben zwischen Tradition und Moderne mit Lebenstechniken bewältigen, die weder als typisch türkisch noch als typisch deutsch zu bewerten sind.

Damit schließen die aus sechs ganzheitlich dargestellten und analysierten Fallstudien gewonnenen Ergebnisse durchaus vorhandene Informationslücken, reduzierte die bisherige Migrationsforschung die Angehörigen der ersten Generation doch auf ihre marginalen Rollen (Migranten-, Alten- etc.). Die im letzten Kapitel des Buches enthaltenen sozialpädagogischen und sozialpolitischen Konsequenzen v.a. mit dem Perspektivenwechsel hinsichtlich einer Emanzipation der Betroffenen als gezieltes Empowerment geben zudem wichtige Anstöße für die Soziale Arbeit mit älteren Migranten.

Fazit

Zusammenfassend kann man Yildiz‘ Absicht, die Komplexität der Lebenswelt der Betroffenen wissenschaftlich kritisch und methodisch souverän darzustellen, nur als gelungen betrachten. Das Buch von Yalcin Yildiz bietet zwar einige Hürden: Den interessierten Laien und auch manchen Praktiker mag es sowohl im Hinblick auf den Umfang als auch inhaltlich und preislich (98,00 €) überfordern. Wer sich jedoch darauf einlässt, es ganz zu lesen, der wiederholt sicher einiges Bekanntes, lernt aber auch viel Neues.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 20.04.2010 zu: Yalcin Yildiz: Migration - Familie - Alter. Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-8300-3966-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9012.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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