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Jörg M. Fegert, Annette Streeck-Fischeer et al. (Hrsg.): Adoleszenzpsychiatrie

Rezensiert von Vicki Richter, 15.02.2011

Cover  Jörg M. Fegert, Annette Streeck-Fischeer et al. (Hrsg.): Adoleszenzpsychiatrie ISBN 978-3-7945-2454-9

Jörg M. Fegert, Annette Streeck-Fischeer, Harald J. Freyberger (Hrsg.): Adoleszenzpsychiatrie. Psychiatrie und Psychotherapie der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters ; mit 129 Tabellen. Schattauer (Stuttgart) 2009. 880 Seiten. ISBN 978-3-7945-2454-9. 119,00 EUR.

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Thema

Wie der Titel schon verrät widmet sich das umfangreiche Werk der Psychiatrie und Psychotherapie der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters und somit der Schnittstelle zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie.

Herausgeber

Prof. Jörg M. Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch, Psychopharmakalogie bei Kindern, Migration, Sozialpsychiatrie und Effizienz psychosozialer Interventionen, Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe.

Frau PD Dr. med. Annette Streeck-Fischer ist Chefärztin der Abteilung Psychotherapie und Psychiatrie von Kindern und Jugendlichen am Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn. Sie ist seit 2007 President elect of the International Society of Adolescent Psychiatry and Psychology (ISAPP). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Adoleszenz, Trauma, Misshandlung und Missbrauch, Gewalt und Rechtsextremismus.

Prof. Dr. med. Harald J. Freyberger ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald im Klinikum der Hansestadt Stralsund. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Diagnostik- und Klassifikationsforschung, Epidemiologie, artifizielle und dissoziative Störungen.

Entstehungshintergrund

Bei der Konzeption des vorliegenden Buches sahen die Herausgeber vor allem den Bedarf, eine künstliche Trennung der Lebensperioden Jugend und junges Erwachsenenalter zu überwinden, welche durch die Ausdifferenzierung der Kinder und Jugendpsychiatrie seit den 1970er Jahren entstanden ist. Es geht aber nicht etwa um eine Aufhebung dieser Ausdifferenzierung, sondern um den Diskurs zwischen Erwachsenen- und Jugendpsychiatrie und darum, divergierende Zugangs- und Sichtweisen beider Fächer in fruchtbarer Art darzustellen und erkennbar zu machen. Dazu haben sie Erwachsenenpsychiater und Jugendpsychiater als Autoren zusammengebracht, wobei dabei auch noch einmal deutlich wurde, wie weit sich die beiden Fachgebiete auseinander entwickelt haben.

Aufbau

In einem ersten, allgemeinen Teil werden Entwicklungsaufgaben, Entwicklungspsychologie, Soziologie und Ergebnisse der Jugendforschung im Überblick dargestellt.

In einem speziellen Teil werden die einzelnen nosologischen Einheiten mit spezieller Perspektive für den Altersbereich der Adoleszenz dargelegt, die verschiedenen therapeutischen bzw. beraterischen Zugänge für diese Altersgruppe werden ausführlich erläutert und soweit möglich auch empirisch im Sinne evidenzbasierter Medizin belegt. Darüber hinaus werden auch für die Altersgruppe relevante rechtliche und ethische Aspekte beleuchtet.

Die einzelnen Kapitel beginnen mit einer kurzen Gliederung und einer Zusammenfassung, die Texte werden von Tabellen, Schaubildern und Fallbeispielen ergänzt, wichtige Aspekte sind grau hinterlegt, jedes Kapitel endet mit einem kurzen Fazit und mit umfänglichen Literaturhinweisen.

Kapitel I: Grundlagen und Rahmenbedingungen (Seite 3 - 179)
1. Adoleszenz und die Geschichte der Psychiatrie und der Kinder und Jugendpsychiatrie
2. Nachkriegsjugend im geteilten Deutschland: Drei Generationen zwischen Niederlage, Neubeginn und nationaler Einheit
3. Jugend, Demokratie und Politik - Entwicklungen seit der deutschen Vereinigung
4. Zur Bedeutung der beruflichen Aus- und Weiterbildung
5. Religiosität und Grenzerfahrung
6. Adoleszenz und Migration
7. Adoleszenz, Krieg und Verfolgung
8. Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz
9. Struktur und Identität
10. Körper, Geschlecht, Sexualität - Aspekte, körperbezogener Störungen
11. Körperliche und biologische Entwicklung in der Adoleszenz im Übergang zum Erwachsenenalter
12. Zur Neurobiologie der Adoleszenz
13. Adoleszenz, junges Erwachsenenalter und Bindung
14. Adoleszenz und Narzissmus
15. Körpermodifikation und Körperkunst
16. Adoleszenz und Delinquenz

Kapitel II: Spezielle Aspekte (Seite 181 – 227)
17. Gibt es Adoleszenzkrisen?
18. Selbstverletzendes Verhalten
19. Erste Freundschaften und Trennungen, Sexualität
20. Diagnostische Verfahren
21. Der Verlauf psychischer Störungen vom Kindes- zum Erwachsenenalter

Kapitel III : Störungsbilder (Seite 229 – 556)
22. Suchtstörungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
23. Schizophrene, wahnhafte und andere psychotische Störungen
24. Affektive Störungen
25. Angststörungen
26. Zwangsstörungen
27. Somatoforme Störungen
28. Posttraumatische Belastungsstörungen
29. Dissoziative Störungen
30. Essstörungen
31. Schlafstörungen
32. Somatopsychische Störungen
33. Störungen der Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsstörungen
34. Borderline-Persönlichkeitsstörungen
35. Sexuelle Störungen
36. Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
37. Geistige Behinderung und Minderbegabung
38. Lese- und Rechtschreibstörung
39. Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
40. Störungen des Sozialverhaltens
41. Hyperkinetische Störungen
42. Tic- Störungen und Tourette-Syndrom

Kapitel IV: Beratung und Behandlung (Seite 557 – 738)
43. Das psychodynamische Erstgespräch
44. Prävention
45. Krisenmanagement
46. Psychodynamische Psychotherapie
47.Kognitiv-behaviorale Therapie
48. Systemische Psychotherapie
49. Rehabilitation kognitiver Funktionen
50. Angewandte klinisch relevante Therapieverfahren: Musik-, Ergo-, Kunst- und Körpertherapie
51. Psychotherapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen
52. Psychoedukation und Selbsthilfemanuale
53. Fernsehen, Computer und Buch – Risiken und Chancen im Kindes- und Jugendalter
54. Psychopharmakotherapie

Kapitel V: Recht und Ethik (Seite 739 – 842)
55. Aufklärung und Einwilligung
56. Adoleszenz und Jugend im Familien- und Sozialrecht
57. Sozialleistungen für psychisch beeinträchtigte Jugendliche und junge Erwachsene
58. Strafrechtliche Täter- und Opferbegutachtung
59. Therapie im Gefängnis und im Maßregelvollzug
60. Fahrtauglichkeit
61. Psychosoziale Hilfssysteme für Adoleszente mit psychischen Erkrankungen

Kapitel VI: Anhang (Seite 843 – 880)
- Fachgesellschaften, Berufsverbände und Selbsthilfegruppen im Überblick
- Sachverzeichnis

Ausgewählte Inhalte

Der erste Abschnitt umfasst ganz unterschiedliche Themen und Kapitel, da alle Bereiche der „Grundlagen und Rahmenbedingungen“ berührt werden. So werden beispielsweise im Kapitel „Neurobiologie der Adoleszenz“ Zusammenhänge und Prinzipien der Gehirnentwicklung erklärt bis hin zur Ebene von Neuronen und Synapsen, mit Verweisen auf aktuelle Erkenntnisse aus der Gehirnforschung. Es wird aber auch ein Bezug zu praktischen Auswirkungen hergestellt und erläutert. Im Kapitel „Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz“ wird das Thema Entwicklung aus entwicklungspsychologischer Sicht betrachtet. Neben der Begriffsdefinition unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer, familiärer und sozialer Aspekte werden acht so genannte normative Entwicklungskrisen nach E. Eriksen beschrieben. Abschließend geht es um die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Im zweiten Abschnitt über die speziellen Aspekte wird in einem Kapitel das in der Adoleszenzphase häufig auftretenden selbstverletzende Verhalten beleuchtet. Dabei werden beispielsweise die unterschiedlichen Entstehungsfaktoren dargestellt, epidemiologische Daten finden ebenso Erwähnung wie Komorbiditäten, Diagnostik, Differentialdiagnosen und die Abgrenzung zur Suizidalität. Schließlich wird das Kapitel mit Ausführungen zu den verschiedenen Therapiemöglichkeiten beendet.

Im dritten und längsten Abschnitt über die einzelnen Störungsbilder werden alle wichtigen Themen abgedeckt, eher ungewöhnlich für ein psychiatrisches Lehrbuch (dafür aber umso erfreulicher) ist das Kapitel „Somatopsychische Störungen“, in dem die psychosozialen Aspekte chronischer körperlicher Erkrankungen dargestellt werden, also beispielsweise ihre Auswirkung auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, Auswirkungen auf Lebensqualität, mögliche psychosoziale Funktionseinsschränkungen und Copingstrategien. Speziell eingegangen wird auf Athma bronchiale, Diabetes mellitus, Zystische Fibrose (Mukoviszidose) und Krebserkrankungen.

Im vierten Abschnitt zum Thema Beratung und Behandlung werden im Kapitel „Krisenmanagement“ die verschiedenen Ursachen für Krisen im Jugendalter dargestellt mit ihren Implikationen für das stationäre und ambulante Behandlungssetting. Da es hier aufgrund der potentiellen Gefährdungsaspekte auch zu Maßnahmen gegen den Willen des Patienten kommen kann, werden die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen dargestellt. Naturgemäß wird hier etwas ausführlicher auf das Thema Suizidalität und selbstverletzendes Verhalten eingegangen, außerdem auf fremdaggressives Verhalten. Das Kapitel wird durch Fallbeispiele illustriert und durch Überlegungen zur ambulanten und stationären Versorgung und zum Schnittstellenmanagement abgerundet.

Im fünften Abschnitt zum Thema Recht und Ethik wird im Kapitel zu „Sozialleistungen für psychisch beeinträchtigte Jugendliche und Erwachsene“ ein eher weniger geläufiges Thema beleuchtet. Dabei werden zunächst die verschiedenen Arten von Hilfebedarf erläutert wie Existenzsicherung, Hilfe Zur Alltagsbewältigung, erzieherische und pädagogische Hilfen, Eingliederungshilfe, Beschäftigungsförderung, berufliche Orientierung und nicht zuletzt medizinische und psychiatrische bzw. psychologische Behandlung. Die verschiedenen Hilfesysteme unter Berücksichtigung der für die Altersgruppe relevanten, speziell durch das Erreichen der Volljährigkeit, relevanten speziellen Aspekte werden dargestellt. Die hierbei relevanten Sozialleistungsgesetze werden – illustriert von einigen Fallbeispielen – erläutert.

Diskussion

Mit diesem Buch ist es gelungen, für den Lebensabschnitt der Adoleszenz einen umfassenden Überblick über die Besonderheiten dieser Entwicklungsphase im Allgemeinen und die speziellen psychiatrischen Aspekte im Einzelnen zu schaffen. Üblicherweise steht für einen psychisch kranken Jugendlichen mit dem 18. Geburtstag der Wechsel von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie an, der teilweise als schockierend erlebt wird. Leider gibt es noch in viel zu wenig Klinken entsprechende Stationen für ältere Jugendliche und junge Erwachsene, die auf die Besonderheiten diese Lebensphase eingehen. In diesem Buch können sich die Fachleute beider Disziplinen über diese Besonderheiten informieren und bekommen auch erste Empfehlungen für das praktische (Be-) Handeln.

Die über 60 Kapitel sind übersichtlich gegliedert, auf insgesamt 896 Seiten werden neben den allgemeinen Themen alle relevanten Störungsbilder beschrieben. Die Texte der einzelnen Kapitel sind gut lesbar und werden durch Hervorhebungen, Schaubilder und Fallbeispiele sinnvoll ergänzt und aufgelockert. Wenngleich in den meisten Kapiteln versucht wird, alle relevanten Aspekte der einzelnen nosologischen Einheiten zumindest anzureißen, so kann sich der Leser zwar schnell einen Überblick über das jeweilige Störungsbild verschaffen, viel mehr ist allerdings in den jeweils 10 bis 20 Seiten – erwartungsgemäß - nicht möglich. Dafür sind die jeweils abschließenden Literaturhinweise sehr umfänglich.

Fazit

Fast 90 Autoren der verschiedenen Fachrichtungen geben hier einen guten und umfassenden Überblick über die speziellen Aspekte in der Behandlung psychisch kranker junger Menschen, der sicherlich jedem Kinder- und Jugendpsychiater und Erwachsenenpsychiater hilfreich sein kann, der sich mit dieser Altersgruppe befasst.

Rezension von
Vicki Richter
Oberärztin
Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Psychiatrische Klinik Lüneburg gGmbH
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
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Es gibt 6 Rezensionen von Vicki Richter.

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ISSN 2190-9245