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Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden

Rezensiert von Dr. Hubert Kolling, 01.03.2010

Cover Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden ISBN 978-3-421-04375-7

Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2009. 591 Seiten. ISBN 978-3-421-04375-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Die besonderen Bedingungen der friedenssichernden oder -schaffenden internationalen Einsätze im Rahmen von UN-, EU- und NATO-Missionen stellen zweifelsfrei außergewöhnliche Anforderungen an die daran beteiligten Soldaten (der Bundeswehr). Diese werden mit Not und Elend, Leichen und Verstümmelungen, mit Chaos und Zerstörungen, unklaren Konfliktlagen, eventuell Gefangenschaft, mit fremden Kulturen, lang dauernder Trennung von zu Hause, dienstlicher Überforderung, aber auch mit Langeweile und Unterforderung konfrontiert. Häufig kommt es daher – nicht selten erst längere Zeit nach dem Ende der Einsätze, manchmal mit monate- und jahrelanger Latenz – zur Ausbildung von Krankheitsbildern, die heute unter dem Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) zusammengefasst werden.

Das Phänomen ist unterdessen nicht neu. So stellte Mitte der 1990er Jahre der amerikanische Psychotherapeut Jonathan Shay, der seit vielen Jahren in der Betreuung von Kriegsveteranen tätig ist, fest: „Menschen verlassen das Land und kehren zurück mit Erfahrungen, die auf extreme Weise anders sind als die ihrer zurückgebliebenen Mitmenschen.“ In seinem Buch „Achill in Vietnam: Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust“ (Hamburg 1998, original 1995) zeigt er Parallelen zwischen dem Vietnamkrieg (1960/65-1975) und dem Trojanischen Krieg (12. oder 13. Jahrhundert v. Chr.) auf, die belegen, dass Kriege in jedem Zeitalter permanente seelische Zerstörungen bei Individuen und der Gesellschaft verursachen.

Nach gut 60 Jahren scheint außer Frage zu stehen, dass auch die massenhaften Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) traumatisierte Gesellschaften mit sich brachten. Rund fünfzig Millionen Menschen hatten in diesem Krieg, der von deutscher Seite im September 1939 entfesselt worden war, den Tod gefunden, mehr als die Hälfte von ihnen waren Zivilisten. Allein die Sowjetunion verzeichnete über 25 Millionen Tote. In Polen belief sich die Zahl der Todesopfer auf etwa sechs Millionen, unter ihnen waren mit zirka drei Millionen Menschen mehr als die Hälfte aller ermordeten Juden in Europa.

Von der massenhaften Gewalt und der Erinnerung an die begangenen Verbrechen war freilich in der bundesdeutschen Nachkriegszeit und den Jahren danach wenig zu hören. Vielmehr wurde damals der Blick unter dem Motto „Schaffe, schaffe Häusle baue…“ auf den Neuanfang und Wiederaufbau gerichtet, die scheinbar keinen Platz zur Erinnerung boten. Die Realität sah mitunter aber ganz anders aus, zumindest belegen dies Krankenakten von Soldaten, die bald nach ihrer Rückkehr von der Front oder aus der Kriegsgefangenschaft mit massiven psychischen Problemen zu kämpfen hatten und daher ärztliche Hilfe suchten. Dabei ist es erstaunlich, dass sich die zeitgeschichtliche Forschung erst in den letzten Jahren verstärkt der Frage zuwandte, welche Opfer die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg hinnehmen mussten.

Mit ihrem Buch „Die Gesellschaft der Überlebenden“ hat nun Svenja Goltermann das bislang kaum behandelte Thema aufgegriffen, wobei sie die Nachwirkungen der Gewalterfahrungen im Krieg bei den Heimkehrern und ihren Familien – vom Umgang mit psychischem Leid bis zur Klärung der Rentenansprüche von Kriegsgeschädigten – anhand von bislang ungenutztem Quellenmaterial untersucht hat, das zum weitaus überwiegenden Teil aus den Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld / Bethel, zu einem sehr viel kleineren Teil aus der Psychiatrischen und Neurologischen Klinik Heidelberg sowie der Fürsorgestelle für Nervöse bei Gesundheitsamt Köln stammt. Neben der psychiatrischen Fachliteratur, darunter zahlreiche Fachzeitschriften und Handbücher, erwiesen sich für die Autorin zudem die Aktenbestände des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, in dessen Verantwortungsbereich die Versorgung der Kriegsopfer fiel, und des Bundesministeriums für Finanzen, das für Entschädigungsfragen im Falle von NS-Opfern verantwortlich zeichnete, im Hinblick auf ihr Forschungsinteresse als überaus ertragreich.

AutorIn

Die Autorin (Jahrgang 1965), die nach dem Studium der Geschichte 1997 mit der Dissertation „Körper der Nation. Habitusformierung und die Politik des Turnens, 1860-1890“ promoviert wurde, ist habilitierte Historikerin, die von 2007 bis 2010 als Akademische Rätin am Historischen Seminar der Universität Freiburg (vgl. www.geschichte.uni-freiburg.de/lehrstuehle/raete/goltermann.html) wirkte.

Entstehungshintergrund

Das knapp 600 Seiten starke, mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestattete Buch basiert auf der 2007 von Svenja Goltermann vorgelegten Hochschulschrift „Gegenwärtige Vergangenheiten. Kriegsheimkehrer, Psychiatrie und Erinnerung in der westdeutschen Gesellschaft 1945-1970“, für die sie im Jahre 2008 mit dem renommierten Preis des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (vgl. www.vhd.gwdg.de/verband.html) für herausragende Habilitationen ausgezeichnet wurde.

Aufbau

Der Ausgangspunkt des vorliegenden Buches mit seinem Fokus auf die in die westdeutsche Gesellschaft zurückkehrenden Wehrmachtssoldaten bildet die in der Geschichtswissenschaft in jüngster Zeit vermehrt aufgezeigte Annahme, dass die extreme Gewalt des Krieges und das Grauen des Nationalsozialismus in den Gesellschaften, die in den Krieg verwickelt gewesen waren, fortdauernde immaterielle Trümmer hinterließen, die den Wiederaufbau überdauerten. „Das Streben der westdeutschen Gesellschaft nach Wiederaufbau und erneuter sozialer Sicherheit“, so die erste These der Autorin, „war von tiefsitzenden Schrecken und quälenden Alpträumen durchsetzt, die der häufig konstatierten Nüchternheit der Nachkriegsgesellschaft deutlich widersprachen“ (S. 17). Da sich der gesellschaftliche Vorstellungshorizont über die psychischen Folgen des Krieges im Verlauf von etwa zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend und in Abhängigkeit vom herrschenden psychiatrischen Wissensstand verändert habe, seien sowohl die Erfahrungsgeschichte der Nachkriegszeit als auch die Erinnerungsgeschichte des Krieges – so die zweite These der Autorin – „ohne eine ‚Verarbeitungsgeschichte‘ extremer Erlebnisse durch die psychiatrische Wissenschaft nicht hinreichend zu verstehen“ (S. 22).

Die Darstellung gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil („Das Gedächtnis des Krieges: Private Erinnerungsfragmente, 1945-1949“) verdeutlicht Svenja Goltermann, in welchem Maße und auf welche Weise der verbrecherische Krieg und die massenhaften Toten in der Erinnerungswelt von ehemaligen Wehrmachtssoldaten und ihrem persönlichen Umfeld präsent waren.

Im zweiten Teil („Die Produktion des psychiatrischen Wissens: Professionelle Verwandlungen, 1945-1970“) untersucht sie, wie die Psychiatrie (teils auch andere medizinische Disziplinen) die Verhaltensweisen der Kriegsheimkehrer, die etwa von ihren Angehörigen als auffällig oder gar besorgniserregend verändert, manchmal auch als krank betrachtet wurden, deutete und zu therapieren versuchte. Die medizinische Gutachterpraxis der 1950er Jahre ging dabei, gestützt auf Erkenntnisse aus der Zeit des Ersten Weltkrieges (1914-1918), zunächst davon aus, dass der Mensch, sofern er keine negativen Erbanlagen habe, selbst schwerste Belastungen in Kriegssituationen ohne bleibende Neurosen überstehe.

Im dritten Teil („Psychische Leiden im Wandel der medialen Anerkennung: Öffentliche Verhandlungen, 1945-1970“) analysiert die Autorin schließlich die öffentliche Erinnerung dahingehend, auf welche Weise psychiatrische Erklärungsmuster in die öffentlichen Erzählweisen über die Auswirkungen des Krieges eingingen und – ein besonderes Augenmerk liegt hier bei den Medien, der Presse und insbesondere dem deutschen Nachkriegsfilm – die öffentliche Wahrnehmung mit prägten, wer überhaupt als Opfer gelten und anerkannt werden sollte.

Der Untersuchungszeitraum des vorliegenden Buches erstreckt sich im Kern auf die Jahre von 1945 bis 1970. Es setzte damit zu einem Zeitpunkt ein, so die Begründung von Svenja Goltermann, als sich die totale militärische Niederlage und die Zerschlagung des politischen Systems klar abzeichneten, während es in einer Phase ende, in der sich in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit veränderte und ausdifferenzierte Wahrnehmungsmuster der Kriegs- und Verfolgungsfolgen etabliert hatten.

Inhalt

Im Einzelnen verfolgt die Autorin im ersten Teil die Frage, auf welche Weise der Krieg und die nationalsozialistische Vergangenheit in der persönlichen Erinnerung der heimkehrenden Soldaten überhaupt aufschienen und damit das Leben der Nachkriegsgesellschaft zeichneten. Hierzu analysiert sie in einem ersten Schritt vor allem narrative Überlieferungen persönlicher „Erinnerungsfragmente“ aus der frühen Phase unmittelbar nach dem Kriegsende, mithin die zum damaligen Zeitpunkt gegenwärtigen Vergangenheiten deutscher Kriegsheimkehrer, wie sie sich in psychiatrischen Krankenakten manifestierten. Sie erzählt, wie die Soldaten mit dem Massentod, dem Töten und ihrem Wissen von den Verbrechen weiterlebten, aber auch, wie sie auf die Niederlage, auf die völlige Diskreditierung des politischen Systems und oft auch auf ihre zudem erlebte eigene soziale Deklassierung reagierten. Da Familien gemeinhin als der Ort gelten, in dessen Rahmen die private Aufarbeitung der Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse stattfand, gilt das Interesse von Svenja Goltermann auch den Auswirkungen des Krieges auf das Familienleben, den inneren Spannungen und Belastungen in den persönlichen Beziehungen von Familienangehörigen, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Generationen.

Viele Familienangehörige standen den als verändert wahrgenommenen Verhaltensweisen der aus dem Krieg oder der Gefangenschaft heimgekehrten Männer, ob mit oder ohne Verständnis, hilflos gegenüber und suchten deshalb häufig professionellen Rat. Im zweiten Teil des Buches wechselt die Autorin daher die Perspektive auf die Psychiatrie – konkret auf die im Nachkriegsdeutschland vorherrschende psychiatrische Lehre über die Fähigkeit, schwere psychische Belastungen zu verarbeiten, sowie die Entstehung und Etablierung eines neuen psychiatrischen Wissens in diesem Feld unter den veränderten politischen und moralischen Herausforderungen. Dabei analysiert sie unter Bezug auf die zeitgenössische Fachliteratur und die ärztliche Praxis auch die Verwandlung der deutschen Psychiatrie während der „langen“ Nachkriegszeit als ein Wissensfeld, das sowohl im Zusammenhang mit der seit dem Ersten Weltkrieg vorherrschenden psychiatrischen Lehre in Deutschland steht als auch – soweit möglich – mit internationalen Entwicklungen im Fach in Beziehung gesetzt wird.

Im dritten Teil des Buches wechselt Svenja Goltermann erneut die Perspektive, indem sie sich der öffentlichen Erinnerungskultur zum nationalsozialistischen Vernichtungskrieg zuwendet. Dabei geht sie vor allem der Frage nach, welche Effekte das naturwissenschaftlich-medizinische Wissen und dessen Wandel auf die öffentliche Anerkennung von seelischem Leid und die Sagbarkeitsregeln im Rahmen der allgemeinen Erinnerungskultur hatten. Ausgehend davon, dass das historische Bewusstsein in hohem Maße durch die Medien geprägt ist, konzentriert sie sich dabei im Wesentlichen auf die medial vermittelten Repräsentationen des Krieges und seiner Auswirkungen auf das Leben in der Nachkriegsgesellschaft, indem sie besonders intensiv die frühen Nachkriegsfilme analysiert, die ihres Erachtens die Vorstellung produzierten, „dass man es schaffen konnte und eine Fixierung der psychischen Veränderungen und Beschwerden zu vermeiden war“ (S. 358).

Diskussion

Das Buch „Die Gesellschaft der Überlebenden“ zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es für Betroffene und deren Angehörige nach dem Zweiten Weltkrieg war, wieder in den Alltag zurückzufinden. Einfühlsam und ohne moralische Vorurteile stellt die Autorin dabei Zeugnisse von Gewalt, Schuld, Rechtfertigung und einsamer Hilflosigkeit vor. Dabei verdeutlicht sie zugleich, warum die damalige Psychiatrie psychisch bedingte Leiden nicht mit dem Krieg in Verbindung brachte und welche Konsequenzen sich daraus für Politik und Gesellschaft ergaben, denn die Rentenansprüche der Kriegsheimkehrer traten in direkte Konkurrenz mit den Entschädigungsansprüchen der Holocaust-Opfer. Weitgehend ausgeblendet bleibt hierbei allerdings die Rolle der am Diskurs beteiligten „Experten“, seien es nun Beamte, Psychiater oder Richter, im Hinblick auf deren eigene Verstrickung in die Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten.

Fazit

Svenja Goltermann hat mit ihrer bahnbrechenden Untersuchung, die sich an der Schnittstelle von Erfahrungsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte und Erinnerungsgeschichte bewegt, einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis der Deutschen und ihrer Rolle als Täter und Opfer im Zweiten Weltkrieg geleistet. Das Erscheinen des sehr lesenswerten Buches, das hoffentlich in allen Altersgruppen der Gesellschaft weite Verbreitung findet, hätte man sich schon einige Jahrzehnte früher gewünscht. Inwieweit dies freilich konkrete Auswirkungen auf die Entwicklung der deutschen Außenpolitik gehabt hätte, bleibt dahingestellt. In jedem Fall sollte man sich die Lektüre nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Wissenschaftsgeschichte zu Gemüte führen, sondern – vor dem Hintergrund, dass deutsche Soldaten weiterhin an kriegerischen Auslandseinsätzen beteiligt sind – auch im Hinblick auf die allgemeine Zeitgeschichte.

Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 01.03.2010 zu: Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2009. ISBN 978-3-421-04375-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9033.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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