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Ulrich Herrmann, Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Cover Ulrich Herrmann, Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Kriegserfahrungen als Lebenserfahrungen. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 446 Seiten. ISBN 978-3-7799-1138-8. 32,00 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Materialien zur Historischen Jugendforschung.
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Thema

Während die Historische Jugendforschung in der Regel Normalbiographien von jungen Menschen beziehungsweise von einzelnen Kohorten und Generationen untersucht, stehen in dem vorliegenden Band die kollektive und individuelle Extremsituation „Kriegseinsatz“ junger deutscher Soldaten im Mittelpunkt der Betrachtung: Einsatz an der Front, Töten und Getötet-werden, Desertion, Überlebenskampf, Feldpostbriefe, Gefangenschaft.

Herausgeber und Autoren

Für die Herausgabe des Buches zeichnen sich die beiden Wissenschaftler Ulrich Herrmann und Rolf-Dieter Müller verantwortlich.

Ulrich Herrmann, Jahrgang 1939, studierte Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Philosophie und Politikwissenschaft in Heidelberg und Köln, promovierte 1968 mit der Dissertation „Die Pädagogik Wilhelm Diltheys. Ihr wissenschaftstheoretischer Ansatz in Diltheys Theorie der Geisteswissenschaft“ und habilitierte sich 1975 für das Fach Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen, bevor er im darauf folgenden Jahr dort zum Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik ernannt wurde. Seit 1994 zum Professor für Pädagogik an der Universität Ulm bestellt, wurde er 2003 Honorar-Professor der Universität Potsdam; im Jahre 2004 ging er in Ruhestand. Ulrich Herrmann ist Herausgeber zahlreichen Publikationen, darunter beispielsweise „Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung“, „Neurodidaktik“, „In der Pädagogik etwas bewegen“, „Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung“ und „Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert“. Zu seiner Herausgebertätigkeit gehört unter anderem auch die Schriftenreihe „Materialien zur Historischen Jugendforschung“, in der auch der vorliegende Band erscheint.

Rolf-Dieter Müller, Jahrgang 1948, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Pädagogik in Braunschweig und Mainz, promovierte 1981 an der Universität Mainz zum Thema „Das Tor zur Weltmacht. Die Bedeutung der Sowjetunion für die deutsche Wirtschafts- und Rüstungspolitik zwischen den Weltkriegen“ und habilitierte sich 1999 an der Universität Münster zum Thema „Albert Speer und die deutsche Rüstungspolitik im totalen Krieg“. Seit 1979 zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter, wurde er 1999 Wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA). Von 2004 bis 2008 leitete er dort das Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“; seit 2009 ist er Leiter des Forschungsbereichs „Zeitalter der Weltkriege“. Im Jahre 2001 wurde er zum Honorarprofessor für Militärgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin ernannt. Zu den zahlreichen Publikationen von Rolf-Dieter Müller gehören etwa „Der Zweite Weltkrieg 1939-1945“ (Stuttgart 2004), „Der Bombenkrieg 1939-1945“ (Berlin 2004) und „Der letzte deutsche Krieg 1939-1945“ (Stuttgart 2005).

Neben den beiden Herausgebern haben zu dem vorliegenden Sammelband die folgenden 12 Autoren Beiträge beigesteuert: Kurt Abels, Michael Buddrus, Jens Ebert, Hannes Heer, Lothar Hilbert, Magnus Koch, Andreas Kunz, Klaus Latzel, Ulrich Linse, Rüdiger Overmanns, Alexander von Plato, Traugott Wulfhorst.

Entstehungshintergrund

Das Buch beziehungsweise die ihm zugrunde liegenden Beiträge entstanden im Rahmen einer Kooperation des Arbeitskreises für Historische Jugendforschung und des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam.

Aufbau und Inhalt

Mit der Fokussierung „Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg“ möchten die Herausgeber den Blick der Historischen Jugendforschung auf eine, ihrer Ansicht nach bisher vernachlässigte Extremsituation lenken, in die viele Millionen (nicht nur männliche und natürlich nicht nur deutsche) Jugendliche und junge Erwachsene im 20. Jahrhundert hineingezwungen oder hinein verführt wurden: Militärdienst und Kampfeinsatz, Verwundung, Gefangenschaft, Kriegsfolgen. Diese Extremsituationen werden in den insgesamt 16 Beiträgen des vorliegenden Buches nach verschiedenen Seiten ausgeleuchtet, „auch um zu zeigen, welche Erlebnisse zu welchen Erfahrungen verarbeitet werden mussten bzw. verarbeitet wurden und welche Verarbeitungsmuster dabei wirksam waren“ (S. 12). Denn neben einer Militärgeschichte „von oben“ – Strategie und Taktik der kriegsführenden Verbände und ihrer Befehlshaber, auch auf einzelnen Kriegsschauplätzen (Russland-Feldzug, Afrikakorps u.a.m.) – beziehungsweise „von unten“ (Wolfram Wette) – die Alltagsgeschichte der „einfachen Soldaten“ – sollte nach Ansicht der Herausgeber auch versucht werden, Ansätze für eine Kriegsgeschichte „von innen“ zu entwickeln: Was ging in den Soldaten vor? Welche Erlebnisse mussten sie verkraften? Welche Auswirkungen hatte dies auf ihr Verhalten und für ihr Selbstsein als Mensch, als Soldat? Und, wie haben sie dies artikuliert?

Das Buch wird eröffnet mit einem Gedicht des „jungen Soldaten“ Walter Höllerer (1922-2003; Soldat seit 1941, Schriftsteller, Mitglied der „Gruppe 47“, Literaturwissenschaftler): zum Andenken an alle toten Soldaten und alle Kriegsopfer aller Nationen.

Der erste Beitrag von Ulrich Herrmann „Für eine Kriegsgeschichte ‚von innen‘“ (S. 15-40) skizziert Zugänge zu einer Kriegsgeschichte „von innen“, wobei der Autor auf die Notwendigkeit einer Einbettung in einen psychosozialen und psychohistorischen Analyserahmen hinweist. Im zweiten Beitrag „‚Wir wurden zu Soldaten verarbeitet‘ – oder Wie man Soldaten für Hitlers Krieg machte“ (S. 41-62) geht Ulrich Hermann der Frage nach, mit welchen Absichten und Folgen für ihre Persönlichkeitsstruktur junge Zivilisten in junge Soldaten verwandelt wurden, deren inneres Erleben uns in ihren Ego-Dokumenten entgegentritt. Während Andreas Kunz in ihrem Beitrag „Junge Soldaten in der Wehrmacht. Struktur- und organisationsgeschichtliche Betrachtungen“ (S. 81-112) die Geburtskohorten „junger Soldaten“ im Verlauf des Krieges rekonstruiert und Kurt Abels am Beispiel des NS-Propagandafilms „Kadetten(1939)“ die „Kriegserziehung im Film“ (S. 63-80) beleuchtet, thematisieren die Beiträge von Klaus Latzel „Töten und Getötet-werden. Ambivalenzen von Erfahrung, Gewalt und Verletzbarkeit“ (S. 113-136), Hannes Heer „‚Und dann kamen wir nach Russland…‘. Junge Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion“ (S. 137-165), Jens Ebert „‚Der Kessel von Stalingrad ist nicht zu beschreiben‘. Feldpostbriefe aus Stalingrad 1942/43“ (S. 166-191) und Magnus Koch „‚Mit einer Todesverachtung füge ich die Handgranate sorgfältig in die Scharte…‘. Männliche Selbstentwürfe des Deserteurs Gerhard Selck“ (S. 192-211) jeweilige Aspekte des Kriegserlebens. Ulrich Hermann lässt in zwei Interviews – „Zwei junge Soldaten als Opfer der NS-Wehrmachtjustiz: Der ‚Wehrkraftzersetzer‘ Horst Bendekat und der Deserteur Ludwig Baumann“ (S. 212-240) – zwei Opfer der NS-Militärjustiz ausführlich zu Wort kommen, bevor sich Michael Buddrus in seinem Beitrag „Das letzte Jahr, der letzte Jahrgang. Zu einigen Aspekten des Kriegseinsatzes der Hitlerjugend in der Endphase des Zweiten Weltkrieges“ (S. 241-272) mit einem bisher kaum erforschten Kapitel zum „letzten Aufgebot“ (dem Einsatz der Hitlerjugend) in der Endphase des Krieges beschäftigt. Die Beiträge von Rüdiger Overmans „Jugendliche in Kriegsgefangenschaft“ (S. 273-286) über junge Soldaten in (westlicher) Kriegsgefangenschaft (mit einem autobiographischen Bericht des Freiburger Militärhistorikers Manfred Messerschmitt) und Alexander von Plato „Erinnerungen junger Soldaten an den Zweiten Weltkrieg“ (S. 321-338) führen in die Erinnerungsarbeit und -kultur ein, ergänzt durch eine Rekonstruktion der Erinnerungskultur an „junge Helden“ im akademischen Milieu durch Ulrich Linse – „Hundert Jahre ‚Arbeit am Helden‘. Dargestellt an den Gefallenen-Denkmälern im ‚Lichthof‘ der Ludwig-Maximilians-Universität München“ (S. 376-444) – am Beispiel der Universität München.

Während Traugott Wulfhorst in seinem autobiographischen Beitrag „Vom ‚jungen Soldaten‘ zum Revisionsrichter für Kriegsopferversorgung“ (S.287-309) Hintergründe für seine Begründung des Urteils des Bundessozialgerichts in Sachen Hinterbliebenenversorgung – das nicht nur ein bahnbrechendes Stück Rechts-, sondern auch Gerechtigkeitsgeschichte schrieb – gibt, berichtet Lothar Hilbert in seinem bizarr-amüsanten Beitrag „Der Krieg ist aus: Vom Fahnenjunker zum Abiturienten“ über seine „Lernerlebnis an der Wehrmachtsoberschule Büsum, Oktober 1945 bis Ostern 1946“ (S. 310-320). Schließlich dokumentiert Ulrich Hermann in seinem Beitrag „Kriegserfahrungen – Überlebenserfahrungen – Lebenserfahrungen“ einige „Gespräche mit ehemaligen jungen Soldaten des Zweiten Weltkriegs“ (S. 339-375), um der Frage der lebensgeschichtlichen Bedeutung der Kriegserfahrung beziehungsweise des Soldatseins nachzugehen.

Diskussion

Mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband „Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg“, mit dem erstmals die kollektive und individuelle Extremsituation „Kriegseinsatz“ junger deutscher Soldaten differenziert in den Blick genommen wurde, haben Ulrich Herrmann und Rolf-Dieter Müller die Historische Jugendforschung wesentlich bereichert. Die Beiträge des Buches zeigen beeindruckend, wie überaus fruchtbar es sein kann, die Militärgeschichte nicht nur „von oben“ und „von unten“, sondern auch „von innen“ zu betrachten. Hier darf man auf weitere entsprechende Forschungen gespannt sein, etwa über die Lebenserfahrungen von Kindern und Jugendlichen während verschiedener Phasen des Krieges zu Hause.

Fazit

Wer sich für die Historische Jugendforschung interessiert, kann „Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg“ mit großem Gewinn zur Hand nehmen. Da unabhängig hiervon die Beiträge des Buches wertvolle Erkenntnisse zum besseren Verständnis der deutschen Nachkriegsgesellschaft bieten, ist ihm über den akademischen Nutzerkreis hinaus ein großer Leserkreis zu wünschen.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 26.05.2010 zu: Ulrich Herrmann, Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Kriegserfahrungen als Lebenserfahrungen. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-1138-8. Reihe: Materialien zur Historischen Jugendforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9032.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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