Michael J. Diamond: Söhne und Väter
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 29.04.2010
Michael J. Diamond: Söhne und Väter. Eine Beziehung im lebenslangen Wandel. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-86099-633-1. 19,90 EUR. CH: 35,90 sFr.
Die Vaterrolle ernst nehmen
Das Vaterbild, wie es sich in unserer Kultur und Mentalität entwickelt hat, ist geprägt von den Auffassungen, die sich als Bild des Mannes überliefert haben. Es genügt einen Blick in die Lese- und Liederbücher zu tun, wie sie noch vor einer Generation in den Schulranzen der Kinder zu finden waren und gelehrt wurden. Der nationalsozialistisch orientierte Schriftsteller Heinrich Anacker dichtete 1937: „Ein Mann sollst du werden / und nicht ein Wicht! / Ein Kerl sollst du werden, / der Eisen bricht / Kein Lauer und Halber, / kein Kriecher und Salber / und keiner der winselnd den Rücken beugt!…“; und Reinhold Braun erwidert im gleichen Jahr: „Und Mädchen tun uns not, die ihren Weg erkennen, /und die im Takt der lichten Herzen gehen, / und die sich stolz ein deutsches Mädchen nennen / und froh und stark in ihren Pflichten stehn…“. Das Bild vom Mann, der hinaus will ins feindliche Leben, kontrastierte mit dem der Frau, die am emsig am Herd und in der Küche wirtschaftet. Erst mit der Emanzipationsbewegung begannen sich diese „naturgegebenen“ und „gottgewollten“ Verhältnisse zu wandeln. Auch die, dass die Frau und Mutter für die Erziehung der Kinder zuständig sei, während der Mann und Vater die Nahrungsmittel herbeischaffen musste. Für die Kinder, Töchter und Söhne, war der Vater in der Familie eher „Gast“ oder Ordnungshüter, wenn die Erziehungsmaßnahmen der Mutter versagten, selten Partner. In diesem Erziehungsprozess war die Frau und Mutter zuständig für die Gefühle, der Mann und Vater für die harte Realität.
In der Entwicklungspsychologie, die erst um die Jahrhundertwende des vergangenen Jahrhunderts einer wissenschaftlichen Anspruch erringen konnte, wurde dabei von Anfang an der Reifung der Kinder eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet; erst später folgte die Entdeckung, dass die Eltern mit dieser Reifung etwas zu tun haben; zuvorderst die Mütter. Die Väter waren dabei kaum im Blick, es sei denn als Machthaber. So kommt es, dass in der wissenschaftlichen Forschung die Einflüsse der Mütter auf die Töchter und ihre Beziehungen zueinander schon früh analysiert und untersucht wurden, während die der Väter zu den Söhnen kaum Beachtung fanden. Erst als dieses Defizit entdeckt wurde, charakterisierte man das Problem als „Abwesenheit der Väter“ im Erziehungs- und Reifungsprozess der Kinder.
Entstehungshintergrund
Der Psychotherapeut und Psychoanalytiker an der Universität von Los Angeles, Michael J. Diamond, setzt sich in seinem Buch mit dem Verhältnis der Väter zu ihren Söhnen und umgekehrt auseinander. Dabei bezieht er sowohl seine eigenen Erfahrungen als Ehemann und Vater, als auch seine jahrzehntelange berufliche Praxis ein, um „das einzigartige Band zwischen Vater und Sohn“ aufzudecken und sich mit den Lesern eine „innere Reise an(zutreten), eine Reise an der Seite ihrer Söhne, von der sie beide profitieren werden“. Die „Krise der Jungen“, wie sie seit einiger Zeit in vielfältiger Weise thematisiert wird (vgl. dazu auch: Frank Dammasch, Hrsg., Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht? Psychonanlytische Überlegungen. Brandes und Apsel,, Frankfurt(M., 2007. 176 Seiten, Rezension) hat ja, wie vermutet wird, etwas damit zu tun, wie Väter mit ihren Söhnen umgehen bzw. eben nicht um(mit-)gehen.
Aufbau und Inhalt
Diamond gliedert sein Buch in neun Kapitel und schließt es mit einem Epilog ab.
„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ – schon das bekannte Sprichwort drückt aus, das der Autor im ersten Kapitel thematisiert: „Vaterschaft am Horizont“. Die Rolle des „werdenden“ Vaters wird ja selten reflektiert. Dass Vatersein mehr sein muss, als sich (ab und zu) um die werdende Mutter und das werdende Kind zu kümmern, (ab und zu) Verständnis und Mitgefühl zu zeigen, wird eigentlich nirgendwo so richtig vermittelt; und das festgefügte Rollenverständnis lässt das, was Diamond als „väterliche Kreativität“ bezeichnet, kaum zu. Genau so, wie es notwendig ist (wäre), dass sich Mütter auf ihre Mutterschaft vorbereiten, und zwar nicht nur individuell und gefühlsmäßig, sondern auch institutionell und gesellschaftlich durch eine Veränderung der Rollenbilder, muss sich auch der werdende Vater neuen Herausforderungen stellen, nicht nur pflichtgemäß, sondern bewusst
Das zweite Kapitel handelt davon, dass mit dem Kind auch der Vater (neu) geboren wird. Indem der Erzeuger sich im Kind erkennt und gewissermaßen die „Haupt“- Rolle in der gewachsenen Familie übernehmen will, verändert sich nicht selten auch das Verhältnis des Ehemannes zur Ehefrau; nicht mehr der Partner steht im Mittelpunkt, sondern (hoffentlich) das Kind. Das bringt eine Reihe von Gefahren mit sich, die reflektiert und an denen Vater und Mutter arbeiten müssen. Zum Glück sind in aufgeklärten Gesellschaften der Brauch und die Einstellungen abgeklungen, dass die Geburt eines Sohnes der einer Tochter vorgezogen werden sollte; doch auch in unseren westlichen Gesellschaft wird nach wie vor oft genug die Auffassung vertreten, dass ein Vater stolz(er) ist, wenn ihm ein Sohn geboren wird. Das hat zum einen mit der „biologischen Gleichheit“ der Geschlechter zu tun, zum anderen entspringt diese Erwartungshaltung auch dem nach wie vor latent in der Gesellschaft vorhandenem männlichem Rollenverständnis und den überkommenen Wertemustern. Die Beziehungen des Vaters zu seinem Sohn (und Söhnen) bedeutet deshalb auch, sich dieser mentalen Einstellungen bewusst zu sein.
Im dritten Kapitel geht es genau um diese Verbundenheit mit dem „zweiten Anderen“ und den Aufgaben, die Väter beim Heranwachsen des Kleinkindes übernehmen sollten: In die Welt einführen und ihm emotional und kognitiv den eigenen Weg hin zu einem selbstbewussten Jungensein zeigen. „Engagierte Väterlichkeit“ kann in dieser Phase für den Jungen bedeuten, omnipotente (männliche) Verhaltensweisen zu erkennen und sie nicht zu omnipotenten Einstellungen werden zu lassen. „Engagierte Väter lehren ihren Söhnen – und lernen von ihren Söhnen -, die Welt nicht schwarz-weiß zu sehen, sondern auch Grautöne wahrzunehmen“. Ein immer wieder hervorgehobenes, er- und verkanntes Problem stellt die Rolle der Väter als männliche Identifikationsfigur für die Jungen dar. Diese vielfach stilisierte, ideologisch, idealistisch und religiös missbrauchte Notwendigkeit zur Identitätsbildung bedarf der neuen Aufmerksamkeit, die gekennzeichnet ist durch die Besinnung auf ein in unserer schnelllebigen, öffentlichen Zeit immer seltener werdendes Gut: Präsenz des Vaters. Das psychologische Phänomen des so genannten Ödipuskonflikts, demnach, orientiert an der griechischen Geschichte des Sophokles, der heranwachsende Junge, wie Freud gedeutet hat, nicht mehr das Baby seiner Mutter sein und nicht mehr das des Vaters, sondern sie besitzen und mit ihm konkurrieren wolle, ist ohne Zweifel ein Entwicklungsphänomen, das der besonderen Aufmerksamkeit der Eltern bedarf.
Beim heranwachsenden Jungen, in der mittleren Kindheit, wie Diamond diese Phase bezeichnet, kommt es darauf an, die moralische, körperliche, soziale und vor allem kognitive Entwicklung besonders im Auge zu haben., bevor in der schwierigen Zeit der Pubertät scheinbar im Jungen sämtliche grundgelegten Bahnen und Werteorientierungen ins Wanken geraten. Der Jugendpsychoanalytiker Peter Blos spricht von der „zweiten Individuation“, in der die für die Erziehungspraxis besonders wichtige Balance zwischen Führen und Wachsen lassen (Theodor Litt) gefunden werden sollte. In der „dritten Individuation“, in der die jungen Männer sich aufmachen, ihre eigenen Wege zu gehen, spätestens dann das Elternhaus verlassen und als „Gäste“ wieder kommen, kommt es darauf an, dass die Eltern, zuforderst der Vater, Vertrauen zum Jungen entwickeln und seinen Anspruch auf Individualität und Intimität zu respektieren, Notnagel zu sein, aber nicht in jedem Fall der Architekt und Planer von Entscheidungen sein zu wollen, die der junge Mann selbst zu treffen hat; auch, was natürlich schmerzhaft ist, Irr- und Umwege gehen zu lassen, ohne sich endgültig zu verlieren. Im Erwachsenenalter, wenn sich Vater und Sohn gewissermaßen in Augenhöhe gegenüber stehen, kann sich vollziehen, was für Väter und Söhne zu besonderen Glücks- und Erlebnismomenten werden kann, nämlich die gegenseitige Beeinflussung und ein Geben und Nehmen, vielleicht sogar so etwas wie eine Rollenumkehr im vorgerückten Alter.
Fazit
In seinem Epilog, den er mit „Lebensbogen“ titelt, sagt Diamond: „Vater und Sohn können einander in den großen Übergangsphasen ihres Lebens beistehen wie niemand sonst und dadurch zu einem tiefen, dauerhaften Verständnis dessen gelangen, was es heißt, zum Mann zu werden“. Gelingt es, dass Väter ihre Söhne nicht nur, mehr oder weniger behütet, mehr oder weniger patriarchalisch heranwachsen lassen, sondern die verschiedenen Entwicklungsphasen gemeinsam leben, kann sich das bilden, was der Autor als „intergenerationelle Kontinuität der Vater-Sohn-Beziehung“ bezeichnet. Die zahlreichen Beispiele aus seinem eigenen Leben und seiner psycholanalytischen Praxis, die Diamond in seinem Buch heranzieht, ermöglichen es, dem „suchenden“ Vater wie dem „zweifelnden“ Sohn, aber auch der „zuschauenden“ Mutter, dem „beobachteten“ Opa…, Aha-Erlebnisse zu vermitteln und so das eigene Verhältnis zum Sohn, zum Vater, zu überdenken und zu verbessern.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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