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Michael Busch (Hrsg.): Zwischen Prekarisierung und Protest

Cover Michael Busch (Hrsg.): Zwischen Prekarisierung und Protest. Die Lebenslagen und Generationsbilder von Jugendlichen in Ost und West. transcript (Bielefeld) 2010. 492 Seiten. ISBN 978-3-8376-1203-5. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema und Entstehungshintergrund

„Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen könnte. Dann laufen vermutlich abfedernde Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld aus. Wenn sich dann kein Hoffnungsschimmer auftut, dass sich die Lage verbessert, dann kann die Stimmung explosiv werden. Schließlich gibt es seit Jahren in Deutschland ein Unbehagen über die wachsende soziale Kluft.“ Mit diesen Worten – gesprochen in einem Redaktionsinterview mit dem Münchner Merkur – hatte die damalige Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, im April letzten Jahres eine aufgeregte Debatte über die Frage ausgelöst, wie viel soziale Polarisierung eine Gesellschaft verträgt. Tatsächlich sind öffentliche Unruhen im Zuge der Weltwirtschaftskrise in Deutschland ausgeblieben. Der Funke, der sich in Griechenland und anderen europäischen Staaten entzündete, ist nicht übergesprungen. Also, alles nur „saudumme[s] Dahergerede“, das die eigentliche „Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland“ darstellt und „die Spaltung unserer Gesellschaft“ erst provoziert, wie CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt in der gleichen Zeitung replizierte?

Mit dem Band „Zwischen Prekarisierung und Protest. Die Lebenslagen und Generationsbilder von Jugendlichen in Ost und West“ legen Michael Busch, Jan Jeskow und Rüdiger Stutz als Herausgeber einen Sammelband vor, der genau diese Auseinandersetzung aufnimmt und deshalb hilfreich sein kann, die Debatte zu versachlichen. Denn tatsächlich stellt sich die Frage, warum sich in Deutschland trotz seit Jahren zunehmender sozialer Polarisierung keine etwa mit Frankreich oder Griechenland vergleichbare außerparlamentarische Protestbewegung bildet. Hat die DIE LINKE dieses Protestpotenzial absorbiert oder erschöpft es sich in z.T. gewaltvollen Protesten gegen Großveranstaltung wie die G8 bzw. G20-Gipfel oder empfinden sich die Menschen angesichts von Europäisierung und Globalisierung vom Politikprozess als soweit entfremdet, dass sie in der Mehrheit nur noch mit Resignation reagieren können?

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht auf einen schon im Dezember 2007 an den Universitäten Jena und Halle durchgeführten Workshop des Teilprojektes A1 des Sonderforschungsbereiches 580 (Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch) zurück. Er sucht explizit einen „interdisziplinären Ansatz“, um „einen ersten Forschungsüberblick über die Prekarisierungsprozesse unter Jugendlichen in Europa“ zu geben. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel „auf die Lebenslagen und Selbstbilder von Jugendlichen“ auswirken (S. 10).

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Themenblöcke.

1. Prekarität als gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Im Themenblock „Prekarität als gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ stellt Klaus Dörre zunächst die Frage, inwieweit es sich bei der Génération Précaire um ein europäisches Phänomen handelt? Er resümiert, dass für viele Jugendliche „Unsicherheit bereits Alltagserfahrung“ sei. Jugend und Postadoleszenz formten sich zu einer „prekären Statuspassage“, wobei zumindest in Deutschland die Frage der dauerhaften gesellschaftlichen Teilhabe im Erwachsenenalter von „Bildungsniveau und sozialer Herkunft determiniert“ sei. Jugendliche mögen sich also phasenweise in einer ähnlichen sozialen Lage wähnen, ihre tatsächlichen Lebenschancen selektierten sich jedoch an der Sozialstruktur und seien damit sehr ungleich verteilt. Ob man vor diesem Hintergrund von einer europäischen Génération Précaire sprechen könne, sei deshalb „zumindest fraglich“ (S. 68). Steffen Schmidt fragt unter dem Stichwort Génération Précaire nach der „Ambivalenz und Reichweite einer neuen Selbstzuschreibung“, wobei er vor allem auf die „Ursachen und Begleitumstände der Entstehung der neuen kollektiven Zuschreibung und Wortverbindung“ eingeht. Zu Recht mahnt er dabei den schon fast inflationären Gebrauch des Generationenbegriffs an, so dass ihm der Gebrauch der Vokabel selbst schon „beinahe selbst prekär“ erscheinen möge (S. 75). Gleichwohl bündele sich – bezogen auf die Situation in Frankreich – in dem Begriffspaar zwar weniger „die beobachterunabhängige objektive Wirklichkeit sozialer Tatsachen“, dafür aber umso stärker eine gemeinsame Gefühlslage (S. 92). Insofern könne diese Selbstzuschreibung durchaus als Angebot für die „Identitätsfindung“ von Jugendlichen sein, indem es einen „Vergleichhorizont [bietet], an dem sie ihr eigenes Selbstverständnis „hinterfragen, bestätigen und auch erproben“ (Jureit 2006: 11).“ (S. 94)

2. Prekäre Lebenslagen von Jugendlichen in Ost und West

Im Themenblock „Prekäre Lebenslagen von Jugendlichen in Ost und West“werden empirische Befunde zur Situation in Griechenland, Polen und Ostdeutschland dargestellt.

Den Anfang macht der Artikel von Paraskevi Grekopoulou, der die Situation griechischer Jugendlicher vor dem Hintergrund von „Prekarisierung, selektivem Wohlfahrtsstaat und familialem Wandel“ analysiert (S. 101 ff.). Im Rückgriff auf P. Bourdieu konstatiert er eine allgemeine Verunsicherung in der griechischen Jugend und beschreibt das „Prekarisierungsprofil“ als: Jung, weiblich und im Besitz tertiärer Bildungsabschlüsse“ (S. 105). Für den Autor ist die griechische Jugend von einer „tiefe[n] sozialen Verunsicherung“ geprägt. Dieses sei Folge der ökonomischen Strukturschwäche wie des „ausgebreiteten Klientelsystems in Griechenland.“ (S. 125) Hinzu komme eine Familienpolitik, die sich nur unzureichend an den familialen Wandel anpasse und soziale Risiken immer weiter refamiliarisiere. Im Ergebnis würden so die (ökonomischen) Ressourcen auch und gerade der Mittelschichtsfamilien überdehnt, zugleich den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen ein „selbstbestimmter Lebenslauf“ verwehrt (S. 126).

Katarzyna Kopycka und Reinhold Sackmann nehmen die Generationenverhältnisse am Beispiel eines deutsch-polnischen Vergleichs auf. Auf der Basis des SOEP und des BAEL – ein Datensatz zur Situation am polnischen Arbeitsmarkt – wird die Entwicklung der prekären Beschäftigung in beiden Ländern dargestellt. Als theoretischer Rahmen dient dabei der Insider-Outsider Ansatz nach Lindbeck und Snower. Im Ergebnis zeige sich – so die Autoren –, dass in Deutschland der „Zusammenhang zwischen Alter und Prekaritätsgrad“ vor allem bei männlichen Beschäftigten „am stärksten“ ausfalle, wohingegen sich in Polen die atypischen Beschäftigungsformen „am ausgewogensten zwischen den Altersgruppen“ verteilten (S. 152).

Wilfried Schubarth und Karsten Speck analysieren in ihrem Beitrag – u.a. auf der Grundlage der Potsdamer Jugendstudie – die sozialen Probleme ostdeutscher Jugendlicher im Ost-West-Vergleich. Untersucht wird die Lehrstellen- und Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen, die Einkommens- und Vermögenssituation der Familien sowie die damit zusammenhängenden Armutsrisiken der Jugendlichen und ihre familiäre Lebenssituation. Sie resümieren, dass die „Unterschiede in den objektiven und zum Teil subjektiven Lebenslagen zwischen Ost und West fortexistieren.“ (S. 169)

Die Autorengruppe Hendrik Berth, Peter Förster, Elmar Brähler, Friedrich Balck und Yve Stöbel-Richter nimmt auf Basis der Sächsischen Längsschnittstudie die „Erfahrungen ostdeutscher Jugendlicher auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger“ in den Blick (S. 175 ff.). Dargestellt werden die politischen Einstellungen, die Arbeitslosigkeitserfahrungen und ihre Folgen, die Ost-West-Migration sowie die Familiengründung. Es zeige sich, dass die Wiedervereinigung zwar für die meisten Befragten „zu einer Selbstverständlichkeit“ geworden sei, was aber nicht mit einer „Zustimmung zum neuen Gesellschaftssystem“ gleichgesetzt werden könne. Ähnlich wie bei Migranten hätten in Ostdeutschland viele Menschen offenbar eine „Doppelidentität“, in der sie sich als Bundesbürger fühlten, „ohne jedoch ihre Verbundenheit mit der DDR aufgegeben zu haben.“ Dies zielt auch und vor allem darauf ab, dass mit der DDR ein höheres Maß an sozialer Sicherheit, besserer Kinderbetreuung und Schulbildung, weniger Kriminalität und allgemein größerer sozialer Gerechtigkeit verbunden würde (S. 190).

Der Beitrag von Karl August Chassé schließt sich hier nahtlos an und referiert die Lebensperspektiven junger Erwachsener in (Ost-)Deutschland. Dabei fokussiert der Beitrag auf die „Prekarisierung der Jugendphase“ und deren „Verlängerung und Diffundierung ins junge Erwachsenenalter.“ (S. 195) Er stellt fest, dass an die Stelle „fest gefügter Arbeitsbiographien“ zunehmend die „Idee der Vielberuflichkeit“ trete. Diese sei gekennzeichnet von wachsender Unsicherheit, steigenden Mobilitätserfordernissen und zunehmenden Konkurrenzverhältnissen (S. 198). Analysiert werden im Weiteren die Veränderungen bei den Übergängen in die Berufswelt. Dies wird in den Kontext der Europäischen Beschäftigungspolitik („Lissabon-Strategie“) und des aktivierenden Sozialstaats gesetzt („Fördern und Fordern“). Ein eigenständiges Kapitel widmet sich zudem dem Themenfeld Schule und soziale Ungleichheit (S. 206 ff.). Zusammenfassend hält der Autor fest, dass generalisierende Aussagen zur Situation der Jugendlichen schwer zu treffen seien, da sich die „Lage sehr unübersichtlich“ präsentiere (S. 213). Es zeige sich jedoch in der wissenschaftlichen Bearbeitung ein Prozess. Während in den 1980er Jahren die Armutsforschung vor allem die schichtspezifische Verteilung von Ressourcen in Blick genommen habe, erweitere sich der Blickwinkel in den 1990er Jahren durch die Aspekte „Dynamik und Prozesshaftigkeit von Armutsverläufen.“ Aktuell trete mit der „Perspektive der Ausgrenzung ein bereichernder theoretischer Fokus“ hinzu (S. 213). Dabei sei die „Zone der Integration“ gekennzeichnet durch steigende Flexibilität und Arbeitsdichte. Die „Zone der Verwundbarkeit“ charakterisiere sich durch wachsende Unsicherheiten in den Erwerbsbiografien sowie die damit verbundene Verringerung der „individuelle(n) biographische(n) Gestaltungsfähigkeit.“ Die „Zone der Entkopplung“ sei dann wiederum gekennzeichnet durch „Chancenlosigkeit und Unbeeinflussbarkeit der eigenen Biographie.“ In Erweiterung der Armutsforschung stellten sich damit auch Fragen „der Ermöglichung und Gewährleistung sozialer Rechte“ womit auch „partizipative und integrative Aspekte in den Mittelpunkt“ gerückt würden (S. 213 f.).

3. Kulturelle Erfahrungsräume und Generationenbeschreibungen

Im dritten Themenblock „Kulturelle Erfahrungsräume und Generationenbeschreibungen“ wird zwischen den europäischen und den deutsch-deutschen Perspektiven unterschieden.

Im einleitenden Artikel fragt Burkhard Schäfer nach der „medialen Transformation essayistischer Generationenkonzepte und ihrer Rezeption im Horizont konjunktiver Erfahrungsräume“ (S. 221). Dabei geht es vor allem um die Frage, was zu zur zeitweiligen Präsenz bestimmter Schlüsselbegriffe in den Medien führt. Für Schäfer sind Begriffe wie Generation Praktikum in erster Linie „Fokussierungsmetaphern“, in denen die „unterschiedlichsten Gehalte eines Geflechts konjunktiver Erfahrungsräume z.B. Lebensorientierungen, Ängste, Hoffnungen metaphorisch hochgradig verdichtet“ dargestellt werden könnten (S. 237).

Franz Schultheis und Stefan Herold gehen der Thematisierung der sozialen Frage im deutsch-französischen Vergleich nach. Unter Bezug auf R. Castel stellen sie fest, dass in Frankreich der Begriff der Prekarisierung einen „Prozess der sukzessiven „Ent-Sicherung“ und die mit diesen neuen „Unsicherheiten nach den Sicherungen“ (Castel 2003) einhergehenden Tendenzen der Desorientierung“ beschreibe. Für die Situation in den neuen Bundesländern seien diese Effekte jedoch „hochgradig überdeterminiert“, was es erlaube, die „subjektiven Erfahrungen mit und Reaktionen auf solche potenziell anomischen und destabilisierenden Erfahrungen zu beobachten und zu analysieren.“ (S. 270)

Ausgehend vom „Verdacht einer Generationen-Ungerechtigkeit“ fragen Frauke Austermann und Branko Woischwill nach der beruflichen Einstiegssituation junger Menschen im europäischen Vergleich. Dabei halten sie fest, dass die Arbeitssituation junger Europäer „generell (…) prekärer geworden“ sei (S. 296). Im Gegensatz zu dem gängigen Vorurteil, diese Generation sei – etwa im Gegensatz zu den sog. 68ern – unpolitischer, halten die Autoren fest, dass sich neben nationalen Protestbewegungen zunehmend auch eine europäische Bewegung formiere.

Tabea Schilmbach befasst sich mit der Generation Praktikum im Vergleich Deutschland und Italien und nimmt dabei Hochschulabsolventen in den Blick. Obwohl der Übertritt in Beschäftigung auch für hochqualifizierte Menschen schwieriger geworden sei, warnt sie davor, diese als „die neue gesellschaftliche Risikogruppe für Prekarität“ zu stilisieren, seien doch die Berufschancen im Vergleich zu niedrigqualifizierten nach wie vor sehr gut. Vielmehr handele es sich um eine „Benachteiligung (…) auf intergenerationelle Ebene“, denn junge Akademiker wiesen deutlich größere Schwierigkeiten der Berufsfindung als ihre Eltern / Großeltern auf (S. 322).

Herwig Reiter liefert „Anmerkungen zur Beschleunigung der Generationslagerung Jugendlicher im Neuen Westen Europas“ (S. 329), in denen er feststellt, dass die Spezifik der „postkommunistischen Generation“ darin zu sehen sei, dass sich „eine bedeutsame Untergruppe nicht aktiv veränderungswirksam am Nachholprozess beteiligt, sondern sich diesem physisch oder mental entzieht und somit daraus verschwindet.“ (S. 347).

In dem Beitrag von Peter F. N. Hörz und Marcus Richter wird anhand von biografischen Fallbeispielen nach dem Wandel der „Arbeitskulturen“ gefragt (S. 351 ff.). Dabei – so mag es den Autoren erscheinen – gingen die ostdeutschen Arbeitnehmer als Avantgarde in eine „totalverzweckte Gesellschaft“ (E. Ribolits) voraus (S. 362).

Antje Krüger und Rüdiger Stutz spüren in ihrem Artikel der Frage nach, wer für die ostdeutschen Jugendlichen der 1990er Jahre Vorbildfunktion übernehmen könne. Auch hier werden die Ergebnisse eines lebensgeschichtlichen Forschungsansatzes präsentiert. Dabei zeige sich, dass die ostdeutschen Jugendlichen durchaus „selbstbewusst und gelassen“ ihre neuen Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten erprobten, sich vor dem Hintergrund dieser „tastende(n) Erfahrungen“ jedoch vor allem „pragmatische Handlungsmuster“ und „kein neues, kulturrevolutionäres Lebensprinzip“ heraus kristallisierten (S. 386).

Uta Karstein analysiert die „Selbstdeutungen junger Ostdeutscher zwischen Familiensolidarität und Generationendifferenz“ (S. 391 ff.). Dabei wird heraus gearbeitet, dass die jungen Erwachsenen die Wende 1989 nicht „ausnahmslos als Beginn einer neuen Epoche begreifen, die nun ihnen gehöre. Vielmehr scheinen die kommunikativen Muster der Externalisierung und der Überblendung für die jüngsten Familienmitglieder die Funktion zu erfüllen, sich mit der (Groß-)Elterngeneration zu solidarisieren.“ (S. 410)

Martin Gloger stellt sich die Frage, welche „Deutungsmuster hinter [der] Generationenrhetorik“ der Generation X, 89er oder Génération Précaire stehen mögen (S. 415)? Dabei zeige sich, dass Medien „Generationenlabels“ erschaffen, die „von der Leserschaft mehr oder weniger unkritisch übernommen werden.“ (S. 417) Ein Prozess, der auch die Wissenschaft nicht unberührt lasse, gelte doch, dass „für viele Intellektuelle Sein bedeutet, im Fernsehen wahrgenommen zu werden.“ (S. 418) Insgesamt erscheint dem Autor der Versuch, die Altersgruppe der 1989er als Génération Précaire zu beschreiben, als „problematisch“, nicht zuletzt weil einige Vertreter „bereits beachtliche Karrieren vorzuweisen haben.“ Hierin zeige sich, dass derartige Begriffe an ihrer „Überkomplexität“ scheiterten, da sie einen zu breiten „Erfahrungsraum“ einbezögen (S. 440 f.).

Abschließend befassen sich Michael Corsten und Hartmut Rosa mit dem „Wir-Sinn einer neuen Jugendgeneration“ (S. 447). Der dabei auf Basis von Interviews gewonnene zentrale Erkenntnisgewinn lässt sich so zusammen fassen, dass die westdeutschen Jugendlichen „die gegebenen institutionellen Regeln als ein taken for granted“ verstehen, während die „ostdeutschen Engagierten“ durch die Erfahrungen mit dem Systemwechsel weder den „alten Institutionen (ostalgisch) anhängen, noch stromlinienförmig sich den neuen Spielbedingungen anpassen.“ (S. 480) Insgesamt – so die Autoren – sprächen die Befunde nicht dafür, dass sich eine Génération Précaire heraus gebildet habe, die über ein gemeinsames (Handlungs-)Verständnis verfüge.

Diskussion

Entgegen der oft genutzten Begrifflichkeiten von Generation X, 89er etc. legen die (empirischen) Befunde dieses Bandes nahe, dass es den Jugendlichen insgesamt an einer identitätsstiftenden gemeinsamen Erfahrungswelt mangelt. Es ist wohl kein Widerspruch, wenn sich der gut ausgebildete Akademiker in seiner individuellen Sicht ebenso als prekär versteht – zumindest so lange ihm nicht der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelungen ist – wie der bildungsferne Jugendliche aus einem benachteiligten Stadtteil. Allein: Prekarität in der Oberschicht bedeutet eben etwas völlig anderes als in der Mittelschicht und dann wiederum in der Unterschicht! Damit ist aber auch deutlich, dass sich in einer Wohlstandsgesellschaft wie Deutschland zwischen Prekarisierung und Protest eine Vielzahl von individuellen Lebenslagen widerspiegelt. Umfassende Etikettierungen suggerieren dabei zwar eine alles umfassende „volontée générale”, die aber, folgt man den unterschiedlichen Beiträgen in diesem Band, so nicht vorhanden ist. Hier liegt vermutlich auch die Antwort auf die Frage, warum es in deutschen Landen bislang so ruhig geblieben ist. Die Beiträge machen aber auch deutlich, dass die Sorge um die soziale Situation in Deutschland eben keineswegs „saudummes Dahergerede“, sondern ihre analytische Durchdringung vielmehr zentrale Aufgabe der Sozialwissenschaften ist. Hierzu trägt der vorliegende Band ein.

Fazit

Die Herausgeber legen ein faktenreiches und lesenswertes Buch zur Situation von Jugendlichen in Zeiten eines akzelerierten sozialen Wandels vor. Gewünscht hätte sich der Rezensent jedoch eine klarere polit-ökonomische Analyse der Rahmenbedingungen vor allem im europäischen Kontext. So wird die EU-Ebene zwar im Inhaltsverzeichnis wie auch in einzelnen Beiträgen (vgl. Chassé) eingeführt – sie wird aber nicht als eigenständiger Akteur bzw. Analyseebene behandelt. So bleibt der Band insgesamt sehr auf die Situation in Deutschland zentriert. Dies leitet über zu einem zweiten Kritikpunkt: Welche Erkenntnisse und Handlungsanforderungen ergeben sich nun aus der Analyse für die Politik, die Wohlfahrtsverbände, die Akteure der Zivilgesellschaft? Hier bleibt der Band eine Antwort weitgehend schuldig. Gegebenenfalls hätte es dem Band gut getan, wenn insbesondere der dritte Themenbereich mit doch redundanten erscheinenden Ergebnissen zugunsten einer vierten Säule „Prekäre Lebenslagen als Handlungsauftrag der Sozialpolitik“ gekürzt worden wäre. Er wäre dann sowohl für Studierende der Sozialwissenschaften als auch für die Praktikerinnen und Praktiker im Bereich der Sozialen Dienste unter dem Stichwort Theorie-Praxis-Transfer noch gehaltvoller zu lesen!


Rezensent
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Jürgen Boeckh. Rezension vom 16.07.2010 zu: Michael Busch (Hrsg.): Zwischen Prekarisierung und Protest. Die Lebenslagen und Generationsbilder von Jugendlichen in Ost und West. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1203-5. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9018.php, Datum des Zugriffs 22.05.2019.


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