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Burkhard Fuhs, Claudia Lampert u.a. (Hrsg.): Mit der Welt vernetzt

Cover Burkhard Fuhs, Claudia Lampert, Roland Rosenstock (Hrsg.): Mit der Welt vernetzt. Kinder und Jugendliche in virtuellen Erfahrungsräumen. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. 260 Seiten. ISBN 978-3-86736-083-8. 18,80 EUR.
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Digital Natives in virtuellen Lebensräumen

Laut JIM-Studie 2009[1] zählen rund 98% der 12-19jährigen zu den Nutzern des Internets, wobei die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer in dieser Altersgruppe 134 Minuten beträgt. Zum Vergleich: Vor rund 10 Jahren waren nur 18% der befragten Gleichaltrigen im Internet unterwegs. Die Mediennutzung von Heranwachsenden hat sich in der vergangenen Dekade rasant verändert, wobei sich das Internet rasch als wichtiges Medium in der Lebenswelt der Jugendlichen etablieren konnte. Dabei ist die Kommunikation das zentrale Nutzungsmotiv dieser Altersgruppe, d.h. 2009 nutzten 72% der 12-19jährigen Online-Communities. Was es für diese Jugendlichen bedeutet, als eine vernetzte „Generation Internet“ aufzuwachsen und welche Potentiale beziehungsweise Gefahren sich daraus ergeben – dieser Thematik geht der von Claudia Lampert, Burkhard Fuhs und Roland Rosenstock herausgegebene Band nach.

Herausgeberin und Herausgeber

Claudia Lampert ist Erziehungswissenschaftlerin und Medienpädagogin mit den Arbeitsschwerpunkten Mediensozialisation und Medienpädagogik sowie medienbezogene Gesundheitskommunikation. Sie ist als wissenschaftliche Referentin am Hamburger Hans-Bredow-Institut tätig.

Bukhard Fuhs ist Erziehungswissenschaftler und Volkskundler, der die Professur „Lernen und Neue Medien, Kindheit und Schule“ an der Universität Erfurt innehat. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Kindheitsforschung.

Roland Rosenstock ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, mit den Schwerpunkten Religions- und Medienpädagogik.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen 15 Autorinnen und Autoren, die an der Entstehung dieses Bandes mitgewirkt haben, sind Fachleute im Schnittfeld von Medien- und Erziehungswissenschaft und an Hochschulen, bei Medienunternehmen oder Organisationen tätig.

Entstehungshintergrund

Bei den Beiträgen des Bandes handelt es sich um die Referate zur gleichnamigen Tagung: “Mit der Welt vernetzt. Kinder und Jugendliche in virtuellen Erfahrungsräumen“, die im Oktober 2008 von der Evangelischen Kirche und Medienorganisationen initiiert wurde. Die Tagung verfolgte die Fragestellung, wie „sich die Heranwachsenden die virtuellen Räume erschließen und welche Herausforderungen sich hieraus für den Jugendschutz, aber auch aus medienpädagogischer Perspektive ergeben“ (S. 9).

Inhalt und Aufbau

Die Artikel sind fünf unterschiedlichen Themenblöcken zugeordnet: Nach zwei Vorworten, die der Übersicht dienen, geht es zunächst um “Neue Erfahrungsräume im Spiegel quantitativer Forschung“.

Die Eröffnung macht der Beitrag von Birgit Guth: “Kinderwelten 2008. Zur Rolle des Web 2.0 bei den 8- bis 14-Jährigen“. Web 2.0 bedeutet aus Sicht der Autorin in erster Linie die Möglichkeit der Nutzer, Inhalte selbst zu erstellen und ins Internet hoch zu laden. Guth stellt anhand von Medienstudien des Senders Super RTL dar, mit welchen Motivationen, Präferenzen und Gewohnheiten die Jugendlichen das Internet nutzen. Zwar ist das Fernsehen für diese Altersgruppe keineswegs obsolet, doch stelle gerade das Internet in Form eines Mitmachnetzes den Jugendschutz vor ganz neue Aufgaben, die die Autorin in den Bereichen: Umgang mit persönlichen Daten, Werbung und Kriterien für die Erstellung von Inhalten sieht.

Internetnutzung im Jugendalter“ lautet dann der Beitrag von Sabine Feierabend, die wichtige Ergebnisse der JIM-Studie von 2008 aufzeigt. Feierabend stellt die Medienausstattung und die Nutzungsgewohnheiten von Medien und Online-Angeboten bei dieser Altersgruppe, teilweise auch unter Einbezug bildungsspezifischer Merkmale dar. Nicht nur, dass die Jugendlichen erstmalig besser mit Computern als mit Fernsehgeräten ausgestattet seien: Mit zunehmendem Alter verschiebe sich der Schwerpunkt der Mediennutzung von Jugendlichen auf das Internet, wobei es in erster Linie als Kommunikationsmedium genutzt werde.

Mit dem „Digital Divide“, der sozioökonomischen Ungleichverteilung der Zugangsmöglichkeiten zum Internet bzw. seiner Nutzung, beschäftigt sich Christine Feil in ihrem Beitrag: “Familiale Kontexte des Internetzugangs und Internetaktivitäten im späten Kindes- und frühen Jugendalter“. Als Grundlage dienen ihr die Ergebnisse der „Digital Divide-Studie“, die im Jahre 2007/2008 an 10/11- bzw. 13/14jährigen Kindern gewonnen wurden. Auch wenn der „Graben“ ungleicher Zugangsmöglichkeiten bereits weitgehend im frühen Jugendalter überbrückt sei, gebe es eine kleine Zahl benachteiligter Kinder und Jugendlicher, die in ihrer Familie keinen Kontakt zum Internet haben. Die Bedeutung der Internetkompetenz liege allerdings „weniger im Lernen für die Gegenwart und Zukunft, als in der kommunikativen Teilhabe an der Gleichaltrigenkultur“ (S. 69).

Was machen die anderen?“ fragt Claudia Lampert in ihrem Beitrag „Zur Onlinenutzung von Kindern im europäischen Vergleich“, in dem sie unterschiedliche europäische Studien zu den Nutzungshäufigkeiten, Onlinerisiken und dem Jugendschutz auswertet.

Den zweiten Themenblock: “Vernetzte Familienkindheiten“ leitet der Beitrag der Herausgeber ein: “My First Net. Internet im Vorschulalter“. Für Fuhs und Rosenstock geht es dabei weniger um das „Ob?“ als um das „Wie?“, sehen doch die beiden Autoren Medien als einen „Sozialisationsbereich, der sich nicht aus der Lebenswelt der Kinder ausgrenzen lässt“ (S. 89). In dem Beitrag werden aktuelle Konzepte der Frühpädagogik mit Blick auf die Internetnutzung diskutiert und zwei ausgewählte Vorschulseiten des Internets vorgestellt.

„Die Digitalisierung der Sandkastengespräche“ sieht Julia Berger vorliegen, wenn “Internetforen als Erziehungsratgeber“ genutzt werden. Zusätzlich zum realen Spielplatzgespräch nutzen einige Eltern den anonymen virtuellen Raum, um Erziehungsfragen und Werthaltungen zu diskutieren. Die Erweiterung der Elterngespräche in den virtuellen Raum hinein könne – so die Autorin – „die Erziehungspraxis insgesamt nachhaltig verändern“ (S. 111), wobei aber auch Gefahren bzw. Schattenseiten, wie mangelnde Reflexivität der Diskurse oder Selbstdarstellungsdrang, zu beachten seien.

Mit ihrem Beitrag “Familie und Medien“ bringt Anja Hartung „Orientierende Überlegungen zur Konstitution von Familie in mediatisierten Lebenswelten“. Damit rückt die Autorin die Familie als „dynamische Gemeinschaft“ (S.128) anhand von Beispielen in den Blickpunkt der medienpädagogischen Betrachtung, wenn Familienleben im Internet präsentiert wird, Online-Stammbäume oder virtuelle Gedenkstätten für Verstorbene erstellt werden.

Der dritte Teil: “Pädagogisch gerahmte Medienpraxis“ stellt dar, wie medienpädagogische Anforderungen in die Praxis umgesetzt werden: “fragFINN. Ein Surfraum für Kinder“ ist das Thema von Friederike Siller, Lidia de Reese und Cornelia Reichardt, sämtlich Projektmitarbeiterinnen beim gleichnamigen Internetportal für Kinder, das medienpädagogische Anforderungen durch Zusammenstellung geeigneter Online-Inhalte zu realisieren sucht. Die Autorinnen erläutern, nach welchen Kriterien Angebote in die Whitelist aufgenommen werden und welche zusätzlichen Funktionen für Kinder, Eltern und Pädagog/innen verfügbar sind.

Mit ihrem „Praxisbericht: Identitäten im Internet. Ein medienpädagogischer Workshop für Schüler“ bietet Judith Zeidler einen praktischen Einblick in die Fortbildung von Jugendlichen. Neben einer Darstellung der Konzeption und didaktischen Fragestellungen bietet die Autorin einen detaillierten Ablaufplan für einen fünftägigen Workshop.

Der vierte Teil, “Jugendkulturelle Netzwerke“, wird eingeleitet durch den Beitrag von Jan-Hinrik Schmidt: “Netzwerkplattformen als Räume des Heranwachsens“. Der Autor beschreibt verschiedene Kategorien von Entwicklungsaufgaben und stellt aktuelle Untersuchungsergebnisse zur Nutzung des Web 2.0 durch Jugendliche dar. Für den Autor findet das Stabilisieren der Identität als jugendalterspezifische Entwicklungsaufgabe heute ganz selbstverständlich im Internet statt. Allerdings biete es einen Begegnungsraum, der entgegen der mündlichen Kommunikation dauerhaft, kopierbar und durchsuchbar ist – was mit dem Blick auf die Privatsphäre nicht unproblematisch erscheint.

Ulrike Wagner, Niels Brüggen und Christa Gebel gehen “Artikulationsformen von Jugendlichen im Web 2.0“ nach, indem sie 26 Selbstdarstellungen von 14-20jährigen Jugendlichen auf unterschiedlichen Plattformen analysieren. Die Darstellungen werden anhand thematischer Schwerpunkte betrachtet und jeweils einer von drei verschiedenen Artikulationsformen zugeordnet.

Fragen und Perspektiven“ bietet Teil 5 des Bandes: “Neue Risiken durch das Social Web“ sieht Marina Mühlberger und bringt „Eine Perspektive des Jugendmedienschutzes“. Angesichts der Tatsache, dass das Fernsehen in der Rolle als Leitmedium durch Onlineangebote abgelöst werde, sieht die Autorin insbesondere die Bereiche persönliche Daten, riskante Inhalte und unangemessene Kommunikation für problematisch an. Neben der Darstellung spezifischer Onlineangebote geht Mühlberger den Interventionsmöglichkeiten des rechtlichen Jugendmedienschutzes im Web 2.0 nach.

Was ist zu tun?“ fragt Ingrid Paus-Hasebrink in ihrem Beitrag, der die „Herausforderungen und Aufgaben für die Förderung der Medienkompetenz“ in den Mittelpunkt stellt. Dazu arbeitet die Autorin heraus, was Medienkompetenz umfasst und wie diese für Jugendliche im virtuellen Raum des „Social Web“ – praktisch wie theoretisch – aussehen könnte.

Statt einer Diskussion

Es würde zu weit führen, die ausführlich dargestellten, unterschiedlichen Beiträge noch einmal diskutieren zu wollen. Insgesamt möchte ich aber herausstellen, was bereits zuvor durch die Lektüre deutlich geworden sein dürfte: Die Beiträge decken das Thema Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen breit und facettenreich ab, ohne Redundanzen zu erzeugen. Dabei ist nicht nur die Aktualität hervorzuheben, sondern auch, dass die Beiträge des Bandes empirisch und praktisch geerdet daherkommen und damit eine gute Wissensgrundlage sowie teilweise auch konkrete Anregungen für medienpädagogisches Arbeiten bieten. Zudem gelingt es dank des gut strukturierten Konzeptes des Buches, stets einen Überblick über die Themen zu behalten, wobei der leser(innen)orientierte Schreibstil der Autorinnen und Autoren für eine angenehme Lektüre der Beiträge sorgt.

Fazit

„Mit der Welt vernetzt“ bietet einen aktuellen Überblick über die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen, der ebenso facettenreich wie umfassend ist. Damit empfiehlt sich das Buch über den Kreis der akademischen Leserschaft hinaus wärmstens für alle Erzieher/innen, Lehrkräfte und andere Fachleute, die mit der Online-Medienerziehung von jungen Menschen befasst sind.


[1] JIM-Studie 2009. Jugend, Information, (Multi-) Media. Online im Internet. URL: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf09/JIM-Studie2009.pdf [Abrufdatum 9.1.2011]


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 17.01.2011 zu: Burkhard Fuhs, Claudia Lampert, Roland Rosenstock (Hrsg.): Mit der Welt vernetzt. Kinder und Jugendliche in virtuellen Erfahrungsräumen. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. ISBN 978-3-86736-083-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9025.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


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