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Martin Degner, Christoph Michael Müller (Hrsg.): Autismus [...] TEACCH-Ansatz

Cover Martin Degner, Christoph Michael Müller (Hrsg.): Autismus. Besonderes Denken - Förderung nach dem TEACCH-Ansatz. Verlag Kleine Wege (Nordhausen) 2008. 309 Seiten. ISBN 978-3-937340-14-2. 29,80 EUR.
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Entstehungshintergrund

Der Verlag „Kleine Wege“ ist seit mehreren Jahren in der Veröffentlichung von Publikationen und Materialien zur Förderung von Menschen aus dem autistischen Spektrum tätig und hat sich in diesem Kontext auch einen fachlich guten Namen gemacht. Die beiden Gründerinnen, Yvette Schatz und Silke Schellbach, sind nicht nur im Verlags- und Vertriebswesen tätig, sondern auch in der praktischen Arbeit einer Beratungs- und Förderstelle für Menschen aus dem autistischen Spektrum, so dass von einem stetigen Theorie-Praxis-Bezug ausgegangen werden kann.

Thema

Thema des Buchs ist die Förderung von Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum unter besonderer Berücksichtigung des TEACCH-Ansatzes.

Der Titel macht neugierig, weist er nämlich auf etwas hin, was in der Fachwelt schon länger Erkenntnis ist: Autistische Menschen bedürfen einer besonderen Förderung, und zwar deshalb, weil autistisches Denken, Erleben und Fühlen von den sonst so üblichen Schemata abweicht und damit auch Fachleute immer wieder vor große Rätsel gestellt werden. Damit ist eben „besonderes Denken“ erforderlich, dass sich auf die Belange dieser Personen, auf ihre Sorgen und Nöte, Befindlichkeiten und individuellen Belange einlässt. Gerade weil in neuropsychologischer und –physiologischer Hinsicht derzeit immer wieder neue Erkenntnisse sichtbar werden, ist auch schon deshalb ein „neues Denken“ gefragt – nämlich die Integration dieser Erkenntnisse in die diversen Arbeits- und Förderprozesse und das Überdenken bisheriger Ansätze.

Aufbau …

Diesen Gedanken folgt das Buch und gliedert sich in drei Teile:

  1. Der erste Teil befasst sich mit aktuellen Forschungsergebnissen zu Störungen aus dem autistischen Spektrum.
  2. Der zweite Teil widmet sich dem TEACCH-Ansatz; einem Konzept zur Förderung autistischer Menschen, das seinen Ursprung in den USA (North-Carolina) hat.
  3. Der dritte Teil versucht dann schließlich die Brücke zwischen Theorie und Praxis gänzlich zu schließen, indem Erfahrungen mit der Anwendung des TEACCH-Ansatzes referiert werden.

… und Inhalt

Im ersten Aufsatz des ersten Teils beschreibt Susanne Nußbeck Diagnostik, Häufigkeit und Ursachen von Autismus. Damit ist der Leser schnell auf den aktuellen Stand gebracht.

In dem nachfolgenden Text von Isabel Dziobek und Stefan Fleck geht es um ein besonderes Merkmal der autistischen Störung: Soziale Kognition und Emotion. Auch hier werden die aktuellen Erkenntnisse gut und überblicksartig referiert und dargestellt.

Der dritte Text von Christoph Michel Müller behandelt die exekutiven Funktionen bei Autismus, geht also der Frage nach, was stereotypes Handeln für einen Sinn hat und warum Menschen aus dem autistischen Spektrum so häufig Schwierigkeiten haben, Handlungsschritte vorzunehmen.

Ebenfalls von dem gleichen Autor ist der vierte Aufsatz, der sich mit der Informationsverarbeitung im Gehirn beschäftigt. Da es inzwischen Allgemeingut ist, dass Autismus u.a. eine hirnneurologische Veränderung zugrunde liegt, wird diese in diesem Text insbesondere unter dem Aspekt der Wahrnehmung bzw. Wahrnehmungsverarbeitung dargestellt. Auch hier bekommt der Leser einen umfassenden Eindruck und guten Überblick zum derzeitigen Forschungsstand.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit dem TEACCH-Ansatz. Hier werden von Martin Degner, Antje Tuckermann und Anne Häußler die Grundlagen des Ansatzes sowie Beispiele zu den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten gezeigt. Schade ist, dass hier durch ein Versehen des Verlages dieses Kapitel in der Kopfzeile mit „Diagnostik. Häufigkeit und Ursachen des Autismus“ gekennzeichnet ist.

Der nachfolgende Text von Martin Degner befasst sich mit der Effektivität des TEACCH-Ansatzes unter dem Aspekt der empirischen Nachweisbarkeit. Damit wird ein altes Thema in der Förderung autistischer Menschen aufgegriffen: die Diskussion um die „Richtigkeit“ von Förderansätzen. Der Autor macht auch gleich zu Beginn einen Seitenhieb auf die Gestützte Kommunikation „Beispielsweise zeigt die Evaluation der ‚gestützten Kommunikation‘ eindeutig, dass sich mit dieser keine unabhängige Kommunikation erreichen lässt (Biermann 1999)…“ (S. 129). Einerseits kommt er in Bezug auf den TEACCH-Ansatz zu dem Schluss, dass es „als gesichert gelten kann, dass die TEACCH-Methode theoretisch fundiert ist“ (S. 136), andererseits aber auch zu dem Schluss, dass die „Effektivität des TEACCH-Ansatzes aus der bisherigen Datenlage nicht abschließend beurteilt werden kann“ (ebd.).

Anne Häßler beschreibt in ihrem Beitrag Förderdiagnostik in der pädagogischen Arbeit nach dem TEACCH-Ansatz, wobei sie sich nicht nur auf Beschreibung beschränkt, sondern auch Beispiele dafür –differenziert nach Altersgruppen und Aufgabenstellung- liefert.

Yvette Schatz und Silke Schellbach führen diese Überlegungen in ihrem Beitrag „den Interessen Bedeutung geben – Entwicklung von Handlungsmotivationen bei Menschen mit Autismus“ fort und beschreiben dieses anhand von Praxisbeispielen, was auch gleichzeitig die Überleitung zu dem dritten Teil des Buches ist.

Der dritte Teil beginnt mit einem Beitrag von Silke Czwenka, die am Beispiel ihrer Tochter eindrucksvoll beschreibt, wie der TEACCH-Ansatz in einer Familie umgesetzt wird inklusive der Strukturierung des eigenen Lebensraumes, nämlich des Hauses der Familie.

Daniel Völkel hat am Beispiel von Lesewochen die Umsetzung in einer Schule beschrieben, während Marina Wendland die notwendigen Überlegungen zur Umsetzung von TEACCH in einer Förderschule beschreibt.

Die gleiche Autorin erläutert in einem weiteren Beitrag die Förderung von Sozialkompetenz mittels TEACCH in der Schule.

Yvette Schatz und Silke Schellbach erläutern die von ihnen entwickelten Materialien in dem nächsten Beitrag und beschreiben, wie ihr Weg von Autismustherapeuten zu Autismusförderern geworden ist, indem sie die Eltern mit einbeziehen und damit umfassend unterstützend wirken.

Susanne Wegener beschreibt den Einsatz von TEACCH in einer Werkstatt, was auch mit einem Wandel von einer Tagesstätte zu einer Werkstatt einher ging, wobei die Förderung nach TEACCH eine zentrale Rolle spielte.

Eva Gottesleben erläutert den Einsatz von TEACCH in Wohnangeboten für Menschen mit Autismus.

Den Abschluss dieses Kapitels bildet ein Beitrag von Karla Scheider, die als Betroffene beschreibt, wie sie manche Dinge erlebt und den TEACCH-Ansatz als sehr hilfreich erlebt und empfunden hat. Der letzte Beitrag des Buches sind Anmerkungen der Herausgeber zu dem Buch.

Fazit

Wer sich mit dem TEACCH-Ansatz differenziert in verschiedenen Lebenszusammenhängen und –orten befassen möchte, findet hier ein fundiertes Buch, gut gemacht, übersichtlich und sehr lesbar. Schade ist, dass die Herausgeber nicht so deutlich (auch nicht in ihrem letzten Beitrag) herausgestellt haben, worin das „besondere Denken“ besteht, wenngleich es sich in den einzelnen Beiträgen immer wieder zwischen den Zeilen finden lässt. Die bei den jeweiligen Beiträgen verwendete Literatur ist zum großen Teil englischsprachig, was einerseits einen Rückschluss auf den derzeitigen Diskussionsstand zulässt, aber andererseits auch so manche deutschsprachige Publikation ignoriert. Den Herausgebern ist es gelungen, namhafte Experten und Fachleute für die einzelnen Beiträge zu gewinnen, so dass eine fundierte Orientierung für den Leser auf jeden Fall gegeben ist.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 10.04.2010 zu: Martin Degner, Christoph Michael Müller (Hrsg.): Autismus. Besonderes Denken - Förderung nach dem TEACCH-Ansatz. Verlag Kleine Wege (Nordhausen) 2008. ISBN 978-3-937340-14-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9035.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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